CD-Review: Dark Fortress - Ylem

Besetzung

Morean – Gesang
Asvargyr – Gitarre
V. Santura – Gitarre
Draug – Bass
Seraph – Schlagzeug
Paymon – Keyboard

Tracklist

01. Ylem
02. As The World Keels Over
03. Osiris
04. Silence
05. Evenfall
06. Redivider
07. Satan Bled
08. Hirudineans
09. Nemesis
10. The Valley
11. Wraith


Fanden ihre ersten beiden Alben noch relativ wenig Beachtung, spielten sich DARK FORTRESS mit ihren beiden darauf folgenden Meisterwerken „Stabwounds“ und „Séance“ quasi aus dem Stand an die Spitze des deutschen Black Metal. Dem entsprechend groß war das Entsetzen, als Sänger Azathoth während der Aufnahmen zum ehemals „Scum“ betitelten Nachfolger, welcher dann mit neuem Sänger und neuem Titel als „Eidolon“ unters Volk gebracht wurde, das Handtuch schmiss. „Eidolon“ war anders, natürlich wegen der neuen Stimme, mehr aber noch musikalisch: War „Séance“ finster, bedrohlich und majestätisch, wirkte „Eidolon“ leichtfüßiger: Eingängige Hits wie „Baphomet“, darauf ausgelegt, live die Köpfe zum Kreisen zu bringen, ersetzten die bedrückende Stimmung eines „While Thy Sleep“, die Musikerfraktion spielte dabei auf gewohnt höchstem Niveau und Azathoth-Nachfolger Morean sang gleichermaßen fehler- wie charakterlos. Insgesamt sicher nicht unumstritten und rückblickend wohl auch nicht DARK FORTRESS stärkstes Werk, aber dennoch ein starkes Album, das Lust auf mehr macht. Nun steht mit „Ylem“ der Nachfolger ins Haus – und die Spannung ist groß: Wie präsentieren sich DARK FORTRESS diesmal? Für welchen Weg hat man sich entschieden?

Viele Durchläufe und noch mehr Stunden – das Werk ist nämlich geschlagene 70 Minuten lang – später, habe ich immer noch keine befriedigende Antwort auf diese Frage gefunden, ist „Ylem“ doch irgendwie ein Schritt nach vorne und nach hinten zugleich – dem daraus logischerweise resultierende Stolpern inklusive.
Nach dem frickeligen Gitarreneinstieg mit dem Titeltrack zeigen sich DARK FORTRESS zunächst in gewohnter Manier: Technisch anspruchsvoll, Uptempo mit groovenden Einsprengseln und einem fast schon an „Séance“-Zeiten erinnernden, bedrohlich ruhigen Part – der Song hat alles, was ein guter Einstieg benötigt. Erleichterung macht sich breit.
Und irgendwie zu recht, denn ein Moment der Enttäuschung bleibt über die gesamte Spielzeit aus: Treibende Riffs, ein Schlagzeug für Genießer und sogar Moreans Gesang hat an Ausdrucksstärke und Vielseitigkeit dazugewonnen – auch wenn das hasserfüllte Röcheln Azathoths bei aller technischen Perfektion, mit der Morean sich seiner Stimmbänder bedient, schlicht das authentischere war. Und doch, so wirklich will der Funke nicht überspringen – denn Momente der Überraschung oder Verzückung gibt es auf „Ylem“ nur wenige, genauer gesagt exakt drei.
Eine erste Überraschung bietet das fast schon zu Shiningeske „As The World Keels Over“ , das genau so auch auf „VI Klagopsalmer“ stehen könnte: Melodien im Midtempo und Morean packt das Chamäleon aus. Irgendwie gelungen, wirkt der Track dennoch etwas verloren auf dem zweiten Slot, ist er doch alles andere als repräsentativ. Überzeugender fällt die zweite Überraschung aus: „Evenfall“ – wäre dieser Song repräsentativ für das gesamte Album, hätte ich wohl so manchen Punkt mehr gezückt: DARK FORTRESS sind sie selbst, jedoch mit frischem Wind in den Segeln. Aufgepeppt durch einen mehr als gelungenen, rauh aber melodisch dargebotenen Gesangspart im Mittelteil wirkt der Song vielseitig, spannend und durch das groovend-schleppende Riff kraftvoll und mitreißend: Eine wahre Live-Hymne.
Die dritte Überraschung lässt dann erstmal auf sich warten. Denn zunächst wird fünf Lieder lang mehr oder minder auf der Stelle getreten. Wären diese Stücke auf „Séance“ oder wohl sogar „Eidolon“ lediglich Lückenfüller gewesen, wird hier so eine geschlagene halbe Stunde gefüllt. Schlecht ist anders, das ist klar, packend oder gar mitreißend aber auch.
Die ungeteilte Aufmerksamkeit des Hörers vermag erst das finale „Wraith“ wieder auf sich lenken, ein Bruder im Geiste von Secrets Of The Moons „Shepherd“. So präsentiert sich die letzte und wohl größte Überraschung in Form eines fast schon übertrieben epischen ambient Psychedelic-Rock-Songs mit haarscharf am Kitsch vorbeischrammenden Klargesangslinien. Handwerklich selbstverständlich über jeden Zweifel erhaben, erschließt sich mir der Sinn dieses Stückes im Album-Kontext nicht wirklich, passt es im Gegensatz zu „Shepherd“ nicht einmal so richtig zur Stimmung des Albums… aber offensichtlich scheint es gerade groß in Mode zu sein, dass Black Metal-Bands im letzten Track beweisen, dass sie auch anders können.

Nach über 70 Minuten klar, dass „Ylem“ vor allem eines ist: Auf Sicherheit gespielt. Ein typisches DARK FORTRESS-Riff jagt das nächste, in nahezu allen Songs herrscht die gleiche Atmosphäre vor und auch sonst gibt es hier nur wenig, was den eingefleischten Fan noch vom Hocker reißen könnte. Dass die drei erwähnten Höhepunkte ausgerechnet die Songs sind, in denen DARK FORTRESS einmal etwas ganz anderes ausprobieren und den ansonsten streng eingehaltenen Pfad verlassen, ist wohl bezeichnend genug.
Vermutlich ist „Ylem“ mit 70 Minuten schlicht zu lang ausgefallen, weigere ich mich doch zu glauben, dass in dem endlos erscheinenden Wust aus Riffs und Atmosphärelosigkeit nicht doch die eine oder andere Riff-Perle schlummert. Vielleicht entdeckt man sie ja nach dem 101. Durchlauf, möglich wäre es… einfacher hätten DARK FORTRESS es ihren Fans aber allemal gemacht, hätten sie das Album auf 50 Minuten heruntergekürzt und ein kompakteres Werk abgeliefert – gerne auch mit Fokus auf die progressiveren, ungewohnten Aspekte, die so leider etwas deplatziert und verloren wirken.

Bewertung: 5.5 / 10

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