Interview mit Schmier von Destruction

Seit fast 30 Jahren sind die deutschen Thrash Metal-Urgesteine DESTRUCTION schon im Geschäft. Auf dem diesjährigen Bang your Head!!!-Festival schnappte sich Kollege Piller Frontmann Schmier und führte mit ihm in der lauschigen Atmosphäre eines Wohnmobils ein launiges Interview über das kommende Album „D.E.V.O.L.U.T.I.O.N.“, Reinhard Mey und das Urinieren während Talkshows.

Servus Schmier! Danke für die Einladung und das Bier, ist ja recht gemütlich hier. (das Interview fand in seinem Wohnmobil statt)
Kein Problem, Mann. Trink was, mach’s dir gemütlich und schieß los. Wenn Alf (Tourmanager, der noch in der Kabine lag) wieder furzt müssen wir aber raus (lacht).

Euer neues Album kommt am 29. August in die Regale und da gabs jetzt natürlich viele Mutmaßungen, worüber es textlich auf „D.E.V.O.L.U.T.I.O.N.“ gehen wird. Kannst du unsern Lesern was dazu sagen?
„D.E.V.O.L.U.T.I.O.N.“ ist genau das Gegenteil von Evolution. Wir denken mal an die Evolution der Menschheit, ja? Wir sind auf einem technischen Know-How, jeder ist technisch fit, wir können zum Mond fliegen – einfach alles mittlerweile. Aber wir haben alles verloren, was uns als Mensch ausmacht. Wir verkommen vom Niveau her wieder zu einem verdammten Höhlenmensch. Du siehst ja, was jeden Tag auf den Straßen passiert. Die Leute benehmen sich nicht mehr, haben keinen Anstand. Familie und gewisse Werte, die früher mal wichtig waren gibt’s nicht mehr .Der Mensch bewegt sich auf einem ganz, ganz niedrigen Level, obwohl er ganz weit oben ist vom Know-How und alledem. Aber im Leben geht’s nicht nur ums Geld und die Texte drehen sich genau darum. Mit dieser Gier, die heute jeder an den Tag legt, mit dieser unmenschlichen Raffgier und diesem Ellenbogen-Verhalten bewegen wir uns zurück. Diese Degeneration mein ich. Darum geht es in den gesamten Texten. Es gibt einen einzigen Song, der dabei ein bisschen außen vor ist: „Last Desperate Scream“. Da geht es so ein bisschen auch um unsere Musik, aber es ist eigentlich das gleiche Thema, weil wir unsere Musik anfingen zu spielen, weil wir damals schon keinen Bock auf dieses „Käfer-und-Ameisen“-Syndrom hatten. Immer nur zu folgen, in der Masse und in den Charts zu sein. Darum geht’s also in dem Song. Das ganze textliche Konzept ist schon über dieses „jemand sagt was vor, alle Leute laufen hinterher“. Wo ist die Eigenständigkeit? Heute zählt die Marke – du musst einen Nike-Turnschuh haben, es muss das und das sein. Und darum geht’s nicht im Leben. Wir haben auch zu jedem Song eine Illustration und auch das Cover selber ist sehr tasty. Ich denke, es ist ganz gut geworden, wir haben uns da schon Gedanken gemacht, weil man nicht alle Tage 25 Jahre wird. Das musste schon ein bisschen knallen und auch toll sein.

Gab’s denn in der Vergangenheit ein Ereignis, das euch ganz besonders für das Album inspiriert hat, oder hat sich das alles eher über die Jahre aufgestaut?
Ich denke, wir könnten die Musik gar nicht spielen, wenn wir nicht immer noch angepisst wären. Du musst schon einen gewissen Grad an Angepisstheit haben, ja. Wenn wir alle Familienväter mit drei Kindern wären, einen gut bezahlten Job hätten und die Welt von der Sonnenseite sehen würden, die es meiner Meinung nach nicht gibt, könnten wir das nicht machen. Ich rede mit einem Ami, einem Serben, dann mit einem Mexikaner und die erzählen mir ihre Weltsicht, erzählen mir, was bei ihnen im Land abgeht. Und dann sehe ich einfach diesen globalen Wahnsinn und das ist Inspiration genug. Es war schon immer so, dass wir versucht haben, den Frust rauszuschreiben und das machen wir auch immer noch, wenn auch vielleicht ein bisschen kontrollierter. Aber das ist definitiv der Antrieb.

Du meintest in einem Interview mit einer Freiburger Zeitschrift, dass du damals von deinen Kumpels fast schon zum Bassspielen verdonnert wurdest.
Das war auch so. Du musst es so sehen: Destruction haben angefangen, da gab es keine Metalszene. Da gab es keinen Metal Hammer, da gab es gar nichts. Und wir waren so ein Haufen Typen, die keine Punks sein wollten. Das war 1979, da kam die „Unleashed in the East“ von Judas Priest raus und wir haben gesagt: „Wir wollen keine Punks sein. Wir wollen genau diese Musik hören und mehr davon.“ Und dadurch wurden wir Metalheads. Wir haben zwar mit den Punks noch gefeiert und mit ihnen rumgehangen, aber uns auch die Haare wachsen lassen aus Rebellion gegen die Gesellschaft. Aber wir wollten auf jeden Fall keine Punks sein, wollten diese krasse Ablehnung der Gesellschaft und diese Scheiße nicht. Die Welt kann man verbessern, da gibt es ein Ziel und der Rock ‚N‘ Roll war für mich immer schon ein Aufbegehren, wenn man bedenkt, woher er und der Blues kommen. Ich denke, da hat auch alles angefangen und das waren damals auch die Ursprünge der Szene. Das heißt: ich hatte gar keine Wahl, es gab gar keinen anderen Bassisten außer mir in der ganzen Gegend. Es gab zehn Metalheads, ja. Der eine war der Fahrer, der andere war der Mike (Sifringer, Gitarre), dann gab’s einen der war Sänger, einen Schlagzeuger und drei Kumpels, die immer mitgesoffen haben und war dann halt der „Du siehst am besten aus, du spielst jetzt Bass!“ (lacht). Ich hatte damals schon die längsten Haare und meinte: „Hey, geil! Bass spielen, okay!“ Und dann haben wir uns einen Bass gekauft und dann ging’s los. Du kannst dir das gar nicht vorstellen, es gab damals keine Metalheads. Wir waren so die ersten zehn Metalheads in unserem ganzen badischen Kreis. Ich müsste mich eigentlich jeden Tag bei den anderen Assis bedanken, dass die gesagt haben, ich soll Bass spielen. Der Bass hat nur vier Saiten und nicht so viel zu tun. Das Singen dazu ist zwar schwierig, aber mit der Zeit wird man ja auch besser. Die Herausforderung ist eben auch da. Am Anfang wollten wir nur Krach machen, aber das ist ein anderes Thema (lacht).

Schmier, wenn du die Zeit nochmal zurück drehen könntest: würdest du dann lieber ein anderes Instrument spielen, oder bist du am Bass mittlerweile total aufgegangen?
Also eigentlich wäre ich jetzt gerne Keyboarder bei Nightwish (lacht). Ich denke, dass man den Weg halt geht. Ich wäre auch gerne Sänger geworden, aber ich kann halt nicht singen und deswegen ist die Mischung ganz gut. Ich kenne meine Grenzen, mache was ich kann, entwickle mich immer weiter und versuche mich auch zu verbessern, aber ich bin nicht der beste Sänger und auch nicht der beste Bassist, aber ich hab Ahnung von dem, was ich mache und was kreiert, das ich sehr gut kann. Das wichtigste im Leben ist der eigene Stil, dass du du selbst bist. Nicht, dass du machst, was der andere macht. Was ich über Metal gelernt habe ist einfach: sei du selbst. Das finde ich heutzutage auch immer ein bisschen schade, wenn ich mir die neuen Bands anhöre und die ganzen Sänger gleich klingen. Früher gab’s einen Bruce Dickinson, einen Rob Halford und einen Cronos – die hatten Charisma! Heute ist es so: egal was für ein Trend es jetzt ist – ob Pagan, Metalcore oder auch im Death Metal (wobei ich da derzeit viele Sachen geil finde). Aber ich find die Sachen geil, von denen der Sänger wie ich einen Ausdruck, eine Message hat. Darum geht’s im Metal und das macht eben auch die Eigenständigkeit.

Du warst gerade mal 17 bei deiner ersten Scheibe, ein Jahr später gings mit Slayer auf Tour. Wie war das für dich?
Eigentlich toll. Nur musste meine Mutter den ersten Plattenvertrag unterschreiben, den ich damals bekam (lacht). Mit 17 darfst du ja noch nichts unterschreiben – das war ’84 und ein Jahr später war ich volle 18. Ich war der jüngste in der Band, die anderen waren dann schon 19 bei Slayer. Die Tour war im Oktober und ich bin im Dezember erst 19 geworden.

