Interview mit Martin van Drunen von Asphyx (Teil 1/2)

Mit „Incoming Death“ erschien unlängst das neunte Studioalbum der niederländischen Todesmetaller ASPHYX. Im ersten Teil unseres Interviews berichtet Fronter Martin van Drunen über die Entstehung des Albums, die Hintergründe der Texte und das anstehende Jubiläum: 30 Jahre ASPHYX!

asphyx-logoKommendes Jahr werden ASPHYX 30 Jahre alt. Wie fühlt sich das an?
(lacht) Damit überraschst du mich voll! Ich denke noch überhaupt nicht darüber nach. Wir haben gerade erst unsere neue Scheibe herausgebracht, „Incoming Death“ – das hat Priorität, das haben wir gerade im Kopf. Und nächstes Jahr sind es dann tatsächlich 30 Jahre ASPHYX … aber was das heißt, werden wir alle wohl erst dann erfahren. Wir denken da noch nicht drüber nach. Erst einmal müssen wir diese Scheibe etwas sacken lassen und dann kommt das Jubiläum. Aber 30 Jahre sind natürlich schon eine verdammt lange Zeit. (lacht)

Also gibt es noch keine Pläne, wie ihr das Jubiläum feiert?
Nein, überhaupt nicht. Wir haben zwar schon viele Shows gebucht für nächstes Jahr, aber an die 30 Jahre haben wir gar nicht gedacht. Für uns ist wichtiger, dass wir möglichst viel herumkommen, um die neue Platte zu promoten. Über 30 Jahre ASPHYX haben wir noch nicht nachgedacht. Andererseits spielen wir natürlich immer noch die alten Stücke, die für 30 Jahre ASPHYX stehen – das ganze Material wird natürlich auch gespielt.

Hättest du damals, als du zu ASPHYX gekommen bist, gedacht, dass diese Band so lange dein Leben bestimmen wird?
Nein, nein. Aber das gilt nicht nur für ASPHYX. Ich habe mit dem allen ja schon früher angefangen und hätte sowieso nicht gedacht, dass ich das alles so lange machen würde. Aber das Geile ist, ich habe immer noch Spaß daran. Das ist einfach super, dass das alles noch so geht.

asphyx-the-rackWenn du ASPHYX heute, mit dem neuen Album, und früher, sagen wir, zu Zeiten von „The Rack“ vergleichst – was ist heute besser, was war aber vielleicht auch damals besser?
Das ist so eine Retrospec-Frage, ne? Das ist schwer. Viele Leute, gerade wenn man älter ist, sagen, dass früher alles besser war. Und ich muss schon sagen, das hatte damals viel Charme, mit Briefen und Kassetten, alles handgeschrieben und per Post verschickt – heute geht alles elektronisch, über E-Mail und so. Andererseits hat das alles, wie es heute ist, auch verdammt viele Vorteile. Vor allem eine Band wie wir spart sich natürlich mit Aufnahmen, Labels und Studio einen Haufen Kosten. Jetzt telefonieren wir hier via Skype, das kostet kaum was … früher hätte man das alles telefonisch gemacht, Niederlande nach Deutschland, das war damals einfach schweineteuer. In dem Sinne ist heute alles bequemer. Aber ich bin schon auch manchmal ein bisschen nostalgisch und denke an die alte Zeit zurück. Weil alles noch in einer Anfangsphase war.
Asphyx - Incoming DeathHeute ist fast alles komplett professionell durchorganisiert, gerade, was Konzerte angeht. Damals gab es ab und an noch Chaos, du wusstest nie, was dich erwartet, man musste auch immer improvisieren. Das war manchmal beschissen, aber manchmal vielleicht auch spaßiger. Was das Spielen auf der Bühne angeht, bleibt alles gleich: Wir haben immer noch eine Menge Spaß. Ich freue mich auch einfach, dass ich das noch so machen kann. Es gibt auch Leute in meinem Alter, die haben schlimme Krankheiten, wodurch die das nicht mehr machen können – bei mir geht es noch, das ist ja auch eine Art Segen.

