Interview mit Jürgen Bartsch & Onielar von Bethlehem (Teil 1/2)

Um besondere Gespräche zu führen, trifft man besondere Menschen am besten in einem besonderen Setting: Da für das im Rahmen des Sick Midsummer vereinbarte BETHLEHEM-Interview auf dem Festivalgelände kein ruhiges Fleckchen zu finden ist, beschließen wir, es einfach zu verlegen. Nicht zeitlich, sondern räumlich – auf eine Picknickdecke in einer Sommerwiese, mit Vogelgezwitscher im Hintergrund und bester Aussicht auf den Traunstein. Der perfekte Rahmen für ein so offenes wie ausführliches Gespräch mit Bandkopf Jürgen Bartsch und Sängerin Onielar (Darkened Nocturn Slaughtercult).

In Teil 1 unseres „Picknickdeckengesprächs“ geht es vor allem um BETHLEHEM in Israel und Liveshows im allgemeinen, Stilwechsel und Kommerzvorwürfe, „Schatten aus der Alexander Welt“ und den Ballermann-Stürmer Disco Guido aka. Guido Meyer de Voltaire.

Ihr habt anfang Juni in Israel, genauer in Tel Aviv gespielt, richtig – wie war das?
Bartsch: Das war super – ein kleineres Festival. Aber die Fans waren anders als hier: Die sind total abgegangen, da war sogar Moshpit angesagt. Danach mussten wir auch raus, Autogramme schreiben und Selfies machen…
Onielar: Einer hat sich seine Gitarre unterschreiben lassen, andere Kutten, alte Alben … das war denen auch ganz egal, dass ich auf der „S.U.i.Z.i.D.“ gar nicht drauf bin. Die Leute, die da hinkamen, wollten wirklich BETHLEHEM sehen. Das war dann auch eine super Stimmung. Das krasse ist: BETHLEHEM waren da die Hauptband, es gab keine Vorband, nichts. Wie sagte der Veranstalter: Die wollen hier die Hauptspeise direkt haben.
Bartsch: … wir kommen da an, und du erwartest natürlich die ganzen Vorbands und so – gibt es nicht. Nur BETHLEHEM. Aber das ist ja auch super, du hast dann zwar ein kleineres Publikum, aber es ist viel intensiver. Also gerne nochmal. Ist zwar etwas umständlich mit dem hinfliegen … vor allem die Checks, wenn du wieder raus willst. Die stellen richtig psychiologische Fragen. Aber der Witz war: Eine von diesen befragenden Offizieren am Flughafen war BETHLEHEM-Fan. Der mussten wir dann auch noch Autogramme schreiben. (lacht)
Onielar: Die hat sich richtig an den Bartsch drangehängt … (lacht)

„Die wollten BETHLEHEM schon jahrelang nach Israel holen“

BETHLEHEM nach Israel holen entbehrt aber auch schon nicht einer gewissen Komik … wie kam es überhaupt zu der Show?
Onielar: Die wollten BETHLEHEM schon jahrelang nach Israel holen.
Bartsch: Ja, und jetzt geht das ja wieder, nachdem wir ein stabiles Lineup für Konzerte haben. Also haben wir uns gedacht: Komm, machen! Wann kommt man schon mal nach Israel? Tel Aviv ist echt ‘ne geile Stadt. Aber die Luftfeuchtigkeit dort, das kannst du dir nicht vorstellen: Da hing eine Wasserdampfwolke über der Straße … ein heftiges Klima, muss man sagen.
Onielar: Die Autos waren nass! Obwohl es sonnig und trocken war, waren die Autos mit Feuchtigkeit bedeckt.

