Interview mit Franck Hueso von Carpenter Brut

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Bret Halford aka. Leather Teeth begibt sich ein letztes Mal auf die Reise. Im letzten Kapitel der Leather-Trilogie stürzt er sich in den Aufstand gegen den Antagonisten Iron Tusk. Warum Orgeln auf „Leather Temple“ ein wichtiges Motiv sind, was er über die „Lesbarkeit“ seiner Musik denkt und wie er zu seinem Protagonisten steht – all das erzählt uns Franck Hueso im Interview.

Das Jahr 2012 fühlt sich an wie eine Ewigkeit her. Damals hatte Dubstep seinen kommerziellen Durchbruch, ein „Evil Dead“-Remake war in Arbeit, und Alan Silvestri  hatte gerade das ikonische „Avengers Theme“ auf die Welt losgelassen. Wie erinnerst du dich an dieses Jahr – und speziell an die frühen Tage von CARPENTER BRUT?
Diese Frage ist interessanter, als meine Antwort es sein wird, haha. Ich erinnere mich ehrlich gesagt nicht wirklich an 2012. Es fühlt sich so an, als hätte seit dem Start von CARPENTER BRUT alles ungefähr 27 Sekunden gedauert. Ich weiß nur, dass ich 2012 meine erste EP veröffentlicht habe, und es war der Beginn eines großen Abenteuers – aber es fühlt sich so weit weg an. 14 Jahre. Wow.

Wenn ich richtig informiert bin, hast du vor CARPENTER BRUT vor allem als Tontechniker gearbeitet. Hast du in dieser Zeit wichtige Dinge gelernt, die dein Projekt später beeinflusst haben?
Absolut. Ich habe gelernt, einen Schritt zurückzutreten, was Musik angeht. Zu verstehen, was für Leute funktionieren kann und was nicht. Wie man eine musikalische Idee vereinfacht, die Musiker oft überkomplizieren, weil sie Angst haben, sie würde nicht genug aussagen – und am Ende ist sie komplett unlesbar. Das hat mir wirklich geholfen, meine eigene Musik zu analysieren und ziemlich natürlich vom Komponisten zum Produzenten zu wechseln. Das Schwierige ist, beim Komponieren nicht hart genug zu sich selbst zu sein. Du musst gnadenlos sein und dir keine Freifahrtscheine geben, sonst machst du mittelmäßiges Zeug. Ein Satz, den ich mir ständig wiederhole, ist: „Wenn das jemand anderes geschrieben hätte, würde ich es mir anhören?“

Eine starke Neigung zu Rock und Metal ist da ja fast eine Grundvoraussetzung. Wie bist du auf die Idee gekommen, diese Musik mit verschiedenen Arten elektronischer Einflüsse zu kombinieren?
Manchmal habe ich, wenn ich bestimmten Leuten zuhöre, das Gefühl, meine Musik sei „unlesbar“, weil es zu viel hiervon oder nicht genug davon ist. Deine Frage bringt mich darauf. Ich finde es verrückt, dass es für manche so kompliziert ist, das zu verstehen. Ich glaube, du musst einfach Musik lieben, das ist alles, haha. Oder vielleicht gibt es nur ein paar von uns auf der Erde, die eine E-Gitarre und eine TR-707 im gleichen Track genießen können? Ich habe einfach gemacht, was ich hören wollte: Electro mit einem massiven, kraftvollen Sound, der dich an bestimmte Heavy-Metal-Tracks erinnert.

Wie siehst du diese Kombination im Verhältnis zum Trancecore-Genre, das Anfang der 2010er ebenfalls an Momentum gewonnen hat?
Ehrlich gesagt ist das nicht wirklich eine Szene, die ich kenne. Oder nur auf eine sehr klischeehafte Art. Ich bin da nie tiefer in diesen Stil eingestiegen.

Wenn es eine Band gibt, die untrennbar mit der globalen Elektroszene verbunden ist, dann wahrscheinlich DAFT PUNK. Dieser Einfluss wirkt besonders in der Leather-Trilogie spürbar. Inwieweit war das Duo insgesamt eine Inspiration für CARPENTER BRUT?
Nicht so sehr. Ich würde sagen, JUSTICE war am Anfang des Projekts mein Haupteinfluss. Aber na ja – waren die nicht auch von DAFT PUNK beeinflusst? Also war ich vermutlich indirekt auch von ihnen beeinflusst. Es ist offensichtlich, dass sie weltweit einen riesigen Impact hatten, und ewiger Respekt an sie – vor allem dafür, dass sie es geschafft haben, so lange relativ anonym zu bleiben.

