Interview mit Stefan Schmidt von Van Canto

VAN CANTO haben mit „To The Power Of Eight“ bereits ihr achtes Studioalbum veröffentlicht. Mit ihrem Metal-A-Capella-Konzept hat die Band ihre ganz eigene Nische gefunden und besetzt sie weiterhin alleine. Bandgründer und Rakkatakka-Vokalist Stefan Schmidt spricht mit uns über die Einzigartigkeit von VAN CANTO, die Rückkehr von Sänger Sly und verrät seine letzten Zeitreisepläne.

Hallo Stefan, wie geht es dir und euch in den Wochen nach dem Release eures neuen Albums?
Uns geht es gut, danke. Das Album ist jetzt seit drei Wochen auf dem Markt, wir haben tolle Rückmeldungen bekommen und sind auch mit diesem Album wieder in die Top 50 der Charts eingestiegen.

Genauer gesagt habt ihr mit „To The Power Of Eight“ Platz 45 in den deutschen Albumcharts erreicht. Was bedeutet euch eine solche Platzierung?
Das ist schwer zu sagen. Zum ersten Mal sind wir mit unserem dritten Album in die Charts eingestiegen, auf Platz 83. Danach konnten wir alle Alben in den Top 50 platzieren, „Dawn Of  The Brave“ sogar in den Top 20. Auf der einen Seite ist es schon eine tolle Bestätigung, vor allem in dieser Konstanz, auf der anderen Seite aber natürlich auch nicht wirklich wichtig. Uns war schon immer wichtiger, dass wir auf der Bühne merken, dass die Leute uns hören wollen.

Wie hat die Coronazeit euer Bandleben verändert und damit auch die Entstehung und Produktion des Albums beeinflusst?
Es gab sozusagen kein Bandleben. Wir sind ja so oder so eine Band, die vor allem vor Konzerten und Touren zusammenkommt, um zu proben. Von daher bestand die Coronazeit eher aus der Albumproduktion und „einen nach dem anderen“ aufzunehmen.

Wie zufrieden seid ihr mit den Reaktionen auf das Album und wie zufrieden seid ihr selbst, kurz nach der Veröffentlichung und mit etwas Abstand zur Produktion, damit?
Ich persönlich bin mit dem Album sehr zufrieden, ich finde es auch mit etwas Abstand unser rundestes Album. „Tribe Of Force“ war das inspirierteste Album, weil wir da alles zum ersten Mal gemacht haben mit dem Wissen, dass wir eine richtige Band sind und Fans haben, die auf unseren Output warten. „Voices Of Fire“ ist das musikalisch anspruchsvollste Album, auf das ich auch sehr stolz bin. Und „To The Power Of Eight“ ist das Album, das am besten alles zeigt, was VAN CANTO ausmacht.

Acht Eigenkompositionen, acht Musiker, achtes Album, auch im Albumtitel finden wir die Acht. Hat die Zahl für euch eine besondere Bedeutung oder bot sich das jetzt einfach an für den Titel?
Eher letzteres. Die Acht kam so oft vor, dass wir entschieden haben, sie auch als Motiv für den Albumtitel zu nehmen.

Welche Bedeutung und Verbindung hat das Albumcover zum Titel und warum zieht gerade Inga das VAN-CANTO-Schiff an Land?
Unsere Artworks haben nie wirklich unfassbar tiefe Bedeutung. Wir verstehen das Artwork, auch die Fotos, eher als visuelle Begleitung für die, die sich 45 Minuten hinsetzen und ein komplettes Album hören. Man kann immer mal wieder was darauf und darin entdecken. Dass Inga das Schiff zieht, hat auch keine tiefere Bedeutung, sah aber unserer Meinung nach einfach am besten aus.

Hagen ist nun auf seinem zweiten Album der männliche Leadsänger. Was hat sich durch ihn in der Band, im Songwriting und im Sound verändert? Vor allem fallen hier natürlich die Growls auf.
Wir sind viel variabler geworden nach oben und nach unten. Hagen hat eine sehr breite „Range“ und viele Facetten von sanft bis ultrahart und in Kombination mit Inga, und jetzt eben auch mit Dennis, standen uns für dieses Album einfach alle Möglichkeiten offen.

Sly ist nach seinem Ausstieg 2017 bei allen zwölf Songs als Gastsänger dabei. Wie kam das zustande, wie war das Gefühl, wieder mit ihm an neuer Musik zu arbeiten?
Für mich persönlich war das toll, wir sind ja nicht nur „Ex-Bandkollegen“, sondern Freunde. Von daher war der Kontakt ja immer vorhanden und während der Aufnahmen hat sich das einfach angefühlt wie immer. Kompositorisch war das natürlich toll für mich, auf drei tolle Leadsänger vertrauen zu dürfen. Ohne Corona wäre vielleicht nicht genug Zeit gewesen, Dennis auf allen zwölf Songs einzubinden, von daher war das etwas Positives für uns an der ganzen Sache.