Hattet ihr dann auch etwas Zeit, euch in der Stadt umzuschauen?
Bartsch: Nicht so viel. Aber die Stadt ist riesig – da verirrst du dich. Mit den ganzen Einbahnstraßen, das ist wie Köln, nur zigmal größer … und enger. Sogar unsere ortskundigen Fahrer haben ihre TomToms benutzt. Und dann sind die in so einen Hinterhof gefahren, das kannst du dir nicht vorstellen. Eine Toreinfahrt, und dann war da ein riesen Areal aus Müll und Katzen.
Onielar: Da gibt es so viele Straßenkatzen, das ist unglaublich. In der Nacht, als wir im Vorgarten von unserem Appartement gesessen haben, hast du überall nur Katzengequieke und Straßenfights gehört. Aber richtig geil … weil Katzen sind cool. Das war auch eher so ein Künstlerviertel, das ist da ziemlich offen. Das hätte ich nicht erwartet, solche Teile von Tel Aviv zu sehen. Aber als wir wieder auf dem Weg zurück zum Flughafen waren, waren auch direkt die Krisengebiete ausgeschildert– das war irgendwie ein krasses Gefühl. Wir haben den Veranstalter gefragt: Was für einen Bewegungsradius hast du eigentlich hier, wenn du einen Ausflug machen willst? Da meinte er: 50 km, maximal.
Bartsch: Du bist da schon umzingelt von diesen Krisengebieten. Das wurde dann auch ein Running Gag: Lass doch mal in Bethlehem spielen. BETHLEHEM in Bethlehem. Das ist in Israel ein Witz, weil du als Israeli nicht nach Bethlehem fahren kannst. Das ist Palästinensergebiet, da wirst du direkt hops genommen oder die beschmeißen dein Auto mit Steinen und du kriegst tierisch Ärger.
Onielar: Der Veranstalter meinte: Wenn du über die Grenze fährst, wirst du mit Steinen beworfen, und wenn du zurückfährst, wirst du verhaftet, weil du dort warst. Das ist schon einfach krass.

„Du stellst dann quasi pro dar, obwohl es kontra ist
… das hat einfach gepasst.“

Wo wir gerade beim Namen sind – wie kam es eigentlich damals zu BETHLEHEM als Bandname?
Onielar: Ohhhhhhhh. (lacht)
Bartsch: Das ist eigentlich unspektakulär. Ich weiß nicht, ob das für dein Magazin taugt. Früher, Anfang der 1990er, bist du ja nicht einfach in den Plattenladen gegangen und online gab es noch gar nicht. Da lief alles über Tape-Trading. Damals gab es auch nur wenige Black-Metal-Bands. Wenn du da was verschickt hast, kam das meist nicht an – vor allem nicht in bizarre Länder wie Kuba oder Vietnam oder so, das ging vorher flöten.

Am Festivalgelände stellt sich ein Mann zum urinieren an den Festivalzaun.
Onielar unterbricht lachend mit dem Einwurf: Lörris live am Zaun!

Bartsch (unbeirrt): Dann haben wir BETHLEHEM gewählt, das kam immer an – weil alle gedacht haben: Eine christliche Band, super, die müssen wir durchlassen. Das hat dann beim Tape-Trading gar keine Probleme mehr gegeben. Und daraus wurde irgendwann ein Selbstläufer. Ich will hier jetzt nicht diesen Kinderquatsch erzählen von wegen Geburtsort von Jesus – das war ja auch gar nicht Bethlehem, sondern Nazareth – aber das ist alles Käse. Da kann ich heute auch gar nicht mehr dahinter stehen. Das ist ja schon auch Sarkasmus. Alle nennen sich Impaled Nazarene und keine Ahnung wie, und du stellst dann quasi pro dar, obwohl es kontra ist … das hat einfach gepasst.
Onielar: Ich glaube, dieser krasse Sarkasmus hat BETHLEHEM oder die Leute dahinter schon immer durchzogen.

