Interview mit Jürgen Bartsch & Onielar von Bethlehem (Teil 2/2)

 Um besondere Gespräche zu führen, trifft man besondere Menschen am besten in einem besonderen Setting: Da für das im Rahmen des Sick Midsummer vereinbarte BETHLEHEM-Interview auf dem Festivalgelände kein ruhiges Fleckchen zu finden ist, beschließen wir, es einfach zu verlegen. Nicht zeitlich, sondern räumlich – auf eine Picknickdecke in einer Sommerwiese, mit Vogelgezwitscher im Hintergrund und bester Aussicht auf den Traunstein. Der perfekte Rahmen für ein so offenes wie ausführliches Gespräch mit Bandkopf Jürgen Bartsch und Sängerin Onielar (Darkened Nocturn Slaughtercult).

In Teil 2 des Interviews berichten die beiden, wie Onielar vom BETHLEHEM-Fan zur Sängerin wurde und was das mit ihr gemacht hat, wie man sich Bartschs skurrile Texte merken kann und was er uns damit eigentlich sagen möchte.

In Teil 1 geht es vor allem um BETHLEHEM in Israel und Liveshows im allgemeinen, Stilwechsel und Kommerzvorwürfe, „Schatten aus der Alexander Welt“ und den Ballermann-Stürmer Disco Guido aka. Guido Meyer de Voltaire.

Wenn ich mir das hier so anschaue: Ihr scheint ja wirklich perfekt zu harmonieren – wie hat sich das eigentlich gefügt, wie bist du zu BETHLEHEM gekommen, Onielar?
Onielar: Das ist eine total kuriose Geschichte, das ist auch schon ein paar Jahre her. Wir haben mit DNS in Grevenbroich eine Band-WG gehabt und ich wusste, dass der Jürgen Bartsch von BETHLEHEM auch aus Grevenbroich kam. Aber das hat mich nicht weiter tangiert. Ich war immer Fan, aber ich kannte Rainer Landfermann sehr, sehr gut und habe die Geschichten gehört, wie es damals auseinander ging. Da dachte ich mir: ‚Oh, ich glaube, dem Bartsch willst du echt nie begegnen.‘ (lacht) ‚Also wenn du jemandem nicht begegnen willst, ist es der Jürgen Bartsch.‘ (lacht) Wir haben damals schon ein paar Jährchen dort gelebt, eben als Band-WG mit Proberaum im Keller. Und es war Silvester, das wir auch noch mit Reiner Landfermann feiern wollten … und plötzlich bekomme ich eine Mail von Jürgen Bartsch.

„BETHLEHEM war für mich als Fan
immer eine ganz große Instanz.“

Onielar von BethlehemIch dachte erst das wäre eine Spam oder was weiß ich. Velnias [Gitarrist von Darkened Nocturn Slaughtercult – A. d. Red.] und ich hatten damals in unserem Computerzimmer die PCs gegenüber, und ich so: „Ey, ich habe gerade ‘ne Mail von Jürgen Bartsch bekommen.“ Velnias hat nur gelacht. (lacht) Und dann lese ich: „Hey, ich hab gehört, ihr wohnt hier irgendwo in der Nähe, vielleicht kann man sich ja mal treffen.“ Und ich so: „Waaaaaaaaaaaaaas?! Ne! Boa, alles, bloß das nicht!“ (lacht) Aber dann hab ich mir gedacht: Guckste dir den halt mal an. Wir wohnten eigentlich nur fünf Kilometer voneinander weg! Und seit dem ersten Treffen nahm das Ganze seinen Lauf. Wir haben eine sehr, sehr, sehr enge Freundschaft entwickelt, wie eine Seelenverwandtschaft. BETHLEHEM war für mich als Fan immer eine ganz große Instanz. Ich habe im Leben nie daran gedacht, ein Teil davon zu werden – zumal mit DNS genug zu tun war. Alles andere ist dann Geschichte. (lacht)

