Seuche schreibt … – Teil 2

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   Teil 2: Vom Bordstein bis zur oberen Mittelklasse

Eine der schönsten Beleidigungen, die ich bislang über Fäulnis lesen durfte: „upper middleclass partyfags“. Quelle: natürlich das Internet. Genauer: (natürlich) ein Black Metal-Forum. Und dem Ganzen die Krone praktisch aufs Haupt nagelnd, ein Black-Metal-Forum für in erster Linie Elite-Zeug. Also Zeug, was man hört, weil man (aber nicht jeder!) dazu bestimmt ist. Nicht zwingend, weil man es mag, sondern weil etwas, „das kann man eben nicht erklären“, einen praktisch dazu geführt hat. Und, ja nun, weil man vielleicht einfach gern ein uniformiertes Arschkind mit Tourette ist. Ausnahmen muss ich hier keine machen, da das hier ohnehin nur die lesen, die sich angesprochen fühlen dürfen. Die anderen, so mein hochgestecktes Ideal, haben wohl wirklich Besseres zu tun, als im Internet Kolumnen zu lesen.

Schmalspur-Beleidigungen im Internet sind ja nun nichts Neues und zusammengenommen immer der gleiche Wutknaben-Mist aus der immergleichen Richtung. Aber, um zum Thema zurückzukommen, manchmal sind es die Feinheiten und hier liegt das pure Gold begraben.

Da ist also der Verfasser in seiner Rolle als Hater. Und die für Zuspruch wohlgewählte Umgebung. Denn wer würde ihm ausgerechnet hier in dieser Sache widersprechen? Aber Moment bitte, mentale Verfassung, wohlgewählte Umgebung? Set & Setting? Timothy Leary? Begriffe einer LSD-Ikone, geprügelt und geohrfeigt in die Fänge von „Black Metal ist Krieg“. Klasse!

Ja, es sind die Feinheiten. Die Rede ist nicht einfach von Mittelklasse, was in seiner Doppeldeutigkeit sogar seinen Reiz gehabt hätte, nein, hier wird geradezu mit Fingerspitzengefühl eine Intention verfolgt, welche die Annahme, hier werde einfach nur ein weiterer Haufen in den Lokus des WWWs gesetzt, ad absurdum führt. Obere Mittelklasse. Nicht Oberschicht, denn das wäre zu dick aufgetragen. Aber schon gut situiert, eben eine Lebensqualität, wie auch immer man diese messen würde, über derer anderer. Klar, es geht um Glaubhaftigkeit. „Credibility“, wie der Hip Hopper sagen würde. Die Gestalt „Seuche“, nicht der arbeitslose Penner aus der Mülltonne, sondern der gut situierte Normalo mit Eigenheim?

Zu guter Letzt, der „partyfag“. Ja nu‘, mein altes Laster. Spaß haben und sich daneben benehmen. So ist er, der Seuche. Er kann nicht anders! Nicht zu vergessen: „fag“. Für den Schauplatz unspektakulär, aber immerhin milieugerechtes Sprachniveau. Hurensohn, das wäre wohl die Wahl des großen Dichters und Denkers Farid Hamed El Abdellaoui gewesen.

Und noch etwas klingt an, wenngleich heute nicht mehr ganz so im Fokus wie noch vor ein paar Jahren. Denn wenn es jemals etwas im Black Metal gab, das schlimmer war und ist als Mystic Circles „Morgenröte“, dann doch: Kommerz. Der Sammelbegriff für alles Schlechte in der Szene. Du bist über den Status von 20 handkopierten Demo-Kassetten hinaus? Kommerz! Du spielst mehr als einmal im Jahr live? Kommerz! Im Grunde ist es egal, was Du tust, denn ab einem bestimmten Punkt ist der Sammelbegriff für alles, was Du als Person in der Öffentlichkeit tust… Na?

„Enthrone Darkness Triumphant“: Wenn man auf Nummer sicher gehen will!

