Interview mit Lasterbalk der Lästerliche von Saltatio Mortis

SALTATIO MORTIS gelang mit ihrem neuesten Album „Sturm auf Paradies“ und Platz 3 in den Media Control Charts weit mehr als ein Achtungserfolg. Inzwischen zählen die Spielmänner zur Speerspitze des hiesigen Mittelalterrocks, ohne dabei ihre Marktwurzeln aus den Augen zu verlieren. Im Gespräch mit Metal1.info spricht Texter Lasterbalk der Lästerliche über viele Details zum neuesten SaMo Longplayer, blickt zurück auf die letzten beiden Jahre und wagt auch einen Blick nach vorne. Außerdem hat er seine ganz eigene Art, mit unseren kritischen Fragen zu „Sturm aufs Paradies“ umzugehen.

Letztes Jahr habt ihr euer zehnjähriges Bandbestehen in der Historischen Stadthalle Wuppertal gefeiert. Dabei habt ihr mit allerlei Gästen ein gut dreistündiges Rockkonzert gespielt und anschließend noch ein vollständiges Mittelalterset bis tief in die Nacht. Beide Auftritte sind in voller Länge auf eurer DVD namens „Wild Und Frei“. Mit einigem Abstand betrachtet: Was für Erinnerungen hast du an den Abend und die DVD-Produktion?
Gemischte. Zum einen bin ich froh und glücklich, dass wir einen so schönen Abend erlebt haben und dass so viele Menschen so ausgelassen mit uns gefeiert haben. Zum anderen erinnere ich mich noch deutlich an die unmenschliche Anspannung und den enormen Druck! Wahrscheinlich gehören die beiden Facetten aber zusammen, wie die sprichwörtlichen Seiten einer Münze…

Wie weit wart ihr im Oktober 2010 mit eurem jetzigen Album „Sturm aufs Paradies“?
Das Songwriting war im Prinzip abgeschlossen, also die Songs an sich standen fest und die Vorproduktion war auf einem guten Stand, mal von zwei spontaneren Liedern abgesehen ;-)

Hat euer Jubiläum die Songs bzw. die Aufnahmen in Karlsruhe im Frühjahr noch irgendwie beeinflusst?
Nein, gar nicht. Das lief ziemlich getrennt von einander ab.

„Sturm aufs Paradies“ ist ein sehr straightes Rockalbum ohne Schnörkel. Sowohl die Texte als auch der Sound wirken so, als wären sie auf das Nötigste bzw. auf ihre Essenz reduziert. Wie verhindert ihr, dass eure Kompositionen zu puristisch und demnach austauschbarer werden?
Ich denke, es ist viel schwerer sich kurz zu fassen als in epischer Breite seine Ideen auszutreten, das sieht man nicht nur in der Musik! Ich denke überhaupt nicht, dass die Songs austauschbar klingen! Jeder Song hat seine ganz klaren und auf den Punkt gebrachten Botschaften, musikalisch wie auch textlich. Das kann man dann mögen oder nicht. Und da sind wir dann bei Geschmack, über den man ja nicht streiten kann.

„Hochzeitstanz“ ist deine Hommage an Falcos „Jeanny“, zu der ihr auch ein Video im „From Hell/Phantom der Oper“-Stil gedreht habt. Es ist auch euer erstes Musikvideo, in der ihr wirklich eine Geschichte eingebaut habt. Was kannst du uns zu den Hintergründen berichten?
Das Thema der sexuellen Gewalt beschäftigt mich schon lange und bisher hab ich textlich einfach keinen Haken dran gekriegt. Durch das zufällige Hören von Falcos „Jeanny“ fiel der Groschen endlich. Ich musste die Perspektive umdrehen. Als Mann ist es glaube ich sehr schwer, sowas aus der Opferrolle zu beschreiben. Letztlich hab ich dann bei der Recherche Erzählungen von Tätern gelesen und dann war klar, wie der Text funktionieren muss. Ich finde es bezeichnend, wie schwer sich einige damit tun, sich auf diesen Text einzulassen. Das Leben ist nun mal nicht immer rosarot und Menschen sind nicht immer nur lieb und nett. Jeder weiß das und keiner mag sich damit auseinandersetzen.