Bartsch: Das ist alles stückchenweise passiert, das hat sich so entwickelt.
Onielar: Vor allem [ist das ja auch schwierig], wenn der Respekt vor einer Band so groß ist, dass du sagst: ‚Ne, ne – das machen andere, das mache nicht ich‘. Ich habe dann ja den ganzen Verlauf bei BETHLEHEM mitbekommen durch Jürgen, weil wir eben sehr, sehr viel Zeit miteinander verbracht haben … dass es mit dem Sänger immer wieder Aufs und Abs gab, Leute kamen und gingen, dann wurde „Hexakosioihexekontahexaphobia“ gemacht, dann gab es wieder superkrasse Unstimmigkeiten … das fand ich einfach schade. Und dann hat Jürgen es tatsächlich geschafft, mich zu überreden, einen Bonussong aufzunehmen. Das war die erste Aktion. Als BETHLEHEM zu Zeiten von „Hexakosioi“ dann nur noch mit zwei Mann dastanden – Torturer und Bartsch – habe ich noch die Fotos für das Album gemacht.  Und eben diesen Bonustrack. Damit war ich quasi schon ein kleiner Teil von BETHLEHEM … ich war so megastolz. Das war so geil!

… und jetzt stehst du da vorne und singst!
Onielar: Das war der nächste Schritt. Das war so extrem. Wir gehen oft kilometerweit in unserer Gegend herum … es ist hier ja sehr weitläufig, da begegnet man keinem Menschen …
Bartsch: Durch den Tagebau ist ja alles zerstört. Da ist weit und breit keine Sau …
Onielar: … ja, da laufen wir und philosophieren – das ist auch ein großer Teil unserer Freundschaft. Und dann sagt er: „Onielar, mach du das doch!“ – „Ne, hau ab! Bei BETHLEHEM singen – im Leben nicht, ne, ne, komm.“ Und dann war ein Album geschrieben. Und die Musik hat mir so gut gefallen … meine Fresse.

„Da fragt man sich schon:
Schaffst du das überhaupt?“

Und dann sind wir ins Studio gegangen, ohne eine Probe, ohne die Struktur der Texte in die Lieder zu fügen. Dann haben wir ganz spontan Song für Song die 25-jährige Jubiläumsplatte von BETHLEHEM aufgenommen. Ich hatte solche Bedenken … BETHLEHEM haben so viele Jahre auf dem Buckel, haben so eingefleischte Fans, zu denen ich ja auch gehöre. Da fragt man sich schon: Schaffst du das überhaupt? Kommst du überhaupt an dieses Niveau heran, das du selbst an BETHLEHEM so liebst? Ich wollte ja die Band dann nicht selbst versauen! Am Ende wäre ich es dann ja noch schuld! (lacht) Aber die Resonanz war krass. Ich hätte mich ja am liebsten nur versteckt und abgewartet, was da zurückkommt. Aber das war dann wirklich überraschend geil.

Ja, das Album ja auch – und nicht zuletzt der Gesang. War das für dich eine Umgewöhnung, von deinem Stil bei DNS zu diesem BETHLEHEM-typisch „kranken“ Gesang?
Onielar: Definitiv! Schon allein deutscher Gesang hat eine völlig andere Melodie. Und es passt auf BETHLEHEM ja kein klassischer Kreischgesang, BETHLEHEM hat seine ganz eigene Atmosphäre. Die einzufangen ist einfach Gefühlssache. Klar ist der Gesangsstil irgendwo der gleiche, du kannst deine Stimme ja nicht komplett drehen. Aber das ist trotzdem etwas völlig anderes. Und es beansprucht die Stimmbänder definitiv nochmal ganz anders. (lacht) Ich finde es noch anspruchsvoller. Mit dem anderen bin ich großgeworden. Ich bin seit ich 17 bin Teil von DNS – und plötzlich steigt man auf eine ganz andere Band um, die einem etwas ganz anderes abverlangt. Aber das war für mich nicht nur eine Herausforderung, sondern ein Zusammenwachsen mit etwas, mit dem ich sowieso schon musikalisch verwachsen war … weil ich Fan dieser Band war. Aber dann wirklich Teil dieser Band zu werden, war nochmal ein krasser Schritt für mich: Dieses erste Studioalbum hat sich für mich wie ein ganz neuer Frühling angefühlt. (lacht) Weil es etwas völlig anderes war, weil ich darin nochmal einen völlig anderen Ausdruck ausleben konnte. Das war fantastisch und hat für mich selbst alles nochmal auf ein ganz neues Level gehoben.