Spürt ihr dafür heute eine Art Erfolgsdruck,? Gibt es, wo jeder weiß, wie ASPHYX zu klingen haben, eine Erwartungshaltung seitens der Fans?
Druck war schon da. Vor allem, weil „Deathhammer“ sehr, sehr gut angekommen war – wir fanden das Teil damals auch verdammt krass, also auch für ASPHYX echt hart. Das war schon eine schwere Nuss, das Album noch zu toppen. Aber andererseits geht bei uns alles immer sehr spontan, gerade beim Songwriting. Da denken wir nicht drüber nach, ob das jetzt besser ist als „Deathhammer“ oder nicht. Wenn wir das Material mögen, ist es in der Regel auch gut genug für die Fans – wir stehen ja auf das gleiche Zeug wie die. Wenn wir im Proberaum ausrasten, dann wissen wir, dass die das vor der Bühne auch machen würden. Aber ja, ein gewisser Druck durch den Erfolg von „Deathhammer“ war schon da. Aber ich denke, das ist auch gesund. Das ist auch eine Art Extra-Tritt in den Hintern. Es geht ja auch nicht von selbst, gerade bei einer Band wie ASPHYX. Wir sind loyal unseren Fans gegenüber, wie die loyal zu uns sind. Deswegen ist für uns das wichtigste, die Fans nie zu enttäuschen. Und ich denke, mit der neuen Scheibe haben wir das auf keinen Fall gemacht.

Wie entsteht ein typischer ASPHYX-Song? Daheim? Im Proberaum?
Das war früher echt so ein Proberaum-Ding. Mittlerweile hat sich das etwas geändert, nachdem Hüskens [Stefan Tormentor Hüskens, seit 2016 ASPHYX-Schlagzeuger; A. d. Red.] sehr weit weg wohnt. Insofern ist es nicht mehr so, dass wir uns einfach zusammenrufen können und sagen, hey, lasst uns doch heute Abend im Proberaum ein bisschen jammen. Insofern läuft es mittlerweile so, dass Paul bei sich da oben was zusammenbastelt. Wenn er denkt, das Riff ist geil und das Ganze grob aufgenommen hat, schickt er es uns und wir stimmen dann ab, ob es brauchbar ist. Wenn wir dann mal im Proberaum zusammenkommen, spielen wir das Zeug mal durch und schauen, was zusammenpasst. Das ist dann so, wie wir es immer gemacht haben. Es kann natürlich sein, dass ein Riff sich dann im Proberaum, aus der Verstärkerwand, ganz anders klingt. So fängt das an. Wenn ein Riff dann ein saugeiler Brocken ist, wird das eben zum Hauptriff für einen Song, oder wir entscheiden, dass wir es für einen Gesangspart benutzen. Dann arbeiten wir daran weiter.

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An welcher Stelle kommen dann die Texte dazu?
Immer wenn ich eine Idee bekomme, schreibe ich die auf – unabhängig von der Musik. Ich habe immer Zettelchen rumliegen mit groben Ideen für Stücke. Wenn ein Riff, das musikalisch zu einem Thema passt, aufkommt, warte ich, bis das Stück fertig ist und dann fange ich an zu schreiben. Ich finde es immer beschissen, wenn du den Text schreibst und noch keine Musik hast. Dann musst du die Wörter nachher irgendwie einpassen. Wenn du die Musik schon hast, kannst du voll auf den Rhythmus eingehen oder dir genau überlegen, wo du einsteigst. Insofern schreibe ich die Texte erst, wenn die Songs fertig sind. Aber ich sage natürlich schon beim Komponieren, wo ich mir Gesangsparts vorstelle, weil ich schon im Kopf habe, was ich singen will. Ein gutes Beispiel dafür ist das erste Riff von „Division Brandenburg“. Das erste, woran ich bei dem Riff denken musste, war „Dämmerung“. Da musste ich an Kommandos denken, die immer in der Dämmerung beginnen, wenn der Feind nicht so aufmerksam ist. Von da an arbeite ich dann weiter. Bei „The Grand Denial“ war es ähnlich.

