Interview mit Cornelius Althammer von Ahab

Mit „The Boats Of The Glen Carrig“ setzen die Nautic Doomer AHAB nach drei stillen Jahren erneut die Segel und stechen in See – diesmal auf den Spuren von William Hope Hodgsons gleichnamiger Horrorgeschichte. Über den Prozess der Auswahl und Adaptation von Literatur zu Songtexten, das farbenfrohe und zugleich gruslige Cover und den Wert von Toleranz und Weltoffenheit in Zeiten von Flüchtlingsdramen berichtet Schlagzeuger Cornelius.

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Alles klar auf der Andrea Doria?
Klar, alles frisch! Ich habe die Jungs aufgrund von Sommerurlaub usw. gerade eine längere Zeit nicht gesehen. Sehr bald jedoch geht’s mit Proben für die Herbst-Tour los. Du kannst Dir also wahrscheinlich vorstellen, dass ich es kaum noch erwarten kann, den Proberaum zu entern.

Gratulation zu eurem neuen Album, „The Boats Of The Glen Carrig“. Nach Poe nun also William Hope Hodgson, Horrorliteratur also.

Wie findet ihr eure Literaturvorlagen? Googlet ihr im Internet „Nautic Literature“ oder wie darf man sich das vorstellen?
Das kann durchaus auch mal so vonstattengehen, ja… Da gibt es kein festes Prinzip…

Wie lief es im konkreten Fall? Wer von euch hat das Buch aufgetan und warum hat es euch imponiert?
Ein Fan hat uns via Facebook auf den Autoren aufmerksam gemacht. Wir haben dann diverse Geschichten von ihm gelesen und uns dann schlussendlich für diese entschieden. Es ist eine Geschichte, die – zumindest bei uns – Kopfkino ausgelöst hat. Ich hatte beim Lesen beispielsweise sofort konkrete Bilder von den verschiedenen Fabelwesen im Kopf und habe die Stimmung der Geschichte gespürt.

ahab castaway_02Wie wird aus einer Literaturvorlage dann ein AHAB-Album?
Wenn wir – wie ich eben beschrieben habe – uns darüber klar sind, dass eine Geschichte diese starke Wirkung auf uns hat, geht’s los… Man kann jedoch nichts erzwingen. Inspiration ergibt sich, sie kommt zu einem. Wenn sie denn Lust dazu hat.
Wir hatten dieses Mal, bevor wir „The Boats Of The Glen Carrig“ als lyrische Grundlage aufgetan hatten, diverse Riffs oder Songfetzen geschrieben. Da war aber nichts wirklich weltbewegendes dabei. Erst als dann alle in die Story eingetaucht waren, kamen auch die ersten wirklich ernstzunehmenden Ideen auf. „To Mourn Job“, um es ganz konkret zu sagen … das war der Erste. Wir haben zwar dann bis nach Vollendung aller anderen Songs gebraucht, bis mit diesem alle zufrieden waren, aber das ist ja auch irgendwie eine schöne Sache. Der Erste ist gleichzeitig der Letzte. Bei Musik weiß man halt nie …

Wonach habt ihr ausgewählt, was aus dem Buch sich am Ende auf dem Album finden wiederfinden soll, wie direkt habt ihr das Buch adaptiert?
Wir erzählen auf der Platte natürlich nicht das komplette Buch von vorne bis hinten nach. Wir haben uns auf besonders starke, bildgewaltige und inhaltlich entscheidende Stellen konzentriert, um chronologisch korrekt das Buch zusammenfassen. Die Texte sind also von Hector in Versform gebrachte Zusammenfassungen eben jener Stellen.

Ahab - The Boats of the Glen CarrigWie passt das doch recht abgefahrene Artwork in den Kontext des Albumkonzeptes?
Na ganz hervorragend, wie ich finde! (lacht) …So, oder so ähnlich sieht es unter Wasser aus! Es gibt eine ganze Menge von wunderbaren Tiefseedokumentationen, die dir eine vage Ahnung aus diesem Reich vermitteln können. Eine Welt, in die niemals ein Sonnenstrahl vordringen würde. Aber wenn eben doch einmal das Licht angeknipst wird enthüllt sich eine Farbenpracht und Vielfalt, die einen (emotionalen Menschen doch hoffentlich) vor Ehrfurcht erzittern lassen … oder? Und in Anbetracht – Achtung, mein Totschlagargument! – der Tatsache, dass wir von 95 % der Weltmeere noch keinen blassen Schimmer haben, kann dieses Cover eigentlich gar nicht abgefahren und mysteriös genug sein. Falls Du irgendwann einmal das Buch lesen solltest, wird Dir auffallen, dass die Wesen auf dem Cover stark von der Geschichte inspiriert sind.