Außerdem gehörst du mit Destruction schon seit Jahren zu den wichtigsten deutschen Thrash Metal-Acts überhaupt. Macht das was mit dir? Wenn ja: was?
Man findet es natürlich gut, wenn die Leute mögen, was du machst. Aber für diese Titel kannst du dir ja nichts kaufen. Das ist eher wie ein Schulterklopfen oder sowas. Aber ich leg da nicht viel Wert drauf, sondern bin froh, dass wir so viele Fans haben und bin auch sehr dankbar dafür, dass ich um die Welt reisen kann. Aber mit den Titeln ist das das Gleiche, wie wenn irgendwelche Leute vor mir auf die Knie fallen: das ist mir eher peinlich. Ich bin selber Fan und denke, dass man auch nur was erreicht, wenn die Fans es gut finden. Man macht zwar, was man will, aber da ist auch viel Glück dabei. Wir hatten Glück, waren früh dran, haben immer viel investiert. Aber ob wir jetzt irgendwie besser sind als andere… Es ist Arbeit, klar, aber es bedeutet mir nicht so viel, dass die Leute jetzt sagen: „Oh hey, ihr seid in den Top-3 der deutschen Szene.“ Es geht nicht darum, immer ganz weit oben zu stehen, sondern Abends in den Spiegel schauen zu können. Das ist, glaube ich, allgemein das wichtigste im Leben. Die Menschen wollen immer mehr und mehr – wo kommen wir denn damit hin? Was passiert mit einem Millionär, wenn er stirbt? Dann ist sein ganzes Geld weg, eben. Ich hab vor ein paar Jahren mal gelernt, dass – wenn man alles, was man hat – mal wegstößt und sich auf ein Minimum reduziert viel glücklicher sein kann, als wenn man immer nach was anderem strebt. Mein Bruder hat das mal zu mir gesagt, weil er sich auch für Buddhismus interessiert. Das war sehr interessant, weil alles, was du mit dir trägst, immer Ballast ist. Die Leute bauen sich ein Haus und müssen es dann 500 Jahre abbezahlen, haben immer den Gerichtsvollzieher im Nacken und haben nie Spaß im Leben. Das kann’s doch nicht sein. Ich denke, auch in der Musik geht es nicht um den Ruhm, es geht eher um Selbstverwirklichung. Es ist aber auch toll, wenn die Leute sagen: „Hey, eure Platte ist gut geworden!“ Dankeschön, da trink ich auch einen drauf. Aber es geht bestimmt nicht darum, immer ganz oben zu stehen, den Wettbewerb und die Nummer 1 zu sein. Ich bin jetzt auch Fußballfan… Dieser Wahnsinn mit Deutschland im Fußball gerade – jetzt ist jeder plötzlich Fußballfan, jeder läuft jetzt in irgendwelchen Deutschlandsachen rum. Und warum? Nur weil wir jetzt besser spielen als noch vor zehn Jahren? Schlimm… Das ist der Massenwahn, wieder das „Käfer und Ameisen“-Verhalten.

In 25 Jahren erlebt man ja eine ganze Menge. Gab es aber ein Erlebnis, das besonders schön für dich war und sich in deiner Erinnerung verankert hat? Gab es da etwas ganz bestimmtes?
Ich denke, so ein normaler Mensch hat ein normales Leben, geht dann zum Bungee-Jumping und sagt: „Das war mein Highlight“. Ich habe Bungee-Jumping halt jeden Tag, wenn ich auf die Bühne gehe. Wir spielen in Wacken, Brasilien, Japan und jeden Abend könnte ich heulen, weil es so geil war. Jeder Tag ist ein Highlight. Auch gerade weil du als Musiker nicht so gut bezahlt wirst, ist es dann viel mehr wert und ich denke es gibt nicht den höchsten Moment. Es gibt bestimmte Momente, beispielsweise als Destruction nach der ganzen Zeit zurück kamen: ich wusste ja, dass die Band nie mehr mit mir spielen würde. Deshalb war für mich Wacken ’99 schon zum Heulen, das war einfach geil – auch die Antwort vom Publikum. Aber seither war es so gigantisch, dass ich sagen muss: „Es gibt kein einzelnes Highlight.“ Die Metalszene ist mittlerweile so sehr gewachsen, dass man sich über Shows in Ländern freut, in denen man noch nie war. Das sind die Highlights für mich – auch vielleicht irgendwann mal in China zu spielen, wenn man nicht vom Regime ferngehalten wird. Wir hätten letztes Jahr fast in China gespielt, aber dann gab es verschiedene Auflagen, wir durften das nicht und das nicht und dann dachten wir halt auch: „Ne, das geht nicht.“ Wir freuen uns, dass wir die Musik spielen können und ein Highlight auszuwählen ist für einen Musiker unmöglich, glaube ich.

