CD-Review: Amon Amarth - Jomsviking (-)

Besetzung

Johan Hegg - Gesang
Olavi Mikkonen - Gitarre
Johan Söderberg - Gitarre
Ted Lundström - Bass

Sessionmusiker:
Tobias Gustafsson - Schlagzeug

Gastmusiker:
Doro Pesch - Gesang

Tracklist

01. First Kill
02. Wanderer
03. On A Sea Of Blood
04. One Against All
05. Raise Your Horns
06. The Way Of Vikings
07. At Dawn’s First Light
08. One Thousand Burning Arrows
09. Vengeance Is My Name
10. A Dream That Cannot Be
11. Back On Northern Shores


Viele Menschen werden im höheren Alter zunehmend ruhiger. Das gilt meist nicht nur für das Verhalten, sondern eigentlich für fast alles, so auch für die Musik. Das muss nicht zwangsläufig etwas Schlechtes bedeuten, schlagen doch viele Bands irgendwann damit neue, interessante Wege ein. AMON AMARTH, die mit ihrer zwar musikalisch schon immer primitiven, aber oft unbestreitbar mitreißend brachialen und eingängigen Idee von Melodic-Death-Metal die Wikingerthematik im Mainstream-Bereich des Metals etabliert haben, bilden da sicherlich keine Ausnahme.

Nun sind jene, was das Alter angeht, noch lange nicht reif für den Ruhestand, jedoch haben sie das Pech, dass sie eben genau für ihre harte, teils schnelle, teils brutal voranstampfende, energiegeladene Musik geschätzt werden. Und all diese Markenzeichen fehlen auf ihrem neuesten Werk „Jomsviking“. Fängt die Platte noch halbwegs vielversprechend mit einem typischen AMON-AMARTH-Song namens „First Kill“ an, gerät man sogleich bei „Wanderer“ ins Stocken. Befremdlich kitschige, zweistimmige Iron-Maiden-Gitarren eröffnen den anfangs noch ganz netten, im Verlaufe des Stücks aber immer langweiliger werdenden Song. Die Melodien und Riffs bleiben bei all dem Einheitsbreigedudel nicht im Kopf, alles klingt wie schon etliche Male da gewesen und nur noch einmal aufgewärmt. Nun muss man natürlich sagen, dass AMON AMARTH ja nicht gerade dafür bekannt sind herumzuexperimentieren, insofern muss man auch ehrlich zugeben, dass man nicht erwarten konnte, hier radikal Neues präsentiert zu bekommen. Aber die Truppe um Vorzeigewikinger und Sänger Johan Hegg schafft es leider nicht einmal ansatzweise an die Qualität ihrer bestehenden Werke anzuknüpfen.
Versucht man „Jomsviking“ am Stück durchzustehen, muss man sich überwiegend durch langatmige, kraft- und einfallslose Midtempolangweiler kämpfen, die mit ihren penetranten Iron-Maiden-Gedächtnis-Gitarrenmelodien arg an den Nerven zerren. Besonders die dieses Mal unbegreiflich schlechten Refrainmelodien, die mehr an die ersten Gehversuche der lokalen Paganband vom Jugendzentrum nebenan erinnern als an seit fast 25 Jahren musizierende Metal-Legenden, legen sich mit der Zeit wie Blei auf die Augenlider und machen das bewusste Zuhören zum Kampf gegen den anrückenden Schlaf.
Zugegeben, selbst in ihren schwächsten Momenten strahlen AMON AMARTH immer noch eine hörbare Kompetenz und Können aus, die vielen anderen Bands fehlt, und so gibt es auch auf „Jomsviking“ ein paar Songs, die durchaus bis zu einem gewissen Grad gefallen, so beispielsweise eben „First Kill“, „The Way Of Vikings“, „On A Sea Of Blood“ oder „One Against All“. Demgegenüber stehen aber erschreckend viele Totalausfälle wie das peinlich doofe „At Dawn’s First Light“, das erneut wie eine schlechte Iron-Maiden-Kopie mit Growls klingt, die schleppende Semikatastrophe „One Thousand Burning Arrows“ oder das misslungene Duett „A Dream That Cannot Be“ mit Metal-Queen Doro. Jene Songs sind so zahlreich vertreten, dass „Jomsviking“ wie eine Worst-Of-Compilation der Band klingt. Und selbst in den besten Momenten der Platte reicht keiner der Songs auch nur annähernd an Hits wie „Asator“, „Cry Of The Black Birds“, „Twilight Of The Thundergods“ oder „The Pursuit Of Vikings“ heran.

„Jomsviking“ ist in der qualitativ abbauenden AMON-AMARTH-Diskographie ein zweifellos schwaches Kapitel. Wenn die Schweden beim nächsten Mal nicht wieder mit etwas Fetzigerem, Eingängigerem oder vielleicht sogar etwas ganz Neuem aufwarten, dann können sie sich auch gerne zur Ruhe setzen. Derart platte, unmotivierte Outputs von einer der größten Melodic-Death-Metal-Bands brauchen ohnehin nur noch Die-Hard-Fans, die sowieso jeden Furz ihrer Helden als musikalische Offenbarung feiern.

