CD-Review: Destruction - Live Attack (2CD+Blu-ray)

Besetzung

Schmier - Gesang, Bass
Mike - Gitarre
Damir Eskic - Gitarre
Randy Black - Schlagzeug

Tracklist

01. Born To Perish
02. Death Trap
03. Nailed To The Cross
04. Armageddonizer
05. Tormentor
06. Rotten
07. Mad Butcher
08. Reject Emotions
09. Thrash Till Death
10. Betrayal
11. Sign Of Fear
12. Damir’s Shred
13. Inspired By Death
14. Release From Agony
15. Life Without Sense
16. Antichrist
17. Invincible Force
18. Under Attack
19. Bestial Invasion
20. The Butcher Strikes Back
21. Curse The Gods
22. Total Desaster


Das Cover von "Live Attack" von Destruction

Thrash Metal: das hat viel mit Individualität, mit Rebellion und damit, sich nicht mit dem Status Quo abzufinden, zu tun. Vor allem die deutschen Genre-Veteranen DESTRUCTION bewiesen in der – leider nach wie vor nicht überwundenen – Corona-Pandemie immer wieder, dass sie es damit ernst meinen, denn die Truppe um Frontmann Schmier weigerte sich beharrlich, vor dem Virus die Waffen zu strecken. Wann immer möglich, spielten DESTRUCTION „echte“ Konzerte, passten sich etwa mit Abstands-Shows elegant an die permanent im Fluss befindlichen Corona-Bestimmungen an und blieben nur zuhause, wenn auch der letzte Veranstalter sagte, dass gerade einfach nichts zu machen ist. Und selbst dann ließen sich die Thrasher nur widerwillig einsperren: Am 1. Januar 2021 und damit mitten im Lockdown spielten DESTRUCTION eine umfangreiche Streaming-Show, die aus dem „Z7“ in Pratteln (Schweiz) übertragen wurde. Nun erscheint der Mitschnitt auf Doppel-CD und Blu-ray – wie haben die Thrash-Urgesteine das umstrittene Format gemeistert?

Das Format „Streaming-Show-Mitschnitt“ ist nicht ganz einfach zu beurteilen. Rein technisch betrachtet sind das Live-Alben, denen in Ermangelung eines entsprechend aufgepeitschten Publikums einer der wichtigsten Bestandteile für ein emotional mitreißendes Live-Dokument fehlt. Während Setlist, Performance und Sound also nach wie vor als Maß der Qualität solcher Veröffentlichungen funktionieren, muss die Atmosphäre weniger stark oder zumindest anders gewichtet werden, da sie von vornherein eine andere ist. Zumindest den ersten Punkt können DESTRUCTION mit „Live Attack“ mit Leichtigkeit für sich verbuchen, denn die Songwauswahl dieser Show bietet alles, was der Fan sich wünschen könnte. Auffällig ist dabei, dass sowohl das aktuelle Album „Born To Perish“ als auch das Debüt „Infernal Overkill“ hier fast zu gleichen Teilen vertreten sind. Das zeigt, dass die Band hinter ihrem neuen Material genauso steht wie hinter ihren Klassikern, was nicht bei jeder alteingesessenen Formation selbstverständlich ist. Dazwischen gibt es von so ziemlich jedem wohlgelittenen Album der Mannschaft ein bisschen was, wobei es kaum überraschend ist, dass die Schaffensphase von „Metal Discharge“ bis „Spiritual Genocide“ ausgespart wurde.

