CD-Review: Nocte Obducta - Verderbnis – Der Schnitter kratzt an jeder Tür

Besetzung

Marcel Va. Traumschänder – Gesang, Gitarre, Bass, Keyboards
Draghkar – Gitarre, Gesang
Matze – Schlagzeug
Flange – Keyboard, Gesang

Tracklist

01. Tiefrote Rufe
02. Schlachtenflieder
03. Schweißnebel
04. Niemals gelebt
05. El Chukks Taverne
06. Obsidian zu Pechstein
07. Wenn ihr die Sterne seht
08. Verderbnis


Die Band mit der Ananas ist zurück. Mal wieder, müsste man dabei eigentlich sagen, war doch bereits das Abschiedswerk von NOCTE OBDUCTA, „Sequenzen einer Wanderung“, nach langem Schweigen 2008 fast schon so etwas wie eine kurze Wiederkehr. Gänzlich von Genreschubladen und dem Stil der Vorgängern losgelöst, wurde die Band mit dem Album nicht nur zum wohl ersten Mal überhaupt ihrem Ruf als Avantgarde-Band tatsächlich gerecht, sondern konnte mit der atmosphärischen Kombination aus Post-Wasauchimmer und Ambient-Klängen nicht zuletzt die Metal1.info-Redaktion soweit begeistern, dass diese die CD prompt zum Album des Monats Dezember 2008 wählte. Nur drei Jahre nach ihrem damals recht endgültig wirkenden Abschied kehren die Mainzer nun auf die Bildfläche des deutschen Black Metal zurück.

Bezeichnet die Band „Sequenzen einer Wanderung“ als „endgültiges Freischwimmen“, geht es mit „Verderbnis – Der Schnitter kratzt an jeder Tür“ in kräftigen Zügen zurück in die Vergangenheit – „Schwarzmetall – ein primitives Zwischenspiel“ mag hier als ein Anhaltspunkt dienen. Denn auch, wenn das neue Album nicht ganz so räudig klingt wie das in Mono aufgenomme 2001er-Zwischenspiel, ist die Ausrichtung vergleichbar: Auch 2011 haben sich NOCTE OBDUCTA kompositorisch wieder Black Metal in Reinstform geschrieben; und auch soundtechnisch kann „Verderbnis“ nur als Versuch gewertet werden, in der Zeit rückwärts zu gehen. Dass sich die Band im Booklet gewohnt humorvoll als „Ex-Avantgarde“ vorstellt, überrascht da kaum.

So ist, was hier aus den Boxen schallt, positiv ausgedrückt „ziemlich retro“, mit negativem Unterton beschrieben „qualitativ so mancher Eigenproduktion unterlegen“. Dass das gänzlich unpassend wäre, kann man aber behaupten, verleiht dieser kratzige Sound dem Material doch genau jenen Eigenproduktions-Flair, den es braucht – um mit diesem Material halbwegs authentisch zu wirken, aber auch, um all jene Fans zu begeistern, die in NOCTE Anfang des Jahrtausends ihre Black-Metal-Jugendliebe gefunden hatten. Genau hier liegt allerdings der Hund begraben: So ist „Verderbnis – Der Schnitter kratzt an jeder Tür“ gewiss kein schlechtes Album – die Lorbeeren, die es allerorts erntet, dürften jedoch zu einem beträchtlichen Teil auf die nostalgischen Gefühle zurückzuführen sein, mit denen das Album die Herzen all jener erwärmt, die mit der Band Erinnerungen an ihre wilden Jugendtage verbinden.

Wen „Verderbnis“ nicht über die emotionale Schiene einzunehmen vermag, könnte mit dem Werk hingegen seine Probleme haben: Gewiss, das Album hat seinen Charme, seine Momente und auch den ein oder anderen durchweg coolen Song – über die durch beliebige Bands des Genres gesetzte Messlatte der Durchschnittlichkeit kommt man hier jedoch nur selten hinaus. Weder die schnörkellosen Kompositionsmuster, noch die recht gesichtslose, nicht eben allzu abwechslungsreiche Interpretation in puncto Schlagzeug und Gesang können so richtig zu begeistern. So reicht beispielsweise „Schweißnebel“ bei Weitem nicht an sein (absichtlich oder unabsichtlich dazu auserkorenen) Vorbild, das unsterbliche „Schwäne im Moor“ von der „Stille“-EP, heran. Und selbst die rohesten Black-Metal-Nummern können nicht mit dem Charme der Frühwerke mithalten.

Schön sind bei alledem die in gewohnter Manier gänzlich auf deutsch verfassten Texte: Wortgewand umgarnt Traumschänder Marcel den Hörer auch dieses Mal mit detailierten Beschreibungen atmosphärischer Szenarien – zumindest diese Konstante bei NOCTE OBDUCTA kann also auch weiterhin als ebensolche gelten. In diesem Zusammenhang beweisen NOCTE auch auf „Verderbnis“ Humor: Nachdem sich Kanwulf (aka. Ash) von Nargaroth für den Text zu „Herbst“ (zu finden auf dessen Album „Jahreszeiten“) aus Sicht der Mainzer an den Lyrics zu „Atme“ (Nectar II) vergriffen hat, widmen diese ihm den kompletten Platz unter der CD in Form einer sarkastischen Empfehlung, welche Texte sich von diesem Album zu klauen lohnen würden …

Bei persönlichem Bezug zu den Frühwerken von NOCTE OBDUCTA mag „Verderbnis“ eventuell Nostalgie aufkommen. Wer der Band jedoch bisher kritisch oder neutral gegenüberstand, wird hier sicher nicht bekehrt: Was die Mainzer hier abliefern, ist vergleichsweise objektiv gesehen leider nicht mehr als ein durchschnittliches Black-Metal-Album: Sicherlich, auch „Verderbnis“ hat seine Momente – im Großen und Ganzen wird es den Erwartungen, vor allem aber dem Ruf, der der Band seit jeher vorauseilt, nicht gerecht. Dass NOCTE OBDUCTA selbst ausgerechnet bei diesem Werk wohl zum ersten Mal in ihrer Geschichte nichts über Produzenten, Labels, Aufnahmebdingungen oder andere böse Widrigkeiten zu jammern oder meckern haben (man lese und staune: „Dass das Resultat diesmal wirklich zufriedenstellend ausfallen würde, war uns ohnehin klar gewesen“) mag jeder deuten, wie er mag – ebenso die Tatsache, dass das Reunion-Album einer im deutschen Black Metal so fest verwurzelten Band über ein No-Name-Label wie MDD erscheint.

Bewertung: 7 / 10

Geschrieben am

Antworten

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: