Eine der besten und ikonischsten Folgen von „Star Trek – The Next Generation“ trägt den schönen Titel „Hotel Royale“. Darin trifft die Enterprise auf einen eigentlich unbewohnbaren Planeten, auf dem es dennoch eine seltsame, habitable Enklave gibt. Das hinuntergebeamte Außenteam findet den Nachbau eines Casinos aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts vor, in dem stets der Plot eines alten Gangsterfilms abgespielt wird. Vergnügt macht sich die Crew an den Black-Jack-Tisch, bis sie feststellen muss, dass sie das fiktive Hotel nicht mehr verlassen kann.
Fragt man sich heute, welcher Soundtrack wohl die Architekten dieses obskuren Hotels begleitet haben mag, als sie das Setting für diesen kosmischen Film Noir errichteten, könnte es sich um ARCTURUS‘ 2002er Meisterwerk „The Sham Mirrors“ gehandelt haben. Denn der Nachfolger des hochverehrten und geradezu ikonischen „La Masquerade Infernale“ ist nicht nur in seiner genuinen Herangehensweise an die ARCTURUS-typische kosmische Abgedrehtheit gänzlich anders als sein Vorgänger – er ist auch noch um vieles besser.
Das mag für viele Freunde der teuflischen Verkleidung wie Blasphemie klingen, doch hat „The Sham Mirrors“ nie den Rang und Platz eingenommen, den es aufgrund seiner offensichtlichen Qualitäten verdient. Die am meisten herausstechende Entwicklung findet sich bei den Vocals. Denn auch wenn Garm/Trickster G. Rex (oder unter welchem Namen auch immer ULVER-Mastermind Kristoffer Rygg gerade fungiert) schon vorher ein im besten Sinne merkwürdiger Sänger war – im technischen Sinne „richtig“ zu singen gelernt haben muss er erst in der Zeit zwischen den beiden Platten. Wer sich je mit Gesangstechnik und Stimmbildung auseinandergesetzt hat, für den liegen bei den Gesangsleistungen auf den jeweiligen Alben Lichtjahre. Auf „The Sham Mirrors“ präsentiert sich Garm als ebenso professioneller wie facettenreicher Stimmkünstler, der über eines der spannendsten, ausdrucksstärksten Organe der Szene verfügt – und dieses nun auch zu kontrollieren weiß. Nichts ist mehr übrig vom klassischen „Knödeltenor“, der die Töne presst. Das Ergebnis ist schlicht faszinierend.
Dazu gesellen sich Spacetrips in Liedform. ARCTURUS haben den irdischen Zirkus verlassen und sich zu den Sternen aufgemacht; allerdings nicht in Gestalt einer Wurmloch-Reise wie auf den 2005er „Sideshow Symphonies“, sondern in Form eines durch den abseitigen Kosmos von surrealer Literatur, Poesie und Theater taumelnden Besuchers von jenseits des Ereignishorizontes, dessen schwebende Reise von Cape Canaveral über die Eingeweide eines finsteren Opernhauses bis in das Holodeck-Casino vom Textanfang führt. Die Spannbreite, die sich vom eröffnenden „Kinetic“ über die trip-hoppige „Nightmare Heaven“ und das hyperaktive Instrumental „Collapse Generation“ bis zum – mit wunderschönem Klavierintro versehenen – gesungenen Druckabfall „Starcrossed“ erstreckt, ist schlicht umwerfend. Im Zentrum steht das immer neue Facetten aufschlagende Synthesizer-Bataillon und ein nie in seiner Kreativität müde werdender, hyperaktiver Hellhammer am Schlagzeug. Und bis hierhin sind die abschließenden Highlights der Platte noch gar nicht erklungen.
Denn mit „Radical Cut“ steht nicht nur ein Gastauftritt des stets für abseitigen Prog zu habenden IHSAHN an. Der Song positioniert sich auch mir nichts, dir nichts als einer der archetypischsten Vorzeigesongs, wie man modernen, symphonischen Black Metal zu spielen hat. Wie man kryptische Lyrics über Zigarettenstummel schreibt, die dennoch nicht bescheuert wirken. Wie man einen Spannungsbogen aufbaut. Und wie man diesen schlussendlich mit einem Keyboardsolo kulminieren lässt, dessen geisterhaft-hymnische Melodie den Hörer auch nach Jahren nicht loslässt.
Wer dann noch kann, den entführen ARCTURUS mit dem abschließenden „For To End Yet Again“ noch einmal ganz tief hinein ins kosmische Casino, wo der Trickster den armen Hörer so lange umgarnt, anschreit und mitreißt, bis ihn ein gnädiges Klavierzwischenspiel erlöst und er sich voll darauf konzentrieren kann, was Hellhammer an seinen Becken zaubert. Am Ende gesellen sich so unterschiedliche Gestalten wie der Euro und Osama bin Laden auf die Bühne, um beim großen Finale trompetentrötend unterzugehen. Und auch im oben erwähnten Hotel Royale endet alles in einem großen Rausch: Riker und Data gewinnen beim Glücksspiel, geben kräftig einen aus, kaufen das ganze verfluchte Holo-Hotel und können durch die Drehtür hinaus ins kalte Universum treten, wo das Raumschiff nach diesem kunterbunten Exzess den Heimweg antritt. Und falls es aus einem auf dem Weg liegenden Wurmloch noch empört schallen sollte, dass man doch nicht ernsthaft behaupten könne, dass diese Platte besser sei als „La Masquerade Infernale“, dann schallt ebenso entschieden und so oft wie irgend nötig zurück: Doch, das ist sie. Und zwar um mindestens 11,3 Parsec oder 36,7 Lichtjahre. So weit ist der Planet Erde vom Stern Arcturus entfernt.
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Wertung: 10 / 10



soweit ich mich erinnere war das Hotel kein Plot aus einem Gangsterfilm.
Astronauten wurde versehentlich von Aliens getötet, und die Aliens erschaffen dem einzigen Überlebenden dann dieses Hotel, weil sie annahmen, daß dies die präferierte Umgebung von Menschen ist. Wie der Astronaut schriftlich hinterließ stammt das Hotel aus einem Buch/Roman. Und es war auch kein gutes Buch, voller flacher Charaktere.
ps.: der Song „Shipwrecked Frontier Pioneer“ vom Sideshow Symphonies Album erinnert mich stark an die Voyagerfolge „Euphorie“.
Dass ich auf einer Metal-Seite im Rahmen einer Rezension eines Black Metal-Albums mal eine Liebeserklärung an einer eher abseitige (im Sinne von: wird von vielen nicht besonders gemocht, von einigen aber dafür inbrünstig geliebt) Star Trek-TNG-Folge lesen werde, hätte ich so auch nicht gedacht.