Interview mit Martin Furia von Destruction

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Die ersten Festival-Shows 2021 brachten Gewissheit: DESTRUCTION-Mitbegründer Mike Sifringer ist nicht mehr Teil der Band, für ihn rückte Martin Furia nach. In seinem ersten Interview als DESTRUCTION-Gitarrist mit einem deutschsprachigen Metal-Magazin verrät der gebürtige Argentinier, wie er zu dem Job kam, was ihn daran reizt und fordert und was das kommende Album so stark macht.

 

Du hast diesen Sommer offiziell die Rolle des zweiten Gitarristen bei DESTRUCTION übernommen. Herzlichen Glückwunsch! Als Tontechniker und Tourmanager warst du aber schon länger Teil der DESTRUCTION-Familie. Kannst du uns erzählen, wie das alles angefangen hat – wann haben sich die Wege von dir und der Band zum ersten Mal gekreuzt?
Das nahm seinen Anfang 2016 auf der Tour zu „Under Attack“: DESTRUCTION waren Headliner und nahmen Flotsam And Jetsam, Enforcer und Nervosa mit.  Ich war schon lange Soundtechniker für F&J und wurde gebeten, den Sound für alle drei Opener zu machen. Irgendwann musste der Soundtechniker von DESTRUCTION die Tour für ein paar Tage verlassen und ich habe seine Aufgabe übernommen. Nach dieser Tour habe ich angefangen, für DESTRUCTION als Tontechniker zu arbeiten und wurde später auch ihr Tourmanager.

„Ich wusste, dass ich es versuchen musste“

Josefstadt by Brutal Assault 2021 Destruction

DESTRUCTION live auf dem Josefstadt 2021

Hast du jemals davon geträumt, Gitarrist dieser Band zu werden? Was ging dir durch den Kopf, als Schmier dich gefragt hat, ob du einsteigen willst?
Ich habe nie davon geträumt, DESTRUCTIONs Gitarrist zu werden – das hätte ja vorausgesetzt, dass sich die Dinge ändern, und ich war glücklich mit der Situation und meiner Rolle in der Band. Als Schmier mich fragte, kam das für mich völlig unerwartet, aber ich wusste, dass ich es versuchen musste, denn ich liebe die Band. Ich kenne die Jungs gut und ich wusste, dass ich das Erbe mit Respekt behandeln würde.

DESTRUCTION ist die größte Band, bei der du bis jetzt mitgewirkt hast, glaube ich. Hast du dich auf Anhieb wohlgefühlt oder war es auch ein Sprung ins kalte Wasser, plötzlich Shows auf großen Festivals zu späten Zeiten vor wirklich vielen Leuten zu spielen?
Es ist ohne Frage die größte Band, in der ich je gespielt habe. Aber ich habe schon immer in guten Bands gespielt und ich habe schon auf allen großen Festivals der Welt als Soundtechniker gearbeitet, insofern war nichts wirklich neu für mich und ich habe mich auf Anhieb wohlgefühlt. Es hat sich nur die Seite geändert, auf der ich performe. Ich habe es als ganz natürlich angenommen und genieße es.

Konntest du alle Songs schon spielen, weil du sie so oft gehört hast, oder musstest du sie erst lernen?
Nun, es hat tatsächlich sehr geholfen, dass ich die Songs so oft gehört habe, als ich noch Tontechniker war, denn die Live-Versionen unterscheiden sich ein wenig von den Studioversionen. Insofern war es cool, damit vertraut zu sein. Ich wusste aber tatsächlich nicht, wie man die Songs spielt, ich musste sie von Grund auf lernen. Aber das war ein angenehmer Prozess und da ich sie wirklich alle kannte, ging es ziemlich flott.

