Seuche schreibt … – Teil 13

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Kick it like Fenriz

Letzte Woche rief mich mein Kollege an und fragte, ob ich Interesse hätte, mit ihm im Wald zu übernachten. Mit allem Drum und Dran: Feuer, Futter, Schnappes. Anfang November. Manche Leute haben auch einfach nicht mehr alle beisammen. Klar habe ich zugesagt.

Irgendwann um zwei Uhr nachmittags ging es los. Der Kollege stand mit 20 kg Marschgepäck vor meiner Tür, ich hatte noch gar nicht angefangen zu packen, in der Hoffnung, aufgrund der feuchten Wetterlage der ganzen Aktion zu entkommen. Aber das wäre, wie sagt die Jugend so schön, lame gewesen. Also den guten alten Rucksack aus dem Keller geholt, Schlafsack, Isomatte, Messer, Pfeifchen und ´ne Dose Ravioli eingepackt. Um es vorwegzunehmen, ich war am naivsten gerüstet, der Kollege allerdings auch gegen einen Kriegsausbruch gewappnet.

Aufbruch. Meine Stammleser wissen, ich lebe mittlerweile in der Pampa, Ostwestfalen, unser kleines Häuschen liegt direkt am Waldrand. Also ab durch den Garten, über die Hecke und querfeldein. Beziehungsweise bergauf. Hier geht es ja immer, wirklich immer nur bergauf.

Irgendwohin, weit weg von allem.

Wirklich weit laufen wollten wir nicht, so dass wir nach vielleicht einer halben Stunde unser perfektes Lager gefunden hatten. Weit ab vom Weg, umgeben von Bäumen, jeder Schritt vom Knacken der Äste begleitet.

seuche-im-wald-1Lagerbau: Der wahrscheinlich unspektakulärste Teil des Tages. Um gegen Wind und Wetter halbwegs geschützt zu sein, ein Zelt hatten wir nicht dabei, bauten wir aus zwei Planen jeweils zwei Windschutzvorichtungen. Zwei Ecken in einem Meter Höhe am Baum befestigt, die am Boden liegenden Ecken gespannt und mit selbstgeschnitzten Heringen befestigt. Ich kam mir jetzt schon vor wie Rüdiger Nehberg.

Feuer: Während die meisten Aktivitäten geordnet in Episoden aufgeteilt werden könnten, war das Kapitel Feuer ein sich über das gesamte Spektakel ziehendes Ereignis. Während ich bei meiner Vorbereitung froh sein konnte, nicht noch meine Jacke zu Hause liegen gelassen zu haben, war der Kollege mit Handsäge und Beil gut gerüstet. Wie viel Holz braucht man für, sagen wir mal, ca. zehn Stunden plus? Ich weiß es nicht. Also gesägt, gehackt und gespalten, was das Zeug hält.

Es wurde langsam dunkel und ich erinnerte mich an meinen letzten Ausflug. Es wurde also Zeit, ein Feuer zu machen. Mit kleinen Ästen, Feuerstahl und… einem aufgeribbelten Tampon. Wer, wenn nicht wir, war auf die kommende Zombie-Apokalypse vorbereitet?! Und es funktionierte. Vor allem, weil ich einfach nur daneben stand und lediglich meine erste Pfeife stopfte.

Ich rauchte, das Feuer brannte, beste Gelegenheit für den ersten Schluck. Jim Bean mit Cola. Man unterhielt sich. Vor allem über die psychologische Wirkung von Lagerfeuer. Immer wieder unterbrochen von der Notwendigkeit, mehr Feuerholz ranzuschaffen. Viel Arbeit. Aber Arbeit, das wurde mir klar, die in einem ganz anderen Verhältnis zu dem steht, was die Arbeit unterhalb der Woche ausmacht, mit der man seine Brötchen verdient. Arbeit, die in einem direkten unverfälschten Zusammenhang mit einer Notwendigkeit und einem Ergebnis steht. Kein Feuer, keine Wärme, keine Wärme, frieren. Ein kleiner Wink, natürlich übertreib ich hier hemmungslos, in Richtung urwüchsiger Überlebenskampf. Tja, Mann, ein Blick ins züngelnde Feuer, das weckt schon verrückte Gedanken.

seuche-im-wald-2Es war mittlerweile ziemlich dunkel und wir bekamen Hunger. Wo ich mir einfallslos und ärmlich eine Flasche Ravioli besorgt hatte, fuhr der Kollege mit Minipfanne, Pilzen und Zwiebeln auf. Yeah! Der Abend verging, ein Kreislauf aus Schluck, Holz sägen, Pfeife rauchen und Gesprächen über dies und das. Um acht Uhr war der Schnappes alle und es war dunkel.
Für jeden Naturfan wird das keine neue Erkenntnis sein, aber es ist schon eine Erfahrung: kein Computer, selbst mein Handy war leer, kein Netflix, kein was auch immer. Nur Wald, Dunkelheit und ein Feuer. Und der einzige Gedanke, die Flammen am Leben zu halten.

So verging der Abend. Irgendwann legten wir uns hin. Ich machte „kurz“ die Augen zu, öffnete sie wieder und das Feuer war aus. Nur noch die Glut glimmte unsicher vor sich hin. Mein Schlafsack hielt auf jeden Fall nicht, was er mir beim Kauf versprechen wollte, also versuchte ich, mit kleinen Ästen und dann einigen Scheiten die Glut wieder zu entzünden. Es klappte. Wie spät es war, wer weiß das schon. Mein Kollege schlief tief und fest und ich starrte in die zuckenden Flammen, die orange zitternde Glut, das schwarzgebrannte Holz, die Asche. Eigentlich ganz schön angenehm. Der Plan war ja auch kein Wochenendsurvival, sondern einfach mal raus aus dem Alltag und was anderes machen. Stille, nur das knisternde Feuer. Und nur leise Gedanken…

Es war vermutlich um sechs Uhr herum, als ich aufwachte. Und acht Uhr, als ich erschöpft ins heimische Bett fiel.

//Seuche


SeucheSeuche. Jahrgang ’80, Biertrinker, Punker, 24/7-Musik-Konsument, loses Mundwerk, „hat Maiden ’92 live gesehen“. Fronter bei FÄULNIS, Basser bei BLACKSHORE. Für Metal1.info schreibt er an dieser Stelle in unregelmäßigen Abständen über Musik, die Szene und was ihm sonst so durch den Kopf geht – wie er es selbst auf den Punkt bringt „bissig, zynisch und eben nicht auf Eierkuchen aus“.

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