CD-Review: Lotus Thief - Oresteia

Besetzung

AJL – Gesang
Bezaelith – Gesang, Gitarre, Bass, Synthesizer
Romthulus – Gitarre, Gesang
Tal R’eb – Gitarre, Synthesizer, Gesang
Kore – Schlagzeug, Geige

Tracklist

01. Agamemnon
02. Banishment
03. Liberation Bearers
04. Woe
05. The Furies
06. Reverence
07. Sister In Silence
08. The Kindly Ones


(Black Metal / Doom Metal / Post-Rock / Ambient) Auf antike Mythen und andere historische Quellen Bezug nehmende Metal-Alben sind grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. Kaum eine Musikgruppe zeigt in ihrem Schaffen jedoch ein derart umfangreiches und substantielles Fachwissen über die Menschheitsgeschichte und die verschiedensten Glaubenskonzepte wie LOTUS THIEF. Drei Jahre nach ihrem herausragenden zweiten Album „Gramarye“, das sich thematisch auf okkulte Schriften wie etwa Aleister Crowleys „Buch der Lügen“ stützte, veröffentlichen die studierte Frontfrau Bezaelith und ihre neu hinzugekommenen Bandgefährten mit „Oresteia“ eine weitere Platte, die schon durch ihr Konzept neugierig macht. Diesmal nehmen sich LOTUS THIEF nämlich der titelgebenden, dreiteiligen Tragödie des altgriechischen Dichters Aischylos an.

Dass blutige Rache ein zentrales Motiv der mythologischen Geschichte um das Haus des Königs Atreus darstellt, bringen LOTUS THIEF auch in Form einer dezenten Anpassung ihres charakteristischen Musikstils zum Ausdruck. So speist sich der Sound der Band zwar nach wie vor aus gemeinhin als betont atmosphärisch wahrgenommenen Musikströmungen wie Black Metal, Doom Metal, Post-Rock und Ambient, doch in mancherlei Hinsicht gibt sich das Quintett auf „Oresteia“ rabiater als zuvor. Bezaeliths vielschichtiger, schwerelos durch den von ihr erdachten Klangkosmos gleitender Gesang ist nun griffiger denn je, in einigen Momenten sogar regelrecht energisch, und wird erstmalig gelegentlich von bedrohlich gehissten Screams abgelöst („Libation Bearers“).

Auch in ihrer Instrumentierung erreichen LOTUS THIEF stellenweise ein Level an Intensität, das man so von ihnen noch nicht gehört hat, womit die Amerikaner ihren ätherischen Grundton auf ungeahnt stimmige Weise kontrastieren. Ein Paradebeispiel für die kohärente Verschmelzung dieser beiden Klangpole findet man etwa in „The Furies“, das sich zu Beginn noch als zauberhaft verträumte Post-Rock-Nummer präsentiert, sich später jedoch mittels unheilvoller Gitarrenmelodien und Blast-Beats zu einer imposanten Vertonung der in dem Track thematisierten Rachegöttinnen wandelt.

Nicht minder eindrucksvoll ist die Entwicklung, die „Sister In Silence“ durchläuft: Richten LOTUS THIEF den Fokus hier anfänglich noch unter Einsatz wehmütiger Streicher und trister Doom-Leadgitarren auf das tragische Element der Erzählung, so spiegeln die im weiteren Verlauf wild pulsierenden Rhythmen den Gewaltaspekt der Handlung wider. Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht, wie schlüssig die getragenen, ruhigen Parts und die heißblütigeren Passagen ineinander übergehen. Lediglich die zwischendurch eingeschobenen Ambient-Zwischenspiele („Banishment“, „Woe“) tragen nicht wirklich zum Flow der Platte bei, obgleich sie durchaus wohlklingend und nicht allzu lang sind, sodass sie auch kaum störend ins Gewicht fallen.

LOTUS THIEF sind vermutlich die erste und bislang einzige Musikgruppe, die Aischylos‘ mythologisches Trauerspiel über den Teufelskreis der Vergeltung und dessen Überwindung durch die Etablierung einer funktionierenden Justiz in Form eines Metal-Albums adaptiert hat. Dafür sowie für die mit dem Konzept Hand in Hand gehende Weiterentwicklung ihres ohnehin schon außergewöhnlichen Musikstils gebührt der Band uneingeschränkter Respekt. Letztlich sind es aber schlichtweg die unvergleichlich stimmungsvollen, auf magische Weise fesselnden Songs, die „Oresteia“ schon jetzt ohne jeden Zweifel zu einem der musikalischen Highlights des Jahres machen.

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Bewertung: 8 / 10

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