Bei diesem Stück hast du genau wie bei „Sündenfall“ eine ungewöhnliche Perspektive für den Erzähler gewählt. Wie sind diese Gedanken entstanden?
„Sündenfall“ entsteht aus der Beschäftigung mit dem klassischen Vater/Sohn-Konflikt. Beim Durchdenken der Rollen und der typischen Argumentationsmuster beider Seiten blieb ich beim ersten dramatischen Vater/Sohn-Konflikt der Geschichte hängen: dem Sündenfall! Als Sohn des biblischen Adam hat man seinem Alten eine ganze Menge vorzuwerfen und dennoch ist auch hier das Muster das gleiche. Hätte der Sohn wirklich anders gehandelt? Es ist immer so leicht auf die Fehler der anderen zu zeigen, vor allem auf die der eigenen Eltern. Erst später fiel mir noch eine weitere Ebene des Textes auf. Man kann das auch als Parabel auf einen Missbrauch am eigenen Kind lesen.

Mit „Ode an die Freundschaft“ findet sich auf dem Album eine Quasi-Fortsetzung zu eurem Klassiker „Falsche Freunde“. Was hat euch dazu bewogen, dieses Thema in modernerer Form noch einmal aufzugreifen?
Wo siehst du denn inhaltlich das gleiche Thema? „Falsche Freunde“ ist ein Song über die Enttäuschung, dass Menschen die einem nahe standen sich abwenden und dich verraten. Die „Ode an die Feindschaft“ rechnet mit all jenen ab, die sich uns in den Weg gestellt haben und sich mehr oder weniger offen am Kreuzzug gegen uns beteiligt haben! Anderes Thema und anderer Song!
Im Übrigen: Ich kratze mich gelegentlich doch schon heftig am Kopf, wenn ich mir das ein oder andere Review so durchlese. Wieviele Lieder, in denen es um Liebe und ihre Folgen geht kennst du? Wieviele davon sind unter deinen Lieblingsliedern? Hey, es ist normal, es ist richtig und es ist auch unvermeidlich, dass man verschiedene Themen mehrfach bearbeitet! Eine Wiederholung gibt etwas schon dagewesenes eins zu eins wieder. Wie schon oben besprochen, sehe ich das hier nicht.

Wie beurteilst du generell mehrteilige Songsammlungen oder Fortsetzungsgeschichten, wo über mehrere Alben oder gar Jahre der thematische Rahmen eingehalten wird?
Nicht mein Ding. Ich schreibe Songs und keine Mehrteiler. Ich will das nicht generell ausschließen, aber zur Zeit finde ich es viel spannender mit wenig Worten auf den Punkt zu kommen.

Würdest du sagen, dass „Orpheus“ sowohl textlich als auch musikalisch da ansetzt, wo ihr auf „Wer Wind Sät“ mit „Salomé“ aufgehört habt?
Nein. Überhaupt nicht!

Es scheint kein Jahr zu vergehen, indem sich in eurer Besetzung nichts ändert. Mit Luzi das L habt ihr einen ehemaligen Musiker von Schelmish bei Saltatio Mortis aufgenommen. Dieser steuerte bei „Habgier und Tod“ sowie „Nach Jahr und Tag“ die Dudelsackmelodien bei. Wie konnte er sich noch bei „Sturm aufs Paradies“ einbringen und welche Aufgaben wird er bandintern in Zukunft wahrnehmen?
Das war einer der schönen Zufälle. Nach seinem Ausstieg bei Schelmish haben wir uns ein paar Mal getroffen und geredet. Dabei haben wir natürlich auch über Songs etc. gesprochen. Ab da gab ein Wort das andere und spätesten seit seinem Besuch bei uns im Studio war klar, das passt. Aufgaben? Er spielt Dudelsack!

