Review Saltatio Mortis – Finsterwacht

Die Feuer der Finsterwacht brennen und rufen zu den Waffen, denn das Herzogtum Weiden ist in Gefahr! Also rüstet euch und zieht gemeinsam in die Schlacht gegen die Orks! Für Weiden, für Aventurien! Die passende Musik für dieses Abenteuer kommt von den Spielmännern SALTATIO MORTIS, die mit Sackpfeifen, Flöten, Drehleier und einer ordentlichen Portion Rock endlich wieder tief in mittelalterliche Fantasy-Welten eintauchen. Denn mit Finsterwacht legen die Chart-Stürmer ihr bisher ambitioniertestes Werk vor, das weit über ein bloßes Studioalbum hinausgeht. Vielmehr öffnen SALTATIO MORTIS mit Finsterwacht das Tor zur riesigen Welt des Pen-&-Paper-Rollenspiels Das Schwarze Auge und liefern daher auch gleich noch ein Solo- und Gruppenabenteuer sowie einen kompletten Roman, geschrieben von den Fantasy-Legenden Bernhard Hennen und Thorsten Weitze, mit. Hier soll es aber vor allem um die Musik gehen und die dürfte für großes Staunen sorgen.

Denn als Fan der früheren SALTATIO-MORTIS-Alben hatte man es seit der letzten Scheibe Für immer frei (Unsere Zeit Edition) nicht leicht. Die Band nahm den Albumtitel sehr wörtlich und drehte völlig frei, was zu Kollaborationen mit Musikern wie Finch, Peyton Parrish oder Mia Julia führte, wobei die Ergebnisse in ihrer Qualität stark geschwankt haben. Dementsprechend unerwartet kam die Ankündigung eines Konzept-Albums in der Fantasy-Welt von Das Schwarze Auge“. Vorsichtige Hoffnungen kamen auf, könnte es vielleicht sein, dass SALTATIO MORTIS zumindest ein Stück weit zurück zu ihren Wurzeln gehen? Ja, sie gehen zurück zu Mittelalter und Co., aber nicht nur das, mit „Finsterwacht“ gelingt ihnen die bisher beste Symbiose aus Mittelalter-Folk und modernem Rock.

Ein Album wie Finsterwacht muss natürlich standesgemäß eröffnet werden und so fahren SALTATIO MORTIS für den gleichnamigen Opener auch direkt das große Besteck auf. Nach einem dramatischen Spoken-Word-Intro und ersten folkigen Klängen im Hintergrund legen die Spielmänner mit großem Bombast los und überraschen gleich doppelt: zum einen durch die Beteiligung der Prager Philharmoniker, die mit ihrer orchestralen Wucht entscheidend zur Epik des Tracks und weiterer Songs auf dem Album (wie etwa „Feuer und Erz“) beitragen, zum anderen mit einer echten Legende als Gastsänger. Denn niemand Geringeres als Hansi Kürsch von Blind Guardian veredelt den Opener mit seiner Stimme. Über gut neun Minuten hinweg wechselt die Nummer zwischen kraftvollen Refrains, dramatischen Strophen, einem Chorpart mit Gänsehaut-Garantie und viel Mittelalter- und Symphonic-Elementen. Was für ein Opener! Der Rest der Scheibe dürfte es schwer haben, an diese Wucht anzuknüpfen, könnte man meinen. Aber genau darin liegt eine der Stärken von „Finsterwacht“, es ist wahnsinnig vielfältig. Das folgende „Schwarzer Strand“ ist erstmal ein harter Bruch, viel poppiger und folkiger und sofort kommt einem als Hörer ein Name in den Sinn: Faun. Genau die haben sich SALTATIO MORTIS auch als Gäste für den Song sichern können, wodurch eine wunderbare Symbiose aus SaMo-Rock und Faun-Folk entsteht.

Neben Hansi Kürsch und Faun warten aber noch weitere hochkarätige Gäste: Cristina Scabbia von Lacuna Coil und Peyton Parrish unterstützen beim brachialen We Might Be Giants, das live für so manchem Moshpit sorgen und der bisher wohl härteste SALTATIO-MORTIS-Song sein dürfte. Beim Namen der Gäste für Genug getrunken muss man zweimal hinschauen, aber ja, tatsächlich haben sich die eigentlich aufgelösten Knasterbart nochmal zusammengefunden, um bei dem fröhlichen Sauflied voller Trinksprüche im Text mitzumischen. Daneben steuert Cello-Superstar Tina Guo Parts zur Halbballade Carry Me“ bei, in der es um die Zweifel eines Soldaten am Krieg geht. Ein leider nur allzu aktuelles Thema. Die Herzen von Mittelalter-Fans dürften vor allem bei Vogelfrei und Der Himmel muss warten höher schlagen. Vogelfrei hat zwar keinen Refrain, dafür ist er aber eine mitreißende Mischung aus Mittelalter-Folk, Punk und einem herrlich rotzigen Text, der sofort Bilder von einer durch den Wald ziehenden Bande von Gesetzlosen erzeugt. Spätestens mit der Bridge eskaliert die Nummer dann völlig. Mit Der Himmel muss warten geht es dann direkt in eine Taverne, um das Feuer herum sitzen die Musiker und spielen akustisch auf ihren Instrumenten, während die gesamte Kneipe mitsingt. Ein absoluter Ohrwurm, der zum Durchhalten und Weitermachen aufruft, denn am Ende bleibt trotz allem immer noch die Freundschaft. Und die Musik.

Sieht man vom arg in Richtung Schlager-Pop schielenden Aurelia ab, liefern SALTATIO MORTIS mit Finsterwacht“ ein extrem facettenreiches und spannendes Album ab. Beim ersten Hördurchgang wird man fast überwältigt von dieser Masse an Elementen aus Mittelalter, Klassik, Folk, Rock und Metal, die SALTATIO MORTIS für „Finsterwacht“ miteinander verwoben haben, doch diese Mixtur funktioniert, und zwar sehr gut. Die Scheibe zeigt auf eindrucksvolle Weise, was die Musiker kompositorisch inzwischen draufhaben und wie leicht sie zwischen Mittelalter-Metal, symphonischem Bombast, akustischem Folk und berührenden Balladen wechseln können und dabei aber immer klar SALTATIO MORTIS bleiben. Mit „Finsterwacht“ legen sie die eigene Messlatte sehr hoch und dürften in der Szene für ordentlich Eindruck sorgen. Spannend bleibt nun, wie sich das neue Material auf der anstehenden „Finsterwacht“-Burgentour schlagen wird.

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Wertung: 9 / 10

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