Gibt es bezüglich Sly schon irgendwelche Pläne oder Überlegungen für die Zukunft?
Nein, die Gründe, warum er nicht mehr als professioneller Full-Time-Musiker durch die Welt touren kann und möchte, haben sich ja nicht geändert. Wir sind einfach sehr froh, dass er mitgemacht hat, und live bekommen wir das alles auch zu siebt oder mit anderen Spontangästen sehr gut hin.

Du hast auf YouTube den sehr interessanten „How To Create A VAN CANTO Song“-Workshop veröffentlicht. Wie ist die Idee dazu entstanden?
Wir haben einfach oft ähnliche Fragen zum Entstehungsprozess unserer Musik bekommen, so dass wir dachten, es ist vielleicht ganz schön, wenn wir das mal detailliert erklären. Die Fragen kommen aber immer noch genau so oft wie zuvor (lacht).

Am Ende des Workshops sagst du, es wäre interessant, wenn Bands mit Instrumenten eure Songs interpretieren würden, was eine echt coole Sache wäre. Könntest du dir bestimmte Bands für gewisse Tracks vorstellen?
Oh ja. Ich hätte gerne “From The End” von Blind Guardian gecovert, “If I Die In Battle“ von Manowar und „Hardrock Padlock“ von Europe.

Photo Credit: Tim Tronckoe

Textlich geht es bei VAN CANTO meist um den Glauben an die eigene Stärke. Werden hier auch persönliche Erfahrungen und Gefühle verarbeitet?
Ja und nein. Ich sag immer, dass nicht zwangsläufig gleich sein muss, was wir in die Texte reindenken und was ein/e Hörer/in raushört. Ich persönlich schreibe die Texte schon auch zur Eigenmotivation. Ich baue mich also selbst damit auf, wähle aber das „Du“ als Ansprache und freue mich, wenn auch andere was Positives aus den Texten ziehen können.

„Neuer Wind“ war damals ein durchaus motivierendes Lied in einer persönlichen Umbruchsphase und hat mir gerade auch mit den deutschen Vocals sehr gut gefallen. Warum gab es seitdem kein deutsches Lied mehr von euch, könnte es so etwas mal wieder geben?
„Neuer Wind“ war ein textlicher Volltreffer, ich würde sagen, dass es neben „Heads Up High“, „Higher Flight“ und „Lost Forever“ der beste Text ist, den ich in meinem Leben geschrieben habe. Und da es der einzige deutsche ist, ist er auch für mich was Besonderes. Ich hatte es immer mal wieder probiert und zum Beispiel mit der Bonus-CD zu „Voices Of Fire“, den deutschen „Bardenliedern“, ja auch wieder was Deutsches getextet. Aber das sind eben eher kleine, vertonte Gedichte. Ich würde niemals nie sagen, aber „Neuer Wind“ war schon was Besonderes, anscheinend.

In „Turn Back Time“ singt ihr, dass ihr die Zeit nicht zurückdrehen würdet, wenn ihr könntet. Gibt es dennoch etwas, wofür du die Zeit zurückdrehen würdest oder was du rückblickend gerne anders gemacht hättest?
Natürlich denkt man manchmal, nachdem man bestimmte Erfahrungen gemacht hat: „Oh, hätte ich das schon früher gewusst, hätte ich das vielleicht anders gemacht.“ Auf der anderen Seite unterschätzt man vielleicht, welche langfristig positiven Folgen auch auf den ersten Blick negative Erfahrungen nach sich ziehen. Von daher stimme ich eher mit dem Text überein und sage, dass ich die Zeit nicht zurückdrehen möchte, selbst wenn ich es könnte.

Neben den acht Eigenkompositionen gibt es diesmal ganze vier Coverversionen, davon macht vor allem „I Want It All“ wahnsinnig viel Spaß. Nach welchen Kriterien werden die zu covernden Lieder ausgewählt?
Sie müssen uns Spaß machen und vor allem der jeweilige Hauptleadsänger braucht eine starke Beziehung zum Original. Wir haben jetzt schon zu jedem der vier Cover gehört, das dieses ganz besonders toll und jenes ja eine absolute Gotteslästerung darstellt, und zwar in allen Kombinationen. Von daher können wir ja nur danach auswählen, was uns gefällt, denn dass alle „Hurra“ schreien gibt es bei VAN CANTO generell nicht.

Es kommen also immer noch verärgerte Reaktionen von Fans, die das Gefühl hatten, ihr macht euch über das Original lustig.
Ja, entweder von denselben, die immer noch nicht verstehen können, dass es die Band noch gibt, obwohl SIE uns doch scheiße finden – Frechheit! – der eben von Leuten, die uns bisher nicht kannten und die sich trotzdem hervorragend empören können.

