Review Locus Noir – Shadow Sun

Das Verfassen von Rezensionen ist zu einem großen Teil entweder ein adrenalingetriebener Blindflug oder ein explorativer Minentritt. Kurz: Häufig weiß man nicht, was einen erwartet. Das relativ unspektakuläre Cover-Artwork von „Shadow Sun“ des neuen Projekts LOCUS NOIR legt zuerst den Verdacht nahe, es handle sich um dünnen weiblichen Gesang, vielleicht Growls hier und da, ein wenig Kinderradio-Keyboard und den vertrauenswürdigen Klang RAMMSTEIN’SCHER Vierviertelkunst. Doch Benjamin „Ben DMN“ Nominet, Mastermind hinter LOCUS NOIR, haut einem diese teils nicht unbegründeten Vorurteile um die Ohren.

Der Opener „Walpurgisnacht 1996“ startet mit retrospektiven Keyboards, die nicht nur ein wenig an den Soundtrack von „Stranger Things“ erinnern. Vor einer unheilvollen Soundkulisse inklusive Wolfsgeheul türmt sich im Verlauf ein melancholisches wie stimmiges Doom-Gerüst auf, das an PARADISE LOST und SWALLOW THE SUN denken lässt. Demgegenüber ist der Titeltrack „Shadow Sun“ mit seinen unfassbar schmissigen Riffs und Drums von einer gänzlich anderen Gangart. Die Stimme von Ben DMN ist indes und gegenüber seinem Schaffen mit SYBREED hörbar gereift und ergänzt dieses Stück durch einen starken Refrain perfekt.

Für das anschließende „Cemetery Youth“ haben sich LOCUS NOIR Unterstützung von Ben Christo (SISTERS OF MERCY) am Gesang gesichert. Der Song ist mit seinem dezent an GHOST erinnernden Chorus überdies ungemein catchy und erfüllt vom straighten Drumming über die treibenden Gitarren bis zu den 70er-Keyboard-Sounds jedes gute Genre-Trademark. Auf diesem Fundament präsentiert sich das spätere „A Dismal Romance“ als ein absolutes Highlight: Obwohl die Titel auf „Shadow Sun“ sehr linear einem Schema folgen, machen es vor allem die starken Refrains, die ein ums andere Mal zu fesseln wissen.

Das balladeske „Thicker Than Darkness Itself“ ist dafür nur ein weiterer Beleg. Die tragischen Melodien von Keyboards und Vocals erheben sich hier zu einem Titel, der in seiner Strophe voll von Trauer ist, um sich im weiteren Verlauf emotional vollkommen zu entladen. Auch hier muss der Gesang von Mastermind Ben DMN noch einmal hervorgehoben werden. Nach diesem emotionalen Erdbeben lassen LOCUS NOIR jedoch nicht nach.

Seien es die simplen wie eingängigen Leads eines „In Despair We Trust“, der treibende Drive, der durch „Full Moon Theri­anthropy“ ins Spiel gebracht wird, oder das schmissig reininszenierte Lady-Gaga-Cover von „Marry The Night“, das nach all der Tragik und Schmacht in seiner Tanzbarkeit fast kathartisch wirkt: LOCUS NOIR gehen den Weg ihres Debüts mit aller Konsequenz. Ein einzelner Wermutstropfen bleibt: Auch wenn alle Songs auf „Shadow Sun“ ihre Highlights haben, wäre etwas mehr Abwechslung in Zukunft wünschenswert. Das erste Album der Band folgt kompositorisch einem Faden – das ist nicht schlecht, aber da geht mehr.

„Shadow Sun“ als Debüt macht wahnsinnig viel richtig. Es ist düster, tragisch, herrschaftlich leidend und gleichsam energetisch. Neben dem Retro-Gothic der 70er Jahre wie ihn THE SISTERS OF MERCY etabliert haben, gibt es Schwermut der Marke SWALLOW THE SUN und den Groove der letzten PARADISE-LOST-Alben auf die Ohren. Das in Kombination mit den eingängigen, jedoch zu keiner Zeit schmierigen Refrains macht „Shadow Sun“ zu einem Album für Rotwein, Patchouli und den kleinen Weltschmerz für zwischendurch. Bravo!

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Wertung: 8 / 10

Philipp Sorger

Publiziert am von

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