Seuche schreibt … – Teil 12

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Amateur-Zen vor dem Sturm

So beschissen sich 2016 auch gibt, so schnell vergeht es immerhin. Ohne näher drauf einzugehen, wir haben jetzt schon Mitte Oktober und Moritz hakt schon ungeduldig wegen einer neuen Kolumne nach. Das kommt davon, wenn aus dem Vorsatz „unregelmäßig mal was schreiben“ ungeplant „monatlich“ wird. Aber gar nicht so wild, ein neues Thema hatte ich schon vor Wochen, ich kam nur wie gewohnt zu nichts. König Prokrastination, ihr kennt das! Fangen wir also mal locker an.

Meine Fresse, was ist eigentlich mit Mischern los??? Gerade in den letzten Wochen muss echt irgendein Unmensch ’ne Dose Vollärsche aufgemacht haben. Barleben „Metal Embrace“: Da stehst Du als Band auf der Bühne, hast bis zu diesem Zeitpunkt und selbst jetzt noch keinen Verantwortlichen um dich gehabt, bist also einfach mal zu angesagter Zeit auf die Bühne gestiefelt, da kommt über die Lautsprecher erstmal gradlinig zur Begrüßung ein im besten Arbeitsamtbeamtentonfall „Geht das auch schneller???“ „Joah, klar, Du Arschloch!“ Das denkt man sich allerdings nur, denn dummerweise hat man es hier gerade mit der fast einzigen Person zu tun, die einem den Gig wirklich schwer machen kann.

Ist ja alles kein Thema, wir sind ja keine Zuckerpüppchen. Als dann allerdings auf Nachfrage nach mehr Monitorsound gebetsmühlenhaft ignorantes „Könnt Ihr Deutsch? Sprecht Ihr auch Deutsch? Deutsch? DEUUUUUTSCH!!!“ auf uns niederbröckelte… Freunde, ich wette, der war kurz davor, noch die Landesflagge rauszuholen… Idiot, ernsthaft! Barleben hat Spaß gemacht, tolles Publikum, Stallion entdeckt und viele Unterhaltungen gehabt, aber der Mischer…

An dem Abend wurde mir dann eine Frage gestellt, die mich ins Grübeln gebracht hat, weil ich mich so noch nie aktiv mit dem Thema beschäftigt habe. Man bekommt ja viele Fragen gestellt. „Lebst Du von der Musik?“, „Wie kommst Du auf die Texte?“ oder auch schön: „Warum bist Du so ein geiler Typ?“ (ernsthaft!). Über notwendige Bodenhaftung und großes Erstaunen über Realitätsverschiebungen soll es aber gar nicht gehen. Es ist viel schlichter die Frage gewesen „Wie bereitest Du Dich eigentlich vor auf den Gig, also wie kommst Du in diesen Zustand auf der Bühne?“faeulnis-sickmidsummer-01Für alle, die nur meine Kolumne lesen, aber keinen Plan von meinen Aktivitäten als Sänger in einer Band haben: Bühne ist für mich das, was für andere der Boxsack ist, die Schlägerei, das Ausrasten. Sobald ich auf die Bühne gehe, legt sich bei mir ein Schalter um und dann geht 45 Minuten alles auf Tunnelblick. „Früher kriegte ich Ritalin, heute Applaus“, wie K.I.Z. mal so schon sagten. Aggressionen raus lassen, das ganze aufgebaute Streßlevel abbauen. „Bis der Kopf platzt“!

„Denkst Du vor dem Gig an was bestimmtes, an etwas negatives, vielleicht sogar eine Person, um so drauf zu kommen?“ So interessant ich die Frage fand, umso schwieriger ist sie zu beantworten. Eine Sache, und wenn ich das erzähle, sind die Leute oft verwundert: Ich bin vor Gigs und manchmal schon Tage davor ausgesprochen nervös. Das äußert sich in Übelkeit, Übelkeit und gerne auch in dem Gefühl kompletten Muskelversagens. Eine meiner Lieblingsfragen an die Kollegen ist es dann auch, ob sie denn vor Gigs nervös und aufgeregt wären. Und da gibt es echt solche und solche.

faeulnis-sickmidsummer-03Vielleicht mag da auch nicht jeder drüber reden, aber erstaunlich viele sind vor Gigs abgefuckt cool. Ein wenig Kribbeln, klar, aber mehr auch nicht. Ich habe allerdings auch einen sehr geschätzten Kollegen, der vor Gigs aufgescheucht wie ein wildes Huhn durch den Backstage rennt. Ich marschiere gerne auf und ab. Und hoffe nahezu jeden ersten Song „Bitte, lass das schnell vorüber gehen“. Wenn es gut läuft, sind wir mitten im Set ohne es zu merken und alles ist „gut“. In Anführungszeichen, denn es ist schwierig, das Gefühl eines Gigs in Worte zu fassen. „Spaß“ ist da auch so ein Wort.