Was macht es für dich für einen Unterschied, ob du mit DNS oder BETHLEHEM auf der Bühne stehst?
Onielar: Auch das ist komplett anders. Mit DNS ist es ja wirklich sehr zeremoniell und rituell aufgebaut, das verlangt nochmal eine ganz andere spirituelle Sphäre und wiegt vom persönlichen spirituellen, geistigen Aufwand viel viel schwerer. Das merke ich davor, währenddessen und danach. Diese expressive Melancholie von BETHLEHEM liegt in mir, deswegen habe ich zu der Band auch immer sehr gut Zugang gefunden. Das ist auch ein sehr großer Teil von mir, deswegen kann ich das sehr gut teilen. Aber das ist viel befreiender und expressiv ganz anders. Das fühlt sich leichter an als die okkulte Seite von DNS. Aber es beflügelt und erfüllt mich.

„Dadurch, dass ich die Texte immer
dermaßen feiere, geht es.“

Und wie groß war die Herausforderung, die Texte von BETHLEHEM zu lernen?
Onielar: Die ist sehr groß, definitiv. (lacht) Dadurch, dass ich die Texte immer dermaßen feiere, geht es. Einfach zu lernen sind sie nicht, aber so wunderschön verrückt. Wenn man sich in dem Feld bewegt, hat man da auch einen ganz anderen Anker. Dann ergeben einige Dinge Sinn, die man dann wiederum verknüpfen kann, weswegen sie sich dann tatsächlich auch im Kopf verankern.
Bartsch: Das hat schon ganz andere in den Wahnsinn getrieben. (lacht) Da gab es mal eine Textzeile, da habe ich echt zwei Leute massiv in den Wahnsinn mit getrieben. Pass auf: „Wie Nadelstiche in Singularitäten – letztgültig und verlängert in Buße – kalt darliegt der Gärtner beider Rassen – und vereitelt Variablen – toter Notwendigkeit und Raum.“ [aus: „Du sollst dich töten“ von „S.U.i.Z.i.D.“ – A. d. Red.] Da wussten die schon nicht mehr „Wie war nochmal die erste Zeile?“ – „Da gibt es keine erste Zeile!“ – „Achso“ … (lacht)
Onielar: Das ist wirklich so … du musst mit diesen Dingern irgendwie verwachsen.

Jürgen, in unserem letzten Interview habe ich dich auch schon mit der Text-Frage genervt. Da hast du gesagt: Wenn du arge Probleme mit dir selbst hast, wirst du dich in diesen [Texten] wiederfinden. Wenn du meinst, alles wäre sauber, ist das Quatsch mit Soße für dich. Guten Appetit! Musst du Probleme mit dir selbst haben, um solche Texte zu schreiben?
Bartsch: Ne. Wie soll ich das erklären. Sagen wir mal: Das ist Talent.
Onielar: Egal wie krass das klingt, aber es ist wahr.
Bartsch: Ich brauche ein Blatt Papier, das war‘s.
Onielar: Und Druck. Er braucht Druck!
Bartsch: Ja, das stimmt. Aber dann funktioniert es meistens. Es kommt dann einfach. Ich muss ganz nüchtern sein, keine Drogen, nix – mach ich eh nicht mehr.

Beim Texten immer nüchtern gewesen?
Bartsch: Ja, ja.
(Onielar verdreht die Augen)
Bartsch: Gut, bei „Dictius Te Necare“ war ich gehandicapt, sagen wir‘s mal so. (lacht) Das habe ich so auch nie mehr hingekriegt, die Texte sind nicht ich, das war etwas anderes.
Onielar: Aber Jürgen, da muss ich dir leider widersprechen. Dieser Wahnsinn, egal ob im nüchternen oder nicht nüchternen Zustand … ich habe jetzt den Entstehungsprozess von drei Alben mitbekommen, da waren die Umstände ja tatsächlich eher nüchtern, und da sind so verrückte Dinge entstanden – da frage ich mich schon manchmal: ‚Meine Fresse, Hut ab, wo kriegt der das her.‘ Ein enormer Wortschatz, kombiniert mit einer Ladung Wahnsinn.
Bartsch: Wenn ich Glück habe, schaffe ich es, alle Texte für ein Album am Stück zu schreiben. Das war jetzt aber schon lange nicht mehr der Fall. Aber wenn ich Druck habe, geht das schon recht zügig. Ich muss mich einfach hinsetzen und loslassen.