Wie kam es zu dem Artwork? Wer hat sich das Bildkonzept überlegt, wer ist für die Umsetzung verantwortlich?
Sebastian Jerke, der auch schon das Cover zu „The Giant“ erschaffen hat, schwang hier erneut für uns den Pinsel. Nagle mich nicht drauf fest, aber ich glaube, der Gute saß fünf Wochen daran.
Die Farbigkeit ist auf Hectors Mist gewachsen. Die Umsetzung auf Jerkes. Er hat das Buch gelesen und hat sich von mir bereits frühzeitig Mitschnitte aus dem Proberaum schicken lassen, um die tiefere Verbindung von Musik und Geschichte eben auch auf die optische Komponente ausweiten zu können. Er schickte uns immer mal wieder Skizzen der einzelnen Elemente um unsere Meinungen miteinzubeziehen. Aber im Großen und Ganzen ist das sein Werk. Dank ihm ist uns die „heilige Dreifaltigkeit“ (wenn man das wirklich so bescheuert ausdrücken möchte) Musik-Lyrik-Bild sehr gut gelungen, wie ich finde.

ahab_01Hattet ihr keine Bedenken, dass das Bild zu bunt und fröhlich für ein Doom-Album sein könnte?
Findest Du das wirklich fröhlich? Schau mal ganz genau hin, würdest Du da baden wollen, wo sich diese Wesen aufhalten? Ich bin eher wasserscheu und mir läuft es beim Anblick von Bildern aus der See immer direkt kalt den Rücken herunter, deshalb bin ich in diesem Fall vielleicht ein Extrembeispiel. Aber abgesehen davon finde ich da trotzdem nichts Fröhliches.
Davon abgesehen: Wer sagt denn, dass das Cover einer Doomplatte unbedingt und ausschließlich in düsteren Farben gehalten sein muss? Doom hat etwas hypnotisches, verschlingendes oder auch rituelles. Ähnlich einem Drogenrausch, wenn Du so willst. Bei diesem Vergleich würde man doch spontan auch eher an viele bunte Farben, als an grau-auf-schwarz denken, oder?
Ich liebe den Doom ganz besonders, weil es in dieser Musik so wenige Regeln gibt (klar, langsam sollte es schon sein…). Auch die Leute, die man auf Doomkonzerten trifft, sind meistens entspannte, weltoffene und tolerante Menschen, die eben nicht mit aller Gewalt einem Klischee entsprechen. Warum sich einengen lassen, wenn es doch ohne Grenzen viel besser funktioniert? Wir haben ein buntes Cover, weil wir da Bock drauf hatten …

Überraschender als das Artwork ist der musikalische Wandel: Besonders bei „Red Foam (The Great Storm)“ fällt auf, dass ihr einmal mehr etwas Neues ausprobiert – der Song klingt ja fast nach Death-Doom. Was hat euch dazu getrieben, mal etwas schneller und härter zu Werke zu gehen?
Eigentlich nichts. Der Song entstand einfach relativ spontan im Proberaum und uns hat es sehr gefallen, was da passiert ist. Ihr sollt nicht immer so viel in Sachen reininterpretieren, wo es gar nichts zu interpretieren gibt, ihr Journalisten, ihr!!!

ahab smileGibt es Bands, die euch mit ihrer Musik zu dieser Entwicklung inspiriert haben? Der genannte Song lässt beispielsweise an Isis oder Valborg denken …
Aber mit Sicherheit! Ich könnte Dir hier eine schier endlose Liste mit Bands, die wir verehren, einfügen. Du könntest dann mit einem Team aus Musikwissenschaftlern und Psychologen genau analysieren, was uns in welcher Hinsicht und wie stark beeinflusst hat. Wenn man Musik hört (und wir sind alle vier wirklich große Fans und Sammler aktueller wie älterer Musik), wird man beeinflusst. Allerdings ist das ein unterbewusster Prozess. Würde dies bewusst geschehen, würde man es kopieren nennen …

Generell habt ihr auf dem Album härtere Riffs, aber auch der Sound folgt dieser Entwicklung: Direkter, weniger verhallt, erdiger wären Attribute, die mir dazu einfallen. Habt ihr das Album mit diesem Sound im Kopf geschrieben, oder hat sich das erst beim Recorden oder Mixen entwickelt?
Wir sind lediglich mit dem Vorsatz, einen etwas brutaleren, wuchtigeren Gitarrensound als auf „The Giant“ aufzunehmen, ins Studio gegangen. Die Heavyness, die unsere Gitarreros schon immer aus ihrem Equipment herausgeholt haben, sollte diesmal unbedingt auch auf der Platte zu hören sein.
Der insgesamte Klang der Produktion hat sich im Studio ergeben. Unser Tontechniker Jens hat ein sehr feines Gespür für das, was die jeweilige Musik für ein klangliches Gewand benötigt. Und die Songs von „The Boats …“ brauchen wohl offensichtlich, Jens Verständnis nach, ebendiese Produktion, die sie erhalten haben.