Generell spielt ihr jetzt wieder etwas öfter, kürzlich Israel, heute endlich hier, nachdem ihr das letzte Mal aus gesundheitlichen Gründen absagen musstet …
Bartsch: Three times! Dreimal abgesagt! Die Situation war einfach nie klar, wie das mit live aussieht. Das hat sich ja eigentlich erst dieses Jahr gefestigt … eigentlich ist es erst seit Velnias [Gitarrist von Darkened Nocturn Slaughtercult – A. d. Red.] eingestiegen ist richtig „fix“ und ausbaufähig geworden. Das dauert ja auch alles, bis das live wieder einigermaßen hinhaut, musst du ja auch erst mal wieder ein paar Shows spielen. Wir machen das zwar alle schon recht lange, aber in der Konstellation natürlich nicht. Das muss erst zusammenwachsen.
Onielar: Livetauglich waren wir ja schon seit dem Dark Easter Metal Meeting 2018, aber das war unsere Premiere in der Konstellation und die erste und einzige Show in dem Jahr. Und dazu ist jetzt eben noch die zweite Gitarre gekommen.

„Früher mussten wir im Proberaum
die Gitarrenspur vom Band laufen lassen.“

Probt ihr dann auch regelmäßig?
Bartsch: Ja ja. Also nicht oft … wir proben zweimal im Monat.
Onielar: … wenn’s hochkommt!
Bartsch: Ja, wenn’s hochkommt. Und ohne Ilya [Karzow, Gitarre – A. d. Red.] natürlich, der kann ja nicht immer dabei sein. Er ist ja Russe und lebt in Rybinsk. Wir haben auch jetzt vor der Show nicht mit ihm geprobt. Bei sowas wie heute fliegt er vor der Show zu mir, also nach Düsseldorf, und bleibt paar Tage … wenn wir im Ausland spielen, fliegt er da direkt hin.
Onielar: Aber proben können wir jetzt ja auch mit Gitarre, weil wir jetzt zwei Gitarristen haben. Früher mussten wir im Proberaum die Gitarrenspur vom Band laufen lassen. Da haben wir uns spezielle Mixe angefertigt, nur Gitarren und Keyboards, und mit Klick durchgespielt. Aber das ist sehr statisch.
Bartsch: Das ist aber auch scheiße, mit diesem fixen Kostüm. Wenns dann danebengeht, musst du von vorne anfangen. Das ist schon nervig.

Und live spielt ihr, weil es euch Spaß macht, oder weil ihr „müsst“, weil ihr nur so die Band voranbringen könnt?
Onielar: Wir müssen überhaupt nichts.
Bartsch: Wir müssen nichts, nein. Ne, macht Bock. Macht tierisch Bock. Hat schon immer Bock gemacht, nur die Umstände waren immer sehr beschissen. Waren eben die falschen Leute an Bord, muss man echt so sagen. Und ganz früher war ja noch null Bekanntheitsgrad da. Da hat das ja noch niemanden interessiert. Da hast du halt ein paar Shows mit Desaster vor zehn Leuten gespielt. Und das waren die zehn Leute, die wir mitgebracht haben. So war das ja früher. (lacht)
Onielar: Ich glaube, durch das instabile Lineup war es mit BETHLEHEM immer problematisch. Der eine kam und hat ein supergeiles Album wie „Dictius Te Necare“ aufgenommen, war aber für live überhaupt nicht verfügbar [Rainer Landfermann, Gesang 1995-1996 – A. d. Red.], weil er sich danach schon wieder zerstritten und verabschiedet hat …
Bartsch: Richtig. Mit Landfermann haben wir glaube ich zweimal geprobt. Aber nur drei Songs, dann war er fix und alle und hatte einen purpurroten Kopf. Dabei hat der nicht geraucht, nicht getrunken, gar nichts.
Onielar: Daran hat es wahrscheinlich gelegen! (lacht)
Bartsch: Dieses Extreme musst du einfach drauf haben. Sie (zeigt auf Onielar) hat die Technik und die Ausdauer und alles. Er hat‘s nicht drauf gehabt. Darum: Respekt, Onielar – du bist da von einem ganz anderen Kaliber.

„Wo BETHLEHEM drauf steht,
ist BETHLEHEM drin.“

Ihr habt auf den letzten beiden Alben, „Lebe dich Leer“ und „Bethlehem“, wieder das alte Logo verwendet, davor ja nur noch einen Schriftzug. War das eine Message?
Bartsch: Definitiv. Wo BETHLEHEM drauf steht, ist BETHLEHEM drin, das sagt das aus. Diese Experimente von früher hatten ihren Sinn und ihre Berechtigung auf ihre Art und Weise, aber das ist vorbei.

Also ist es eine bewusste Abgrenzung von den Alben davor?
Bartsch: Keine Abgrenzung, aber BETHLEHEM fühlt sich jetzt wieder als Band an und ist auch wieder die Einheit geworden. Da kann man auch wieder das alte Logo nehmen.
Onielar: Und durch die neue Konstellation ist es irgendwie – bewusst oder unbewusst – zu den Wurzeln zurückgekehrt.
Bartsch: Es ist ja so: Du hast als Band immer eine Identität. Ich war eine Zeit lang nicht so der Freund davon, immer das Gleiche zu machen. Das nutzt sich ab. Du als Mensch oder Künstler möchtest dich ja auch mal anders ausdrücken, oder mal etwas anderes ausprobieren. Das steckte dahinter … der persönliche Ausdruck, die Lust am Musikmachen. Und Musikmachen heißt ja nicht, dass ich, wenn ich in einer Rockband spiele, mein Leben lang nur noch Rock machen kann. Man lernt ja auch dazu. Ich habe mich als Musiker weiterentwickelt, kann heute Sachen spielen, die ich damals nicht konnte. Und dann probiert man sich aus. Das war es, mehr nicht.

Grob gesagt: Die ersten drei Alben sind die Identität, die man als Band hat. Wenn man sich dann ausgespielt und ausgetobt hat, kehrt man eben zu dieser Identität zurück. Da sind wir ja nicht die einzigen, das haben ja schon viele gemacht. Solche Experimente werden dann oft missverstanden, von wegen du willst jetzt kommerziell sein. Was ja Quatsch mit Sauce ist: Du erreichst die Leute ja gar nicht. Und deine Fans vergraulst du. Genaugenommen ist das die Abkehr von allem, wenn man experimentiert. Du nimmst bewusst in Kauf, dass es kein Schwein mehr kauft und keiner mehr hören will – und du machst es trotzdem. Das finde ich tausendmal ehrlicher als „Das Album ist gut gelaufen, dann machen wir das nächste genauso und das übernächste vielleicht ein bisschen anders“. Das ist das Modern-Talking-Prinzip. Dieter Bohlen hat mal gesagt: „Cheri Cheri Lady“ und „Euronymous Cadillac“ …
Onielar: „Euronymous Cadillac“! (lacht)
Bartsch: … „Geronimo’s Cadillac“ und weiß der Henker … das ist alles abgeleitet von diesem Hit, „You’re My Heart, You’re My Soul“. Das ist kommerzielle Musik, das ist der Mainstream. Wenn ich weiterführe, was gut läuft. Die Abkehr davon ist das Kontradings, darum ist das meiner Definition nach viel ehrlicher.
Onielar: Ich kann das coolerweise insofern beurteilen, als ich BETHLEHEM ja bis ich eingestiegen bin sehr objektiv – als Fan – beurteilen kann. Ich habe hab ja Platte für Platte verfolgt …
Bartsch: … „Euronymous Cadillac“ … (lacht)
Onielar: … und ich als BETHLEHEM-Fan kann sagen, dass sich BETHLEHEM stilistisch natürlich sehr verändert haben, von „Dictius Te Necare“ zu „Mein Weg“ oder „Schatten aus der Alexander Welt“ – das sind Welten! Aber wenn du BETHLEHEM magst, sind das trotzdem Alben, die BETHLEHEM sind … da ist ein roter Faden!
Bartsch: Das ist ja ganz klar, was soll das sonst sein. (lacht)
Onielar: Aber trotzdem war „Mein Weg“ das Album, das am wenigsten Beachtung gefunden hat. Weil es gesanglich so anders war.

„Nur „Hexakosioi“ war noch beschissener,
das hat gar keine Sau interessiert.“

Bartsch: Nur „Hexakosioi“ war noch beschissener, das hat gar keine Sau interessiert.
Onielar: Aber wenn du die Musik hörst und die Texte, das ist BETHLEHEM! Die Essenz. Du lernst BETHLEHEM von einer ganz anderen Seite kennen. Das fand ich eigentlich sehr, sehr wertvoll. Die können einfach mehr als nur extrem.
Bartsch: Die neuen Alben sind ja genaugenommen auch nicht mehr das Alte. Das ist ja wieder etwas anderes. Aber es baut eben wieder mehr auf dieser Identität auf.
Onielar: Das wiederum kann ich nun nicht mehr objektiv beurteilen. Wenn man da so drin ist, ist man raus. Ich kann nur auf die Einschätzungen von anderen vertrauen: Passt es oder passt es nicht. Aber das war genau der Punkt: Ich wusste, wenn ich jetzt dieses Album aufnehme, bin ich mitten drin und kann das nicht mehr objektiv beurteilen. Die Musik gefällt mir, das Gesamtkonstrukt gefällt mir auch – aber ich höre es jetzt natürlich mit einem ganz anderen Ohr. Irgendwie schade! (lacht)

Bartsch, du hast eben gesagt, dass „Hexakosioi“ nicht gut angekommen ist, ich hatte ja auch meine Probleme damit. Wie stehst du selbst heute zu dem Album?
Bartsch: Super Album. Höre ich mir immer noch super gerne an. Einige Songs sind großartig, da kriege ich noch regelmäßig Gänsehaut. Das ist so geil, von der Melodik, den Harmonien, dem Gesang … fahr ich voll drauf ab, auf „Hexakosioi“. Volle Pulle!
Onielar: Boa, das sind geile Songs. Man muss sich gerade auf den Gesang halt auch einlassen. Als ich Guido Meyer de Voltaire [Gesang 2001-2004, sowie 2013/2014 – A. d. Red.], das erste Mal gehört habe, dachte ich auch ‚Ahrg – so Rammstein, gepaart mit etwas Klassischem. Sehr, sehr guter Gesang, aber scheiße: was hat das bei BETHLEHEM verloren?‘ Das hat sich dann wohl jeder gefragt. Aber du musst dich eben darauf einlassen.

„Als ich dann Disco Guido gehört habe,
kam mir die spontane Idee“

Wie kam es zu konkret diesem Stilwechsel?
Bartsch: Als wir „Schatten aus der Alexander Welt“ aufgenommen haben, hat Guido mir seine CD gegeben: Die haben nämlich mal für den Ballermann eine CD im Wolfgang-Petry-Studio  produziert. Das lief unter „Disco Guido“. Er wollte damit am Ballermann …
Onielar: DISCO GUIDO! (lacht)
Bartsch: … er wollte damit am Ballermann Fuß fassen. Da gab es dann zwei Songs (lacht) … „Sterne der Nacht“ … am Feuer da hab ich dich zum … weiß ich nicht mehr gemacht. Und „Hier in unserer Disco“ (lacht)
Onielar: Disco Guido! (bekommt Schnappatmung) Ich glaube, ich muss gehen. (lacht)

