(Dolch) - Nacht Cover

Review (Dolch) – Nacht

Unter einem Konzeptalbum verstehen viele gemeinhin eine Sammlung von Musikstücken, die eine stringente Geschichte erzählen. Das Albumformat als Medium für ein größeres Narrativ zu nutzen, ist eine vor allem im Progressive Rock beliebte, oft als besonders anspruchsvoll angesehene Herangehensweise – trotz eklatant misslungener Gegenbeispiele wie etwa Styx‘ alberner Rockoper „Killroy Was Here“ (1983). Mindestens genau so spannend, wenn nicht sogar noch interessanter als Gesamtwerke mit einer unzweideutigen Handlung sind Platten, denen ein bestimmtes Kernthema zugrunde liegt, das sich nicht ganz klar einordnen, aber vielseitig auslegen lässt. Eine solche legen (DOLCH) mit „Nacht“, dem zweiten Teil ihrer mit „Feuer“ (2019) begonnenen Trilogie, vor.

Das Debüt der Deutschen wies die anonymen Bandmitglieder als Musiker*innen aus, die weder inhaltliche Ambiguität noch künstlerischen Wandel scheuen. Nach einigen experimentellen (und nicht immer wohlklingenden) Veröffentlichungen fanden (DOLCH) auf „Feuer“ ihren ganz eigenen Stil zwischen Black und Doom Metal. Diesen lässt die obskure Musikgruppe nun wie verbrannte Erde hinter sich, um sich des Albumkonzepts auf klanglich passende Weise anzunehmen. Und welche Musikrichtung eignet sich besser zu Vertonung der dunklen Stunden zwischen Sonnenauf- und -untergang als Darkwave?

Folglich sind die mächtigen Riffs und Drums, die wie eine Flamme im Vorgänger loderten, auf „Nacht“ kalten Clean-Gitarren, schummrigen Synthesizern und betäubenden Perkussionen gewichen. Wie zuvor gestalten (DOLCH) ihre Songs weiterhin bewusst monoton – ein Stilmerkmal, das die Band sich angesichts der Thematik des Albums stimmiger denn je zunutze macht. Langweilig sind trotz ihrer Eintönigkeit (fast) keine der dank Michael Zechs nuancierter Produktion und V. Santuras Mastering unglaublich atmosphärisch klingenden Tracks.

Vielmehr laden Stücke wie das traumwandlerisch-lockende „Tonight“, „Into The Night“ mit seinen leise trippelnden Gitarren und einlullendem Gesang sowie das von pumpenden Beats und unheimlich geflüsterten Vocals dominierte „Bird Of Prey“ dazu ein, sich in ihnen zu verlieren. Obwohl (DOLCH) sich vom Metal distanzieren und sich gesanglich subtiler geben, hat der zweite Part ihres Full-Length-Dreiteilers durchaus auch seine intensiven Momente – zum Beispiel das rastlose, kantige „House Of Glass“ oder das getragene „CODA“, das mit seinen unheilvollen Tremolo-Gitarren auch auf „Feuer“ nicht fehl am Platz gewesen wäre.

„Nacht“ zeigt auf vortreffliche Weise auf, dass Großartiges daraus entstehen kann, wenn eine Band sich stilistisch nicht krampfhaft festlegt, sondern unterschiedliche Ideen musikalisch stimmig aufbereitet. Besser als durch ihre Hinwendung zu einem düsteren Wave-Sound hätten (DOLCH) ihre nächtlichen Umtriebe und ihre Streifzüge durch Berlin und Seattle, die den Entstehungsprozess des Albums geprägt haben, nicht verarbeiten können. Klang und Konzept greifen auf ihrem zweiten Album kohärenter denn je ineinander. Nach dieser gelungenen Selbstneuerfindung ist es umso aufregender, Vermutungen darüber anzustellen, wie (DOLCH) den ausständigen letzten Teil ihrer Trilogie – „Tod“ – umsetzen werden.

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Wertung: 8.5 / 10

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