CD-Review: Nervecell - Preaching Venom

Besetzung

Rajeh "James" Khazaal - Gesang, Bass
Barnaby "Barney" Ribeiro - Gitarre
Rami Mustafa - Gitarre
David Haley - Schlagzeug

Tracklist

01. As They Reign & Slither
02. Vicious Circle Of Bloodshed
03. Flesh & Memories
04. For Every Victim Fallen
05. Beyond Our Sins
06. Haute Monde Facade
07. Ratios
08. Demean
09. Vastlands Of Abomination
10. Existence Ceased


Auf die Plätze, fertig, los: Lieber Leser, nennt mir gerne eine Metalband, die aus den Vereinigten Arabischen Emiraten stammt. Stopp, Zeit ist um. Dacht ich mir. Wahrscheinlich konnten jetzt weniger als fünf Prozent von euch (in schamloser Selbstüberschätzung gehe ich jetzt einfach mal davon aus, dass das rundgerechnet mehr als ein Achtel Mensch ist) gerade so einen Namen aus dem Hut schütteln. Tatsächlich, dieser beschauliche Flecken Erde ist nicht gerade übermäßig für seine Hartwurst-Szene bekannt. Die Metal Archives listen insgesamt 18 Kapellen aus den Emiraten auf. Eine davon nennt sich NERVECELL und selbst die wurden nicht dort geboren, sondern wohnen nur da, sind ansonsten aber eine Multi-Kulti-Truppe aus dem Libanon, Jordanien, Australien und Gitarrero Barnaby Ribeiro ist zur Hälfte Inder und zur anderen Hälfte Portugiese. Vier Musiker aus fünf Ländern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, ihre Wahlheimat Dubai ab sofort mehr ins Rampenlicht der internationalen Metal-Szene zu rücken. Und da sie mittlerweile einen Plattendeal mit Lifeforce Records in der Tasche haben, könnte das vielleicht sogar ein Stück weit glücken.

Die erste Kooperation von NERVECELL und Lifeforce ist allerdings mehr oder weniger schon ein „alter Hut“, denn das Debütalbum mit dem Titel „Preaching Venom“ erschien ursprünglich schon 2008 über das Label Music Master, wird jetzt aber für den internationalen Vertrieb neu aufgelegt. Gar keine so schlechte Idee, denn – wie oben schon angedeutet – wahrscheinlich hats bis heute noch niemand in unseren Breitengraden gehört. Bleibt nur noch die Frage, ob das denn überhaupt erstrebenswert ist, oder ob NERVECELL außer dem Exotenbonus nicht gar so viel zu bieten haben.

Glücklicherweise macht „Preaching Venom“ schon ziemlich bald klar, dass die Knaben so einiges auf dem Kasten haben. Das gemäßigte Intro „As They Reign & Slither“ baut durch seine Fremdartigket erst mal eine ganz nette Atmosphäre auf (keine Ahnung, ob das arabische Einflüsse sind, ich kannte die bislang immer anders), ehe mit „Vicious Circle Of Bloodshed“ das Gemetzel beginnt. Sänger Khazaal grunzt sich einen ab, „Barney“ und Mustafa riffen sehr nett und auch ziemlich technisch in der Gegend herum und Schlagzeugmonster David Haley ballert das ganze mit seiner Double-Bass zu. Hier zeigt sich aber wohl auch der größte Schwachpunkt von „Preaching Venom“: Die Produktion ist nicht so ganz ausgereift. Zwar kommt der Gesang gut durch, aber gerade die Gitarren werden vom zu lauten Schlagzeug teilweise recht unangenehm übertönt. Wenn es in Sologefilde geht, dreht man Rami Mustafas Leadaxt zwar ordentlich auf, aber ansonsten geht hier leider einiges etwas unter.
Aber gerade die Soli haben es in sich. Nicht nur technisch auf höchstem Niveau, auch melodisch arbeiten NERVECELL so mitreißend, dass man sie einfach gern haben muss. Vor allem das Solo nach dem Breakdown bei „For Every Victim Fallen“ ist ein kleiner Höhepunkt des Albums. Aber auch die Leadparts des Openers oder beim finsteren „Haute Monde Facade“ machen viel Freude.

Bei „Ratios“ packen NERVECELL dann auch endlich mal das aus, was auch der Laie wie ich als „arabische Melodien“ ausmachen kann. Das Stück hat zwar irgendwie einen leichten Interlude-Charakter (liegt wohl auch daran, dass es instrumental ist, aber irgendwie mit fast sechseinhalb Minuten ein wenig lang geraten), ist dadurch aber eine nette Verschnaufpause zwischen der ballernden ersten und zweiten Hälfte des Albums (tatsächlich fühlt es sich ein wenig so an, als würde „Ratios“ die Langrille etwas „in zwei teilen“).
Danach verschwinden diese arabischen Elemente allerdings wieder quasi komplett aus der Musik des Quartetts. Ich bin mir selbst nicht sicher, ob das Fluch oder Segen ist. Einerseits muss ich persönlich gestehen, dass mir so etwas gar nicht so gut gefällt, deswegen bin ich eigentlich ganz froh, dass NERVECELL es auf ein Minimum reduziert haben. Andererseits bleibt so eigentlich nur festzustellen, dass Death Metal aus Dubai auch nicht groß anders klingt, als welcher aus Deutschland, Schweden, Timbuktu, keine Ahnung wo (wobei ich noch nie welchen aus Timbuktu gehört habe…). Die Musik auf „Preaching Venom“ macht durchaus eine Menge Spaß und Freude und die Soli wissen auch in netter Regelmäßigkeit ordentlich mitzureißen, aber das distinktive Element fehlt irgendwo. Die eigene Note.

Was nicht heißt, dass NERVECELLs Debüt irgendwie schlecht wäre. Es ist nämlich eine wirklich coole Angelegenheit, die ich persönlich jedem Fan von teils recht technischem, teils melodischem, teils einfach nur übelst dreschendem Todesmetall gerne ans Herz lege. Eine etwa ausgereiftere Produktion und das Teil würde sogar noch mehr drücken. Vielleicht erwartet uns das ja beim Nachfolger, auf den ich recht gespannt warte.


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Bewertung: 8 / 10

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