Wie geht ihr darüber hinaus mit fiesen oder beleidigenden Kommentaren auf Social-Media-Plattformen um?
Wir probieren, sie nicht zu lesen. Wenn doch, kurz ärgern, schnell dran erinnern dass alles gut ist und wir stolz auf uns sein können, dann weiterscrollen und einen netten Kommentar lesen und dann schnell das Internet ausschalten (lacht).

Zu Beginn eurer Karriere haben Coverversionen euch mitgeholfen, schnell Bekanntheit zu erlangen. Sind Coverversionen noch „nötig“ oder habt ihr einfach immer wieder Bock drauf, neue Sachen zu covern?
Ich glaube nicht, dass sie „nötig“ sind, aber für uns sind sie Teil von VAN CANTO, funktionieren auch live super und sind vor allem immer wieder Ansporn, die Ansprüche an die Eigenkompositionen hochzuhalten. Wir packen die Cover ja nicht als Bonustracks ans Ende der Scheibe, sondern mischen sie in die eigenen Songs mit rein. Und dann muss man sich schon strecken, wenn man gegen Iron Maiden oder Metallica nicht abkacken will (lacht).

Gibt es auch Lieder, an die ihr euch nicht herantraut oder sogar welche, die ihr probiert habt neu zu interpretieren und das einfach nicht funktioniert hat?
Hmm, da müsste ich jetzt, glaub‘ ich, nachdenken. Wir haben bestimmt Ideen gehabt, die wir wieder verworfen haben, aber wenn wir mit den Aufnahmen anfangen, ziehen wir es auch meistens durch.

Bisher habt ihr mit „Falling Down“, „Raise Your Horns“, „Faith Focus Finish“ und „Dead By The Night“ bereits vier Videos vom neuen Album veröffentlicht. Wie läuft der Auswahlprozess dazu und hat Napalm Records hierauf Einfluss?
Wir besprechen unsere Auswahl schon mit unserem A&R Nadir, aber meistens – auch dieses Mal – gingen unsere Vorschläge zu hundert Prozent durch. Wir wollten zuerst einen Song zeigen, in dem alle drei Leadsänger zu hören sind, dann ein Cover und dann einen „möglichst“ typischen VAN-CANTO-Song.

Ihr spielt oft live, könnt jetzt das Album leider noch nicht auf der Bühne promoten. Wie sehr fehlen euch Konzerte und der direkte Kontakt zum Publikum?
Sehr.

Liveshows sind hoffentlich bald wieder möglich. Habt ihr diesbezüglich schon konkrete Pläne? Habt ihr mal an Streaming-Shows oder ähnliche Online-Veranstaltungen gedacht?
Streaming-Shows sind schon teilweise cool, aber wir sind hier vielleicht altmodisch und sagen: VAN CANTO hören am besten auf CD, VAN-CANTO-Mitglieder angucken am besten auf einem Musikvideo und VAN CANTO live erleben am besten live.

Photo Credit: Tim Tronckoe

Auch nach 15 Jahren habt ihr mit eurem Stil noch immer eure eigene Nische. Warum kopiert euch niemand oder versucht, etwas Ähnliches wie ihr zu machen?
Das weiß ich nicht. Wahrscheinlich ist das „Etikett“ Metal-A-Cappella einfach recht mächtig und eindeutig mit uns besetzt. Wenn ich „Metal mit Cellos“ sage, sagst du ja auch sofort Apocalyptica und musst nicht überlegen, welche der zehn Cello-Metal-Bands ich wohl meinen könnte. Und außerdem ist das, was wir machen, natürlich nicht total einfach. Beziehungsweise wenn man das auch nur zu zehn Prozent schlechter macht als wir, klingt es halt sofort schlechter, weil man bei Stimmen nicht so viel kompensieren kann. Ich würde mal selbstbewusst sagen, wir haben die Hürde für die Umsetzung einer so komischen Idee offensichtlich ausreichend hoch gesetzt, um Nachahmer abzuschrecken (lacht).

Beenden wir das Interview mit unserem traditionellen Brainstorming. Was kommt dir als erstes in den Sinn, wenn du folgende Begriffe liest?
Zuletzt gehörtes Album: Helloween.
Aktuelle Lieblingsband: Europe.
Sommer: Eigentlich Festivalzeit. Vielleicht 2022 wieder.
Marvel: Comics und Superhelden und so, kenn‘ ich mich nicht aus.
Zeitreisen: Habe gerade heute wieder zu einer eingeladen, es kam aber gestern keiner.
Glaube: Ja und auch viel, aber eher selbst ausgedacht, nicht auf Rezept oder Anweisung.
VAN CANTO in 10 Jahren: 25 Jahre älter als zur Gründung.

Vielen Dank, dass du dir Zeit für dieses Interview genommen hast.

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