Review Laibach – We Forge The Future – Live At Reina Sofía

Kaum eine Band ist so schwer zu greifen wie LAIBACH. Das liegt zum einen daran, dass die Slovenen eben nicht nur eine Band, sondern ein Künstlerkollektiv sind – zum anderen daran, dass sich LAIBACH musikalisch in ihrer fast 40-jährigen Karriere in verschiedensten Genres ausprobiert haben: Während Werke wie zuletzt „Spectre“ fast schon poppig daherkommen, liegen die Ursprünge von LAIBACH bekanntlich im rohen Industrial/Noise.

An diese musikalischen Wurzeln erinnerte die Band im Jahr 2017 mit der Wiederaufführung einer Performance, die ursprünglich 1983 im Rahmen der XII. Musikbiennale Zagreb in Kroatien (damals noch Teil der jugoslawischen Föderation) aufgeführt wurde. Unter dem Titel „We Forge The Future – Live At Reina Sofía“ erscheint der Mitschnitt aus dem Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía in Madrid nun auf CD.

Bei ihrer erstmaligen Aufführung geriet die auf fünf Stunden angelegte avantgardistische Performance zum handfesten Skandal: Nach etwa der Hälfte der Show wurde LAIBACH der Strom abgedreht, Polizei und Vertreter des Militärs holten die Musiker von der Bühne, es kam zu chaotischen Szenen. Die Folge für LAIBACH war ein offizielles Auftrittsverbot in Slovenien und Yugoslavien bis ins Jahr 1987. Die Darbietung 2017 im musealen Setting hingegen bekam, soviel sei vorweggenommen, wohlwollenden Applaus. Und abgesehen von Fans und Kritikern, die LAIBACH für ihren Avantgardismus feiern, dürfte kaum jemand von dem Konzert Notiz genommen haben. Das kann man naatürlich als positives Signal verstehen, was die Liberalität der Gesellschaft angeht – oder aber als Bankrotterklärung der Kunst. Denn worin liegt der Reiz, ehedem unbequem Visionäres vor verständnisvollen Kunst-Verstehern aufzuwärmen?

Gewiss, wer die frühen LAIBACH-Werke zu schätzen weiß, bekommt auf „We Forge The Future – Live At Reina Sofía“ berühmte Stücke dieser Periode wie „Smrt Za Smrt“ oder „Boji“ in zeitgemäßer Soundqualität geboten. Doch ohne den politisch-historischen Kontext, der dem LAIBACHschen Schaffen ehedem seine Sprengkraft verliehen hat, bleibt Noise eben nur Noise. Also Lärm. Eine gute halbe Stunde lang wirken und werken LAIBACH eifrig mit allerlei krachmachendem Instrumentarium herum. Als Hörer kommt man sich dabei mal wie ein tumber Banause, mal wie das kesse Kind in „Des Kaisers neue Kleider“ vor. Mit anderen Worten: Es braucht viel guten Willen, um in dem Gebotenen Klang-Chaos tatsächlich Kunst zu erkennen. Der Performance diesen Status gänzlich aberkennen zu wollen, wäre vermessen – am Ende bleibt sie aber eben gerade in künstlerischer Hinsicht ein bedeutungsloses Remake.

36 Minuten Musik für 19,99 € (CD) beziehungsweise 34,99 € (LP) sind einerseits dürftig (zumal, wenn man die Dauer des Originalkonzerts bedenkt) – andererseits wirklich genug: Auch mit dieser kurzen Spielzeit ist „We Forge The Future – Live At Reina Sofía“ anstrengend genug. Das Wissen, hier nicht einer politisch bedeutsamen, gezielt provokantiven Kunstaktion zu lauschen, sondern eben nur einer Inszenierung ebendieser Performance macht es nicht leichter. Oder, um es mit einem Zitat von Alphonse de Lamartine auszudrücken: „Museen sind Friedhöfe für die Kunst“. Zumindest für die von LAIBACH.

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