Die Metal-Einflüsse hingegen sind auf deinem aktuellen Album „Leather Temple“ stark in den Vordergrund gerückt. Wo siehst du Gemeinsamkeiten zwischen der Metal-Szene und (etwas allgemeiner gesprochen) der elektronischen Szene?
Soundmäßig nicht so sehr – auch wenn wir schon elektronische Elemente im Metal gehört haben, zum Beispiel mit der ganzen Industrial-Bewegung. Ich würde eher über Energie sprechen. Beide Stile können ziemlich wild sein. Die Energie des Rhythmus kann Leute wirklich an einen anderen Ort bringen. Und das gilt übrigens nicht nur für diese beiden Stile. Vielleicht gibt es auch eine rebellische Seite – auch wenn ich aus dem Alter für so eine Art Bullshit raus bin, haha.

In gewisser Weise bewegt sich auch dein fiktiver Protagonist Bret Halford aka Leather Teeth zwischen diesen Welten – vom Highschool-Schüler zum Rockstar, vom Antihelden zum Cyborg. Wie kommt man auf so eine Story?
Diese Story ist größtenteils totaler Unsinn, haha. Die Idee war, Spaß mit den üblichen Klischees aus Horror- und Sci-Fi-Filmen zu haben. Ich habe alles reingeworfen, was ging. All das Zeug, das mich im Kino unterhält. Also ja, es ist total unwahrscheinlich – aber es wäre ein großartiger Film, haha.

Erzähl uns ein bisschen mehr über Bret Halfords Reise durch die drei Alben.
Man kann nicht sagen, dass er ein leichtes Leben hatte. Vom jungen Wissenschaftsstudenten zum Halb-Cyborg/menschliche Bombe, zugedröhnten Rockstar mit Serienkiller-Tendenzen – sein Weg ist chaotisch. Ich habe keine besondere Zuneigung zu ihm; er ist nur ein Vorwand, um eine absurde Geschichte in drei Kapiteln zu erzählen.

Du hast diese Reihe 2018 mit dem Album „Leather Teeth“ begonnen. Damals wirkte es energetisch rückblickend, teils sogar upbeat, während „Leather Terror“ dystopischer und dunkler war. „Leather Temple“ ist härter und fast durchgehend sehr opulent. Inwieweit hat sich dein Ansatz beim Songwriting und in der Produktion über die Zeit weiterentwickelt?
Er hat sich zuerst weiterentwickelt, weil sich mein technisches und musikalisches Niveau weiterentwickelt hat. Ich bin überhaupt kein Musiker. Ich kenne zum Beispiel nicht mal die Namen von Akkorden. Ich weiß nur, wie ich meine eigenen Tracks spielen muss (und auch das nicht immer perfekt). Als ich angefangen habe, war also alles neu: Ich kannte Ableton Live nicht wirklich gut, ich kannte virtuelle Synths nicht, und ich wusste noch weniger über den Musikstil, in den ich da eingestiegen bin. Da war Frische, aber auch Ungeschicklichkeit. Und mit der Zeit haben sich diese beiden Regler gekreuzt, und jetzt bin ich wahrscheinlich weniger frisch, aber auch deutlich weniger ungelenk.

Wie entsteht ein „typisches“ CARPENTER BRUT-Album?
Mit einer Story, der man folgen kann, und einer allgemeinen musikalischen Spur, in der man bleibt. Sonst weiß ich, dass ich in jede Richtung losrenne und es zu nichts Interessantem führt. Du brauchst Limits und ein Ziel, wenn es kohärent bleiben soll.

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Ein motivprägendes Element auf „Leather Temple“ ist die Orgel. Was schätzt du an diesem Instrument?
Erst mal die Power. Es ist verrückt, wie viele Sounds du da rausbekommst. Die Technik ist auch unglaublich. Und natürlich sind die Orte, an denen man sie hört, so speziell – mit einer einzigartigen Atmosphäre; es fühlt sich wirklich an wie ein mystisches Instrument. Und um es noch besser zu machen: Es ist super schwer zu spielen, haha.

Wo siehst du die größten Unterschiede zwischen den Alben der Trilogie?
Da gibt es viele. Die Produktion, die Qualität des Songwritings – auch wenn ich die älteren Tracks liebe. Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt mit weniger Tricks effektiver sein kann. Ich bin selbstbewusster, und das lässt mich einen ganzen Track um eine Melodie herum bauen, ganz vorn im Fokus, ohne mich hinter einem Vorhang aus Sound zu verstecken, als hätte ich Angst. Ich weiß nicht, wie ich mich musikalisch weiterentwickeln werde, aber ich bin froh, diesen Punkt erreicht zu haben. Ich wünschte nur, es wäre noch eleganter, so ein bisschen wie JUSTICE oder DAFT PUNK zum Beispiel.

Auf „Leather Teeth“ und „Leather Terror“ hast du mit verschiedenen Artists zusammengearbeitet, darunter Christoffer Rygg (ULVER), SYLVAINE, PERSHA und Mat McNerney (GRAVE PLEASURES/SCORPION MILK). Was schätzt du an kreativen Kollaborationen, und gibt es vielleicht Hindernisse, die während des Album-Entstehungsprozesses auftreten?
Ich mag alles: Features und Instrumentals. Aber es ist nicht dieselbe Arbeitsweise, und der Track hat nicht denselben Zweck. Ich liebe Pop, ich wollte mit CARPENTER BRUT schon immer Pop-Songs machen, und ich denke, das muss über Vocals laufen. Da ist auch das Vergnügen, mit Leuten zu arbeiten, die ich seit langem liebe, wie ULVER. Es ist, als bekämst du einen Pass, auf dem steht, dass du jetzt Teil des supercoolen Kreises bist. Und kreativ ist es immer wirklich interessant zu sehen, wie Leute deine Musik nehmen und ihre eigene künstlerische Vision draufsetzen. Du bekommst unerwartete Ergebnisse – und genau das mag ich.

