Limp Bizkit Still Sucks

Review Limp Bizkit – Still Sucks

Da sind sie wieder. LIMP BIZKIT haben sich im Juli 2021 auf dem Lollapalooza Festival in Chicago mit „Dad Vibes“ erstmals seit 2014 mit einem neuen Song zurückgemeldet. Fred Durst überraschte und erstaunte mit seinem „Dad“-Outfit – gekleidet wie ein alter, biederer Mann. Das ist, wie auch der Song, natürlich selbstreferentiell für eine Band, die in ihren jungen Jahren Mitte/Ende der 90er das Genre des Nu Metal mitbegründet hat und vor allem mit „Significant Other“ (1999) und „Chocolate Starfish And The Hot Dog Flavored Water“ (2000) wegweisende Alben produzierte, die sich millionenfach verkauften und eine ganze Generation an angehenden Metalheads und harten Jungs prägten.

Seit dem letzten Album „Gold Cobra“ (2011) hat sich die Welt auch ohne LIMP BIZKIT weitergedreht. Doch dann, ganz plötzlich, kam die Ankündigung zu „Still Sucks“. Nur zwei Tage nach der Bekanntgabe über die sozialen Kanäle, an Halloween 2021, erschien das Album. An einem Sonntag. Das ist ein typischer LIMP-BIZKIT-Move: Durch die kurzfristige Ankündigung wurde in der Fangemeinde ein Apple-mäßiger Blitz-Hype ausgelöst, außerdem gibt es an einem Sonntag für gewöhnlich keine Releases. LIMP BIZKIT wollen die Aufmerksamkeit für sich allein, wollen im Zentrum des Interesses stehen.

„We cannot change the past.
But we can start today to make a better tomorrow“
Mit diesen Zeilen des ersten Tracks „Out Of Style“ wird das Album eröffnet und an der Vergangenheit hat sich tatsächlich nichts geändert: Wie auch Schlagzeuger John Otto ist DJ Lethal zurück, nachdem er aufgrund von Drogenproblemen zwischenzeitlich mehrmals aus der Band raus war. Der Opener und „Dirty Rotten Bizkit“ jedenfalls zeigen direkt, dass sich der infantile musikalische Abgrund von „Dad Vibes“ nicht über die gesamte Scheibe erstreckt. Die hart groovenden Riffs von Wes Borland – nach wie vor ein hochklassiger Gitarrist – klingen wie vor zehn oder zwanzig Jahren, die Turntable-Scratches sind simpel wie eh und je und das Drumming gibt einen meist einfachen, treibenden Rhythmus vor. Aus allem sticht Fred Durst nochmal heraus: Der Typ klingt so frisch und geschmeidig wie eh und je, er hat nichts von seiner Stimmgewalt verloren. Beim für die Band typischen Hip-Hop-Track „Turn It Up, Bitch“ zeigt er, dass er nach wie vor den Flow hat.

Irgendwie ist also alles wie immer, aber irgendwie fehlt’s auch an irgendwas. Ist das gewisse Extra einfach weg? Sind LIMP BIZKIT inzwischen zu selbstironisch und selbstverliebt? Sind die Kalifornier nach zehn Jahren eingerostet oder trotz der häufigen Verwendung von „Fuck“, „Bitch“ oder „Shit“ einfach zu alt für ihre eigene Anarcho-Proll-Mucke? Liegt es vor allem auch an der Herangehensweise des Hörers, ob und wie die Musik überhaupt gefallen kann? Ist die Hörerschaft 20 Jahre nach dem Höhepunkt der Bandgeschichte diesem Käse dann einfach entwachsen? Alles davon trifft ein bisschen zu, nichts davon aber so komplett.

„Joke’s on you
You missed one clue (We don’t give a fuck)“
Wie schon an den Songtiteln erkennbar ist, ziehen sich LIMP BIZKIT nur zu gerne selbst durch den Kakao. In „Love The Hate“ recken „that motherfucker Fred Durst“ und seine Band den Mittelfinger in Richtung aller Hater. Unter anderem greifen sie auch die reale Problematik auf, dass man schon mal schief angeschaut wird, wenn man heute noch zugibt, LIMP BIZKIT zu hören. Dass viele der heute ach so truen Metaller früher auch LIMP BIZKIT gehört haben und damit teilweise auch einen Einstieg in die härtere Musik fanden, die Wrestling-Legende Undertaker zu „Rollin‘“ bejubelten oder im Radio „Behind Blue Eyes“ mitgesungen haben, wird dann gerne unter den Tisch gekehrt. Geschmack, auch wenn dieser zu einem früheren Ich der eigenen Persönlichkeit gehört, sollte nie ein Grund sein, sich schämen zu müssen. In diesem Fall verdient der Song jede Zustimmung, ansonsten ist da natürlich auch viel „Uns doch egal, was ihr über uns denkt, ihr blöden Blödis!“-Attitüde dabei.

“Never change my style ’cause my style is kinda fresh”
Nein, viel geändert hat sich musikalisch nicht im Hause LIMP BIZKIT. Das ist an sich gut, da die Band sich selbst treu bleibt. Andererseits aber hängt „Still Sucks“ qualitativ und quantitativ nach unten durch. Nachdem das The-Who-Cover „Behind Blue Eyes“ zum kommerziellen Megaerfolg geriet, geht das gleiche Rezept mit dem INXS-Cover „Don’t Change“ überhaupt nicht auf. Der Song ist aber nicht der einzige Schnarcher in der Tracklist: „Love The Hate“ ist musikalisch nichts, „Barnacle“ ein uninteressanter Füller und „Empty Hole“ eine weitere nette Akustikballade, die bereits nach dem Hören wieder vergessen ist. Immerhin findet sich mit dem wütenden Ausbruch „Pill Popper“ noch ein zweieinhalbminütiger Kracher zum Ende des Albums, ansonsten gibt es mit dem zur Hälfte aus einem unlustigen Fake-Interview mit Wes Borland bestehenden „Snacky Poo“ und dem „Goodbye“-Gedudel nichts mehr zu holen.

Schade, dass das mit 32 Minuten eh schon unverschämt kurze Album zur Hälfte aus reinem Wegwerfmaterial besteht. So entsteht der Eindruck, „Still Sucks“ wäre ein Schnellschuss von ein paar Freunden gewesen, die nach den Reaktionen im Sommer gemerkt haben, dass sie noch immer relevant sein können und mit dem gleichen Quatsch von damals noch einen ganzen Haufen Dollars abzocken können. Das Ding hat gute Momente, ist aber kein gutes Album, beim besten Willen nicht. Für viele junggebliebene Fans, die seit einer Dekade auf neues LIMP-BIZKIT-Material gewartet haben, ist die Veröffentlichung der digitalen Platte sicher ein Grund zur Freude. „Still Sucks“ ist aber kaum mehr als ein blasses Abziehbild einer ursprünglich wegweisenden Band.

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Wertung: 4 / 10

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