Wie verhindert ihr, dass ihr bei wachsender Anzahl von Sackpfeifenspielern so wie früher nur die Spuren doppelt, ohne dass sich am Klangbild etwas ändert?
Ich glaube, da liegt ein Missverständnis vor. Säcke sollen sich doppeln! Genau so entsteht ein fetter Sacksound. Ein Sack alleine klingt lange nicht so gut wie zwei, oder sogar drei.

Apropos „Habgier und Tod“: Darin prangerst du als Texter die Banken und die Finanzkrise an. Wie sehr bewegen Spielmänner wie euch, die auf Märkten oft in eine „eigene kleine Welt“ eintauchen, diese alltäglichen Themen?
Ich glaube, da sitzt du einem fatalen Irrtum auf. Nur weil wir Musik machen, heißt das nicht, dass wir kleine, weltfremde Dummies sind, die nicht weiter als bis zum nächsten Tresen denken können! Mich beschäftigt das aktuelle Weltgeschehen sehr, vielleicht zu sehr. Ich verfolge die aktuelle Debatte über Europa und kann nur den Kopf schütteln. Ich glaube, niemand ist sich mehr darüber im Klaren, dass es noch keine 70 Jahre her ist, dass Europa in Trümmern lag und sich die Nationen Europas unvorstellbare Dinge angetan haben. Kann es denn sein, das wir aus Habgier und Dummheit die Chance auf langfristige Vereinigung verspielen?

Im Gegensatz zu anderen Musikern und Bands widmet ihr euch aktuellen politischen und auch religiösen Themen wie in „Gott Würfelt Nicht“. Gibt es Themenbereiche, von denen selbst ihr die Finger lasst?
Nein, die gibt es nicht!

Und wollt ihr mit diesen Stücken eure Hörer aufrütteln, zum Nachdenken bringen oder sollen sie sich ihre Rückschlüsse selbst ziehen?
Alles drei! Wach machen, dann bitte nachdenken, dann eigene Meinung bilden und dann: Handeln!

Ihr veröffentlicht „Sturm aufs Paradies“ im Sommer, wo einige potentielle CD-Käufer im Urlaub sein dürften. Seht ihr das als Chance oder als Risiko?
Das musst du glaube ich die Abteilung Kaffeesatzleserei und Vorhersagen unserer Plattenfirma fragen…

Thematisch bewegt ihr euch wieder im Rahmen der letzten Alben „Aus der Asche“ und „Wer Wind Sät“. Würdest du von einer Albentrilogie sprechen oder spricht jedes Werk für sich?
Wie schon gesagt, ich sehe da keinen Zusammenhang. Eine Trilogie ist es ganz sicher nicht.

Bei „Sturm aufs Paradies“ kommt ihr ganz ohne prominente musikalische Gäste aus. Bewusste Entscheidung oder Zufall?
Meinst du Doro kam zufällig dazu? Ich glaube, sowas passiert nie zufällig, weder die Einladung an einer CD mitzuarbeiten, noch die Entscheidung es nicht zu machen.

Ihr habt dieses Jahr zwei Headlinershows auf den fränkischen Burgenfestivals gespielt, einmal beim Feuertanz und einmal beim Schlosshof Festival. Bei zweiterem habt ihr direkt drei Lieder von „Sturm Aufs Paradies“ erstmals live präsentiert habt. Wie war euer Gefühl bei den Reaktionen auf diese Premieren?
Man ist immer ein bisschen nervös, wenn man einen Song das erste Mal live spielt. Das ist immer etwas Besonderes. Die Reaktionen sowohl auf die Songs live als auch auf die CD sind überwältigend!