Was inspiriert dich zu den Texten, wie kommst du zu deinen Themen?
Alles Mögliche eigentlich. Ich lese unheimlich viel. Lesen ist meine zweite Leidenschaft neben Metal. Es geht ja nicht darum, dass man das Thema von einem Buch übernimmt. Aber es gibt manchmal Kapitel oder Abschnitte, wo man sich denkt: Das wäre ein geiles Thema. Das schreibe ich mir dann auf. Aber Inspiration kann auch eine Nachrichtensendung sein oder ein Stück Geschichte oder eine Hintergrund-Doku. Alles, was mich interessiert, wovon ich denke, dass es zu ASPHYX passen könnte, schreibe ich auf. Einfach einen Satz, als Memo an mich. Im Nachhinein schaue ich dann, was ich dazu alles finden kann.

Wie steht es um die Themen auf dem neuen Album, „Incoming Death“?
Das generelle Thema bei ASPHYX ist natürlich immer der Tod. (lacht) Aber mit ganz verschiedenen Ansätzen: „Division Brandenburg“ und „The Grand Denial“ haben natürlich Kriegsthemen, aber ganz unterschiedlich. „The Grand Denial“ handelt nicht von Schlachten oder militärischen Einsätzen oder Taktik oder so was, sondern von den Japanern, die in ganz Asien junge Frauen entführt haben, damit diese als Sex-Sklavinnen für die Japanische Armee dienen. Dafür gab es nie eine Entschuldigung, dafür wurde nie jemand verurteilt. Und dabei reden wir von hunderttausenden von Frauen! Die Idee zu dem Text hatten Paul und ich schon länger, aber wir hatten nie die passende Musik dazu. Und bei dem Song dachte ich mir, kann ich es mal versuchen. Das sind die beiden Kriegssongs auf dem Album.
„Wardroid“ ist Science-Fiction, „Candiru“, „Incoming Death“ und „The Feeder“ sind typische Death-Metal-Gore-Texte mit ein bisschen Humor. „Death: The Only Immortal“ ist eher so ein atmosphärischer Song – der Tod ist eben der letzte Unsterbliche. Dann eben Naturkatastrophen mit „It Came From The Skies“ und „Wildland Fire“. „Subterra Incognita“ ist ein bisschen anders. Ich wusste selbst nicht, dass in den Metropolen der Welt, das kann New York sein oder auch Berlin oder Hamburg, egal, unter der Erde richtige Gemeinschaften leben. Das hört sich an wie ein dunkler Film, aber das ist wirklich so. Und da reden wir nicht von ein paar hundert, sondern das sind Tausende, die da eine eigene Gesellschaft gegründet haben. Das hat mich sehr fasziniert.

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Wie bist du auf den Albumtitel gekommen, „Incoming Death“?
Ganz spontan! Eigentlich ist das daran angelehnt, was englische oder amerikanische Soldaten im Schützengraben rufen, wenn sie unter Beschuss kommen: Wenn dann Raketen kommen, rufen die „Incoming rockets!“. Da dachte ich mir, hey, ist vielleicht geil, wenn man für uns „Incoming Death“ nimmt. Ich hab das dann vorgeschlagen und die Jungs fanden es geil. Den Titel habe ich schon ein paar Jahre. Ich mag das immer ganz gerne, wenn ich, wenn eine Scheibe fertig ist, von der nächsten schon den Arbeitstitel habe.

Musikalisch ist das Album deutlich vielseitiger als „Deathhammer“ – ist das eine Entwicklung, die du auch so siehst, und war das Absicht beziehungsweise gewollt?
Ich stimme da völlig mit dir überein, danke. Aber wir denken uns so was nicht aus. Ein Song kommt so, wie er ist. Im Nachhinein haben wir uns auch gedacht, dass das Album verdammt abwechslungsreich geworden ist. Bei „Deathhammer“ gab es schnelle und langsame Stücke – diesmal hat jeder Song ein anderes Tempo als die anderen Songs auf der Scheibe. Aber das kam einfach spontan. Ein gutes Beispiel dafür ist vielleicht „Forerunners Of The Apocalypse“. Das Ding war gar nicht für das Album geplant. (lacht) Paul kam zwei Tage, bevor er mit Hüskens für das Schlagzeug ins Studio ging, mit dem Riff an. Und ich meinte: Mensch, das ist fett! Er brachte die zwei Riffs und ich meinte, was wir noch brauchen, ist ein Riff, und dann ist das Ding fertig! Als wir dann im Studio waren, musste er sich zuerst noch mal anhören, wie das genau ging! Aber wir haben das dann einfach genommen, weil wir es alle megafett fanden. Und jetzt ist es auch noch der Song für das offizielle Video geworden. Manchmal kann es komisch laufen. ASPHYX ist einfach sehr spontan, über Musik denken wir nicht nach. Da muss man das Gefühl sprechen lassen. Was Musik angeht, sind wir echte Gefühlsmenschen – ich denke, das kann man hören.

