CD-Review: Long Distance Calling - Long Distance Calling

Februar 2011

Besetzung

David Jordan – Gitarre
Florian Füntmann – Gitarre
Jan Hoffmann – Bass
Janosch Rathmer – Schlagzeug
Reimut van Bonn – Ambience

Gastmusiker:
John Bush – Gesang

Tracklist

01. Into The Black Wide Open
02. The Frigin D'an Boogie
03. Invisible Giants
04. Timebends
05. Arecibo (Long Distance Calling)
06. Middleville
07. Beyond The Void


Vor zwei Jahren spielten sich LONG DISTANCE CALLING mit ihrem Zweitling „Avoid The Light“ quasi aus dem Nichts in den Postrock-Olymp. Es regnete Lobeshymnen und Höchstwertungen, bei Metal1.Info gab es satte neun Punkte und völlig überraschend den „Album des Monats“-Award.

Mit dem selbstbetitelten dritten Album müssen die Jungs, die sich selbst noch nie so recht als Postrock-Band sahen, nun erstmals die Erwartungen eines größeren Publikums erfüllen. Enttäuschen werden sie mit den sieben neuen Songs all diejenigen Anhänger, die den Fünfer wegen ihrer Postrock-Nummern und der „sphärischen Traumreisen“ (wie ich es in der Rezi zum Vorgänger schrieb) lieben – denn der Fokus des neuen Werks liegt ganz klar auf vier Buchstaben, die auch das Wesen der Platte eindeutig beschreiben: R-I-F-F.

LONG DISTANCE CALLING haben den Rock für sich entdeckt, gehen direkter, weniger verschnörkelt, nicht so ausproduziert zu Werke. Wie uns die Band selbst im Interview verriet, klingen die sieben neuen Songs erstmals so, wie sich LONG DISTANCE CALLING selbst sehen. Genauso kraftvoll, organisch und reduziert wie sich David Jordan (Gitarre), Florian Füntmann (Gitarre), Jan Hoffmann (Bass), Janosch Rathmer (Schlagzeug) und Reimut van Bonn (Ambience) auf dem Silberling präsentieren, tönen sie nach eigenen Aussagen im Studio. Aus einer Band, die in ihren Anfangstagen dem Postrock nahe stand, ist eine Gruppe geworden, die ihre Musik selbst als „Instrumental Rock“ einstuft und damit den Nagel auf den Kopf trifft. So diffus, aber auch allumfassend klingt die Band Anno 2011. Wohlgemerkt, ohne die für ihre Musik essentielle Atmosphäre eingebüßt zu haben.

Vom eröffnenden „Into The Black Wide Open“ bis zum letzten Track „Beyond The Void“ ist das Album straff durchkomponiert und äußerst livetauglich. Die Reduktion aufs Wesentliche sorgt dafür, dass die Jungs in der Lage sind, das neue Material ohne Abstriche und erstaunlich kraftstrotzend live zu präsentieren (wie ich unlängst im extrem mächtigen Konzert in Köln erleben durfte). Das energetische Epizentrum der Platte ist die fünfte Nummer „Arecibo“, ein Riffmonster mit absoluten Ohrwurmqualitäten, das zudem das Headbang-Gen anregen dürfte. Erstaunlich funkig wird es bei zwischenzeitlich bei „Timebends“, das noch am ehesten an alte Zeiten erinnert. Nur um es ganz klar zu sagen: Auf Ruhepausen und sphärisch-epische Momente muss auch bei dieser Platte niemand verzichten. Kennern der Band hilft es vielleicht, wenn ich sage, dass das wir es hier eben nicht mit einem Werk voller „Apparitions“ zu tun haben, sondern sich die Band auf den Sound von „Black Paper Planes“ konzentriert hat.

Wie schon beim Vorgänger sind dabei alle Songs auf einem gleichbleibend hohen Niveau und funktionieren hervorragend als Album, das auch noch brillant produziert ist. Beibehalten wurde auch die Tradition, inmitten der Instrumental-Hymnen einen Song mit Gastsänger zu platzieren. Hier hört er auf den Namen „Middleville“ und veredelt wird er von niemand geringerem als Armored Saint- und Ex-Anthrax-Röhre John Bush. Im direkten Vergleich funktioniert die Nummer besser als ihr Equivalent „The Nearing Grave“ auf dem Vorgänger, bei dem noch Katatonia-Vokalist Jonas Renkse hinter dem Mikro stand.

Im minutenlangen Intro der Abschlussnummer „Beyond The Void“ bekommt Reimut van Bonn mit seinem Apple dann soviel Spielraum und Spielzeit wie noch nie zu vor. Seine Elektronik wabert schwere- und zeitlos durch den Raum, eröffnet das Album im vielseitigen Opener „Into The Black Wide Open“ mit drückenden Synthiebässen und ist das kleine i-Tüpfelchen, das oftmals untergeht, aber doch großen Einfluss auf die Gesamtwirkung hat. Und diese Gesamtwirkung lässt letzten Endes wieder nur ein Fazit zu: LONG DISTACE CALLING sind Pflichtprogramm für Freunde anspruchsvoller, rockiger Klänge – und das ganz ohne den lähmenden Ballast von gewolltem Ambitionismus oder aufgesetzter Intellektualität.

Anspieltipps: „Arecibo“ für die Rock-Keule und „Timebends“ für den klassischeren LONG DISTANCE CALLING-Sound.

Die Platte erscheint übrigens auch in einer Limited Edition mit Bonus-Live CD.

Bewertung: 9 / 10

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