Bei der Performance wird es schon schwieriger, denn bereits die ist nicht mehr vollkommen isoliert zu betrachten. Der Reiz eines Konzertes besteht zu einem großen Teil darin, dass Musiker und Publikum in Austausch treten. Der beschränkt sich mitnichten auf Ansagen zwischen den Songs oder gelegentliche Mitmach-Einlagen, sondern findet permanent statt – sind die Leute gut drauf, überträgt sich das auf die Band und umgekehrt. Unter den gegebenen Umständen tun DESTRUCTION das einzig Richtige und verhalten sich, als wäre ein Publikum anwesend. So performen die Thrasher so furios wie eh und je und wirken trotz Geisterspiel-Bedingungen nicht starr – selbst die Ansagen, die Frontmann Schmier in den leeren Raum macht, wirken überraschend wenig aufgesetzt. Für die gelungene Umsetzung des Streaming-Konzeptes von „Live Attack“ ist in erster Linie der superbe Schnitt verantwortlich: Das Konzert wurde im Schneideraum absolut stimmig in Szene gesetzt, jeder Musiker wird  im richtigen Moment in den Fokus genommen und dank intelligenter Kameraperspektive wird der leere Zuschauerraum über weite Strecken geschickt kaschiert. Dennoch: Am Ende lässt es sich nicht vollends ausblenden, dass DESTRUCTION hier vor leerem Haus spielen. Es fehlen der Jubel zwischen den Songs oder die emporgereckten Fäuste und Pommesgabeln, die selbst bei noch so engen Kamerawinkeln sichtbar wären und so hat „Live Attack“ trotz redlicher Bemühungen von Band und Produktion stets den Charme eines Label-Showcase.

Ironischerweise wurde der Sound dieser Online-Show deutlich besser aufgezeichnet als von manch „echtem“ Konzert. DESTRUCTION klingen hier tatsächlich ziemlich „live“, was vornehmlich daran liegt, dass die Aufnahme über  die so oft vermissten Raumanteile verfügt, weshalb sich „Live Attack“ tatsächlich nach Konzerthalle anhört. Auch hier ist die Sollbruchstelle das fehlende Publikum, denn weder in ruhigeren Momenten wie etwa dem Mittelteil von „Death Trap“ noch während der Ansagen kann man die jolenden Fans hören – nicht, weil sie zu leise abgemischt wurden, sondern weil keine da sind. Trotzdem: Weil dieser Konzertmitschnitt ziemlich gut aufgenommen wurde und DESTRUCTION obendrein eine über jeden Zweifel erhabene Performance liefern, funktioniert „Live Attack“ trotz der schwierigen Ausgangsbedingungen auch auf CD – vielleicht sogar ein bisschen besser als mit Video, denn hier lässt sich die leere Halle zumindest während der Songs weitgehend ausblenden.

In einem Statement zur Corona-Situation aus dem vergangenen Herbst schreiben DESTRUCTION, dass sie in Pandemie-Zeiten neuen Formaten gegenüber offen sein wollen. Diesen Worten ließen sie stets Taten folgen und da ist es nur konsequent, dass die Truppe auf die Streaming-Show und deren spätere Veröffentlichung nicht meidet. Verglichen mit ähnlich gearteten Alben wie etwa „Live In Richmond“ von Lamb Of God oder „Dead Air“ von Katatonia gelingt den Thrashern mit „Live Attack“ die beste Umsetzung eines von vornherein schwierigen Konzepts: Anstatt schnöde im Proberaum zu musizieren, fahren DESTRUCTION das volle Programm einer regulären Live-Show auf, komplett mit entsprechender Licht- sowie Bühnenshow und Ansagen, die ganz ähnlich auch vor anwesendem Publikum funktionieren würden. Dass das Ganze aufgrund fehlender Fans ultimativ seltsam wirkt und nicht wie ein vollwertiges Konzert, ist nicht zu verhindern, weil es ja auch keines ist. Weil Sound und Schnitt aber besser als bei den meisten anderen solchen vermeintlichen Live-Alben ausfallen und die Band selbst sich wirklich alle Mühe gibt, eine ausgewachsene Show zu bieten, rückt dieser Makel soweit wie eben möglich in den Hintergrund. Wenn es schon unbedingt der Mitschnitt einer Streaming-Show sein muss, dann doch bitte so.

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