Du meintest auch mal, dass ihr die erste Band wart, die so richtigen Krach gespielt hat.
Das stimmt! Wir nannten uns damals „Highspeed Hardcore Black Metal“, glaube ich. Damals gab’s einfach noch keine Schubladen, damals gab es nur Metal. Es gab Maiden und Priest und wir haben unser Demo damals „Black Highspeed-Sonstwas“ genannt und lustigerweise haben danach alle Journalisten angefangen, die Schubladen aufzuziehen. Ich steh da nicht so drauf und bin eher ein offener Typ. Das Wort „Thrash“ ist ja auch eines, das eigentlich von Metallicas „Whiplash“ geprägt wurde – da kam auch das Wort „Thrash“ zum ersten Mal vor. Deswegen ist dieses ganze Kategorisieren und Schubladendenken irgendwie eine schlimme menschliche Angewohnheit. Genau so ist es, wenn du Nike-Schuhe kaufst und fragst: „Warum hast du keine Gucci-Hose“ an?

Welche Bands hörst du dir derzeit gerne an? Was sticht aus der Masse heraus?
Wenn ich im Flugzeug sitze höre ich auch gerne mal Reinhard Mey mit „Über den Wolken“ (lacht). Was ich mittlerweile sehr geil finde, ist diese Symbiose. Es gibt da ein paar Bands, die sind wirklich gut. Was ich auch sehr gut fand, sind die ganzen Kinder, die gerade mal aus den Windeln sind und dann Gitarre spielen. Black Tide – das ist gerade erst rausgekommen – ist ziemlich gut. Der Frontmann und Gitarrist ist gerade mal 15, macht hammergeile Vocals und spielt echt richtig gut Gitarre. Die Scheibe ist anscheinend auch von ein paar Songwritern geschrieben worden. Aber ist echt gut für einen Hosenscheißer, der noch nicht mal im Stimmbruch ist – wirklich sensationell. Das begeistert mich dann auch. Aber auch Bands wie Scar Symmetry oder Into Eternity, die den Death Metal mit Melodic vermischen und sehr technisch agieren, aber trotzdem sehr definiert sind. Die ganzen neuen Thrash-Bands – Warbringer und so weiter – die sind auch geil, machen aber das, was wir schon vor 25 Jahren gemacht haben. Ich find es geil, dass die Plattenfirmen solche Bands überhaupt unter Vertrag nehmen, weil ich mich erinnern kann, dass es vor drei, vier Jahren einige gab, die sagten: „Thrash? Wir signen keine Thrash-Bands.“ Und jetzt geht wieder was ab. Die Szene wächst und gedeiht. Was ich aber nicht so wirklich mag ist dieses ganze Kindergarten-Gehopse und dieses Melodic-Zeug hat für mich einfach nichts mehr mit Metal zu tun. Klar: Pagan ist gerade voll trendy. Ich hör auch die Bands, da sind einige davon auch Kumpels, aber die Musik ist für mich kein Metal mehr. Metal hat, für mich, auch etwas mit Attitüden und Aggressionen zu tun und wenn es dann zu schön wird, kann ich auch Reinhard Mey hören (singt „Über den Wolken“).

