Review Van Canto – Dawn Of The Brave

Was hatten wir damals alle gelacht. VAN CANTO, das war eine lustige Idee, die für ein wenig Spaß und Abwechslung sorgt, aber doch kein Projekt für einen längeren Zeitraum. So dachten damals nicht wenige. Heute liegt das fünfte Album der deutschen A-Capella-Metaller vor, und siehe da: Man ist weder schwächer noch leiser geworden, sondern hat in akribischer Kleinarbeit das eigene Konzept behutsam und kontinuierlich weiterentwickelt. Vorhang auf für „Dawn Of The Brave“.

Auf den ersten Blick hat sich nicht so viel geändert: Immer noch ist das einzige „echte“ Instrument das Schlagzeug, alle anderen Klänge werden ausschließlich durch Stimmbänder erzeugt. Bei den „Leadsängern“ im klassischen Sinne setzt VAN CANTO zudem auf Kontinuität: Auch auf „Dawn Of The Brave“ hören wir die vertrauten Stimmen von Inga und Sly, die zwar nicht alleine den Ton angeben, aber für die Melodieführung wesentlich verantwortlich sind. Die anderen Sänger ahmen mit ihren Stimmen wahlweise Gitarrensounds und Bassspuren nach (sehr markant auf „Paranoid“), haben inzwischen aber eher klassischen A-Cappella-Passagen mit aufgenommen, in denen einzelnen Töne gesungen werden („Badaboom“) oder auch der Refrain mehrstimmig verstärkt wird („Into The West“). In dieser Hinsicht ist auf „Dawn Of The Brave“ sicher die bisher größte Vielfalt zu finden.

So sieht es auch beim Songwriting aus. Es gibt dieses Mal vier Coverversionen und neun Eigenkompositionen, sodass neben den partytauglichen Coversongs auch die eigenen Kompositionen viel Raum bekommen. Die sind abwechslungsreich geraten: Recht straighte Power-Metal-Nummern („Fight For Your Life“), stampfende Ohrwürmer („Unholy“) und fast schon groovende Songs („Steelbreaker“) wechseln sich mit beachtlichen Balladen („The Other Ones“) und sogar modernen Einschüben („The Awakening“) ab. Gut gemacht, VAN CANTO!

Dasselbe kann man nur mit Abstrichen von den Covern auf „Dawn Of The Brave“ behaupten. Zwar sind „Final Countdown“ und „Holding Out For A Hero“ gelungene Interpretationen, für mehr als ein einmaliges Schmunzeln reicht es aber bei Weitem nicht aus. Die einzige Ausnahme stellt die wunderbare Neuinterpretation von „Into The West“ aus dem Soundtrack des dritten Teils von Peter Jacksons Verfilmung des Herrn der Ringe dar, die ganz wunderbar emotional geraten ist.

Und so scheint sich langsam das Verhältnis umgekehrt zu haben – hörte man früher VAN CANTO vor allem wegen der partytauglichen Coverversionen und um sich über das ungewöhnliche Konzept zu freuen, so ist inzwischen der Bereich der Eigenkompositionen das eigentliche Herzstück und die Coverversionen sind nur Ergänzung. Die Band wird es freuen, denn so war es immer gedacht; für uns ist es eine kleine Umstellung, die sich aber zu vollziehen lohnt – denn „Dawn Of The Brave“ ist ein wunderbar abwechslungsreiches Power-Melodic-Album, mit vielen starken Melodielinien und treffsicheren Hooklines.

Wertung: 8.5 / 10

Publiziert am von Marc Lengowski

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