Interview mit Stefan von Van Canto

Spätestens mit ihrem vierten Album „Break The Silence“ sind die A Capella-Metaller VAN CANTO so richtig angekommen und erfahren gerade durch ihre Einzigartigkeit immer mehr Akzeptanz. Darüber, über das neue Album und mehr sprach mit uns Bandgründer, Solo- und „RakkaTakka“-Sänger Stefan.

Servus! Euer neues Album ist nun schon zwei Monate raus. Wie geht es euch inzwischen, hat sich der Stress und die ganze Promoarbeit um die Veröffentlichung schon einigermaßen gelegt?
Es geht uns gut, und ja – der Stress hat sich etwas gelegt. Das war schon relativ viel, zumal ja direkt nach der Veröffentlichung auch unsere Europatour anstand und wir erst danach mal zum Durchatmen kamen.

Ich finde, „Break The Silence“ ist euer bisher bestes und reifstes Album, man merkt deutlich, wie ihr immer mehr Erfahrung in die eigenen Lieder einfließen lasst. Wie ordnest du das Album selbst ein, wie siehst du euren Fortschritt aktuell?
Ja, mit etwas Abstand würde ich das genau so sagen. Es ist definitiv das Album, was die größte Bandbreite hat und am meisten zeigt, was man mit der Stimme alles machen kann. Es spricht auch sehr viele unterschiedliche Hörer an, braucht aber wahrscheinlich etwas länger, um zu zünden. Nach drei Alben kann man sich als Band auch leisten, mal ein etwas schwerer zu verdauendes Album zu schreiben, als Debüt wäre „Break The Silence“ wahrscheinlich nicht so gut gewesen.

Würdest du nun, mit einigem Abstand, an dem Album gerne das ein oder andere verändern oder verbessern wollen?
Eigentlich nur Kleinigkeiten wie eine andere Songreihenfolge hier und da und vielleicht mal eine Chorstimme mehr. Ansonsten finde ich es auch vom Sound wirklich gelungen. Ich bin stolz auf das Album und ich denke, dieses Gefühl hat jeder in der Band.

Mit „Neuer Wind“ habt ihr zum ersten Mal einen deutschen Text auf dem Album. Wie kam es dazu und ist in Zukunft mehr in der Richtung geplant?
Wir machen nicht so die großen Masterpläne, sondern warten einfach ab, was die Inspiration bringt. Momentan sind wir nicht im Songwritingmodus, von daher kann ich dazu noch gar nix sagen.

Inga kommt auf „Break The Silence“ weit mehr zum Einsatz als bisher, das find ich wirklich gut! War das von vornherein so geplant?
Auch das hat sich eher ergeben. Es war auch auf „Tribe of Force“ nicht die Absicht, Inga zurück zu nehmen. Das ergibt sich einfach während dem Songwriting. Manchmal entsteht ein Song, der eher auf Sly passt, manchmal einer für Inga und manchmal einer, der nur funktionieren kann, wenn beide gleichberechtigt singen, wie bei „The Higher Flight“.

Mein Favorit auf dem Album ist gerade eben „The Higher Flight“, vor allem wegen den großartigen Gesangsharmonien. Habt ihr auch selbst Lieblingslieder?
Das wechselt. Heute würde ich „Neuer Wind“ und „The Higher Flight“ nennen, morgen vielleicht schon wieder einen anderen.

Ich bin nach wie vor immer wieder schwer beeindruckt von den gesungenen Gitarrensoli. Wie entstand die Idee, das so zu machen und wie merkt man, dass man das kann? Ist es vom Prinzip her etwas völlig anderes als das normale Singen?
Ja, das ist was völlig anderes und man merkt beim Singen dann erst mal, wie viel Gitarrist doch in einem steckt. Ich denke, jeder etwas bessere Sologitarrist kann seine Solos „vordenken“ in dem Moment wo er sie spielt. Das heißt, auch wenn du improvisierst, weißt du ja als Gitarrist, was gleich kommen soll. Die Übersetzung dieses Vordenkens in Gesang ist einfach nur eine andere Ausdrucksweise.