Gab es einen Song, den zu lernen dir aus irgendeinem Grund schwergefallen ist?
Beim Mainriff von „Bestial Invasion“ habe ich ein bisschen gebraucht, bis ich es verstanden habe, weil ich es auf eine bestimmte Art und Weise im Kopf hatte … und als ich anfing, es zu lernen, habe ich gemerkt: „Oh! Das spielt man ja ganz anders!“

Hast du einen Lieblingssong von DESTRUCTION, der nicht im Standardset enthalten ist, den du aber gerne live spielen würdest?
Von den klassischen Alben wäre „United By Hatred“ ein cooler Live-Song. Von den neueren Alben „Spiritual Genocide“. Aber die Setlist für eine Band wie DESTRUCTION zu erstellen ist sowieso extrem schwierig: Es gibt eine Menge großartiger Alben und Songs, aus denen man wählen kann, und es ist schier unmöglich, all die großartigen Songs in eineinhalb Stunden unterzubringen, geschweige denn in noch weniger Zeit!

„Das Familiengefühl ist bei diesen Bands stark ausgeprägt“

Mike mit DESTRUCTION 2017 live in München

Die Tatsache, dass du Gitarrist geworden bist, ist die Konsequenz daraus, dass Mike nicht mehr in der Band ist. Kam das für dich überraschend oder war das eine Entwicklung, die sich für die Leute im unmittelbaren Umfeld der Band schon abgezeichnet hat?
Für mich kam das wie gesagt völlig aus dem Nichts.

[A. d. Red.: Weitere Fragen zu seinem Vorgänger möchte Martin an dieser Stelle aus Respekt vor Mike nicht beantworten und verweist auf die veröffentlichten Statements beider Parteien.]

Ich finde es interessant, dass es bei Sodom eine ganz ähnliche Entwicklung gab und der Bandkopf die Truppe verjüngt und die Band auf zwei Gitarren umgestellt hat. Ist Thrash Metal mit nur einer Gitarre – was früher ja durchaus üblich war – heute nicht mehr zeitgemäß?
Ich denke, das hängt von den Bedürfnissen und dem Ziel der Bands ab. Sepultura sind zum Beispiel den umgekehrten Weg gegangen und haben mit einer Gitarre weitergemacht. Das entspricht der musikalischen Idee der Band. Aber natürlich erweitern zwei Gitarren die Sound-Möglichkeiten, man kann mehr Harmonien einbauen, Gitarren-Duelle machen etc. Eine Gitarre klingt mehr „in your face“ und generell tighter. Aber beides ist völlig in Ordnung und großartig. Was ich an Sodom und DESTRUCTION interessant finde, ist, dass beide Bands jetzt auf Mitglieder ihrer Crew gesetzt haben. Das Familiengefühl ist bei diesen Bands stark ausgeprägt.

„Kein Bullshit, einfach German Thrash Metal!“

Ein neues DESTRUCTION-Album wurde gerade angekündigt – hast du auch zum Songwriting beigetragen oder „nur“ zu den Aufnahmen?
Ich bin zur Band gestoßen, als das Album schon zu 90 % fertig war, mein Beitrag war es, ein paar zusätzliche Soli zu den Songs beizusteuern, wo Schmier mich darum gebeten hat.

Josefstadt by Brutal Assault 2021 Destruction

DESTRUCTION live auf dem Josefstadt 2021

Was können wir von dem Album musikalisch erwarten? Immerhin ist es das erste Album in der fast 40-jährigen Geschichte der Band, an dem Mike nicht mitgewirkt hat …
Ich halte es für das stärkste DESTRUCTION-Album seit „The Antichrist“! Es trifft den Nagel einfach auf den Kopf; kein Bullshit, einfach German Thrash Metal! Es klingt unverkennbar nach DESTRUCTION, das Old-School-Feeling ist voll da, der Vibe der neueren DESTRUCTION aber auch. Ich liebe es und freue mich sehr darauf, die Songs live zu spielen: Die brutalen Parts sind wirklich brutal und die melodischeren gehen direkt ins Herz!

Die Single „State Of Apathy“ wurde im Little Creek Studio von V.O. Pulver in der Schweiz aufgenommen. Gilt das für das ganze Album?
Ja.

