Interview mit Sören Vogelsang, Martin Spieß von Das Niveau

DAS NIVEAU ist zurück – nach mehrjähriger Pause haben sich Martin Spieß und Sören Vogelsang wieder zusammengetan. Dann kamen Corona, Depressionen und alte Probleme. Ein Zwiegespräch über Ungewissheit und Unzertrennlichkeit.

Hallo Martin, hallo Sören! Ihr kommt gerade aus Leipzig und Hamburg. Wie war es, nach so langer Zeit wieder gemeinsam auf der Bühne zu stehen?
Sören: Es war ja nicht das erste Mal, vor drei Jahren haben wir Saltatio Mortis auf ihrer „In Castellis“-Tour als Vorband der Vorband unterstützt. Da konnten wir uns ein bisschen ausprobieren und schauen, ob es noch gemeinsam funktioniert. Letztes Jahr haben wir ein Konzert in Kaiserslautern gespielt. Dafür haben wir nicht geprobt und es hat funktioniert wie eh und je. Es war eine geile Show und ich find’s total schön, dass wir jetzt wieder gemeinsam auf der Bühne stehen.

Von 2015 bis 2019 hat DAS NIVEAU eine Pause eingelegt. Sören, in dieser Zeit hast du einen neuen Partner gesucht, ehe Martin wieder zurückgekommen ist.
Sören: Ich hatte auch jemanden gefunden. Zusammen haben wir eine Show als DAS NIVEAU gespielt. Das hat sich für mich aber nicht richtig und nicht nach DAS NIVEAU angefühlt. Nach dieser einen Show habe ich Martin einen Brief geschrieben und ihm das auch so geschildert. Darin stand, dass es mir in der neuen Konstellation zwar Spaß gemacht hat, es ohne ihn aber nicht das Gleiche ist und ob er nicht wieder Bock hätte.
Martin: Meine erste Reaktion war: Um Gottes Willen, auf gar keinen Fall. Ich bin damals ausgestiegen, weil ich unsere Differenzen für unüberbrückbar hielt – das ist auch heute noch so. Wir haben uns Anfang 2019 trotzdem in Berlin getroffen und ich war überzeugt, dass ich weiterhin nein sagen würde. Allerdings habe ich mich zum ersten Mal in einem Leben gegen mein Bauchgefühl und gegen das Abhauen entschieden. Ich wollte es einfach ausprobieren, da ich nichts zu verlieren hatte. Der Stresslevel und die Belastung waren nicht zu vergleichen mit davor. Wir mussten auch weniger Zeit miteinander verbringen. Sören war dann am Ende des Abends sehr überrascht.

Foto von der Band Das NiveauWie ging es weiter?
Martin: Anders als geplant, denn ich musste kurze Zeit später auf Grund meiner Zwangsstörung und Depression stationär in eine Klinik.
Sören: Dann haben wir wie gesagt die „In Castellis“-Tour gespielt, sind einmal im Kammgarn aufgetreten und wollten durchstarten. Wir waren als Support für die Tour von Mr. Irish Bastard geplant. Diese fiel – bis auf die erste Show in Essen – Corona zum Opfer.
Martin: Wir hatten bei dem einen Auftritt beide Bauschmerzen, da die Pandemie bereits in vollem Gange gewesen ist. Einen Tag später kam auch der Lockdown.
Sören: Bis zu den vier Terminen aktuell haben wir danach nicht mehr gespielt.

Seid ihr in der Zwischenzeit zusammen im Studio gewesen?
Martin: Im November 2020 haben wir in Berlin vier neue Songs aufgenommen. Es ist für mich aber sehr fraglich, ob und wenn ja wie es weitergeht. Das liegt nicht nur an Corona, sondern auch daran, dass ich nicht weiß, wie sich meine Krankheit entwickelt. Meine Priorität liegt auch beim Schreiben von Büchern und meiner Solomusik.

Martin, mit deinem Soloprojekt bist du jetzt auch bei Sörens Label pretty noice records. Das wirkt so, als ob ihr trotz allem wieder eine engere Verbindung habt.
Sören: Wir haben DAS NIVEAU damals abgebrochen, als es noch nicht zu spät gewesen ist. Wir hatten gestritten, aber waren noch vor dem Rosenkrieg mit Anwälten und allem Drum und Dran.
Martin: So weit wäre es nie gekommen. Anfang 2015 hat Sören zu mir gesagt, dass er eine Pause braucht, weil ihm alles zu viel wird. Ich war an einem ähnlichen Punkt, was die psychische Belastung betrifft. Bei mir war der Punkt erreicht, an dem ich jedes Mal angespannt wurde, wenn mein Telefon geläutet hat, weil ich dachte, es wäre Sören, der was wegen der Band will. An dem Punkt habe ich gemerkt, dass ich keine Pause, sondern ganz raus will.
Sören: So richtig zerstritten haben wir uns also nicht. Sein erstes Vorband-Album ist auch auf pretty noice erschienen und letztes Jahr hat mich Martin gefragt, ob das Angebot noch steht.
Martin: Also bin ich mit meinem vierten Solowerk wieder zurück.