Bartsch: Wir wollten für „Schatten aus der Alexander Welt“ eigentlich sein Death-Metal-Gegrunze verwenden, aber als ich dann Disco Guido gehört habe, mit dem klaren Gesang, kam mir die spontane Idee: Hey, es wäre doch eigentlich cool, wenn wir das Album mit klarem Gesang aufnehmen. Ich wusste ja vorher nicht, dass er sowas kann.
Onielar (fängt an zu singen): „Es saugt der Wurm an meiner Pflicht la la la lala“. (lacht)
Bartsch: Nein, sein Clean-Gesang ist meiner Meinung wesentlich besser als dieses nervige Death-Metal-Gegrunze. Das hat zu dem Ganzen dann eigentlich viel besser gepasst.
Onielar: Da ist mir echt alles aus dem Gesicht gefallen damals. Aber du musst dich genau dann darauf einlassen. Die Musik ist frei. Wenn man selbst der Musik ein Limit setzt, ist es keine Kunst mehr. Deswegen war ich in der Lage, das zu nehmen, wie es war.
Bartsch: Ich bin offen. Ich bin eigentlich der größte Satanist von allen. Weil ich die absolute Freiheit habe, das zu tun, was ich will. Was alle anderen sagen oder machen, ist mir sowas von Latte, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Mich interessiert auch nicht, wenn einer schreibt, wie super wir sind. Natürlich ist das schön und toll, aber im Prinzip interessiert mich das nicht – Hauptsache, ich bin zufrieden mit dem, was ich tue. Was meinst du, was ich schon an Anfeindungen bekommen habe … das kannst du dir gar nicht vorstellen. Aber das tangiert mich überhaupt nicht, kein Bisschen. Da geht mein Puls nicht einen Schlag höher. Ich mache das, ich entscheide das, es ist mein Wille. Und nicht der von irgendwem anders. Ich bin ein freier Mensch, aus einem künstlerischen Aspekt heraus höre ich nur auf mich und nicht auf andere.

Sind solche Stilwechsel dann auch durch einen Wechsel im persönlichen Musikgeschmack motiviert, hast du in diesen Zeiten andere Musik gehört?
Bartsch: Ja und nein. Ich höre ja quer Beet. Beim Musikhören habe ich keine Limits. Ich höre, was mir gefällt, was nicht, das nicht. Mir muss auch kein Heft – entschuldigung – niemand erklären, warum Musik gut oder schlecht oder scheiße ist, oder 10 Punkte bekommt oder einen. Das interessiert mich alles nicht. Es gibt Musik, die geht mir nahe. Ich höre das, was mir gefällt – was mir nicht gefällt, höre ich nicht.

„Ohne Scheiß jetzt mal:
Das waren Drogen.“

Wir haben gerade schon über „Schatten aus der Alexander Welt“ gesprochen. Dieses Hörbuch ist fraglos das Skurrilste, was ihr bislang gemacht habt. Was hat dich dazu getrieben? Viele wechseln mal den Stil, aber ein Doppel-CD-Hörbuch machen dann ja doch die wenigsten …
Bartsch: Drogen! DROGEN! Ne, ohne Scheiß jetzt mal: Das waren Drogen. Ich hatte mir mal mächtig einen eingepfiffen und bin spazieren gegangen. Da hatte ich diese komische Vision und hatte dieses Hörbuch im Kopf – aber erst als Film. Wir haben dann die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen angeschrieben, wegen dem Kleinen Fernsehspiel fürs ZDF. Ich habe ja keine Ahnung von Film, da brauchst du eine professionelle Crew. Und wenn die dich fördern, stellen die das, also du kannst entweder Geld von denen bekommen, oder die stellen professionelle Kameraleute – das wird dann produziert für das Kleine Fernsehspiel. Aber, wie das in Deutschland so ist: Selbst vor dem Kleinen Fernsehspiel macht die Bürokratie nicht halt. Ich habe zwar ein Skript eingereicht, aber da fehlte eine Beschreibung, was das Skript sein sollte. Die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen ist eben nur die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen. Es gibt in jedem Bundesland eine Filmstiftung, und die treffen sich in Berlin und entscheiden, was gefördert wird und was nicht. Nordrhein-Westfalen hatte uns zugesagt, aber Berlin dann eben nicht, weil diese Beschreibung fehlte, ob es ein Hörspiel oder ein Film werden sollte. Das ist dann an der Bürokratie gescheitert. Und das Skript, das du einmal eingereicht hast, kannst du kein zweites Mal einreichen. Da hätte ich etwas Neues schreiben müssen – das fällt dir natürlich ad hoc  nicht immer so ein, kannst du dir ja vorstellen. Also sind wir das selbst angegangen, mit Laienschauspielern … die kosten nicht viel Geld.

>>Teil 2 des Interviews über die neue Besetzung, die Texte und Onielars Sicht auf BETHLEHEM