Review Egregore – It Echoes In The Wild

Irgendetwas musste der Zauberlehrling falsch gemacht haben. Vielleicht hätte er bei der Nachtigallenzungenmarmelade auf das Verfallsdatum achten müssen, oder er hatte zu viel von dem Babyöl (das echte) erwischt. Jedenfalls sah das, was da vor ihm im Zauberkessel brodelte und blubberte, so gar nicht danach aus, was auf dem Bild in dem Buch über magische Tränke abgebildet war. Ein kanalartiges Braungrün warf große Blasen auf, dazwischen schwammen knorpelige Stücke von etwas, dessen Ursprung er sich gar nicht ausmalen wollte. Mit einem grunzenden Schmatzen platze eine der Blasen. Hatte der Lehrer etwas gehört? Scheinbar nicht, aber jetzt erfüllte ein Gestank wie aus einer vier Jahrhunderte lang nicht geputzten Gerichtsmedizin den Hörsaal. Die ersten Klassenkameraden drehten sich zu ihm um und starrten ihn mit verdutzen Augen an. Die Narbe auf seiner Stirn brannte wie rostiger Anus. Plötzlich erschien in dem dicken Schleim im Kessel etwas, das wie ein Gesicht aussah. Zum großen Entsetzen unseres Zauberlehrlings riss die Fratze den Mund weit auf. „Uaaaaarggghh!“, schrie der Topf. „Saaaataaaan!!!!“ Gleichzeitig begannen infernalische Trommeln zu schlagen….

So in etwa mag es gewesen sein, als sich EGREGORE dazu entschlossen, ungeduschten Black Metal zu spielen. Was die Kanadier auf ihrem aktuellen Album „It Echoes In The Wild“ auf den Hörer loslassen, ist klanggewordene Synästhesie aus Ohr und Nase, allerdings so, als hätte die Band beim Resteverkauf in der aufgegebenen Watain-WG noch einen Eimer altes Schweineblut von anno 2006 gefunden (wer damals beim Party.San-Festival im Zelt dabei war, erinnert sich vielleicht). Bei der Gesichtsbemalung orientiert man sich, wenn man schon vor Ort ist, bei den ebenfalls schwedischen Nifelheim; auch keine Band, die bei einer Miss-Wahl gewonnen hätte. Der Sound jedoch hat so gar nichts schwedisches an sich.  Stattdessen lugen die Zauberschüler aus dem amerikanischen Norden nach Süden zu ihren US-amerikanischen Nachbarn. Der schon seit langem keiner schwarzen Magie abgeneigte Proscriptor McGovern und mit ihm Absu bilden unleugbar die musikalische Vorlage für die zehn Tracks, freilich ohne deren geradezu manische Mischung aus entfesselt-primitiver Raserei bei gleichzeitig meisterhafter Beherrschung der Instrumente zu erreichen.

Es rumpelt also auf „It Echoes In The Wild“, und zwar vom ersten Takt an. Dabei bildet das klug ausgekoppelte „Stare Into The Vortex“ so etwas wie einen eingängigen „Hit“ des Albums. Für die nachfolgenden Track ist allerdings mehr Durchhaltevermögen gefragt. Denn nicht nur wechseln sich Slayer-artige Thrash-Parts, gegeneinander kämpfende Gitarrenmelodien, der erfreulich eigenständige Bass und sogar die wiederum von Absu übernommenen sporadischen Falsettgesänge (!) mal mehr, meist aber weniger nachvollziehbar ab, auch erreicht das Tempo der Songs nie wieder ein für diesen Grad an Wahnsinn notwendiges Maß. Freilich passiert dennoch unglaublich viel während der herrlich bescheuert betitelten Stücke (die Pseudonyme der Bandmitglieder nehmen sich ähnlich aus). Ein Song wie „Six Doors Guard The Original Knowledges“ lebt von dieser so kruden wie unleugbar charmanten Mischung aus Hinterhofgarage und Nekrologentempel im Wald. Ab und zu darf sogar noch ein altes Casio-Keyboard bedrohliche Hintergrundgeräusche von sich geben („Nightmare Cartographer“ !!!). Aber im Gegensatz zu den vom Kollegen Grütz so wohlwollend aufgenommenen Retro-Meister Worm zelebrieren EGREGORE einen kompositorischen Dilettantismus, als wären sie eine obskure tschechische Rumpeltruppe aus den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Für wessen Nase also taugen EGREGORE? Ganz sicher nicht für Ästhetizisten und oberlippenbarttragende Post-Black-Metal-Avantgardisten. Wer aber der Schönheit der Fäulnis nicht abgeneigt ist, vor verwirrenden Songstrukturen keine Furcht hat und ganz allgemein der Auffassung ist, dass der extreme Musiksektor in der jüngeren Vergangenheit viel zu sauber und glatt geklungen hat, der kann einen tiefen Atemzug nehmen und einen dicken Schluck aus dem Zaubertrank trinken. Etwaige Verdauungsbeschwerden, Spontanmutationen oder voluminöses Pressluft-Erbrechen inbegriffen.

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Wertung: 7 / 10

Wenzel Widenka

Publiziert am von

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