Review Anathema – A Sort Of Homecoming

Ein guter Song braucht nicht viel mehr als eine Akustik-Gitarre, um seine volle Magie zu entfalten. Fragt man Musiker in Interviews nach ihrer Songwriting-Philosophie, fällt dieser Satz in schöner Regelmäßigkeit. Akustik-Shows gehören daher für jede Rockband, die etwas auf sich hält, mittlerweile zum guten Ton. Für ANATHEMA, die spätestens seit „We’re Here Because We’re Here“ allseits als besonders helles Sternchen am Artrock-Himmel gefeiert werden, war die Veröffentlichung eines Unplugged-Konzerts folglich nur eine Frage der Zeit.

„A Sort Of Homecoming“ heißen Konzertfilm und Live-Album, die bei diesem Unterfangen herausgekommen sind. Eine Art Nachhausekommen – das ist die vorliegende Veröffentlichung für ANATHEMA gleich auf zweierlei Art und Weise: Zum einen hat die Band insgesamt fünfzehn Songs aus den Alben seit „Alternative 4“ ausgewählt, um sie behutsam zu entkleiden und ein Stück weit zu ihrer musikalischen Essenz, ihrem Ursprung zurückzuführen. Zum anderen wurde das Konzert im März 2015 in der Liverpool Cathedral, einer imposanten neogotischen Domkirche in der Heimatstadt der Band, aufgezeichnet.

Was die musikalische Umsetzung des Materials anbelangt, wählen ANATHEMA überraschenderweise einen recht minimalistischen Ansatz. So befinden sich über weite Strecken des Konzerts lediglich Vincent und Daniel Cavanagh sowie Lee Douglas auf der Bühne. Zwei akustische Gitarren und drei Singstimmen – mehr benötigen die meisten der hochemotionalen Songs tatsächlich nicht, um zu glänzen. Ganz im Gegenteil: Das abgespeckte Gewand nimmt den Songs viel von dem Pathos, der ihren Studioversionen zuweilen anhaftet. So müssen die Lieder allein von den Inhalten und nackten Emotionen, die sie vermitteln sollen, leben.

Dass dabei die vielen musikalischen Feinheiten und Finessen im Arrangement, für die ANATHEMA bekannt sind, nicht zu kurz kommen, dafür sorgen die Effektpedale: Daniel Cavanagh macht geradezu exzessiven Gebrauch von seiner Loop-Station und verwendet seine Gitarre als Percussion-Instrument. Oftmals wird die Akustik-Gitarre gar angezerrt. Ganz ohne Trickserei kommen ANATHEMA hier also nicht aus. Unterstützung von Bassist Jamie Cavanagh und Drummer John Douglas gibt es nur bei sechs Songs. Das soll der Qualität des Dargebotenen jedoch keinen Abbruch tun. Die Devise lautet stets: So wenig wie möglich und so viel wie nötig.

Das gilt auch für die filmische Umsetzung des Konzerts durch Lasse Hoile, der hier einmal mehr seine Geschmackssicherheit unter Beweis stellt. Keine Effekthascherei, keine schnellen Schnitte – der Mann, der auch schon diverse Booklets und Musikvideos von Bands wie Opeth oder Porcupine Tree veredeln durfte, lässt den Zuschauern die Möglichkeit, jeden Moment auszukosten und zu zelebrieren, den Musikern scheinbar ganz nahe zu kommen. Die so vermittelte Intimität wird durch die sehr dezente Lichtshow noch unterstrichen. Auch die Erhabenheit der beeindruckenden Venue wurde durch gelegentliche Publikumsschwenks perfekt eingefangen.

Wer also schon immer auf die ruhige und fragile Seite der Band stand, wird auf „A Sort Of Homecoming“ eine Vollbedienung erfahren. Für Fans der Band gilt sowieso Kaufpflicht. Die beiden CDs, die der DVD beiliegen, sind ebenfalls uneingeschränkt zu empfehlen: Auch oder erst recht mit geschlossenen Augen und Kopfhörer auf den Ohren entfaltet die Musik ihre volle Wirkung.

Wertung: 8.5 / 10

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