Bewertung: 4.5 / 10

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4 Kommentare zu “Amon Amarth – Jomsviking (-)”

  1. Pascal Weber

    Hmm, tut mir natürlich leid, dass du vom Album eher enttäuscht wurdest, Kollege. Ich muss sagen, dass meine leicht skeptischen Erwartungshaltungen übertroffen worden sind. Gerade der Faktor, dass „Jomsviking“ nicht ganz so eingängig ist, gefällt mir paradoxerweise, denn ich finde Amon Amarth sollten gar nicht zu eingängig klingen. Es ist sicher nicht ihr bestes Album, mir gefällt es aber deutlich besser als zuletzt „Deceiver Of The Gods“, welches ich rückblickend, abgesehen von einigen lichten Momenten, relativ belanglos finde. Aber: Geschmäcker sind nun einmal verschieden :) Gute Review dennoch!

    1. Simon Bodesheim Post Author

      Damit das im Text nicht falsch ankommt: Ich halte Eingängigkeit nicht für ein grundsätzliches Qualitätsmerkmal oder finde alles schlecht, was nicht gleich beim ersten Hördurchgang hängen bleibt. Aber es gibt auch bei uneingängiger Musik unterschiedliche Kategorien:
      – Die Musik, die so komplex, neuartig oder schwer zugänglich ist, dass sie nicht gleich im Ohr bleibt: Das ist für mich sogar oft (aber bei weitem auch nicht immer) ein positiver Aspekt, denn dann muss man sich auf das Album einlassen und sich weiter damit beschäftigen, um die Musik zu „begreifen“
      – Die Musik, die so banal komponiert ist, dass sie wie totaler Einheitsbrei klingt und deswegen nicht im Ohr bleibt, weil man das alles schon unzählige Male zuvor gehört hat.

      „Jomsviking“ gehört für mich zur 2. Kategorie. Ich bin zwar der Meinung, dass kaum ein AMON-AMARTH-Lied kompositorisch oder musikalisch wirklich Anspruch hat (Standardpop-4er-Akkordfolgen, unkreative Rhythmik), aber ihre früheren Songs gingen eben wenigstens brachial voll auf die Zwölf und hatten auch wirklich immer wieder zumindest nette Melodien. Die vermisse ich hier gänzlich.
      „Deceiver Of The Gods“ habe ich tatsächlich noch nicht gehört, habe es daher in der Rezension nicht erwähnt und kann dazu leider nichts sagen.

      Danke!

  2. conaly

    Also den Schlusssatz find ich jetzt schon sehr anmaßend. Ich kann verstehen, wenn das Album nicht jedem zusagt, aber deswegen allen anderen zu unterstellen, wie Fanboys einfach alles abzufeiern geht mir deutlich zu weit und hinterlässt eher den Eindruck, der Reviewschreiber gehört zur Hater-Fraktion.

    Ich stimmte zu, das Album hat keinen absoluten Höhepunkt und keinen brachialen Über-Song wie ‚Death in Fire‘ oder ‚Twilight of the Thundergod‘. Aber im Gegensatz zu den letzten beiden Alben find ich die Qualität durchgehend hoch. Das Gesamtniveau ist deutlich höher, ohne große Schwankungen nach oben und unten. Der als ‚Semikatastrophe‘ bezeichnete Song z.B. ist für mich eine der epischsten Nummern seit langem. Vielleicht nicht eingängig, dafür aber deutlich spannender und mitreisender als die meisten Songs der letzten beiden Scheiben. Dazu klingt das gesamte Album auch einfach runder und in sich geschlossener. Dass stilistisch manches vielleicht mal weniger nach dem typischen Death Metal der letzten Jahre klingt ist auch eine willkommene Abwechslung. Gerade das wurde auf den letzten zwei bis drei Alben ja stark kritisiert, dass es immer und immer wieder der selbe Mix aus 08-15 Nackenbrechern und aggressiven 08-15 Hymnen war, die teilweise so austauschbar waren, dass die Skip-Taste zum besten Freund wurde. Hier hingegen gabs endlich mal Fortschritt und einen erweiterten musikalischen Horizont, was auch viele andere Rezensenten auf diversen Plattformen erkannt und gelobt haben. Und deine Review zeigt eben das genaue Gegenteil: alles was die letzten Jahre verteufelt wurde, wünschst du dir zurück, alles was neu ist, ist wird als schlecht abgestempelt.

    Will jetzt keinesfalls die grundsätzliche Qualität der Review in Frage stellen. Geschmäcker und Meinungen können (oder müssen sogar) verschiedenen sein, da ist es schwierig zwischen Ob- und Subjektivität zu unterscheiden. Aber – und da sind wir wieder bei dem eingangs erwähnten anmaßenden Inhalt – sollte es niemals dazu kommen, dass auf Grund einer persönlichen Meinung alle mit einer anderen Meinung verallgemeinert als Fanboys oder ähnliches abgestempelt werden. Daher nehme ich an der Stelle auch mein erwähntes „Hater“ zurück. Ich gehe davon aus, dass die Review nach bestem Wissen und Gewissen verfasst wurde und hoffe, dass der Schlusssatz ein einmaliger Ausrutscher bleibt.