Was würdet ihr sagen, sind die größten Unterschiede zwischen Martin Spieß und Sören Vogelsang?
(beide überlegen lange)
Martin (lacht): Ich hab studiert.
Sören: Ich auch.
Martin: Ja, naja, Schauspiel …

Habt ihr eure Pause je bereut?
Sören: Wir haben gesehen, wie sich die Bands entwickelt haben, die damals auf einem Level mit uns waren, und haben uns gefragt, ob das bei uns auch so gewesen wäre. Aber bereut habe ich es trotzdem nicht.
Martin: Aus finanzieller Sicht und vom Was-wäre-wenn-Faktor habe ich mir diese Frage auch gestellt. Viele Bands, die damals mit uns beim MPS gespielt haben, hatten plötzlich Major Deals und standen im Fernsehgarten oder auf größeren Festivalbühnen. Im Comedy-Musikbereich gibt es dazu inzwischen zwei bis drei richtig erfolgreiche Duos und ich habe mich manchmal schon gefragt, ob wir es nicht weiter probieren hätten sollen. Rein menschlich und gesundheitlich war es aber die richtige Entscheidung.

Das Niveau live 2022Und an welchem Punkt bist du jetzt?
Martin: Für mich ist die jetzige Tour psychisch anstrengend und es gibt in mir immer noch diesen Teil, der sich fragt: Will ich das wieder oder ist mir das alles zu viel? Für mich ist gerade eine sehr intensive Zeit, vor ein paar Tagen habe ich geheiratet und am nächsten Tag bin ich mit Sören auf Tour. Ich wollte DAS NIVEAU unter anderem deswegen nicht mehr machen, weil ich keine Lust hatte, immer wieder Geburtstage und Hochzeiten zu verpassen. Jetzt habe ich die ersten Tage mit meiner neuen Frau nicht gemütlich auf dem Sofa verbracht, sondern war mit Sören unterwegs. Sie war zwar dabei, aber ich habe mir die Fragen trotzdem gestellt. Außerdem bin ich inzwischen 40 Jahre alt, das heißt ich will mich finanziell anders absichern und die Kunst machen, für die ich wirklich brenne.

Brennst du für DAS NIVEAU?
Martin: Der Funke springt immer relativ schnell über, wenn wir gemeinsam auf der Bühne stehen. Abseits davon ist es ein eher laues Glimmen. Sören könnte wiederum schon ein Feuer entfachen, für sich selbst und andere. Vielleicht ist er sowas wie mein Blasebalg. (lacht)
Durch unsere Pause konnten wir beide menschlich reifen. Wir reden offener miteinander als in der Zeit, in der wir DAS NIVEAU exzessiv betrieben haben. Außerdem gehen wir achtsamer miteinander um.

Ihr habt euch 2008 kennengelernt. Habt ihr jetzt einen erwachseneren oder seriöseren Umgang miteinander, so dass keiner von euch direkt beleidigt oder eingeschnappt ist?
Martin: Nicht seriöser, das klingt mir zu businessmäßig.
Sören: Wir sind aber damals wie heute sehr naiv. Diese vier Gigs jetzt haben wir einfach spontan geplant und gemacht. Da wir immer noch eine sehr treue Fanbase haben, können wir uns das erlauben.

Habt ihr das Gefühl, dass DAS NIVEAU den Fans gefehlt hat?
Sören: Voll. Unsere Aufrufe bei Spotify haben sich seit dem vorübergehenden Ende der Band bis heute vervierfacht. Mich haben zu unserem Comeback auch viele positive Nachrichten erreicht.

Im Folk-, Mittelalter- und Comedy-Bereich haben sich einige Bands aus ihrer Nische heraus entwickelt und sich musikalisch verändert, zum Beispiel Versengold oder Das Lumpenpack. War es für euch je ein Thema, von eurem akustischen Konzept wegzugehen?
Sören: Ich wollte das – zumindest probieren. Martin nicht.
Martin: Für mich funktioniert das mit DAS NIVEAU nicht. Wir hätten noch mehr proben müssen und die gesamte Live-Show, bei der wir viel improvisieren, wäre weggefallen. Für mich lebt DAS NIVEAU aber genau von dieser Spontaneität. Als ich mich entschieden hatte, wieder mit Sören aufzutreten, war das für mich an ein paar Bedingungen geknüpft. Eine davon war, dass sich der Aufwand mit DAS NIVEAU im Rahmen hält.