Du hast auch schon in einigen Interviews angedeutet, nach der aktiven Zeit als Musiker hinter den Kulissen die Stricke zu ziehen.
Bestimmt. Die Frage ist nur, wie es dann aussieht. Wenn es mit der Musikindustrie so weiter geht, brauchen die Bands irgendwann keine Plattenlabels mehr. Über das Internet läuft heutzutage alles ganz schnell. Die Labels werden sterben, ein paar werden überleben. Die CD… Es ist ja schon bekannt, dass es die in fünf Jahren nicht mehr geben wird. Wie geht’s weiter? Ich habe auch die Jungs von Age Of Evil getroffen, die ja auch noch sehr jung sind. Ich würde den Kids gerne was weitergeben und sie vor den Fehlern, denen ich aufgesessen bin, beschützen. Dass sie von Anfang an die Beratung haben, wie einen Gitarrenlehrer, der dir sagt: „Das, das und das ist nichts. Mach das nicht. Aber das ist gut.“ Ein bisschen Coaching, kein Management – aber sowas könnte ich mir gut vorstellen. Jungen Metalbands ein bisschen was vom Leben erzählen und wie es läuft. Aber ich möchte kein Manager sein, der Bands diktiert oder Marketing-Strategien aufstellen muss. Ich möchte mein Wissen gerne weitergeben. Da hätte ich wirklich Bock drauf.

Vor zwei Wochen warst du in der Sendung „Nachtcafé“ beim SWR-Fernsehen…
Das war ich nicht! Das war ein Double! (lacht)

Hast du dich wieder einigermaßen davon erholt? (lacht)
Du, es war stocksteif. Als ich dann während der Sendung erstmal pissen musste und dieser Moderator, DOKTOR Wieland Backes, sich total aufgeregt hat… Toll war ja, dass sich während der Sendung rausgestellt hat, dass die anderen Gäste alle so ein bisschen Rock ‚N‘ Roll-getränkt waren und das Backes dann deswegen auch ein bisschen den Faden verloren hat. Bernhard Hoecker ist ja einer der Top-Comedians in Deutschland und wenn sich der als Metal-Fan outet, ist dem Backes erstmal die Kinnlade runtergefallen. Und es war dann auch ein bisschen dieses männliche Topmodel – du, es gibt’s selten, dass ich einen Mann attraktiv finde, aber der sah echt gut aus – der auch ein echt netter Typ war und auch Rock ‚N‘ Roll gehört hat. Der meinte auch: „Hey, dieser Metal. Der ist doch mittlerweile fast schon Mainstream! Metal ist doch cool!“ Ich dachte mir nur: „Hey, Moment?“. Dann kam noch ein „Mad Butcher“-Einspieler und dieser Schauspieler sagt: „Och, das ist ja fast schon Rock ‚N‘ Roll. Ist doch gar nicht so schlimm, ist doch gut.“ Und ich meinte wieder: „Ähm, Moment.“ Da bin ich eine Stunde lang nicht zu Wort gekommen und plötzlich ging der Ruck durch die Sendung und Backes kam dann mit: „Ja, wie sie aussehen… Müssen doch alle saufen.“ Dann meinte der Mann vom Penthouse: „Ja, und? Wir sitzen doch auch alle hier und saufen uns dezent einen an.“ Backes – so frech bin ich nicht, das dann zu sagen – hat sich vor der Show erstmal ein Weizen reingepfiffen – und ich hab dann überlegt, ob ich sage: „Aber Herr Backes. Sie haben doch vor der Show auch gerade ein Weizen getrunken.“ Die Metal-Fans sind bestimmt weniger Alkoholiker, als die ganzen Typen die jeden Tag im Fernsehen stehen. Ist halt alles ein Fake. Die Quintessenz war eigentlich, dass trotz des öffentlich-rechtlichen Drucks der Rock ‚N‘ Roll-Einfluss der Sendung gar nicht so schlecht war.

Wohl auch dadurch, dass du deine Leute im Publikum sitzen hattest.
Es hat ein bisschen gedauert, die überhaupt in die Show reinzubekommen. Man hat sich natürlich erstmal beschwert, aber ich meinte dann, dass sie doch Leute wollten, die einen gewissen Gegenpart darstellen. Erst meinten sie dann, dass es ausverkauft sei und kein Platz mehr da ist. Dann sagte ich: „Warum denn? Sie wollten doch ein gemischtes Publikum.“ und dann haben die auch irgendwann eingelenkt. Sie hatten auch einen tollen Redakteur, der sich dafür eingesetzt hat. Es war wirklich cool, hat aber gedauert. Da geht es schon ganz schön steif zu.

Wieland Backes bezeichnet sich ja selbst als „sanften Polarisat mit Tiefgang“. Den Eindruck hat er ja in der Sendung wirklich nicht gemacht.
Also: der hat mir zum ersten Mal in die Augen geschaut, als die erste Frage an mich gestellt wurde. Wir hatten ein Vorgespräch, ein Meeting und ein Kennenlernen mit allen davor und der Mann hat mir nicht ein Mal in die Augen gesehen. Das ist für mich niemand, den ich ernst nehmen kann. Nennt sich „Doktor“, aber ein Kerl mit Charakter schaut dir in die Augen und sagt: „Hey, hallo.“ Hat der aber nicht gemacht und er hat mich auch nicht gemocht. Mit der Zeit wurde er dann zwar ein bisschen lockerer, aber er vertritt ja auch diese konservativen Menschen. Da musste er natürlich auch seinen Schein wahren – genau wie dieser Tagesschau-Sprecher. Sein Manager war dabei! Jedes Wort hat der doch irgendwo abgelesen und auch vorher abgesprochen. Das war komplett abgesprochen, die fliegst bei der Tagesschau ja raus, wenn du den Mund aufmachst. Hast du gesehen wie der geschwitzt hat?

War nicht zu übersehen.
Männer die so schwitzen können nicht die Wahrheit sagen, die müssen doch lügen. Keiner hat so geschwitzt, nur er.

Mit Hoecker hast du dich ja ziemlich gut verstanden. Habt ihr nach der Sendung noch Kontakt gehabt?
Wir haben nach der Sendung auch noch zusammen gespeist. Wir haben uns danach auch Mails geschickt und weil er ja auch Metal-Fan ist, meinte ich: „Hey, ich besorg dir ein paar neue Platten.“ aber er meinte: „Ich kauf mir die jetzt, kann die auch ja auch bei Ebay bestellen oder so.“ Aber ich hab die ihm dann besorgt und über sein Management zukommen lassen. Er hat sich bedankt, war sehr glücklich. Ich hab ihm dann auch den Vorschlag gemacht, mal auf Wacken oder ein anderes Festival zu kommen und in den Pausen aufzutreten. Er ist ein Star der deutschen Medienlandschaft und die Metalheads würden ihn lieben, wenn er auf die Bühne kommt und sagt: „Heeey, Leute!“. Ich denke, er ist bestimmt irgendwann bereit für sowas. Es war auf jeden Fall schon ein mordsmäßiges Outing, als er sagte: „Ich bin jetzt auf der guten Seite der Macht“ und Backes nur noch fassungslos schaute. Dazu muss man auch schon ein bisschen Eier haben. Er trinkt ja auch keinen Alkohol, ist ein totaler Familienmensch, hat sich aber auch ein Schlagzeug gekauft und spielt jetzt daheim immer. Es ist schon cool und er ist auch echt einer, der absolut keine Allüren hat und das gibt’s nicht so oft.

In den letzten Zehn Minuten der Sendung musste ich auch mal aufs Klo…
Ja? Da war ich auf auf dem Klo. Dann waren wir ja parallel (lacht)…

Dann kam ich wieder vor den Fernseher und hab nur noch die Kamera auf deinen Arsch schwenken sehen und meinte schon, der Backes hätte dich rausgeworfen.
Ich mein: wenn ich pissen muss, muss ich pissen. Ich hab echt versucht, mich zu beherrschen und gemäßigt zu trinken. Es war zwar eine Livesendung – sie wurde aufgezeichnet und am nächsten Tag gesendet – aber wenn ich pissen muss, muss ich pissen. Die erste Stunde war ich zum ersten Mal auf dem Klo und hatte eh nichts zum sagen, so dass es auch keinem aufgefallen ist. Und zum Schluss meinte ich zu Hoecker: „Du, ich muss nochmal. Ich geh kurz und du machst mir dann wieder das Mikro dran.“ Er meinte: „Nein, Schmier. Du kannst das nicht! Das ist das Finale der Show! Nein, nein! Mach’s nicht!“. Ich steh auf, wollte gleich wieder da sein und in genau dem Moment schwenkt die Kamera rüber und zeigt nur noch meinen Arsch beim Aufstehen und Rauslaufen. Auf der anderen Seite war es natürlich auch ein Statement. Ich kann mich doch nicht umstellen und mir in die Hose pissen. Der Produktionsleiter kam dann gleich hinterher und war stocksauer, aber ich sagte: „Moment. Ihr gebt mir die ganze Zeit Wasser zu saufen und ich muss jetzt aufs Klo.“ Er sagte: „Ja, aber sie können doch hier jetzt nicht einfach…“, worauf ich meinte: „Warum nicht? Ich mein: ich bin doch ein freier Mensch, auch im Fernsehen.“ Und ich denke, das macht auch den Rock ‚N‘ Roll aus, wenn man sich die Freiheit nimmt, frei zu sein. Auch in einer Fernsehsendung. Warum sollte ich denn nicht können? Ich bin aus freien Stücken hingegangen und kann mich auch frei bewegen. Wenn ich aufs Klo will, oder mir ein Bier holen will – dann mach ich das auch in einer Talkshow. Aber da zu sitzen wie eine Puppe? Das ist nicht der Sinn meines Lebens, sorry… Meine PR-Leiterin meinte auch gleich, ich bin verrückt. Aber ich bin einfach ich, ob da jetzt eine Kamera steht oder nicht. Da mach ich doch niemandem den Affen.

