Ahab w/ Esoteric, Ophis

  • München, Kranhalle (Feierwerk)
  • 05. Juni 2012


Eine weitere Episode aus dem Bereich „Musikstile und Wetter“: Nachdem das St. Helena Doom Fest im Feierwerk vor gut eineinhalb Wochen an einem wunderschön warmen und sonnigen Samstag stattfand, ist auch der ganze Tag des unter dem Motto „Doomwards let us row!“ stattfindenden Konzerts mit strahlend blauem Himmel und Sonnenschein gesegnet – lediglich die Temperatur um die 15 Grad weist darauf hin, dass in der Kranhalle heute die dunkelste Finsternis Einzug halten wird, denn niemand Geringeres als die Nautic Funeral Doomer AHAB machen heute Halt in München, um ihr neues Album „The Giant“ zu supporten. Als Unterstützung hat sich die Konzept-Band Esoteric aus Birmingham und Ophis aus Hamburg ins Boot geholt.

Die Kombination dieser drei Bands respektive die Prämisse „Doom bis die Balken brechen“ scheint erfolgreich zu sein: Zum Konzertbeginn um 20.30 ist trotz des zeitgleich im Backstage stattfindenden Obituary-Konzertes bereits eine stattliche Anzahl Zuschauer in der Kranhalle anwesend und der Bereich vor der Location ist mit Rauchern und Biertrinkern mindestens ebenso gut gefüllt. Im Verlauf der ersten Minuten des Sets des Openers OPHIS füllt sich der Saal zusehends, so dass bereits zur Hälfte des ersten Songs kaum noch ein Durchkommen nach ganz vorne möglich ist. Das, was die Norddeutschen präsentieren, ist klassischer Doom mit Death Elementen: Fette Riffs und aggressives, tiefes Growlen prallen aufeinander, immer wieder bahnt sich eine cleane Melodie den Weg durch die mächtigen Soundwände. Nach knapp zehn Minuten holt sich die Band ihren verdienten ersten Applaus ab und Sänger Phil beweist in seiner Ansage Humor: „Wir sind froh, mal in Edes Hauptstadt spielen zu können. Das nächste Lied ist für die Opfer des Spät-Kapitalismus – also für eure Eltern.“ Auf den Zuruf „Ernste Ansagen!“ aus dem Publikum lässt er noch ein fröhliches „Fick dich!“ folgen, ehe die tiefen Töne des nächsten Songs die Halle wieder zum Zittern bringen. Insgesamt ist das, was OPHIS hier vorführen, allerdings ein wenig zu einfach gehalten, die Übergänge zwischen den – für sich stehend tollen – Teilen sind quasi nicht vorhanden, so dass auch die Geschwindigkeitsausreißer nach oben nicht vollends zu überzeugen wissen. Nach vier Songs in knapp 40 Minuten beendet die sympathische Band ihr Set und ist sichtlich zufrieden. Trotz einiger Längen und nicht wirklich überzeugendem Songwriting stellt das insgesamt durchaus hörenswerte Set der Hamburger definitiv einen gelungenen Einstieg in einen düsteren Abend dar.
[Bernhard Landkammer]

Nach dem sehr soliden Auftritt von OPHIS steigt die Spannung, was man nun zu erwarten habe. ESOTERIC sind auf deutschem Boden mit Sicherheit die unbekannteste Band des Billings, zugleich aber auch die unkoventionellste. Dies deutet sich schon durch atmosphärische (im Laufe der Show aber leider reichlich unspektakuläre) Farbverlauf-Projektionen an, nicht zuletzt aber auch dadurch, dass die Briten sich statt zwei gleich drei Gitarristen gönnen und Sänger (und Gitarrist) Greg Chandler sich das Mikro direkt am Kopf befestigen ließ. Ist man bei letzterem nicht zu hundert Prozent sicher, wie dringend das sein muss (vor allem im Vergleich zu Daniel Droste, der später am Abend mit klassischer Konstruktion stimmlich sogar eindrucksvoller als Chandler wirkt), sind die drei Gitarren neben dem Umstand, dass man einen weiteren Mann für Keyboard und Effekte dabei hat, wohl der Hauptgrund für die gleichermaßen faszinierende wie kopfzerbrechende Show ESOTERICs. Diese spielen nämlich nur im allerweitesten Sinne „normalen“, finsteren Death Doom – das verstörende Element schlummert ziemlich dich unter der Oberfläche. Wenn sich Riffs auf einmal in seltsamen Noisepatterns verlieren und die dritte Gitarre sich immer wieder ausklinkt und die Songs mit an den Nerven zerrendem Vibrato-Einsatz untermalt, wäre man in Songs, die ohnehin kaum Anhaltspunkte bietet, schnell versucht, wegzuhören – Stünde hinter alledem nicht so offensichtlich ein ziemlich durchgeplantes Konzept. So lauscht man diesem Sound, der vollkommen ohne Melodien und einprägsame Momente auskommt, stattdessen fasziniert und versucht, ihn zu durchhirnen. Dass das bis zum Ende nicht so recht gelingt, ist irgendwann zweitrangig, denn ESOTERIC überraschen immer mit neuen, interessanten, aber auch verqueren Ideen. Ein spontaner Old-School-Death-Metal-Ausbruch gegen Ende des Sets scheint da nur noch folgerichtig. Als das Publikum nach einer guten Stunde schließlich wieder an der frischen Luft steht, scheint niemand so recht zu wissen, was von dem zu halten ist, was gerade dargeboten wurde. Zwischen Kopfschmerzen und Befriedigung über eine definitiv denkwürdige Show muss man sich für das Konzert der folgenden Headliner erst einmal wieder sammeln. Klar ist aber, dass an einer intensiveren Beschäftigung mit dem aktuellen Werk „Paragon Of Dissonance“ nun erst recht kein Weg mehr vorbeiführt.
[Marius Mutz]