Martin, nervt es dich, dass du mit der „Spaßmusik“ erfolgreicher bist als als Autor und mit ernsten Themen in deiner eigenen Musik?
Martin: Ja, klar. Auch das war bei DAS NIVEAU immer wieder ein Thema zwischen Sören und mir. Ich habe 4,5 Jahre Literaturwissenschaften und Journalismus studiert und nebenbei auf LARPs am Lagerfeuer primitive Musik mit Pipi-Kaka-Humor gemacht. Dafür wurde ich von heute auf morgen bezahlt. Bei meinen Büchern muss ich gefühlt jedes Mal hausieren gehen. Umso mehr freut es mich, dass es heutzutage Verlage gibt, die meine Bücher herausbringen.
Sören: Mich hat die Entwicklung bei DAS NIVEAU auch überrascht. Ursprünglich wollten wir nur eine CD zusammen aufnehmen. Mit „Lose Album“ haben wir dann innerhalb von zwei Wochen über YouTube das Doppelte von dem eingenommen, was wir davor investiert hatten.

Und so nahmen die Dinge ihren Lauf?
Sören: Ja. Wir haben uns gefragt, wo all die Leute herkommen, und dann gesagt: Komm, lass uns paar Live-Shows spielen und noch eine CD machen. Es ist irgendwie passiert.

In den letzten Jahren habt ihr mit „Corona“ einen neuen Song herausgebracht. Hat sich bei eurer Zusammenarbeit etwas geändert?
Martin: Das war wie immer. Ich habe den Song geschrieben, Sören geschickt, er hatte kleinere Anmerkungen und dann war „Corona“ fertig. Mit seinem Feedback kann ich heute auch besser umgehen als früher, als im Studio von meinen 20 Songs knapp 12 überlebt haben.

Auf „Das Niveau rockt“ seid ihr ernster geworden. War das der gelebte Kompromiss?
Martin: Ja, das war der Versuch, unser beider Ansichten zusammenzubringen. Ich würde das Album heute anders aufnehmen, teils finde ich die Songs immer noch stark. Wir waren allerdings bereits in einer Phase, als es anstrengend wurde, da wir beide mit emotionalen Themen zu kämpfen hatten. Die Studioarbeit war dadurch sehr schwierig. Immer wenn ich Sörens Ader auf der Stirn pulsieren gesehen habe, dachte ich mir, dass das keine gute Ausgangsbasis ist, um zusammen Musik zu machen. Unsere Vorstellungen davon, was DAS NIVEAU sein soll und wo es damit hingeht, sind immer noch sehr unterschiedlich, nur gehen wir mit dieser Reibung besser um.

Wie habt ihr euch auf die Tour vorbereitet?
Sören: Durch die Latenz war gemeinsames Proben online leider unmöglich. Wir haben zwei bis drei Sachen durchgesprochen, das war es.
Martin: Was die Auswahl der Songs betrifft, reagieren wir nicht auf Fananfragen. Ich nenne das gern den Yesterday-Effekt, da die Beatles auch weit mehr als nur diesen Klassiker zu bieten haben.

Was könnt ihr zu euer Zukunft verraten?
Sören: Vier neue Songs haben wir wie gesagt bereits aufgenommen, drei davon sind noch nicht ganz fertig. Die wollen wir in den nächsten Monaten finalisieren und dieses Jahr veröffentlichen. Alles darüber hinaus ist offen.
Martin: Ich schreibe gerade an etwas Neuem und im Sommer erscheint mein nächstes Studioalbum. Vielleicht kommen auch noch Lesetermine für die zwei Bücher dazu, die ich im Januar veröffentlicht habe. Viel Kopf habe ich abgesehen von den drei offenen Songs derzeit nicht für DAS NIVEAU.

Wie würdet ihr jeweils DAS NIVEAU in einem Satz zusammenfassen?
Sören: DAS NIVEAU sind für mich zwei sehr unterschiedliche und auf anderen Ebenen wiederum sehr gleich tickende Menschen, die sich durch einen komischen Zufall extrem gut verstehen und wahnsinnig gut zusammen improvisieren können.
Martin: DAS NIVEAU ist eine Chance und gleichzeitig eine Bürde.

Das Niveau live 2022

Dieses Interview wurde persönlich geführt.

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