„Ich kann ja auch nicht sieben
Stunden einen Text erklären“

Hast du dann konkrete Themen für deine Texte? Das ist für einen Außenstehenden ja nicht ganz leicht nachzuvollziehen …
Bartsch: Ich weiß, ja. Das sind Bilder. Mir fallen Bilder ein, von Erlebnissen, die ich hatte, die ich dann instinktiv niederschreibe. Oder von Erlebnissen, die erst noch kommen. Oder vielleicht auch Gegenwart. Das vermischt sich dann. Aber das hat alles einen Ausdruck. Also in meinem Kopf. Und Leute, die mich näher kennen, wissen auch in etwa, was ich meine. Früher habe ich das im Studio erklärt, worum es geht. Das muss ich zum Glück nicht mehr, das ist müßig. Du kommst dann auch vom Hölzchen aufs Stöckchen, weil es einfach zu viele Bilder sind. Ich kann ja auch nicht sieben Stunden einen Text erklären – wir müssen ja auch irgendwie noch arbeiten. Danach heißt es dann immer „Ach so“, „Ah ja“, „Alles klar“, „Jetzt verstehe ich“ – aber das ist müßig. Darum lasse ich es jetzt so stehen. Wer sich von uns dann wiederfindet – gut. Wer nicht – auch gut. Aber das kann man nicht alles explizit erklären. Dem außenstehenden Hörer schon gar nicht. Ich hab das mal versucht. Aber da kommt ja eh nur „Der hat sie nicht mehr alle.“ Und so Schmonzettenhefte wie die RockHard verstehen das eh nicht. Da brauchst du dir die Mühe gar nicht machen, das bringt nichts.

Euer neues Album trägt den Titel „Lebe dich leer“. Das wirkt für BETHLEHEM-Verhältnisse überraschend verständlich …
Bartsch: Klar, Suizid, ne? Auskosten bis zur bitteren Neige, am besten so schnell wie möglich, dann hast du viel davon. Dann bist du zwar schneller leerer, aber du hast hell geglüht. Da gibt es ja viele berühmte Beispiele, die das getan haben. Jim Morrison zum Beispiel hat recht hell geglüht, oder Amy Winehouse, die hat sich ja auch sehr schnell leergelebt.

Damit wären wir fast am Ende – Onielar, du bist eine der wenigen Frauen im Black Metal. Vielleicht ein paar ermunternde Worte an deine Geschlechtsgenossinen?
Onielar: Ich kann dazu nichts sagen, ganz ehrlich. Ich habe mich eigentlich nie damit identifiziert. Auch, wenn irgendwelche Frauen mit „Frauenpower!“ um die Ecke kommen: Ich scheiß drauf! Im Gegenteil: Ich möchte eigentlich nicht, dass sich etwas hervorhebt, weil da weiblicher Gesang ist. Es hat mich so viele Jahre dermaßen gefreut, dass eigentlich niemand Notiz davon genommen hat, dass bei DNS eine Frau singt – es hat ja auch niemanden interessiert, wer Gitarre spielt oder singt oder komponiert. Oder das kam zumindest erst später. Ich wollte einfach nie, dass das als Besonderheit hervorgehoben wird. Das ist eine spirituelle Geschichte, das geht über Geschlechter hinaus und ich möchte nie, dass das geschlechterspezifische Identifikation findet. Ich bin ich.

„Klar ist man biologisch der, der man ist,
aber die Sprache der Seele hat kein Geschlecht.“

Bartsch: Das ist aber so, da kannst du nichts gegen machen, das ist so.
Onielar: Ja, aber das kotzt mich trotzdem an, dieses female, „best female vocalists“, whatever. Das kotzt mich eher an als alles andere, ganz ehrlich. Ich will als Musiker wahrgenommen werden, als das Individuum. Klar ist man biologisch der, der man ist, aber die Sprache der Seele hat kein Geschlecht. Und das spricht aus mir. Deswegen ist das Geschlecht völlig egal. Ich kann nur jeden dazu ermutigen, der zu sein, der er ist. Ohne spezifischer Geschlechteranbindung. Die „Genossinnen“, die hier unterwegs sind, und ich haben eigentlich gar nichts gemeinsam. Gar nichts. Vielleicht ist die Sparte des Metal sogar deswegen die angenehmste, weil da weniger weibliche Wesen unterwegs sind als männliche – insofern passt das so. (lacht)

Auch ein schönes Schlusswort. Danke für eure Zeit und Antworten!
Bartsch: Danke Moritz!
Onielar: Danke dir!

In Teil 1 des Interviews geht es um BETHLEHEM in Israel und Liveshows im allgemeinen, Stilwechsel und Kommerzvorwürfe, „Schatten aus der Alexander Welt“ und den Ballermann-Stürmer Disco Guido aka. Guido Meyer de Voltaire.