Interview mit Martin van Drunen von Asphyx (Teil 2/2)

Mit „Incoming Death“ erschien unlängst das neunte Studioalbum der niederländischen Todesmetaller ASPHYX. Im ersten Teil unseres Interviews mit Fronter Martin van Drunen ging es um die Entstehung des Albums, die Hintergründe der Texte und das anstehende Jubiläum: 30 Jahre ASPHYX!
Im zweiten Teil berichtet er nun über den Wert von Freundschaft innerhalb einer Band, die üblichen Geldsorgen eines Musikers und seinen Rauswurf bei HAIL OF BULLETS.

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Wie siehst du generell die Entwicklung der Death-Metal-Szene?
Als wir damals mit dem Kram angefangen haben, kannte das keiner. Als wir mit Autopsy, Bolt Thrower und Pestilence unsere erste Europa-Tour gespielt haben, mussten wir draufzahlen. Das kann sich heute kein Schwein mehr vorstellen – das wäre heute ein absolutes Hammer-Package, damit machst du irgendwelche Sporthallen voll. Aber für uns war das damals richtig hart. Zu Zeiten von ASPHYX‘ „The Rack“ und Entombed mit „Left Hand Path“ kam dann schon ein richtiger Death-Metal-Boom. Aber das hat sich dann alles anders durchgesetzt, als wir gedacht hatten, auf einmal ist alles schneller und technischer geworden. Erst jetzt bekommt man für Oldschool-Death Anerkennung, für den langsameren Stil – „Deathpolka“ nennen wir das, diese Uff-Da-Beats. Heute sieht man da auch richtig viele junge Leute bei den Gigs. Gerade auch in Deutschland kommt da ja eine richtige Welle neuer Bands hoch, Lifeless, Revel In Flesh, Wound, Deserted Fear, die Amis mit Skeletal Remains und so. Da ist richtig was los momentan in der Welt. Bei den Engländern genauso: Bodyfarm, Entrapment und so weiter – ich meine, das sind echt eine Menge Bands auf einmal, die Oldschool-Death spielen. Da merkt man richtig, dass das geboostet wird. Das freut mich natürlich.

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Bei ASPHYX hattet ihr früher viele Besetzungswechsel, heute habt ihr ein sehr stabiles Lineup. Wie wichtig ist Freundschaft in einer Band?
Freundschaft ist das wichtigste. Bei uns ist das noch mehr – eine Art Bruderschaft. Wenn das nicht so wäre, wäre ASPHYX nicht, was es ist. Viele Leute denken, Martin ist der große Mann bei der Band, wegen dem Namen, und dem Alter, und weil ich jetzt auch noch der Letzte aus dem alten Lineup bin. Aber ich sehe das überhaupt nicht so. Ich bin einfach einer von den vier Jungs. Die Bruderschaft ist das wichtigste – aber auch, dass wir alle noch echte Metalheads sind. Manchmal kommt einer und sagt: Hör dir das an, oder das, oder die musst du dir mal anschauen oder so. Wir haben einfach auch eine Menge Spaß. Nach den Gigs wird gerne noch eine Menge getrunken. Oder manchmal auch ein paar zu viel vorher. (lacht) Wenn wir nur auf die Bühne gehen würden, weil die Miete bezahlt werden muss, wäre das nicht der Geist von ASPHYX. Da hätte ich auch gar keinen Bock drauf.

Kann man das denn heute überhaupt noch, mit einer Band wie ASPHYX die Miete bezahlen oder generell Geld verdienen?
Ach, hör mir auf. Ich meine, ich tue es ja. Aber ich kann dir sagen, dass es manchmal echt schwer ist, meine Rechnungen zu begleichen. Andererseits ist Freiheit natürlich unbezahlbar. Ich bin ein freier Mann. Aber für manche Rechnung muss ich schon die letzten Groschen zusammensuchen. Aber ich bin frei. Ich kann natürlich auch viel lesen – deswegen habe ich natürlich dann auch Themen, die anders sind als die anderer Leute. Weil ich mir das aussuchen kann. Ich kann den ganzen Tag mit Büchern verbringen. Für mich ist das wichtiger, als in der Fabrik irgendeinen Scheißjob zu machen, nur um ein bisschen mehr Geld zu haben oder ein größeres Auto als der Nachbar zu haben. Aber es ist schwer. Die anderen Jungs haben ja auch ihre Jobs.