Wie läuft das bei euch mit dem Songwriting ab: „Denkt“ man sich die Melodien, wie sie mit echten Instrumenten klingen würden, oder habt ihr da dann direkt die A Capella-Version im Hinterkopf?
Eigentlich komponieren wir normale Metalsongs und „übersetzen“ diese dann auf unseren Stil. Aber auf „Break The Silence“ sind zum ersten Mal auch Teile, die direkt gesungen komponiert wurden, wie das Intro zu „If I Die in Battle“ oder der Hauptriff von „The Higher Flight“.

Als ihr angefangen habt, wart ihr auf eurem Gebiet einzigartig. Gibt es inzwischen schon Nachahmer, von denen du weißt?
Nein, bisher nicht.

Habt ihr anfangs auch versucht, das Schlagzeug A Capella umzusetzen?
Nein. Wir kommen alle aus Metalbands, da ist es schwer, sich Kompositionen vorzustellen, die eher discomäßige Beatboxsounds als Basis haben.

Habt ihr vor, in Zukunft noch weitere echte Instrumente – wie diesmal Akustikgitarre und Piano – in die Lieder einzubauen und das damit zu erweitern?
Ich glaube eher nicht. Ich finde es okay für ein oder zwei Songs, sowas zu probieren, gerade wenn es Balladen sind. Ansonsten soll man uns schon als Metal A Cappella Band wahrnehmen.

Interessant fände ich, einige der bekannten Van Canto-Songs mit echten Instrumenten statt A Capella zu hören. Was hältst du von so einer Idee, gab es in diese Richtung schon mal Gedankenspiele?
Ich fänd das auch total interessant, für mich würde es aber nur Sinn machen, unseren Song dann von einer anderen Band gecovert zu hören.

Eine Huhn-oder-Ei-Frage: Was war zuerst da, der Coversong oder der Gastsänger?
Im Falle von „Rebellion“ und „Primo Victoria“: Erst der Song, dann die Frage, ob sich der Gastsänger beteiligen will.

Haben die Cover für euch noch den gleichen Stellenwert wie vor ein paar Jahren? Damals haben sie euch sicher geholfen, bekannter zu werden, meiner Meinung nach können sie diesen Zweck zumindest nicht mehr erfüllen.
Das hast du gut beobachtet. Ist aber auch schwer, wenn man „Master of Puppets“ und „Fear of the Dark“ gecovert hat, da bleibt ja nicht mehr viel ;-)

Wie wählt ihr aus, welche Songs ihr neu interpretiert? Ist der Songwriting-Prozess beim Umarrangieren ein ganz anderer als bei einem eigenen Lied?
Ja, auf jeden Fall. Weil man ja immer eine Version hat, an die man „rankommen“ muss. Manchmal, z.B. bei „Master of Puppets“ oder „Wishmaster“ wollten wir auch so nah wie möglich ans Original. Bei anderen, z.B. „Fear of the Dark“ oder „Primo Victoria“ merkst du schnell, dass das eh nicht klappt und arrangierst deswegen direkt eine „neue“ Version.

Im Grunde mag ich eure Coverversionen ja schon, aber den „Bard’s Song“ kann ich euch nur schwerlich verzeihen! Bei euch fehlt mir die Ruhe, die Atmosphäre des Originals. Verteidige dich! ;)
Gegen Empfindungen lässt sich nicht argumentieren. Ich bin immer noch glücklich mit unserer Version, auch wenn man hier sicher zugeben muss, dass das Original einfach schwer zu toppen ist.