BA2015 - AsphyxArbeitest du lieber im Studio an den Songs oder stehst du lieber auf der Bühne und bringst die Songs unters Volk?
Ich bin ein Live-Tier! Immer gewesen. Für mich ist das Metal, auch, als ich ein kleiner Junge war. Ich wollte die Bands live sehen, das war das Gefühl. Natürlich habe ich mir auch daheim Platten aufgelegt, aber ich habe geile Live-Platten immer bevorzugt. Ich bin natürlich schon älter, deswegen waren das dann „Unleashed In The East“ von Priest oder UFOs „Strangers In The Night“ und solche Sachen – Kiss „Alive II“ – das waren für mich einfach die Platten. Metal war für mich immer in erster Linie Live-Musik. Und selbst spüre ich das auf der Bühne auch. Das ist wie eine Droge, fast wie Sex, wenn man die Energie und das Feedback der Leute vor der Bühne zu spüren bekommt.

Gehst du selbst auch noch als Fan auf Konzerte?
Früher gab es hier bei uns in Enschede noch das alte Attack, da war immer was los. Das ist jetzt leider weniger geworden, Metal ist hier in der Gegend nicht mehr so angesagt. Das ist schon ein bisschen traurig. Aber wenn irgendwo was los ist, gehe ich hin! Andererseits spielen wir natürlich auch so viele Festivals oder mit anderen Bands – alles kann man sich da gar nicht anschauen. Aber wenn hier in der Gegend eine geile Band spielt, gehe ich hin. Beispielsweise Y&T, das ist so ne Band, die fand ich früher auch schon total geil, die „Earthshaker“-Scheibe und so. Und die haben dann hier in Hengelo gespielt, da bin ich auch hingegangen. Voll geil. Da hab ich dann die Kumpels von damals getroffen – als wir 16 waren, haben wir uns die Platten vorgespielt und Sachen getauscht. Heute verlieren die Jungs auch alle die Haare, aber trotzdem standen die da mit der Truppe drin und haben sich vollgesoffen und die Köpfe abgebangt. Das war echt geil.

Wie ist das, wenn du auf einem Konzert von Fans erkannt wirst – magst du das oder willst du lieber deine Ruhe?
Es kann natürlich zu viel werden. Aber normalerweise bin ich immer offen für so was und finde es cool. Wenn die Leute mir dann nicht stockbesoffen das Ohr volllallen. Das kann natürlich auch passieren. Wenn ich natürlich selbst gerade voll am Abgehen bin, sage ich schon mal: Lasst mich erst einmal selbst meinen Kopf abschrauben und nachher reden wir mal. (lacht)
Ich hatte das andersherum auf dem Hellfest mit Ace Frehley, dem ehemaligen Gitarristen von KISS. Das war früher als Junge ein Held für mich. Der hat da dann gespielt und ich konnte es gar nicht fassen. Ich bin da hingegangen und hab mich wie ein kleiner Bub vor die Bühne gestellt und Luftgitarre gespielt. Da hat mir dann auch wer auf die Schulter getippt und meinte: Sieht aus, als hättest du Spaß. Und ich meinte: Das ist doch überdeutlich, oder? (lacht) Ich bin immer noch Metalhead.

Weiter zu Teil 2 – in diesem berichtet Fronter Martin van Drunen über den Wert von Freundschaft innerhalb einer Band, die üblichen Geldsorgen eines Musikers und seinen Rauswurf bei HAIL OF BULLETS.asphyx-header-2

Dieses Interview wurde per Telefon geführt.

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