Interview mit Chris #2 von Anti-Flag

Zwar waren wir Teil des schweißtreibenden Auftritts von ANTI-FLAG im 59:1 in München und konnten euch von dort einen ausführlichen Konzertbericht liefern, das geplante Interview konnte dort jedoch leider auf Grund organisatorischer Probleme nicht stattfinden. Umso erfreulicher, dass Bassist Chris #2 sich die Zeit nahm, unsere Fragen nachträglich per Mail zu beantworten. Kurz und bündig erklärt er die politische Motivation der Band, seine Sicht auf die Welt, Punkrock im Allgemeinen und das neue ANTI-FLAG-Album im Speziellen:


Hey Chris #2! Leider konnten wir neulich in München auf Grund eines organisatorischen Problems das Interview nicht face-to-face führen. Vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, unsere Fragen per E-Mail zu beantworten. Wie geht es dir?
Mir geht es sehr gut, danke der Nachfrage!

Wenn man sich die Reaktion des Publikums bei der Show im 59:1 so anschaut, dann war das wahrscheinlich eines der besten Konzerte der Tour… oder sind alle eure Shows derart intensiv?
Die Shows in Deutschland waren alle in kleinen Clubs, die München-Show war aber schon ein besonders guter Gig. Aber generelle sind generelle ziemlich verwöhnt durch unglaublich geile Rock-Shows jeden Abend.

Ihr habt bereits die Hälfte eurer Deutschland-Tour hinter euch. Seid ihr bisher mit der Tour zufrieden? Lief alles so, wie ihr es erwartet habt?
Es ist noch viel großartiger als wir es erwartet haben. So gut wie jede Show ist ausverkauft und es ist jeden Abend absolutes Ausrasten… ihr habt es ja in München selbst erlebt. Die Leute reagieren wirklich super auf unser neues Album und es macht einfach richtig Spaß in diesen kleinen Clubs in Deutschland zu spielen.


Gibt es irgendwelche lustigen Anekdoten von der Tour zu erzählen, oder läuft alles ab wie immer, „business as usual“ sozusagen?
Auf dem Groezrock Festival haben wir Justin für ein paar Stunden verloren. Aber wenn ich mir das so überlege ist das eigentlich auch „business as usual“. Haha.

Das ist eure erste Tour auf der ihr euer neues Album „The General Strike“ vorstellt. War es eine bewusst Entscheidung, dass ihr das Album in so kleinen Locations präsentieren wollt? Letztendlich waren ja auch viele Konzerte ausverkauft, bevor das Album überhaupt erschienen war, wenn ich mich nicht irre?
Ja, ein paar waren schon vorher ausverkauft. Aber unser Ziel war es, mit diese Shows für die Fans in Deutschland zu spielen, welche die Band nun schon eine lange Zeit unterstützen. Dieses Jahr sind alle Konzerte, die ANTI-FLAG spielt, wirklich handverlesen und von uns selbst ausgesucht… Clubs, Tourneen, Festivals – nur Sachen, die wir wirklich spielen wollen. Wenn du so lange in einer Band spielst, dann weißt du, dass du einfach Dinge tun musst, die dich selber glücklich machen und dich wieder aufs Neue für deine Arbeit begeistern können.

Wie fühlt es sich an, auf die kleinen Bühnen „zurückzukehren“?
Auf diesen Bühnen haben wir das Spielen gelernt… wir fühlen uns auf ihnen pudelwohl!

Oft sind es ja gerade die kleinen Clubs, in welchen Elemente wie Bühnensound Probleme verursachen können. Wünscht man sich da nicht manchmal doch, dass man doch größere Hallen hätte spielen sollen?
Nein. Auf den großen Bühnen gibt es ja auch manchmal beschissenen Sound auf der Bühne, das weißt du vorher nicht. Wir haben eine großartige Crew aus Freunden, welche uns dabei helfen, dass die Konzerte ohne Probleme über die Bühne gehen. Wenn du damit fragen willst, ob es überhaupt so ist, dass eine größere Konzerthalle besser ist als ein kleiner Club oder andersherum, dann ist meine Antwort generell auch: Nein. Wir spielen auf jeder Bühne, auf der wir spielen dürfen!

Habt ihr auch in den USA eine „kleine“ Tour gespielt, oder macht ihr das vielleicht sogar öfter als in Europa?
Bevor das Album veröffentlicht wurde, haben wir das auch in den USA gemacht. Clubs die wir lieben, in Städten die wir lieben.