    1. Simon Bodesheim Post Author

      Hallo conaly,

      danke für deine Kritik an der Kritik. :)
      Dass der Schlusssatz so natürlich nicht stimmt und verallgemeinernd ist, ist mir bewusst. Das war tatsächlich absichtlich etwas polemisch gemeint, weil ich teilweise wirklich von vielen Leuten mitbekommen habe, dass sie das Album loben und von ihnen weiß, dass sie grundsätzlich alles, was AMON AMARTH veröffentlichen, von vornherein schon abfeiern, einfach weil es AMON AMARTH sind. Außerdem hat so etwas auch den Nebeneffekt, dass Leute eher auf eine Diskussion einsteigen, wenn sie sich persönlich angesprochen fühlen (wobei in diesem Fall tatsächlich „angegriffen“ eher passt, das gebe ich zu). Daher, obwohl ich weiß, dass er in der Wirkung anmaßend und verallgemeinernd ist und es auch viele Leute gibt (wie dich beispielsweise oder auch einige aus unserer Redaktion), die das nicht blind, sondern durchaus kritisch und dennoch positiv aufnehmen, stehe ich aus stilistischer Sicht trotzdem zu ihm.

      Ich kann deine Argumentation gut nachvollziehen, was du schreibst ist schlüssig und verständlich, dennoch sehe ich das anders. Es ist gar nicht so wirklich das Problem, dass sie das Tempo heruntergeschraubt haben und die „Nackenbrecher“ fehlen. „Fate Of Norns“ beispielsweise besteht fast ausschließlich aus langsamen und Midtempo-Nummern, und das ist eines ihrer stimmigsten und besten Alben. Hier allerdings haben sie sich, was das Songwriting angeht, kaum bemüht. Das allgemein an sie verteilte Lob, sie hätten sich musikalisch weiterentwickelt und „Neues“ probiert ist nicht zutreffend, denn das Songwriting ist immer noch vom Prinzip her genau das gleiche wie zuvor. Und nur das Tempo herunterzuschrauben ist keine musikalische Weiterentwicklung. Ob das, was sie damit machen, nun besser oder schlechter ist als die letzten Alben muss wohl tatsächlich jeder selbst entscheiden. Ich habe jedenfalls die Kraft in ihren Songs (die für mich fast der einzige Grund ist, mich mit dieser Band überhaupt zu befassen), die sie sonst auch in anderen Midtempo-Nummern haben, gänzlich vermisst, das Album ist sehr schleppend und wenig mitreißend. Ich denke, sie wollten hier tatsächlich den Fokus auf ihre Musik legen, die gibt nur leider absolut nichts her. Was die Melodien angeht, muss ich ehrlich sagen, dass die auf dem Album sehr faul komponiert klingen. Wie ich bereits in der Rezension schrieb, halte ich AMON AMARTH für generell musikalisch relativ anspruchslos (man vergleiche das mal mit dem kreativen Melodic Death Metal von Dark Tranquillity oder den frühen In Flames), aber die Riffs und Melodien auf „Jomsviking“ sind so viel billiger, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass sie an irgendetwas davon mehr als eine halbe Minute saßen und wohl jeden Erstversuch durchgewunken haben, als sie das Album geschrieben haben.
      Ich würde mir natürlich wünschen, dass AMON AMARTH mal etwas Neues probieren, insbesondere musikalisch mal etwas Anspruch in ihre Musik bringen, da ich aber weiß, dass das sehr unwahrscheinlich ist und sie mir musikalisch ohnehin nichts geben, wäre das einzige noch halbwegs Hörenswerte tatsächlich, wenn sie zumindest zu ihrem früheren Stil zurückkehren, denn den beherrsch(t)en sie wenigstens. Auch wenn das eine Ausnahme ist und ich natürlich ansonsten grundsätzlich immer für Fort- und gegen Rückschritt bin. Aber wie ich schon schrieb: Von mir aus können sie sich alternativ auch zur Ruhe setzen, ich glaube sowieso nicht, dass von ihnen noch etwas Brauchbares zu erwarten ist.

      Du darfst natürlich die Qualität meiner Texte genauso in Frage stellen, wie ich die Qualität von „Jomsviking“. ;) Aber es freut mich, dass du den Begriff „Hater“ zurückgenommen hast, denn wenn ich mir eines nicht vorwerfen lassen muss, dann ist es Voreingenommenheit. Ich höre mir grundsätzlich alles an, auch von Bands, die ich nicht leiden kann, denn auch die schlechteste Band kann mal etwas Gutes zustande bringen und das sollte dann auch gewürdigt werden.

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