Review Therion – Con Orquesta

Eigentlich klingt das Ganze wie ein Witz: Die Symphonic-Metal-Pioniere THERION spielen mit Orchester. „Ja, was denn sonst?“, ist man als langjähriger Hörer der Schweden verleitet zu fragen. Wenn es auch meistens aus der Dose kommt – von zwei Auftritten in Rumänien und Ungarn abgesehen, die 17 Jahre her sind –, was wären THERION denn ohne Geigen, Pauken und Trompeten? Wirklich innovativ, das wäre THERION einmal komplett ohne Orchester.

Zumal die Auswahl an Live-Alben in der Diskographie der Band zwar noch nicht MAIDEN’sche Dimensionen angenommen hat, aber doch den Fanhunger nach Livematerial mit Perlen wie „Celebrators Of Becoming“ (2006) oder „Live Gothic“ (2008) durchaus zu stillen weiß. „Live in Atlanta“ ist auch erst 2021 erschienen, zu was braucht es da ein neues Live-Album, mag man sich fragen?

Nun, für Hauptsongschreiber Christofer Johnson liegt die Antwort auf der Hand – bzw. in der Arena: Stolze 11.000 begeisterte Mexikaner in der ausverkauften Arena Ciudad de México, teils in Kutte, teils in festlicher Abendgarderobe sind ein Fakt, den es sich auf Video festzuhalten lohnt. Im Orquesta Sinfónica Nacional de México und dem großen Chor verliert sich die Band fast, und auch bei den Geigern, Klarinettistinnen und Hörnern findet sich die eine oder andere Kutte. Oder Sonnenbrille. Laut Label wurden für die Songs extra von einem renommierten Arrangeur Orchesterpartituren um- oder neu geschrieben, die Songs sollen also in einem völlig neuen Licht erstrahlen beziehungsweise erklingen. Das klingt spannend, die Location ist beeindruckend, Publikum und Orchester sind bestens gelaunt. Was soll da schiefgehen?

Um diese Frage zu beantworten, müsste man das Orchester allerdings hören können. Leider ist es dermaßen in den Hintergrund gemischt, dass gar nicht auffällt, was die neuen Versionen der Songs jetzt so anders macht. Dabei ist auf der anderen Seite hervorzuheben, was für einen eindrucksvollen und hochklassigen Backkatalog THERION mittlerweile vorzuweisen haben, von dem andere Bands nur träumen könnten. Die Rückschau umfasst dabei das noch aktuelle Album „Leviathan III“, aber ebenso das über alle Maßen unterhaltsame Chanson-Cover-Album „Les Fleurs Du Mal“ – und natürlich auch die „Theli“ und „Secrets Of The Runes“-Ären. Dabei hat man den einen oder anderen Song schon mal eindrucksvoller gehört; der Überhit „Son Of The Staves Of Time“ ist ohne Mats Levén einfach nicht derselbe. Nur bei vereinzelten Songs wie dem Klassiker „The Rise Of Sodom And Gomorrah“ wird dem Orchester vom Soundmenschen gestattet, in den Vordergrund zu treten. Der Anknüpfungspunkt ist also eher eine harmlose Version von METALLICAs „S&M“ als eine wirklich Neuinterpretation und Neuarrangierung bekannter Songs, wie sie immer noch am eindrucksvollsten RAGE auf ihrem legendären „Lingua Mortis“ vollführten.

Das alles ist dem Publikum und dem mitmoshenden Orchester (!) herzlich wurscht. Im Gegensatz zur etwas hüftsteif agierenden Band auf der Bühne feiert Mexiko an diesem Abend die Schweden gnadenlos ab und hat einen Heidenspaß. Die Showeinlagen auf der Bühne sind kaum der Rede wert (eine rote Rose hier, ein paar Guitar-Hero-Posen da), aber die Stimmung passt. Man schaut gerne zu … wenn man die DVD anschaut. Ob es die beiliegende Live-CD und damit nur die Audiospur braucht, mag jeder Fan für sich entscheiden. Ohne den Anblick der zufrieden feiernden Mexikaner und der eindrucksvollen Halle mit headbangendem Orchester gibt es kaum einen Grund, jetzt genau diesem Live-Album den Vorzug vor den anderen Alben zu geben. Ein schöner Abend, aber eine vergebene Chance. Schade eigentlich.

 

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Wertung: 6.5 / 10

Redaktion Metal1.info

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Ein Kommentar zu “Therion – Con Orquesta

  1. Das empfinde ich ganz genauso: schade… sehr schade! Mittlerweile würde ich mir mal wünschen, dass die ihre Schrammelfraktion ganz zu Hause lassen. Wie jemand, der so auf Orchester steht wie Johnsson, das so in den Hintergrund treten (lassen) kann, ist mir schleierhaft.
    Und auch da kann ich Wenzel nur zustimmen: Vielleicht die beste Melange aus Metal und Orchester servierten Rage mit XIII. (Punkt!) Schön, dass das noch jemand so sieht.

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