Viele Fans konnten deshalb nicht zu eurer Tour, da die kleinen Clubs oft schon lange im Voraus ausverkauft waren. Wie erklärt ihr diesen Fans, warum ihr euch für die kleinen Bühnen entschieden habt, oder anders gefragt: Wird es in absehbarer Zeit noch größere Konzerte geben, so dass auch die restlichen Fans die Chance haben, euch live zu sehen?
Wir spielen Festivals im Sommer und haben eine stattliche Anzahl an Konzerten vorbereitet. Zugegebenermaßen haben wir allerdings noch keine Headliner-Tour durch Europa diskutiert, weswegen es schwer abzusehen ist, wie groß die Locations sein würden. Ich denke mal irgendwas zwischen 300 und 500, in den größeren Städten zwischen 500 und 1000 Leuten.

Wie würdet ihr die Fans auf dieser Tour beschreiben? Sind es eher Fans, welche schon lange dabei sind und immer wieder kommen, oder kommen auch viele „Gelegenheits-Hörer“?
Es ist definitiv unsere Fangemeinde. Aber wie immer bringen die einige neue Freunde mit zur Party.

Ausgehend vom Publikum in München scheint es, als hättet ihr sehr viele junge Fans – das ist ziemlich beeindruckend, wenn man bedenkt, wie lange ihr schon dabei seid, und dass man es ja oft erlebt, dass die Fanbase einer Band gemeinsam mit dieser älter wird. Würdest du sagen, dass es sowas wie das „ideale Alter“ gibt, um ANTI-FLAG zu hören?
Junge Leute sind optimistisch und sehen die Zukunft nicht so negativ. Sie fühlen, dass sie diese selbst gestalten können. Ich glaube, das macht einen Großteil der Begeisterung aus, mit der sie ANTI-FLAG hören. Aber gerade auf den Deutschland-Konzerten bisher finde ich die Altersverteilung im Publikum ziemlich groß.

Auch wenn ihr viele Fans habt, die erst 15 oder 16 sind, werdet ihr als Band ja auch nicht jünger. Denkt ihr, dass ihr irgendwann eure Glaubhaftigkeit verlieren könntet, wenn ihr auch im hohen Alter noch Punkrock spielt, oder ist eure Aussage zeitlos?
Weißt du, darüber machen wir uns wirklich überhaupt keine Gedanken. Wir versuchen einfach Songs zu schreiben, die länger als unsere Band oder unsere Körper Bestand haben.

Was denkst du über Bands wie Bad Relegion, die nochmal beinahe zehn Jahre länger als ANTI-FLAG bestehen?
Ich liebe Bad Religion. Sie sind ohne Zweifel eine viel größere Band als ANTI-FLAG und verdienen ihren Erfolg.

US-Punk ist ja etwas sehr individuelles, das man nur schwer mit Punk in Europa vergleichen kann. Während europäischer Punk fast ausschließlich links und politisch ist, gibt es viele Punk-Bands in den USA, welche gar keine politische Aussage haben. Was denkt ihr in diesem Zusammenhang über Bands wie Green Day oder The Offspring?
Meine Meinung über diese Bands ist die gleiche, die ich über jede Form von Musik oder Kunst habe: Versucht einfach, eine Aussage darüber zu machen, was euch inspiriert. Wenn das Politik ist, großartig. Wenn es darum geht, dass dich deine Freundin/dein Freund verlassen hat, dann ist das eben so. Sei einfach glaubwürdig und steh hinter dem, was du machst. Die Leute werden das merken und sich davon angesprochen fühlen.

Was ist deinen Meinung über die Punk-Szene in den USA im allgemeinen? Gibt es da noch ein politisches Bewusstsein oder ist es zum größten Teil eine Mode geworden?
Oh, es gibt absolut großartige amerikanische Punk-Bands zur Zeit. Zugegeben gibt es auch mehr beschissene Bands als früher… aber ich glaube, dass sich da derzeit wirklich etwas Tolles entwickelt. Es findet vielleicht auf einer kleineren Ebene statt und ist noch mehr DIY-geprägt. Aber das macht es ja keinen Deut schlechter.

Würdest du sagen, dass es noch viele Punkbands im traditionellen Sinne gibt, oder wurde das in den letzten Jahren durch die Welle an Emo/Emotional Hardcore Bands abgelöst, welche in letzter Zeit stärker in den Medien vertreten sind, wie zum Beispiel Touché Amoré oder La Dispute?
Touché und La Dispute sind zwei der Bands, die ich gerade gemeint habe. Aber vielleicht habe ich sie auch einfach in diesen Punk-Raster gesteckt, da ich „Punk“ nicht notwendigerweise mit einem bestimmten Sound verbinde. Es ist mehr eine Idee und wie du dich selbst als Künstler fühlst und darstellst. Aber es gibt auch noch viele traditionelle Punkbands, welche allerdings derzeit nicht im Vordergrund stehen.