Nach der durchaus illustren Kombination aus Oldschool-Doom und dem verschwurbelten Avantgarde-Doom von Esoteric ist es nun Zeit für die Nautic Doom Metaller AHAB …die Planken zu entern? …die Segel zu setzen? …den Konzertabend in einen sicheren Hafen zu bringen?
Die Versuchung, sich bereits an dieser Stelle in der Flut der sich durch das Bandkonzept anbiedernden nautischen Metaphern zu verlieren, ist zugegebenermaßen groß – allein, wirklich gerecht würde man einer Band wie dieser mit derart profaner Wortakrobatik nicht.
Denn was das Quartett hier von der ersten Minute an abliefert, hat gar nicht nötig, auf das marine Konzept hin ausgerichtet gefeiert zu werden: Von der ersten Minute an wissen AHAB das ganze Publikum in ihren Bann zu ziehen.
Das ganze? Nein. Eine kleine Schar unbelehrbarer Besucher leistet der fast erdrückend schweren Atmosphäre mit der Einstellung „Wir sind hier doch auf einem Metal-Konzert, da hat man Spaß“ beharrlich durch Unterhaltung und Gelächter Widerstand… unnötig, deplatziert und schlichtweg unverschämt all jenen gegenüber, die sich hier (um mit meinem Vorsatz der Metapher-Vermeidung sogleich wieder zu brechen) auf den Wogen der Musik treiben lassen wollen. Nachdem die Störenfriede aus dem Saal komplementiert sind, steht dem unvergesslichen Live-Erlebnis jedoch nichts mehr im Wege: Musikalisch perfekt aufeinander eingespielt präsentiert das Quartett eine mehr als gelungene Mischung aus den alten, schweren Doom-Nummern sowie dem durch viel Klargesang und cleane Gitarren geprägten neuen Material. Mit „Further South“, „Deliverance (Southing At The Dead)“ und „Antarctica (The Polymorphess)“ finden gleich drei Songs eingang in die neue Setlist. Und auch, wenn die neuen Songs vom Publikum natürlich noch nicht so euphorisch gefeiert werden wie die alten Klassiker à la „Old Thunder“, und so vielleicht noch nicht zu den Höhepunkten des Sets gehören, tragen sie doch allein dadurch einen großen Teil zum Erfolg des Auftritts bei, dass sie die zuletzt doch recht ähnliche Setlist auffrischen… denn sind wir ehrlich:Die Hits der ersten beiden Alben haben wir mittlerweile eigentlich oft genug gehört, als dass man auch mal ohne zu meckern auf den ein oder anderen verzichten kann.
Dass das Konzert derart mitreißend ausfällt, kann sich die Band heute wirklich zu einhundert Prozent selbst anrechnen – sind die Rahmenbedingungen doch nicht unbedingt perfekt: Soundtechnisch ließen sich hier die deutlich zu leise abgemischten Gitarren bemäkeln, bezüglich der Ausleuchtung ist das häufig eingesetzte rote Licht eher unpassend. Hier wusste die Ausleuchtung in tiefem Ozeanblau bei der letzten Tour die Stimmung deutlich besser zu untermalen. Und dennoch… spätestens, als AHAB nach dem das reguläre Set abschließenden „Antarctica“ für „The Hunt“ nochmal zurück auf die Bühne kommen und Fronter Daniel Droste, unterstützt vom kompletten Publikum, in einem echten Gänsehautmoment seine Freude über die Sichtung des weißen Wals herausschreit, findet der Abend nach knapp 70 Minuten seinen vielleicht nicht unerwarteten, nichtsdesto trotz unvergesslichen Höhepunkt.

Setlist AHAB:
01. The Divinity Of The Oceans
02. Further South
03. Deliverance (Southing At The Dead)
04. Old Thunder
05. Antarctica (The Polymorphess)

06. The Hunt

Abende wie der heutige zeigen einmal mehr, wie weit AHAB es in den letzten Jahren gebracht haben. Denn sicherlich, eine Art Heimvorteil mag die zum Teil aus München stammende Band hier haben – eine Selbstverständlichkeit ist es dennoch nicht, bei Biergartenwetter und in Konkurrenz mit den von zwei lokalen Bands unterstützten Obituary die Kranhalle zu füllen. Der Andrang, der nach dem Konzert am Merchandisestand herrscht, ist jedoch mehr als nur ein Indiz dafür, dass die Entscheidung, mehr als faire 17€ in diese Bandkombination zu investieren, wohl keiner der Anwesenden bereut haben dürfte… und warum auch: Hier haben drei großartige Bands bilderbuchhaft bewiesen, wie vielseitig das Genre „Doom“ ist, und wie stimmig man diese unterschiedlichsten Auslegungen des Genres dennoch an einem Konzertabend vereinen kann. Großartig!
[Moritz Grütz]

Antworten

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: