CD-Review: Mistur - In Memoriam

Besetzung

Oliver Øien - Gesang
Stian Bakketeig - Gitarre
Andrè Raunehaug - Gitarre
Bjarte Breilid - Bass
Tomas Myklebust - Schlagzeug
Espen Bakketeig - Synthesizer, Klargesang

Gastmusiker:
Jon Einar Hektoen - Bass

Tracklist

01. Downfall
02. Distant Peaks
03. Firstborn Son
04. Matriarch's Lament
05. The Sight
06. Tears Of Rememberance


Das Ende der Band Windir klingt wie der Anfang eines Märchens. Nach dem Tod von Sänger und Gründer Terje „Valfar“ Bakken schlossen sich die verbliebenen Mitglieder mit anderen Musikern zusammen, um neue Projekte zu gründen. Aus Windir entstanden so drei neue Bands: Vreid, Cor Scorpii und MISTUR. Obwohl Vreids Musik stilistisch wohl am weitesten von der Windirs entfernt ist, besteht die Band zum aktuellen Zeitpunkt aus allen Windir-Musikern ohne Keyboarder Gaute „Righ“ Refsnes. Dieser ist das einzige Ex-Windir-Mitglied bei Cor Scorpii. MISTUR dagegen ist die Band von Gitarrist Stian „Strom“ Bakketeig. Nachdem 2009 ihr Debütalbum „Attende“ erschienen war, hat die Band nun sieben Jahre später ihr zweites Album „In Memoriam“ veröffentlicht.

Seitdem hat sich merklich viel getan. War „Attende“ zwar bereits ein schön komponiertes, gefälliges Black-/Pagan-Metal-Album, krankte es noch an ein paar Dingen: Der Sound war nicht schlecht, aber immer ein wenig zu schwach und verrauscht, bei manchen Songs blieb unklar, worauf sie abzielen, die Keyboardflächen wurden zu dominant eingesetzt und beim Durchhören der sieben Songs fiel die Gleichartigkeit der Stücke zu sehr auf. MISTUR klangen also wie eine professionelle Band, die aber noch nicht so ganz dorthin gefunden hatte, wo sie hinwill.
Mit „In Memoriam“ hat sich das nun geändert. Das Album ist musikalisch weitaus vielseitiger, der Sound ist deutlich stimmiger und das Songwriting nachvollziehbarer. Auch die instrumentale Professionalität hört man dem Album jederzeit an, was gerade im Black Metal leider oft keine Selbstverständlichkeit ist. Noch immer dominieren epische und melodische Black-Metal-Passagen, der Pagananteil ging dafür zurück und wich einigen Melodic-Death-Metal-Einschüben. Was Melodiegespür und Harmonieideen angeht, sind MISTUR tatsächlich nicht weit von Windir entfernt. Die Musik erinnert zudem von der Stimmung her an genreverwandte Bands wie Emperor, Enslaved oder In Vain, der wundervoll melancholische Klargesang dagegen immer wieder an die Avantgarde-Band Solefald.
Jeder der sieben Songs ist für sich alleine genommen schon außerordentlich gut, doch auch im Albumkontext harmonieren sie, ohne zu langweilen oder zu ähnlich zu klingen. Auch wenn bei Songs mit einer Mindestlänge von sieben Minuten nicht jedes Riff absolut meisterhaft ist, so finden sich in jedem Song genug derartige Passagen, seien es wunderschöne Melodien oder kraftvolle Blastbeat-/Doublebass-Parts. Die Highlights stellen hierbei das grandiose, hymnenhafte „Matriarch’s Lament“ sowie das sehr raue, tiefschwarze „Distant Peaks“ dar, die gänzlich zu überzeugen wissen. Bei letzterem, dem melodischen Opener „Downfall“ und dem rockig groovigen – und damit als einziger stilistisch etwas aus dem Rahmen fallenden, bereits 2012 erstmals veröffentlichten – „The Sight“ verziert sogar eine für Black Metal äußerst untypische, aber perfekt passende Rockorgel die sonst eher bombastisch gehaltenen Klänge.
Gänzlich befreit von den anfänglichen Krankheiten ist aber auch „In Memoriam“ nicht. Gerade „Firstborn Son“, obwohl dieser aus einigen der besten Riffs auf dem ganzen Album besteht, aber auch der elfminütige Schlusssong „Tears Of Remembrance“ leiden noch etwas unter zu konfusem Songwriting und der ausgedehnten Länge. Auch wenn die Songs überwiegend problemlos funktionieren, wäre bei manchen eine kürzere Songlänge von Vorteil gewesen. Angesichts der absolut wunderbaren, ergreifenden und mitreißenden Musik sind das aber tatsächlich Kleinigkeiten, die den Hörgenuss kaum beeinträchtigen.

MISTUR ist mit „In Memoriam“ ein grandioses Album geglückt, das für alle Fans den Geist Windirs mehr als angemessen weiterleben lässt und dabei dennoch eigene Wege beschreitet. Gefühlvolle Melodien treffen hier auf schiebende Riffs und episch ausgebreiteten Black Metal. Ein absolutes Highlight des Genres im bisherigen Jahr 2016. Wenn die Truppe ihren Weg qualitativ derartig fortsetzt, dann steht einem Meisterwerk für die Ewigkeit beim nächsten Mal nichts mehr im Wege. „In Memoriam“ schrammt daran jedenfalls nur knapp vorbei und weiß fast ausnahmslos zu gefallen. Ein Pflichtkauf für jeden Fan melodischen Black Metals.

Bewertung: 8.5 / 10

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5 Kommentare zu “Mistur – In Memoriam”

  1. Sarah Punke

    Ebenfalls schon gehört und für gut befunden! :) Auch wenn ich deine Vergleiche zu Enslaved und Emperor nur erahnen und zu Solefald und In Vain leider absolut nicht nachvollziehen kann.

  2. Simon Bodesheim Post Author

    Enslaved und Emperor an einigen Stellen in Sachen Sound (die Konstruktionen mit Keyboard, die Harmonien in vielen Passagen), In Vain wegen „Matriarach’s Lament“ und zusammen mit Solefald außerdem hauptsänglich wegen des Clean-Gesangs, der von der Melodieführung und von der Machart mit den mehrstimmigen Gesangslinien sehr ähnlich ist. Aber Assoziationen sind halt immer so ’ne Sache, da reichen oft Kleinigkeiten, die an andere Bands erinnern und andere hören die dann gar nicht, dafür aber anderes, was man selbst nicht nachvollziehen kann.
    Am ehesten ist’s aber wohl, wie beschrieben, mit Windir vergleichbar. ;)

  3. Sarah Punke

    … das Problem mit den Assoziationen ist außerdem, dass sie – sobald sie in hoher Zahl auftreten – den Leser irritieren können. :D

    1. Simon Bodesheim Post Author

      Naja, es ist eine Empfehlung, dass es Fans dieser Bands gefallen könnte, mit Betonung auf könnte. Kann ja dann trotzdem sein, dass diese dann reinhören und es doof finden. :D

      Mal so aus Interesse, an welche Band(s) erinnert dich den die Musik noch am ehesten?

      1. Sarah Punke

        Ich dachte mir beim Hören „Ah, schön, Mistur at its best“. Eigenständiger Sound, die Vorzüge der Band gut ausgespielt. Deswegen hatte ich gar keine tiefergehenden Assoziationen – wie du schon treffend formuliertest, jeder hört ein Album tatsächlich anders. Dennoch kommen wir aber zum gleichen Ergebnis, nämlich, dass es ne gute Scheibe ist. :)

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