Es ist am Ende tatsächlich so, „ein guter Fäulnis-Gig“ ist das Resultat daraus, dass es mir persönlich gerade überhaupt nicht gut geht, also der Grad an natürlicher Abgedrehtheit relativ hoch ist. Es gab auch Gigs, an denen ich echten Spaß hatte, allerdings so locker drauf war, dass das, was eben einen guten Gig bei uns ausmacht, verloren ging. Ironie des Schicksals.

Jeder Gig lebt natürlich immer von einem starken Zusammenspiel zwischen Band und Publikum. Du kannst den Gig Deines Lebens spielen, wenn das Publikum keinen Bock hat, ist die Atmo bei Null. Der Grad von „sich fallen lassen“ muss auf beiden Seiten stimmen, das gilt für andere Genres genauso. Nehmen wir mal Stallion oder Evil Invaders, geiler Oldschool Heavy Metal. Da geht es nicht um negative Gefühle, da geht es ums „abgehen“, da lässt man sich auch fallen und wenn die Truppe auf der Bühne vor Spielfreude nur so hochpumpt, das Publikum mitgeht, dann kann eine Atmosphäre entstehen, die alles zum bersten bringt.faeulnis-sickmidsummer-02Ich will jetzt nicht mit „kathartisch“ kommen, das klingt so hochgeschwurbelt. Ein Gefühl der Zufriedenheit aufgrund totaler Erschöpfung. Das ungefähr trifft es, was mich immer wieder auf die Bühne treibt, obwohl ich, und das muss ich in dieser Deutlichkeit echt zugeben, die Zeit vor jedem Gig hasse, ich kurz vorher am liebsten wieder nach Hause fahren würde und auf der Bühne regelmäßige Schwindelanfälle und Aussetzer bekomme. So, das war mein kleiner Striptease heute dazu. Nein, ich denke an nichts bestimmtes. Ich versuche, vor dem Gig alles fallen zu lassen, irgendwie halbwegs bei mir selbst zu sein. Amateur-Zen. Und irgendwie hoffen, während des Auftrittes nicht zusammenzuklappen.

Kleine Mischer-Story noch zum Abschluss, zur Auflockerung? Vielleicht ließt er ja mit! Samstag haben wir in Mülheim gespielt. Wir haben schon mit dem schlimmsten gerechnet, keiner kommt, was auch immer. Unser klassisches Wochenend-Dilemma: Zwei Gigs, einer wird geil, der andere floppt. Würzburg hat Freitag halt schon enorm vorgelegt! Um Schlag 19.00 Uhr Einlass und es kamen die Leute und es wurde immer voller. Wer allerdings auch erst um 19.00 Uhr kam: Der Mischer. Und der hatte die Ruhe weg. Und musste noch die Bühne aufbauen. Von Soundcheck natürlich noch keine Rede. Wollte sich aber partout nicht helfen lassen. War sogar in erstaunlichem Maße unwirsch, dass man überhaupt mit ihm redete. War dann auch irgendwann einfach mal weg. Fernsehen oder so. Als wir dann dran waren, fehlte vor einer Gitarrenbox ein Mikro. Der Mischer? Vermutlich gerade mit Hand in der Hose im Stream. Hat aber, das muss man ihm lassen, einen guten Sound gemacht. Aber so eine dreiste Personifizierung von Null-Bock habe ich auch selten erlebt. Mülheim war trotzdem geil!

Party on, Wayne
//Seuche


SeucheSeuche. Jahrgang ’80, Biertrinker, Punker, 24/7-Musik-Konsument, loses Mundwerk, „hat Maiden ’92 live gesehen“. Fronter bei FÄULNIS, Basser bei BLACKSHORE. Für Metal1.info schreibt er an dieser Stelle in unregelmäßigen Abständen über Musik, die Szene und was ihm sonst so durch den Kopf geht – wie er es selbst auf den Punkt bringt „bissig, zynisch und eben nicht auf Eierkuchen aus“.

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2 Kommentare zu “Seuche schreibt … – Teil 12”

  1. Tim

    Es ist ja wohl hoffentlich nicht von Mülheim an der Ruhr die Rede!!! *schrei….Dann wär ich echt pissig. Warte schon das ganze Jahr auf einen Gig in der Nähe!!!! Auf jeden Fall hab ich von jener Nervosität während des Gigs noch nichts gemerkt.

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