CD-Review: Nocte Obducta - Sequenzen einer Wanderung

Dezember 2008

Besetzung

Torsten, der Unhold – Gesang
Marcel Va. Tr. – Gesang, Gitarre
Stefan – Gitarre
Patrick – Bass
Matthias – Schlagzeug
Flange – Keyboard, Gesang

Tracklist

01. Teil 1
02. Teil 2


(Ambient/Post-Rock/Black Metal) Als die längst zum Kult avancierte Vorzeigeband des deutschen Black Metal Mitte 2006 ihre Auflösung und gleichzeitig die Veröffentlichung des Abschiedswerkes „Sequenzen einer Wanderung“ bekanntgab, war klar, dass dies kein gewöhnliches Album werden konnte. NOCTE OBDUCTA waren schließlich noch nie für gewöhnliche Musik bekannt und eben ihre immer schwerer zugänglich werdende und versponnene Musik beziehungsweise die damit verbundenen kontroversen Meinungen von Fans und Medien waren es ja auch, die bei der Auflösung der Band eine große Rolle spielten. Doch dass das letzte NOCTE-Album ein derart mutiges klangliches Experiment werden würde, hätte sich wohl trotzdem kaum jemand gedacht.

Ein Album, das mit dem Wort „Ende“ beginnt, verspricht sowieso vom allerersten Moment an, sich an keinerlei musikalische Gesetzmäßigkeiten zu halten. Und dieses Versprechen wird vom Anfang bis zum Ende gehalten. Da wird ein Grillenzirpen (?) auf ein Mal zu einem perkussiven Instrument; das Rauschen eines Radios wird zu einem musikalischen Grundton, auf dem sich zerbrechlich und filigran sphärische Ambient-Klänge aufbauen; Gitarrenriffs wechseln permanent die Verzerrung, bis sie plötzlich ganz schweigen und nur das Schlagzeug variationslos weitertrommelt, so dass das Riff im geistigen Ohr des Hörers automatisch weitergespielt wird; Sprachsamples ersetzen über weite Strecken jeglichen Gesang, erklingen wie Echos aus der Ferne, als wären sie verwaschene Erinnerungen, die traumähnlich für Sekunden wieder aufsteigen, bevor sie wieder im Chaos der Töne untergehen, wieder auftauchen und bis zur Unkenntlichkeit verzerrt werden, der Wortlaut verlorengeht und jeder gesprochene Satz nur noch ein Geräusch, ein Faden im großen Klangteppich ist.

Nach geschlagenen 19 Minuten weichen die Sprachsamples schließlich „richtigem“ Gesang. Sprechgesang, psychedelischem Klargesang, erst im zweiten Lied Black Metal-Gekreische. Dass der Black Metal-Anteil dieses Werkes allgemein gegen Null tendiert, dürfte klar sein. Egal. Hier geht es nicht mehr um Black Metal, hier geht es nicht mehr um Metal, vielleicht geht es hier nicht mal mehr um Musik. Es geht hier nur noch um das Hörbarmachen von Gefühlen, von Erinnerungen, ansatzweise vielleicht auch um Gedanken, die in den Sprachsamples und den spärlichen Texten bewusst schwammig zum Ausdruck kommen.

Kurz: „Sequenzen einer Wanderung“ ist ein sehr, sehr schwer zugängliches Album. Es wird bei vielen Fans kaum auf Gegenliebe stoßen, viele Kritiker werden es nicht verstehen, es nicht begreifen. Aber darum müssen NOCTE OBDUCTA sich nach ihrer Auflösung auch nicht mehr kümmern und man hört dem Album an, wie frei die Truppe um Marcel von jeglichen Erwartungen ihrer Anhänger war. Hier ist etwas entstanden, was nicht für die Schar von NOCTE-Fans gemacht wurde, sondern nur für die Band selbst. Eben dadurch ist ein unglaublich intimes, persönliches und ehrliches Werk entstanden, das zwar sicher nicht jedermanns Liebe, aber sehr viel Respekt verdient hat.

Trotz der durchaus vorhandenen Größe dieses Albums möchte ich an dieser Stelle auf eine Punktebewertung verzichten. „Sequenzen einer Wanderung“ ist ein Kunstwerk, an dem alle objektiven Bewertungskriterien scheitern und nur noch das subjektive Empfinden übrig bleibt. Ein solch schwieriges musikalisches Experiment in eine enge Punktebewertung zu pressen, würde dem Geist des Albums sicher nicht gerecht werden. In meiner persönlichen Bewertung hat die Scheibe eine 10, meinetwegen auch eine 11 verdient, doch letztendlich werden die Meinungen über dieses Werk stark auseinandergehen. Fest steht nur, dass NOCTE OBDUCTA Großes geleistet haben und „Sequenzen einer Wanderung“ das würdige Abschiedswerk der größten Black-Metal-Band Deutschlands ist. Respekt.

Keine Wertung

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