Auf euer Herbsttour begleiten euch u.a. Bands wie Fejd und Cumulo Nimbus. Was dürfen die Besucher außer euren knackigen Rockshows erwarten? Habt ihr schon eine grobe Vorstellung von den Liedern, die ihr spielen wollt?
Die Proben dazu laufen im Oktober.

Vor 2-3 Jahren habt ihr auf euren Konzerten noch euer Rockprogramm mit eurer Marktmusik gemischt. Dies ist nun nicht mehr der Fall. Warum habt ihr euch dazu entschieden, Rock und Mittelalter so strikt zu trennen?
Das hat zum einen technische Gründe und zum anderen ist es denke ich richtig, dass es zwei verschiedene Programme gibt. So können wir eine größere Bandbreite unserer Musik live vorstellen.

Besteht die Chance, dass es Stücke wie „Dessous Le Pont De Nantes“ und „Choix De Dames“ noch einmal in eure Live-Setliste der Rockshows schaffen?
Für die Tour ist das jedenfalls nicht geplant.

Die Hochzeit von eurem Sänger Alea wurde mehrteilig auf Pro 7 im Rahmen der neuen Nachmittagsproduktion „Ja, ich will, aber schrill“ ausgestrahlt – passenderweise nur wenige Wochen vor eurem Albumrelease. War diese eine willkommene Marketing- bzw. Werbemaßnahme für euch?
Um ehrlich zu sein, wissen wir nichtmal, ob und in welchem Umfang sich daraus für uns positive oder negative Effekte ergeben haben. Und weder die Hochzeitsplanung noch die CD-VÖ waren abgestimmt! Wie auch? Beide Termine stehen schon lang, viel länger als die Anfrage von Pro 7. Letztlich hielt da Freund Zufall die Hand.

Erwartungsgemäß hat Aleas Auftritt dort polarisiert. Wie weit darf eine Band bei ihrer Vermarktung gehen, ohne zu sehr von den Medien beeinflusst zu werden?
Gähn. Ich hab dieses Gezeter um Kommerz, Medien und Erfolg schon bei Unheilig nicht mehr verstanden. Um es mal ganz klar zu sagen: Da diskutieren begeistert ein Haufen Leute, die keine Ahnung haben, wie eine Band heute funktioniert, wie eine Plattenfirma arbeitet und wie die Medien mitspielen. Wir schreiben unsere Songs selbst und das machen wir genauso wie wir das wollen. Wir planen unsere Shows selbst und spielen unsere Auftritte genauso wie wir das wollen. Der Rest ist Verschwörungstheorie, bestenfalls…

Wie bewertest du selbst das Format?
Ich schaue gar kein Fernsehen. Und wenn ich mal eine Ausnahme von dieser Regel mache, dann bestimmt nicht für die Nachmittagsformate der privaten Sender! War das deutlich genug?

Ihr habt mehrfach verlauten lassen, dass ihr in euren Planungen den aktuellen Veröffentlichungen schon immer eine gewisse Zeit voraus seid. Was kannst du uns über die weitere Zukunft von Saltatio Mortis bereits verraten? Wird es eventuell eine weitere Markt-CD geben oder sogar eine DVD von euren Mittelaltershows?
Ja, wir sind schon fleißig am Arbeiten und mit dem Kopf schon wieder im nächsten Projekt. Soviel sei verraten: Es wird bestimmt eine große Überraschung ;-)

Lass uns bitte deine ersten Gedanken zu den folgenden Begriffen wissen:

Mittelalterlich Phantasie Spectaculum –Home Sweet Home
Wer tanzt, stirbt nicht –Steht auf unseren T-Shirts
Alea der Sanftmütige –Bescheiden, wer das glaubt…
Lasterbalk der Lästerliche –So heiße ich…
Damenwahl –Soll’s geben…

Die letzten Zeilen dieses Interviews gehören dir…
Danke an alle, die uns bisher unterstützt haben, und danke all jenen, die immer wieder mit uns feiern. Ich hoffe, wir sehen uns auf der „Sturm aufs Paradies“-Tour!