Wie kam es eigentlich zur Einladung dorthin?
Das war eine Kooperation von Nuclear Blast und verschiedenen Managern. SWR suchte einen Kerl, der ein Kontrast zu diesen ganzen normalen Leuten ist. Ich denke die Hells Angels wollten nicht (lacht). Die haben sich dann unterhalten und mir angerufen, weil ich scheinbar genau rein passe. Aber ich mache eigentlich keine Talkshows, aber dadurch, dass das SWR und seriös war, dachte ich: „Okay. Das schaut sogar meine Mutter und ist bestimmt mal interessant.“ Wir haben dann die ersten Interviews mit denen gemacht und es war in Ordnung und hatte eine gewisse Tiefe. Ich mag Fernsehen nicht wirklich und mir war auch klar, dass Backes ein bisschen dick auftragen wird. Aber ich bin trotzdem ganz gut dabei weggekommen. Es ist natürlich auch eine Herausforderung irgendwo, weil man das nicht alle Tage macht. Ich mache mich nicht zum Affen, aber solange sowas ein bisschen kultiviert zugeht, ist es auch interessant. Als ich dann noch hörte, dass Hoecker kommt war ich überzeugt. Dass er Metal-Fan war, wusste ich da noch gar nicht, sondern erfuhr es erst durch einen Kumpel am gleichen Tag. Ich hab dann gegoogelt und er hat sich tatsächlich mal in einem Interview geoutet. Als wir uns trafen meinte ich dann auch direkt: „Hey, cool. Bist ja ein richtiger Handbanger!“, worauf von ihm kann: „Ja, so ein bisschen schon. Mir glaubt’s nur keiner!“ (lacht). Er sagt er hört Metal und da war es jetzt wahrscheinlich auch mal ganz gut zu sehen für die Leute, dass er es wirklich ernst meint. Natürlich geht das eher so in Richtung Helloween. Aber er lernte beispielsweise auch seine Frau über Helloween kennen. Ich bin mit den Jungs ja auch befreundet und hab dann gesagt, er soll sofort in den Helloween-Fanclub eintreten. Das macht er bestimmt auch noch.