Als Vorgruppe von Blind Guardian hab ich euch 2010 zum ersten Mal live gesehen und da gab es schon noch viele fragende Gesichter. Wie sieht es aus eurer Sicht aus, was Bekanntheit und Akzeptanz euch gegenüber in der Szene angeht?
Also über mangelnde Bekanntheit können wir uns glaub ich nicht beschweren. Gerade bei den Blind Guardian-Gigs kamen wir viel besser an als erwartet. Normalerweise interessiert man sich nicht für Vorbands, wenn man alle vier Jahre die Chance hat, Blind Guardian zu sehen, bei uns war das anders und zwar im positiven Sinne.Was die Akzeptanz angeht: Mit der steigenden Bekanntheit steigt auch die Zahl derer, die nix mit uns anfangen können und das auch kundtun. Unsere Fanzahl steigt aber auch stetig und so ist das denke ich in Ordnung. Besser als in einer Band zu spielen, gegen die keiner was hat, wo aber auch keiner auf ein Konzert kommt.

Beim Christmas Metal Festival in Geiselwind steht ihr unter anderem mit Blind Guardian und Grave Digger auf der Bühne. Habt ihr dort was besonders vor? Kann man da vielleicht auf eine Überraschung bei eurem Auftritt hoffen?
Weiß ich noch nicht, ich glaube auch nicht, dass wir das entscheiden können, haha.

Als großer Blind Guardian-Fan interessiert es mich natürlich: Wie kam der Kontakt und die Zusammenarbeit mit der Band zustande? Hat sich da inzwischen vielleicht schon sowas wie eine Freundschaft entwickelt?
Freundschaft ist ein großes Wort, das kann ich so nicht sagen. Es ist auch eine besondere Situation, weil wir – und ich im besonderen Maße – einfach riesige Blind Guardian-Fans sind. Das lässt sich dann nicht so einfach abstreifen, ein gewisses Maß an Distanz ist dann immer da. Aber umso stolzer sind wir dann, wenn Hansi oder Marcus Gastbeiträge liefern oder ich als Chorsänger bei Blind Guardian mitsinge. Wir sind sehr froh, die Band kennengelernt zu haben und sind besonders froh, dass sie noch netter und unkomplizierter sind, als man sich das als Fan vorgestellt hat.

Sehr cool fand ich auch euren kurzen Auftritt auf dem letzten Tarja-Album. Wie kam es dazu und wie lief das ab?
Tarja hat uns auf dem Metal Female Voices Festival angesprochen und dann haben wir einfach gemeinsam drauf los komponiert. Aufgenommen haben wir unsere Parts dann in meinem Studio. Wir sind superstolz, dass das Ganze dann sogar der Opener auf dem Album wurde.

Auf „Break The Silence“ gibt es noch drei Bonustracks, die mir leider nicht vorlagen. Magst du dazu noch etwas erzählen? Vor allem die Zusammenarbeit mit dem Orchester klingt interessant.
Das ist das zweite Mal, dass wir mit Orchester arbeiten. Stimme und Orchester funktioniert einfach hervorragend, das weiß man ja schon seit Jahrhunderten. Dann gibt’s mit „Bad to the Bone“ noch ein Cover und mit „A Storm to Come“ eine Vorschau auf unser Transmediaprojekt Peer Returns.

Lass uns zum Schluss kommen mit dem Metal1.brainstorming. Was denkst du bei…
Apocalyptica: Dass ich froh bin, dass wir entgegen der Meinung aller Plattenfirmen nicht mit einem reinen Coveralbum gestartet haben.
Thomas Gottschalk: Der Metallica der Showmaster.
Stromberg: Glücklicherweise denke ich hierbei nicht an den Büronazi, sondern zuerst an meinen Heimatort in Rheinland-Pfalz.
Chuck Norris: Fängt Plektren bei Van Canto-Gigs.
Videospiele: Halten einen vom Komponieren ab, deswegen nix für mich.
Kino: Zwei- bis dreimal im Jahr, dann gerne mit viel Chips.
Metal1.info: Eines der bisher interessantesten Interviews zu „Break The Silence“. Danke!
Van Canto in zehn Jahren: Die erste Metal A Cappella Band der Welt, die auf allen Kontinenten getourt hat.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast! Die letzten Worte gehören dir.
Rakkatakka Motherfucker!

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