CD-Review: Bethlehem - Lebe dich leer

Besetzung

Onielar - Gesang
Karzov - Gitarre, Electronics
Bartsch - Bass, Electronics
Torturer - Schlagzeug

Tracklist

01. Verdaut in klaffenden Mäulern
02. Niemals mehr leben
03. Ich weiß ich bin keins
04. Wo alte Spinnen brüten
05. Dämonisch im ersten Blitz
06. An gestrandeten Sinnen
07. Ode an die obszöne Scheußlichkeit
08. Aberwitzige Infraschall-Ritualistik
09. Bartzitter Flumgerenne


BETHLEHEM sind ohne Frage ein Phänomen: Obwohl sie seit jeher (mit Ausnahmen) Black Metal spielen, gelten sie als Begründer des Genres Dark Metal. Obwohl sie 2015 aufgelöst waren, erschien 2016 ein neues Album. Und obwohl sie stets unverkennbar geblieben sind, ist doch jede neue Veröffentlichung eine Überraschung.

Das gilt auch für „Lebe dich leer“, das nunmehr achte BETHLEHEM-Album (vernachlässigt man in der Zählung den missratenen Re-Release von S.U.i.Z.i.D. aus dem Jahr 2009). Während Songtitel wie „Dämonisch im ersten Blitz“ oder „Aberwitzige Infraschall-Ritualistik“ noch sehr gewohnt schräg klingen, ist der Sound überraschend „sauber“: Schneidende Gitarren, ein erfreulich präsenter Bass und doch ein insgesamt differenzierteres Klangbild als zuletzt auf „Bethlehem“ verleiht dem Album kräftig Biss, ohne der Band ihren Underground-Charme zu rauben. Dafür sorgt nach wie vor die eine oder andere technische Unsauberkeit, die bei BETHLEHEM quasi zum guten Ton gehört.

Auch musikalisch überraschen BETHLEHEM den Hörer – wenngleich nicht so krass wie 2016, mit der unerwarteten Rückkehr zu den harten Tönen nach dem eher durchwachsenen (diesmal wirklich) Dark-Metal-Album „Hexakosioihexekontahexaphobia“. Im Großen und Ganzen bleiben BETHLEHEM ihrem zuletzt eingeschlagenen Stil sehr treu. So treu, dass das Mainriff von „Niemals mehr leben“ dem des „Bethlehem“-Songs „Kalt‘ Ritt in leicht faltiger Leere“ quasi zum verwechseln ähnlich ist.

Und doch ist gerade „Niemals mehr leben“ ein perfektes Beispiel für den subtilen Wandel: Death-Doom-Riffing, wabernde Synthesizer, kreischende Gitarren – vielschichtiger und spannender haben BETHLEHEM wohl noch nie komponiert. Dass in den Melodien fast etwas Post-Black-Metal-Feeling durchschlägt, mag vielleicht nicht jedem schmecken – doch wer BETHLEHEM kennt, weiß: Das war auch nie das Ziel.

Noch eindrücklicher als die Gitarren kreischt Onielar: Mal growlt sie tief und düster, mal screamt sie fies und hoch, dazwischen wird gespenstisch geflüstert – viel mehr als bei ihren Darkened Nocturn Slaughtercult, weiß sie durch stimmliche Vielfalt zu überzeugen. Einzig auf eine richtig verstörende Nummer wie zuletzt „Gängel Gängel Gang“ muss man diesmal verzichten.

Das fügt sich aber gut ins Bild, das BETHLEHEM musikalisch zeichnen: Etwas braver, etwas melodiöser und etwas gefälliger als man es bislang kannte, stoßen BETHLEHEM mit „Lebe dich leer“ auch mal in ganz neue Gefilde vor: Mit fast Sludge-lastigem Riffing á la Obscure Sphinx etwa („Wo alte Spinnen brüten“), lieblich-verträumten Clean-Gitarren und Post-Black-Metal-Leads („Ode an die obszöne Scheußlichkeit“) oder dem Lounge-Piano, mit dem das Album in „Bartzitter Flumgerenne“ (fast) endet.

Mit „Lebe dich leer“ hat sich die Truppe, die Bandkopf Jürgen Bartsch mit dem Russen Ilya Karzov alias Morok und der polnischstämmigen Onielar um sich geschart hat, endgültig bewiesen. Waren sie früher eine verschrobene Band für Underground-Freaks, haben sich BETHLEHEM mit diesem Album durch einen runden Sound und stimmiges Songwriting für ein etwas breiteres Publikum geöffnet. Dass dabei etwas der verstörend-psychotischen Atmosphäre auf der Strecke bleibt, ist wohl der Preis, den es dafür zu zahlen gilt.

Bewertung: 8.5 / 10

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