CD-Review: Eudaimony - Futile

Besetzung

Matthias Jell – Gesang
Marcus E. Norman – Gitarre, Bass, Synthesizer
Jörg Heemann – Schlagzeug
Peter Honsalek – Geige, Piano

Gastmusiker:
Mick Moss – Gesang (Track 05)
Schwadorf – Gesang (Track 08)

Tracklist

01. Ways To Indifference
02. Mute
03. A Window In The Attic
04. Futile
05. Portraits
06. Cold
07. Godforsaken
08. December's Hearse


Dass Marcus E. Norman einer der begnadetsten Songwriter der Black-Metal-Szene ist, hat der Schwede schon mit unzähligen Songs seiner Band Naglfar, aber auch seines Soloprojektes Ancient Wisdom eindrucksvoll bewiesen. Gemeinsam mit dem Landshuter Sänger Matthias Jell alias Azathoth (Ex-Dark-Fortress) bildet er den Kern des Projektes EUDAIMONY, dessen Lineup Jörg Heemann (Secrets Of The Moon) sowie Peter Honsalek (Nachtreich) komplettieren.

Eὐδαιμονία, die Glückseligkeit – welch bittersüße Ironie doch schon in dem Bandnamen steckt: Kaum ein Begriff könnte wohl in stärkerem Kontrast zu den Gefühlen stehen, die dieses Album weckt. Der nicht minder schön klingenden Albumtitel “Futile” ist da weniger trügerisch – bringt er all die Verzweiflung, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit, die EUDAIMONY mit diesem Album in die Welt tragen, auf ein einziges Wort verdichtet auf den Punkt.
Musikalisch erfinden EUDAIMONY das Rad nicht neu – dass das allerdings gar nicht nötig ist, um herausragende Musik zu schreiben, beweist das Quartett hier ebenso erfolgreich wie die Tatsache, dass Emotion keiner Komplexität bedarf: “Futile” als primitiv zu bezeichnen, wäre vermessen – vertrackte Songkonstrukte und verschrobene Rhythmik sucht man hier allerdings vergebens. Statt dessen liefert der Schwede hier acht Songs ab, die, auf das Nötigste reduziert, ein musikalisches Komendium sämtlicher Facetten von Schwermut zu sein scheinen: Todtraurige Melodien auf Klavier und Gitarre, bedrückte Midtempo-Riffs und Azathoths klagender Gesang sorgen hier für eine Atmosphäre, an deren Aufrichtigkeit und Authentizität keine auch noch so sehr auf trist gestimmte Suicidal- oder Depressive-Black-Metal-Band auch nur mit den Fingerspitzen heranreicht.
Vielseitig ist das Album dennoch: Während der Opener “Ways To Indifference”, “A Window In The Attic” oder auch der Titeltrack wohl als Paradestücke des Albums genannt werden können, erinnert das von Mick Moss (Antimatter) gesungene “Portraits” vom Charakter sowie seiner Rolle im Albumkontext her an Satyricons “Phoenix”, wohingegen den mit Varghers persönlicher Diskographie etwas vertrauteren Hörer die Ancient-Wisdom-Verweise in “Cold” und (etwas weniger offensichtlich) in “Godforsaken” begeistern dürften.
All das ist jedoch nichts gegen das das Werk zugleich beendende als auch krönende “December’s Hearse”. Wer dachte, schon “A Window In The Attic” wäre an musikalischer Eindringlichkeit kaum zu überbieten, wird hier eines Besseren belehrt: Mit einer Melodie, die getrost und ohne jede Übertreibung wahlweise als “zeitlos”, “unsterblich” oder auch “direkt unter die Haut gehend” umschrieben werden kann, setzt Marcus E. Norman sich hier, tatkräftig vom über sich selbst hinauswachsenden Azathoth und Gastsänger Markus Stock alias Schwadorf (Empyrium, The Vision Bleak) unterstützt, selbst ein Denkmal, vor dem man sich nur andächtig schweigend verneigen kann: Was man hier zu hören bekommt, ist nichts weniger als Musik gewordene Einsamkeit.

Sucht man krampfhaft nach einem Anlass zu Kritik an „Futile“, so findet man diesen höchstens in der häufigen Verwendung des Fade Out als Songende: Bei statistisch gesehen jedem zweite Song bedienen sich EUDAIMONY des vielleicht am häufigsten fehlinterpretierten Stilmittels in der Welt der Komposition. Denn mag dieser Songabschluss in Einzelfällen vielleicht stimmig oder verträumt klingen (siehe „December’s Hearse“), ist es ein weit verbreiteter Irrglaube, jeder Song könnte mittels eines Fade Out elegant beendet werden. So drücken sich EUDAIMONY beispielsweise ausgerechnet im Opener „Ways To Indifference“ mittels der Ausblendung um ein „echtes“ Ende – schade, ist ein gekonnt komponierter Schluss doch das Sahnehäubchen eines jeden Songs.

Doch lasst uns die Suche nach dem Haar in der Suppe an dieser Stelle für beendet erklären. Denn selbst, wenn man (wie eben geschehen) am Ende tatsächlich unter Triumphgeschrei ein solches herausgefischt zu haben meint, kommt man nicht umhin, einzugestehen, dass „Futile“ als Album über derartige Banalitäten schlichtweg erhaben ist: Die Eleganz der hier gebotenen acht Stücke, ihre Vielseitigkeit und atmosphärische Dichte sowie das individuelle Talent jedes einzelnen Beteiligten, ob nun Musiker, Produzent oder Artwork-Künstler, machen „Futile“ zu einem Album von zeitloser Größe – Chapeau!

Bewertung: 10 / 10

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