Denkst du, dass ich das Bild von Metalheads in der Öffentlichkeit in Zukunft ändern wird, oder wir immer eine Randgruppe darstellen werden?
Wir müssen eine Randgruppe bleiben, sonst sind wir ja Mainstream. Aber: den ganzen Scheiß, den man uns reindrücken will – das sind wir nicht. Wir sind keine bekloppten Menschen, die sich nur die Birne wegsaufen und nichts zu sagen und keine Ahnung haben, weißt du. Es ist so, dass man natürlich eine Randgruppe bleiben will, denn ich will einfach kein Mainstream sein. Metal war mal eine Zeit lang total angesagt und das war echt widerlich. Jeder hat sich die Haare wachsen lassen. Metaller müssen auch in einem gewissen Maß Außenseiter sein, aber das Ansehen vom Metal hat sich gebessert, als die ganzen Festivals so groß geworden sind. Seit alle Menschen aus der ganzen Welt nach Wacken kommen. Da sind 100.000 Leute, die alle „Terroristen“ für die Öffentlichkeit sind. Und dann gibt es da keine Schlägereien. Keinen Mord. Keinen Totschlag. Da gibt’s ein paar Schnapsleichen, aber vielleicht nur 10% von denen, die beim Karneval oder nach Fußballspielen rumliegen. Auch Stefan Raab hat die Koreanerin, die diesen Wacken-Film drehte, in der Sendung gehabt oder mal Rage eingeladen. Ich denke, dass da so ein bisschen der Respekt wächst. Auch weil irgendwelche Leute, die in den Positionen sind, vielleicht auch Krawattenträger, früher mal Metal gehört haben. Wir wollen Außenseiter sein, aber wir wollen nicht auf das gleiche Niveau wie diese ganzen Mallorca-Assis gestellt werden, diese Ballermänner. Metal ist auch ein Statement für Individualität und das soll es auch bleiben. Jetzt seh ich Leute, kleine Kinder – 6, 7 Jahre alt – die sich die Haare wachsen lassen. Das ist doch ein geiles Statement für den Metal, dass die Anpassung im Leben nicht alles ist. Klar: jeder hat seinen Job und es muss auch nicht jeder lange Haare haben, weil er Metal hört. Aber Metal muss auch ein bisschen die Revolution bleiben, darf aber auch nicht so festgefahren sein. Ich denke, das hat sich auch ganz gut entwickelt. Hier in Europa haben wir eine geile Szene, die Festivals sind unglaublich und ich finde es sehr schade, dass beschissene Festivals wie Rock am Ring wieder Metal buchen. Die haben das nicht verdient. Die haben uns 10 Jahre lang ignoriert, uns bepisst und ausgelacht. Und jetzt buchen sie Metal plötzlich. Rock am Ring war dieses Jahr voller Metal. ICH spiele da nicht, wenn ich eingeladen werden würde. Ich spiel nicht vor lauter Mallorca-Pissköpfen. Das mach ich nicht, das geht nicht. Aber das ist eben ein Statement. Daran sieht man eben, dass Metal zur Zeit wieder voll angesagt ist. Die Szene ist gewachsen und die Metalszene weltweit ist unglaublich geworden. Das kann man sich gar nicht vorstellen, konnte ich nämlich auch nicht. Das zeigt auch, dass Sachen ohne kommerziellen Hintergrund funktionieren können. Auch Punk Rock oder Independent – ich hab wirklich vollen Respekt davor. Dass sie Sachen durchsetzen können, die auch ohne den Mainstream Leute erreichen. So ist halt die tolle Marktwirtschaft.

Du hast außerdem mal in einem Interview erwähnt, dass du nicht mehr als ein gut bezahlter Facharbeiter verdienst.
Mal ein bisschen weniger, mal ein bisschen mehr.

Warum meinst du, ist es in Deutschland so, dass man in Deutschland relativ wenig damit verdient?
Wir sind ja keine Top10-Mainstream-Band. Du verdienst dann Geld, wenn du „Schni-Schna-Schnappi“ singst (lacht). Der Rest ist harte Arbeit. Du hast zwar Fans – ich sag mal, dass es auf der Welt so ungefähr 250.000 Destruction-Fans gibt – aber davon hat auch nicht jeder das Geld, die Platte zu kaufen. Die Leute gehen auf das Konzert und es ist harte Arbeit, ihnen zu liefern, was sie wollen. Im Mainstream macht es halt die Marke, nicht die Klasse sondern die Masse. Das ist schade. Die meisten berühmten Komponisten sind doch arm gestorben, weil die Masse sie nicht erkannt hat. Jetzt sind alle plötzlich so stolz auf ihre Komponisten, aber damals wurden sie ignoriert. Ich denke, die Masse ist einfach… Käfer und Ameisen, ich sag’s immer wieder. Ich muss auch nicht das Geld haben, dass ich mir eine Penisprotese kaufen kann. Weniger ist oft wirklich mehr und man soll mit dem zufrieden sein, was man hat. Schau dir mal die ganze Szene an: schau dir mal Slatko an. Er hat mal kurz ein bisschen Geld gemacht und dann ging’s ab in die Klapse. Der Mainstream ist halt bitter, die Leute kommen und gehen. Die Mainstream-Leute wissen doch – bis auf die ganzen ’80s-Shows – gar nicht mehr, was sie vor 10 Jahren gehört haben. Aber die kaufen sich keine Musik, sondern hören das im Radio und Metalheads sind anders. Die Leute kaufen sich CDs. Das ist der Mainstream.

Schmier, besten Dank für das Bier, den Platz und das Interview. Alles Gute für die Zukunft, man läuft sich wieder über den Weg!
Hey, ich danke dir. Macht’s alle gut!

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