Auf „The Giant“ hattet ihr mit Herbrand Larsson von Enslaved einen prominenten Gastmusiker, damals meintet ihr im Interview, dass ihr soetwas gerne wiederholen würdet. Warum gibt es auf „The Boats Of The Glen Carrig“ diesmal keinen Gastbeitrag?
Wir haben dieses mal keine Gastbeitrag auf dem Album, weil sich das nicht richtig angefühlt hätte. Als die Songs entstanden, sind wurde mir ganz explizit klar, dass ich nur Daniel auf der Scheibe haben wollte. Unbedingt! Und das habe ich natürlich meinen Bandkollegen mitgeteilt, und die sahen das ähnlich. Napalm Records wollten allerdings für eine limitierte Edition einen Coversong haben. Deshalb haben wir hier den Gastbeitrag untergebracht: Olav Iversen von Sagh hat auf grandiose Art und Weise „The Turn Of A Friendly Card“ von Alan Parssons Project veredelt.

ahab castaway_02Bislang ist keine ausführliche Deutschlandtour bestätigt – kommt da noch was, oder bleibt es bei wenigen, ausgewählten Gigs?
Acht sind bisher bestätigt. Eigentlich sollen es zehn oder elf werden… Mal sehen, was da noch kommt.

Lest ihr schon jetzt wieder fleißig, eventuell auch auf der Suche nach weiteren Inspirationsquellen?
Nein! Wir sind zwar immer empfänglich für gute Ideen, vielleicht liest gerade auch einer ein Buch mit nautischem Inhalt, aber explizit auf der Suche nach der nächsten Platte ist definitiv noch keiner von uns.

Welches Buch hast du zuletzt gelesen und kannst du es unseren Lesern empfehlen?
Die Biographie von Bruce Dickinson. Sehr beeindruckend, dieser Mann scheint alles zu können. Eine der vielen „Kleinigkeiten“ aus dem Dickinson´schen Leben, die mich umgehauen hat, war, dass er zwischenzeitlich auch Rettungsflüge in Kriegsgebiete unternommen hat. Wahrscheinlich mal fix zwischen Fechtwettkampf, Studiosession und Five O’Clock Tea, weil er sich gerade nicht ausgelastet fühlte … Mich beschlich während des Lesens ernsthaft die Vermutung, dass er sich den Krebs, den er ja glücklicherweise besiegen konnte, absichtlich selbst herangezüchtet hat. Nur mal so, um zu sehen, ob er damit eine neue Maidenplatte (die erste wirklich geile seit 25 Jahren!) einsingen und ihn danach wieder loswerden kann.

Die letzten Worte gehören dir – gibt es noch etwas, was du unseren Lesern mitteilen möchtest?
Schwierig… in den heutigen Zeiten möchte ich hier eigentlich gerne Toleranz, Empathie, Weltoffenheit und eine extrem kritische Haltung gegenüber dem, was einem so alles als „die Wahrheit“ verkauft wird, predigen … hoppla, habe ich hiermit getan! (lacht) Genauso aber möchte ich unseren Fans danken, die unsere neue Platte mit einem Enthusiasmus begrüßt haben, den ich am ehesten mit meinem eigenen während der Schaffensphase von „The Boats …“ vergleichen kann … Wir freuen uns auf Euch im Herbst!

ahab_02Ok, dann danke ich dir an dieser Stelle nochmals. Zum Abschluss das Metal1.info-Brainstorming. Was fällt dir spontan zu folgenden Begriffen ein:
Dein Lieblingsbuch: Walter Moers – Die 13 ½ Leben des Käptn Blaubär.
Iron Maiden: Beste Metalband aller Zeiten! Keine Diskussion!
Dein bisheriges Lieblingsalbum 2015: Napalm Death – Apex Predator – Easy Meat. Oder doch die noch nicht gemischte und betitelte, neue Black Shape Of Nexus, die ich gerade hören darf? Da kommt was ganz Großes!
Flüchtlinge: Unbedingt reinlassen und zu menschenwürdigen Bedingungen unterbringen. Brandenburg, bzw. Meck-Pomm stehen so gut wie leer. Da gibt’s jede Menge Platz und mit Ackerbau kann man sich wunderbar selbst versorgen. Es müssten halt so viele auf einmal sein, dass der braune Rest, der dort noch wohnt, nicht auf die Idee kommt, gewalttätig zu werden.
Meer: Der Ursprung des Lebens. Schützt und achtet das Meer und seine Bewohner!
Dein Namensvorschlag für das lustige Wesen rechts unten auf dem Cover: Haha, Du meinst den Typ mit dem Schnabel und den Glubschaugen? Keine Ahnung, vielleicht Schnabislaus Mopsfloss? … oder Glötz Schnabelmund?

Photo-Credit: Stefan Heilemann