ANTI-FLAG waren und sind eine sehr politische Band. Wie wichtig ist es euch, auf euren Konzerten eine gesunde Mischung zwischen Party und Aussage zu finden?
Unsere Konzerte sind dazu da, um eine Einheit zu schaffen. Diese Einheit wird Beziehungen in einer Stadt oder in einer Szene hervorbringen. Diese Beziehungen werden dazu beitragen, dass über politische, fortschrittliche Ideen gesprochen wird und hoffentlich auch dazu beitragen, einen Wandel herbeizuführen. Unsere Konzerte sind in diesem Sinne dazu da, die Leute zusammenzubringen, die auf die gleiche Art denken.

Kann es manchmal schwer sein, ernsthafte politische Aussagen im Kontext einer Live-Show zu treffen und glaub ihr, dass die Bühne der richtige Ort ist, um über Politik zu reden?
Wenn es ein wichtiges Thema ist, dann sollte es auf jeder Bühne diskutiert werden, auf der wir uns befinden. Wir sind eine Band mit einer Agenda: Wenn manche Leute nur kommen um die Musik zu hören, dann ist das okay, aber dann müssen sie aushalten, dass wir die Dinge diskutieren wollen, die uns am Herzen liegen.


Ihr seid eine ziemlich bekannte Band und wahrscheinlich eine der bekanntesten links-politischen Bands. Ist es manchmal schwer für euch, euren Ruhm mit eurer politischen Einstellung zu verbinden? Wird euch vielleicht sogar vorgeworfen, dass ihr eure Wurzeln und eure Ideale verraten habt?
Ich glaube, es ist sehr hart wenn jemand, von dem du dachtest, dass er dein Freund ist, so einen Blödsinn über dich erzählt und dich damit wirklich verletzt. Aber wir haben niemals behauptet, dass wir irgendwie so etwas wie „Erlöser“ oder unfehlbar wären. Wir sind menschlich. Wir nehmen Risiken auf uns. Wir machen Fehler. Wenn du in einer Band spielst, bekommst du oft nicht die Chance, deine Fehler letztendlich wieder auszubügeln. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir eine Gemeinschaft haben, die uns unterstützt, da sie wissen, dass hinter allen Entscheidungen, die ANTI-FLAG trifft, immer die Absicht steht, sich für Gleichheit einzusetzen.

Gibt es einen Unterschied zwischen den Fans in Europa und den Fans in den USA? Passiert es in Europa manchmal, dass die Leute über eure Aussagen über US-Politik einfach nur die Schultern zucken, getreu dem Motto „Ist ja gut, aber was geht mich das an?“
Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, Leute haben Punk Rock gefunden, weil Punk Rock mit ihnen gesprochen hat. Klar, manchmal ist die Politik von ANTI-FLAG sehr spezifisch. Aber ich habe genügend Leute in Europa getroffen, die mich gefragt haben, wie sie helfen können und wie sie aktiv partizipieren können. Die Meisten wollen genauso aktiv für oder gegen Themen einstehen, die sie nicht direkt betreffen wie für oder gegen solche, die sie direkt betreffen.

Glaubst du, dass die Sicht auf die USA sich geändert hat, seit Barack Obama Präsident geworden ist? Was hältst du generell von seiner Politik?
Die Sicht der Welt auf die USA hat sich sicher geändert. Die Vereinigten Staaten wurden für schlauer erachtet, als Obama gewählt wurde. Leider war die erste Legislatur-Periode von Obama zum großen Teil die gleiche, altbackene Politik wie zuvor. Wir können nur hoffen, dass er die Republikaner mit ihrem absolut hirnrissigen Zirkus, den sie gerade für die Wahl im November ausgerufen haben, platt macht. Und dann weiter daran arbeitet, einige der fortschrittlichen Ideen in die Tat umzusetzen, für die er in erster Linie gewählt wurde.
Grundsätzlich habe ich allerdings gelernt, dass es sich nicht lohnt, an einem Präsidenten oder einen bestimmten Politiker zu hängen. Letztendlich ist es das Volk, welches die tatsächlichen Änderungen hervorbringt. Individuen können es schaffen, diese Ideen wahr werden zu lassen.

Ihr wart Teil der Occupy-Wallstreet-Bewegung, ein Thema, welches auch auf eurem aktuellen Album eine wichtige Rolle spielt. Warum glaubt ihr, dass diese Bewegung so wichtig war und glaubt ihr, dass sich etwas verändert hat, seit diese Idee ins Leben gerufen wurde?
Ich finde die Idee der „99%“ unglaublich beeindruckend und wichtig. Das ist die Sprache der ungehörten USA. Die Leute wissen, dass es so etwas wie eine ökonomische Grenzziehung in diesem Land gibt, aber „Occupy“ hat das Ganze so formuliert, dass es für viele erschreckend war.

