CD-Review: Enslaved - Vertebrae

Besetzung

Grutle Kjellson - Gesang, Bass
Herbrand Larsen - Gesang, Keyboard
Ivar Björnson - Gitarre
Arve Isdal - Gitarre
Cato Bekkevold - Schlagzeug

Tracklist

01. Clouds
02. To the Coast
03. Ground
04. Vertebrae
05. New Dawn
06. Reflection
07. Center
08. The Watcher


„Vertebrae“ bedeutet übersetzt soviel wie „Wirbel“. Und wie ein Wirbel sich nahtlos an den anderen reiht, so verhält es sich auch mit dem neusten Album von ENSLAVED. Wirkt es von außen – verdeutlicht durch das erneut veränderte Bandlogo – wie ein völlig anderes Werk, reiht es sich doch perfekt in die Diskografie der Norweger ein: Kaum eine Band hat sich nach 17 Jahren und zehn Alben so sehr weiterentwickelt und ist gleichzeitig so nah an ihren Wurzeln geblieben. So stieg seit dem Release des Black-Metal-Klassikers „Frost“ mit jedem Album der progressive Anteil und die musikalische Fertigkeit der Bandmitglieder. Entsperechend  ist der Progressive-Anteil bei „Vertebrae“ nur eine logische Folge dieser ganzen Entwicklung.

Das „Vertebrae“ deutlich vielseitiger und tiefgründiger ist als Werke wie „Vikingligr Veldi“ muss man entsprechend nicht hervorheben. Vergleicht man allerdings „Isa“ und „Ruun“ mit der aktuellen Scheibe, so fällt – neben vielen Gemeinsamkeiten – eine erstaunliche Entwicklung auf: Die Schwere, die zuvor auf den „Isa“-Songs lastete, ist verschwunden. Stattdessen umgibt den Hörer ein leichtes, schwebendes Gefühl, das (wie passend) in „Clouds“ einen seiner Höhepunkte findet. Die vermehrt cleanen Gesangspassagen unterstreichen und verstärken die Atmosphäre. Der Gesang ist allgemein sehr kontrastreich: Hier zeigt Grutle sein komplettes Gesangsspektrum und verdeutlicht, dass in einer Band, wie ENSLAVED es Anno 2008 sind, Gesang nicht gleich Gesang ist. Von Flüstern bis hin zu tiefen, kräftigen Growls ist alles zu finden. Wobei seine typische Black-Metal-Growls auf dieser CD eindeutig in der Unterzahl sind.  Selbst „Center“ oder „New Dawn“, zwei Songs, die über weite Strecken sehr „schwarzmetallen“ klingen, werden durch nahezu verträumten, klaren Gesang so aufgelockert, dass sie sich wieder perfekt in das Album einfügen.

Man könnte beim Lesen der vorherigen Abschnitte denken, „Vertebrae“ sei ein sehr ruhiges Album. Dies stimmt allerdings nur bedingt. Denn mit seiner enormen Wucht und den dynamisch treibenden Riffs wirkt es auch ohne durchgehende Double Bass aggressiv und rau. Das geniale an „Vertebrae“ ist, dass sich kein Instrument permanent in den Vordergrund drängt, und es so dem Hörer sämtliche Möglichkeiten offen lässt, sich nur auf eine Sache zu konzentrieren, oder das ganze Werk auf sich wirken zu lassen. Dieses komplexe Songwriting und die nicht minder komplexe Struktur des ganzen Albums machen es äußerst schwer, einzelne Songs oder gar Passagen herauszupicken. Denn eigentlich ist „Vertebrae“ ein einziger, 49 Minuten andauernder Song, der gefühlt nur in acht Titel unterteilt wurde, um die einzelnen Phasen deutlicher hervorzuheben.

ENSLAVED haben es geschafft, mit „Vertebrae“ nicht etwa nur „Ruun II“ zu produzieren, denn erneut ist eine konsequente Weiterentwicklung zu erkennen. Wenn auch nicht mehr so offensichtlich wie bei den Veröffentlichungen zuvor, da die Entwicklung diesmal eindeutig im Detail liegt. So ist es angenehm überraschend, dass ENSLAVED es wieder einmal geschafft haben, etwas zu erschaffen, das mehrere Durchläufe braucht, bis es sich komplett entfaltet hat und den Hörer wirklich vor die Anlage fesselt. Man spürt nahezu, dass hier Musiker am Werk sind, die wissen was sie tun und dies auch nur zu gerne zeigen. Alles in allem ist „Vertebrae“ ein sehr starkes Album, das neben der alten Fangemeinde, noch mehr als zu „Ruun“-Zeiten, auch Progressive-Fans in die Plattenläden locken wird.

Bewertung: 9.5 / 10

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