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob das noch so aktuell ist, hat sich ja viel verändert. Heute ist man halt eher schwul oder links. Kommerz, das erinnert mehr an die Mitte der 90er. Black Metal war da zwar auch schon längst tot, aber da haben es dann zwei Bands geschafft, mit Kommerz eine gesamte Szene, begründet von Mördern und Brandstiftern, endgültig so richtig zu töten. Also praktisch die tote Leiche (…) noch mal ausgebuddelt und dann final mit dem Rüschenhemd erwürgt. „Enthrone Darkness Triumphant“: Wenn man auf Nummer sicher gehen will!

Die Mitte der 90er. Kein YouTube, nicht mal MP3s, Kassetten waren weniger Kult- als vielmehr schnödes Nutzobjekt. Ich kaufe mir zwar keine Kassetten mehr, aber die alten, ausgenudelten Tapes im Schrottkassettendeck im Auto – das hat schon was. Da klingt King Diamond einfach noch mal eine ganze Spur mehr nostalgisch, nä?! Selbstkopierte Fanzines! Geballer auf Viva und MTV! Da sieht man heute nur noch Snooki und Jwoww bei der Rückwärtsevolution. Und hätte ich mir damals alles gleich auf Vinyl geholt, hätte ich heute wohl den Gegenwert eines vernünftigen Neuwagens in den Kisten. Aber das wäre dann fast schon irgendwie obere Mittelklasse.

Da passt es doch, dass ich in regelmäßigen Abständen gefragt werde, ob ich nicht längst von der Musik leben könne. Nebenbei: Nein! Nicht im Ansatz! Auch nicht mit meiner Vorliebe für Dosenbier und recht geringen Lebensansprüchen. Thema demnächst: „Ey Mann, wo ist mein Bugatti?“

Und so komme ich zum Ende. Was des Rezensenten größtes Glück ist (siehe Teil 1), ist und wird für immer das größte des bräsigen Sesselfurzers bleiben: Rumpupen. Danke, Herr Wischmeyer!

Euer Hobbiesachverständiger für alles
Seuche

 


SeucheSeuche. Jahrgang ’80, Biertrinker, Punker, 24/7-Musik-Konsument, loses Mundwerk, „hat Maiden ’92 live gesehen“. Fronter bei FÄULNIS, Basser bei BLACKSHORE. Für Metal1.info schreibt er an dieser Stelle in unregelmäßigen Abständen über Musik, die Szene und was ihm sonst so durch den Kopf geht – wie er es selbst auf den Punkt bringt „bissig, zynisch und eben nicht auf Eierkuchen aus“.

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1 Kommentar zu “Seuche schreibt … – Teil 2”

  1. Tobi

    Guter Artikel! Bin 29 Jahre alt und habe eigentlich früher gerne Black Metal gehört. Ausgewählte Bands höre ich natürlich immer noch gerne, aber diese „Horizont bis zum nächsten Scheunentor“-Black Metal Szene geht einfach gar nicht mehr. Generell geht mir das spießige in der Metal-Szene ziemlich gegen den Strich. Wie sich z,B. alle bei der Rock Hard Facebook Seite über Trivium (wegen diesem Artikel http://www.rockhard.de/news/newsarchiv/newsansicht/41780-trivium-haerte-definiert-sich-nicht-durch-geschrei.html ) aufregen und meinen wie kacke diese Band doch ist. Natürlich muss man die Musik nicht mögen, aber man kann schon mal anerkennen was die geschaffen haben… gerade wenn man ein talentbefreiter Internet-Wut-Spassti ist… Gerade seit ich selber Musik mache, kann ich diese ganzen Möchtegern-Musikkritiker eigentlich gar nicht mehr ernst nehmen, denn dadurch wurde mir erst richtig bewusst, wie schwer es eigentlich ist ein gutes Lied zu schreiben.

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