asphyx-press_photos_09Denkst du, es ist heute einfacherer oder schwieriger, mit der Musik Geld zu verdienen?
Wenn ich das jetzt mit früher vergleiche, da hatten wir gar nichts. Da haben wir für 50 Mark und ein Kistchen Bier gespielt. Da bekommen wir heute natürlich schon mehr. Insofern ist es einfacher. Andererseits ist es schwieriger, weil man natürlich viel, viel weniger Platten verkauft. Früher haben wir Tapetrading gemacht, klar – wir konnten auch nicht alle Platten kaufen. Die Plattenfirmen sehen das natürlich anders, aber für uns ist wichtig, dass die Leute zu den Konzerten kommen. Deswegen haben wir faire Merch-Preise. Wenn wir selbst CDs verkaufen, verkaufen wir die billiger als im Laden. Da kaufen die Leute dann schon. Generell im Metal – da kaufen die Leute zum Glück wenigstens noch Musik. In anderen Musikrichtungen wie House oder so … die Leute laden sich ja alles runter. Die DJs da bekommen, glaube ich, auch nen Haufen Kohle. Weil sie ja nix verkaufen. Im Metal haben die Leute noch die Loyalität. Aber es ist natürlich auch schwer: Es kommt so viel raus – da müsstest du ja Millionär sein, um dir jedes Jahr die ganze Palette an Sachen, die da rauskommen, zulegen zu können. Das schafft man ja gar nicht. Deswegen sage ich ja auch: Wenn sich jemand von seinem hart erarbeiteten Geld ein paar Platten kauft und sich hier und da mal was runterlädt und für sich behält, sehe ich da nichts Falsches dran. Aber wenn die Leute das dann über Torrent-Server anbieten, ist das natürlich falsch.

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Freundschaft war eben schon ein Thema. Letztes Jahr bist du bei HAIL OF BULLETS ausgestiegen, das anschließende Statement der Band klang nicht nach einer Trennung im Guten…

[„We are sorry to announce that Martin van Drunen is no longer part of Hail Of Bullets. On a personal level it’s no longer possible for us to continue the cooperation with Martin. Unfortunately this means we have to cancel all upcoming shows until further notice.
This does not mean the end of Hail Of Bullets. The main reason for starting this band 8 years ago was our mutual love for real Death Metal and to have fun playing our favourite kind of music and we did not want to lose this ‘fun part’. We acknowledge the fact that Martin’s a good singer with a distinctive voice but he’s not the only great singer on this planet. For the record, there’s no hate or anger here, but this simply wasn’t working out anymore.
We wish him all the best in his future career. To be continued…“
Stephan, Paul, Ed, Theo]

Nein, war es auch nicht. Es gab immer ein paar Sachen in der Band, die mir nicht gefallen haben. Irgendwann habe ich dann eine sehr böse Mail geschrieben, auch weil ich ein bisschen zu viel getrunken hatte. Und die Bezeichnungen, die da gefallen sind, waren nicht gerade vom Feinsten. Das war wirklich ziemlich böse. Und das haben die Jungs dann in den falschen Hals bekommen. Und dann kam Paul und meinte, hey Martin, ich glaube, da ist richtig was los jetzt. Aber auf der anderen Seite war das Komische: Es hat mich auch nicht mehr wirklich interessiert. Ich habe alles in die Band gesteckt, habe die ganzen Themen ausgearbeitet. Aber es gab eben Sachen, die mir aufgestoßen haben und das hat mich einfach gestört. Dann meinte ich zu Paul, was soll ich jetzt machen? Mich entschuldigen? Mache ich nicht. Wenn sie ohne mich weitermachen wollen, ist mir vollkommen scheißegal. Dann kam irgendwie von Theo eine Mail, in der er für die ganze Band gesprochen hat, von wegen „es ist besser, wenn wir uns trennen“ und so. Dann meinte ich: Weißt du was? Ist OK. Ich wünsche euch viel Erfolg und blabla. Weg. Das Komische war: Ich war nicht einmal traurig. Ich war eigentlich erleichtert. Das habe ich hinter mir, jetzt kann ich mich voll auf ASPHYX konzentrieren. Nur die Art und Weise – das hätte ein besseres Ende verdient gehabt.