Du bist selbst Produzent. Stand nie zur Debatte, dass du das Album produzierst?
Nein, Schmier ist der Produzent der DESTRUCTION-Alben, gemeinsam mit V.O. (Pulver – Anm. d. Red.). Das ist schon seit einigen Alben so. Ich wurde während des Prozesses nach meiner Meinung gefragt, weil Schmier meinem Geschmack vertraut und weiß, dass ich ein direkter Typ bin und meine Meinung ohne Umschweife sage. Er hat einige meiner Anmerkungen zu einigen Songstrukturen, Arrangements und Soundfragen angenommen. Genauso wie von allen anderen in der Band.

Das Album wird erst im April 2022 erscheinen. Bedeutet das, dass ihr erst dann wieder auf Tour geht? Oder sind schon vorher Shows geplant, sofern das wieder möglich ist?
Wir arbeiten natürlich daran, schon frühere Shows zu buchen, aber es ist nicht gerade die einfachste Zeit dafür, weil alles noch ein bisschen ungewiss ist. Aber nächstes Jahr wird es mit Sicherheit verdammt arbeitsreich werden!

„Es geht hier nicht um eine ‚Glaubensfrage‘,
sondern um eine Krankheit“

Josefstadt by Brutal Assault 2021 Destruction

DESTRUCTION live auf dem Josefstadt 2021

Wie stehst du als jemand, der in der Veranstaltungsbranche arbeitet, also direkt betroffen ist, zu den derzeit diskutierten Zutrittskonzepten, 3-G, 2-G oder gar Zutritt nur für Geimpfte?
Schau, ich habe mich impfen lassen, ich habe damit kein Problem. Ich selbst hatte im Februar 2021 COVID-19 und das war gelinde gesagt nicht cool. Ich habe während dieser Scheißpandemie eine Menge Freunde verloren wegen dieser Scheißkrankheit. Ich verstehe, dass es einige Leute gibt, die sich nicht impfen lassen wollen. Aber das wird Auswirkungen auf ihr Leben und das Leben anderer haben, wie jede andere Entscheidung, die man trifft. Es geht hier nicht um eine „Glaubensfrage“, sondern um eine Krankheit, die ausgerottet werden muss, und Impfstoffe haben in der Vergangenheit funktioniert, und sie werden auch dieses Mal funktionieren. Man kann darüber streiten, ob große Unternehmen und Regierungen dies als kommerzielles und politisches Instrument nutzen – das bezweifle ich nicht. Aber die Krankheit ist real und der Impfstoff funktioniert. Was ich schrecklich finde, ist, dass diese Einlass-Regelungen mit einer nicht nachvollziehbaren oder nicht gut erklärten Logik angewandt wurden – dass es beispielsweise keine Musikfestivals mit mehr als 700 Leuten geben konnte, aber eine Fußball-EM mit 60.000 Leuten im Stadion stattfinden konnte – so ein Scheiß bringt mich auf die Palme.

Vielen Dank für das Interview. Zum Schluss unser traditionelles Brainstorming:
„M-16“: Sodom
Instagram: Ein Werkzeug
Dein derzeitiges Lieblingsalbum: Das kommende DESTRUCTION-Album. Das höre ich mir jeden Tag an.
Ein Lebensmittel, das du nicht ausstehen kannst: Ich esse fast alles, mir fällt keins ein!
Der wichtigste Punkt auf deinem Rider: Alles!
Dein Idol, als du 15 warst: Sepultura. Ich schätze, das gilt für jeden südamerikanischen Thrash-Metal-Musiker von 1991!
DESTRUCTION in 10 Jahren: Wir treten in den Arsch, wie immer.

Nochmals vielen Dank für deine Zeit. Die letzten Worte gehören dir!
Danke für den Support und danke an die DESTRUCTION-Fans, die mich so herzlich in der Band willkommen geheißen haben. Wir können es kaum erwarten, dass das Album herauskommt und euch alle auf Tour zu treffen! Thrash till Death!

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Fotos von: Afra Gethöffer-Grütz

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