Habt ihr eine Meinung über die sich anbahnende Finanzkrise in Europa?
Ich hoffe, dass sie uns dabei helfen wird, über unsere Werte nachzudenken, denn es ist genau dieser ausbeuterische Kapitalismus, der uns hierhin gebracht hat.

Neben diesen politischen Themen sind euch auch Animal-Rights-Themen sehr wichtig. Kannst du uns mehr über eure Unterstützung für eine Organisation wie PETA erzählen, und seid selbst ihr Vegetarier und/oder Veganer?
Ja, wir sind selbst Vegetarier und Veganer. PETA ist eine Organisation, die wir absolut unterstützen, da diese häufig den ersten Kontakt für Leute darstellt, ihren Lebensstil und ihre Essgewohnheiten zu überdenken. Das ist eine großartige Methode, die Kontrolle über dein Leben zu erhalten. PETA stellt dafür das richtige Handwerkszeug zur Verfügung. Eine solche Lebensart ist letztlich auch besser für unsere Umwelt und soziale Bewusstsein.

Kann es manchmal problematisch sein, veganes Essen auf Tour zu bekommen?
Nein. Die Leute wissen über unsere Einstellung Bescheid und helfen uns so gut sie können, entsprechende Lokale zu finden, helfen uns dabei, essen zu machen und so weiter…

Wir haben viel über die Tour und über Politik geredet… lasst uns doch auch noch über euer neues Album sprechen. Wenn du das Album in einem Satz beschreiben müsstest, wie würde er lauten?
Das beste ANTI-FLAG Album seit einigen Jahren.

Das Album klingt in meinen Ohren ziemlich aggressiv und transportiert diesen gewissen klassischen Hardcore-Spirit. Hat das auch mit eurem Labelwechsel zu tun? Fühlt ihr euch seitdem freier, auch mal „anti-Mainstream“ zu sein?
Nein, das hat ehrlich gesagt gar nichts damit zu tun. Wir sind einfach wütend und geladen. Das ist der Grund, warum das Album so klingt.

Wenn man den Namen ANTI-FLAG hört, denken viele sofort an „Die For Your Government“. Glaubt ihr, dass auch auf dem neuen Album ein Song ist, der das Potential hat, zu einer neuen Bandhymne zu werden?
Interessante Frage… „Broken Bones“ vielleicht? Oder „This Is The New Sound“.

Wie auf euren anderen Alben kann man auch auf „The General Strike“ viele Einflüsse von euren Idolen „The Clash“ hören. Versucht ihr zu einem gewissen Grad auch immer deren Sound mit einzubeziehen, damit die „jüngeren“ Fans wissen, wo Punk eigentlich herkommt und wie er früher klang?
Ich glaube, wir müssen niemandem mehr sagen, dass „The Clash“ unsere absolute Lieblingsband sind und wir unentwegt von ihnen beeinflusst sind. Während wir das Album geschrieben haben, haben wir viele unserer Lieblingsalben gehört. Insofern zeigen wir diese Einflüsse auch gerne stolz vor, um anderen zu zeigen, woher wir kommen.

Ihr spielt schon lange gemeinsam in der gleichen Band – ist es manchmal schwer, neue Musik zu schreiben ohne dass ihr euch selbst wiederholt? Auch wenn ihr immer noch frisch und unverbraucht klingt, habt ihr ohne Frage euren eigenen Stil. Ich könnte mir vorstellen, dass das auch häufig eine Art Begrenzung sein kann?
Ja, um ehrlich zu sein ist das Ganze etwas unangenehm geworden, das muss ich zugeben. Aber ich glaube, dass wir mit diesem Album wirklich wieder festgestellt haben, warum wir eigentlich ANTI-FLAG sind. Ich hab ganz ehrlich keine Ahnung, was die Zukunft für uns bereithält… aber ich kann definitiv sagen, dass wir sehr glücklich mit „The General Strike“ sind, dass wir sehr inspiriert von seiner politischen Aussage sind und uns das Album erneut darin bestärkt hat, unsere Band und unsere Ideen weiter mit der Welt zu teilen.

Ok, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, um auf die Fragen zu antworten! Wenn du unseren Lesern noch etwas sagen willst, dann ist das deine Chance:
Ich glaube, wir haben echt so gut wie alles behandelt. Vielen Dank für das Interview!

Ok, dann beenden wir das Interview mit dem klassischen Metal1-Brainstorming. Was kommt dir als erstes in den Kopf wenn du folgende Begriffe hörst:

Alkohol: DRINK, DRANK, PUNK.
Slayer: SOUTH OF HEAVEN.
Fleisch: DON’T DO IT.
Metal1.: DO IT.
info: POWER.
Iran: PEACE.
Israel: PALESTINE.
2012: GET RICH OR DIE MAYAN