HailOfBullets-IIITheRommelChroniclesDu hast es gerade angesprochen: Du hast die ganzen Konzepte für die Band ausgearbeitet. Wie fühlst du dich dabei, dass die Band nun ohne dich weitermacht?
Es ist natürlich das gute Recht der Band. Aber was mich tatsächlich stört, ist, dass da jetzt jemand auf der Bühne steht, der die Texte singt, mit denen ich mir eine Menge, Menge, Menge Mühe gegeben habe. Das sind ganze Studien gewesen, ganze Platten. Das ist einfach, was mich stört. Jo, Alter, das einzige, was du jetzt machst, ist, du greifst jetzt das Mikrophonchen und brüllst die Texte ein. Das ist es. Du hast keine Affinität zu dem Kram, du hast das nicht studiert, vielleicht weißt du nicht einmal, worum es geht, kennst die Hintergründe nicht … das stört mich, das stört mich tatsächlich. Aber ich denke da nicht weiter drüber nach. Aber wenn du so offen fragst … ja.

Was denkst du über deinen Nachfolger, Dave Ingram – kann er dich ersetzen? Also auch musikalisch. Du hast ja doch eine sehr charakteristische Stimme.
Das weiß ich nicht. Ich war selbst nie begeistert von ihm. Ich kenne ihn nur flüchtig von Tour, wo er noch bei Benediction war, aber viel Kontakt hatten wir damals nicht. Er war mehr so ein Einzelgänger. Persönlich … „Honour – Valour – Pride“ von Bolt Thrower höre ich als Platte kaum. Nur wegen seinem Gesang. Aber das ist mein persönlicher Geschmack, nicht, weil er mein Nachfolger bei HAIL OF BULLETS ist. Aber ich kenne echt kaum ein Stück von dem Album. Ich habe das Ding ein-, zweimal gehört und mir gedacht: Mein Gott, der Gesang ist echt Scheiße. Da höre ich mir lieber „… For Victory“ an oder „Those Once Loyal“ oder „War Master“ oder „The IVth Crusade“.

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Habt ihr euch seitdem noch mal ausgesprochen oder bleibt das Verhältnis angespannt?
Nee nee, wir haben uns auf Festivals getroffen, und auf Pauls Hochzeit waren alle da. Das war cool. Das ist alles ausgesprochen, es ist halt gelaufen, wie es gelaufen ist. Es hätte einfach ein besseres Ende verdient, wie gesagt. Aber da herrscht jetzt keine Kriegsstimmung oder so. Sagen wir es so: Wenn es mal ein Kriegsbeil gab, ist das schon wieder begraben. Das wird auch nicht mehr gefunden.

In GRAND SUPREME BLOOD COURT bist du aber noch aktiv, oder? Gibt es da Neues?
Ja ja, wir arbeiten langsam wieder an Material. Aber jetzt erst einmal alles mit „Incoming Death“ abwarten, da kommt noch eine Menge auf ASPHYX zu, insofern herrscht da erst einmal noch Ruhe. Aber Alwin [Zuur, Gitarre; A. d. Red.] hat schon ein paar Songs gebastelt, das hört sich so weit auch ganz gut. Da kommt schon noch was! Aber eben alles mit der Ruhe.

Vielen Dank für deine Zeit und Antworten – zum Abschluss ein Brainstorming:
Donald Trump:
Vollidiot. Ganz ehrlich. Wenn die Amerikaner den wählen und sich von dem regieren lassen … sagt das auch was über die Amis. Aber echt. Das ist das Letzte.
Bolt Thrower: Ich war wegen dem Tod von Kearns wirklich sprachlos. Ich wünsche seiner Familie, seiner Frau und Kinder alles Gute.
Wacken: Haben wir nie gespielt, und wahrscheinlich wird ASPHYX da auch nie spielen. Das ist nix für uns.
ASPHYX in 10 Jahren: (lacht) Hoffentlich immer noch so wie jetzt auch.

Vielen Dank für das Interview!
Danke dir, Moritz!

Zurück zu Teil 1 – in diesem berichtet Martin van Drunen über die Entstehung des Albums, die Hintergründe der Texte und das anstehende Jubiläum: 30 Jahre ASPHYX!
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Dieses Interview wurde per Telefon geführt.

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