Zwischen deinen Alben hast du auch Soundtracks komponiert, zum Beispiel für den Film „Blood Machines“. Wie unterscheiden sich Alben und Soundtracks in Bezug auf Komposition und kreativen Prozess?
Der Hauptunterschied ist: Für ein Album habe ich keine Bilder, denen ich folgen kann. Ich habe totale Freiheit, überall hinzugehen, wo ich will – aber das kann auch ein Problem sein, wenn ich mich verlaufe. Bei einem Film ist alles abgesteckt, also ist es einfacher anzufangen: Du hast die Intention des Regisseurs, die Bilder, das Tempo, die Länge und die Stimmung. Aber es kann auch Kopfschmerzen machen, weil Scoring sehr technisch ist. Zumindest für mich.

„Leather Temple“ vermeidet komplett Gastauftritte bei den Vocals. Warum?
Um Dinge zu verändern. Um Zeit zu sparen. Weil ich manchmal keine Lust habe, auf einen Sänger zu warten – ich will alles selbst machen. Manchmal brauche ich Hilfe. Dieses Mal wollte ich direkt zum Kern dessen gehen, was CARPENTER BRUT ist. Das heißt nicht, dass es beim nächsten Album genauso sein wird. Ich mache, worauf ich in dem Moment Lust habe. Deshalb mache ich auch Musik: um Routine zu vermeiden.

Wenn du mit so vielen großartigen Artists im Studio arbeitest – wie übersetzt du das in ein Live-Setting?
Bei Sängern: eine gute Backing-Track, so einfach ist das. Es ist zu kompliziert, im Grunde unmöglich, all diese Sänger auf Tour mitzunehmen, vor allem für einen Song. Also habe ich in dem Punkt nicht wirklich eine Wahl. Aber ich bin glücklich: Ich habe es geschafft, fast alle meine Gastvokalisten 2023 beim HELLFEST auf die Bühne zu holen. Da standen die Sterne richtig. So bald wird das nicht wieder passieren.

Nimm uns mit auf die CARPENTER BRUT-Bühne. Wer begleitet dich, und wie bereitest du dich auf Gigs vor?
Ich habe Adrien an der Gitarre und Flo am Schlagzeug, und die sind von Anfang an dabei. Ich kenne sie seit mehr als 25 Jahren und ich vertraue ihnen. Wir proben nie – außer wenn wir kurz davor sind, auf Tour zu gehen, so wie gerade jetzt, wo wir in einem Proberaum in Frankreich arbeiten. Wir gehen die Songs durch, das Licht, die Videos, alles, damit es am ersten Tag funktioniert. Das ist aufregend, aber es ist auch ein bisschen beängstigend, weil es so viele Probleme zu beheben gibt, haha.

Hast du eine Live-Anekdote, die du teilen kannst – sei es ein Highlight oder ein erinnerungswürdiges Missgeschick?
Nope, sorry.

Wie glaubst du, werden Live-Shows im Jahr 2077 aussehen?
Du meinst, wenn dann noch Menschen auf der Erde am Leben sind? Ehrlich gesagt glaube ich, es wird mehr oder weniger genauso sein: viel Equipment, LED-Screens, Hologramme, Technologien, die wir noch gar nicht kennen. Ich würde das gern sehen. Ich werde 100 sein. Ich glaube nicht so richtig an das Klischee, dass alle zu Hause bleiben mit VR-Brillen. Ich denke, die Leute werden immer noch rausgehen und feiern wollen.

Und die Welt?
Das Gleiche. Wenn ein dritter oder vierter Weltkrieg uns nicht ausgelöscht hat, werden wir immer noch Idioten sein, die sich in sozialen Medien streiten, haha.

Wenn du dir diese Welt heute ansiehst – was glaubst du, würde Leather Teeth tun, wenn er die Chance hätte, sie zu verändern?
Alles in die Luft jagen und einen brandneuen Planeten wieder aufbauen.

Danke für deine Zeit, Franck. Zum Abschluss noch unser Metal1.info-Brainstorming:
Darth Vader vs. Keith Flint – wer gewinnt? Darth Vader, ohne Zweifel.
„Star Wars Episode 9“: Nope.
SCOOTER: Nein danke.
Neuestes MEGADETH-Album: Nicht schlecht, aber…
CARPENTER BRUT in 10 Jahren: Immer noch Interviews beantworten, haha.

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Philipp Sorger

Publiziert am von

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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