Interview mit Schmier von Destruction (Teil 1/2)

Mit „Diabolical“ veröffentlichen die deutschen Thrash-Urgesteine DESTRUCTION im April ihr 15. Studioalbum im 40. Jahr ihres Bandbestehens. Mit dem Album selbst haben wir uns bereits im Rahmen unseres Listening-Session-Reports ausführlich auseinandergesetzt. Im Interview mit Bandkopf Schmier soll es deswegen eher um das große Ganze gehen: Teil 1 des Gesprächs dreht sich um hässliche Maskottchen, Politik und Thrash Metal im Allgemeinen.

In TEIL 2 des Interviews geht es um Corona und mögliche Wege aus der Pandemie, die Veränderungen im Band-Lineup und die Frage, wie man als Thrash-Metal-Band in Würde altert.

Wir haben uns kürzlich im Rahmen eurer als Video-Call abgehaltenen Listening-Session virtuell „getroffen“, es war für euch das erste Mal in digitaler Form. Wie fandest du es?
Wir machen das alles ja schon lange genug, aber eine solche Online-Session mit 40 Journalisten hatte noch keiner von uns. Das ist dann schon exciting, es kann ja viel schief laufen. Dafür lief es ganz gut, fand ich. In den beschissenen Zeiten jetzt gerade ist das ein guter Weg, sich zu connecten und mit der Presse mal in die Platte reinzuhören.

Auf jeden Fall! Du hast gerade angesprochen, dass ihr schon so wahnsinnig lange dabei seid. Bist du trotzdem noch nervös, wenn du die Platte dann das erste Mal Leuten außerhalb des Band- und Labelumfelds vorstellst?
Ja, natürlich. Es ist ja nicht so, als würde ich jeden Tag den gleichen Kuchen backen und alle sagen dann „Mh, der ist aber lecker!“. Jede Platte ist anders, mit anderen Zutaten sozusagen. Und natürlich ist mit dem Line-up-Wechsel eine gewisse Drucksituation da, die einerseits exciting ist, weil das Bandklima besser ist als jemals zuvor und alle sehr motiviert sind, aber andererseits haben wir eben auch 40 Jahre Bandhistory und ein wichtiges Bandmitglied ist ausgeschieden. Das ist keine einfache Situation.

Schmier live mit DESTRUCTION in München 2019; © Afra Gethöffer-Grütz / Metal1.info

Auf die Band kommen wir später noch zu sprechen – zunächst noch eine Frage zur Session: Wir haben das Album in vier Blocks gehört, was natürlich den Flow rausnimmt. Bist du eher ein Einzelsong- oder ein „Album-am-Stück-Hörer“?
Lieber am Stück. Dieses einzeln hören ist natürlich „New School“ heute, das machen die Kids in Playlists und so, aber ich finde es fürs Feeling schon geil, wenn man ein Album durchhört. Natürlich sind auch Playlists cool – bevor das alles digital wurde, haben wir uns ja auch Kassetten mit Playlists zusammengestellt. Playlists waren auch damals schon angesagt. Aber ich finde, eine Platte hat eine gewisse Atmosphäre, und die Band denkt sich schon was dabei, wenn sie die Songs zusammenstellt. Deswegen ist Durchhören schon geiler. Dieses Nicht-Durchhören bei der Session war eine Idee der Plattenfirma, und das verstehe ich schon auch … sonst sind bei einer solchen Online-Veranstaltung die ersten schon eingepennt, bevor die Platte durchgelaufen ist. Das Internet hat ja die Aufmerksamkeitsspanne der Leute total verschoben. Mehr als drei Minuten hat keiner mehr Zeit, irgendetwas anzuhören.

„Der Butcher ist geil, wenn er schockiert“

Der „Mad Butcher“ live mit DESTRUCTION; © Afra Gethöffer-Grütz / Metal1.info

Du hast in der Session gesagt, dass ihr den „Mad Butcher“ ganz bewusst nicht als Hauptfigur auf dem Cover verwendet habt, um euch nicht zu wiederholen. Diese Angst scheinen Sodom, Kreator oder auch Iron Maiden mit ihren Maskottchen nicht zu haben. Warum hast du da Bedenken?
Erstens ist der Butcher nicht der hübscheste Mensch der Welt … (lacht)

Magst du euer Maskottchen etwa nicht? (lacht)
Ein Maskottchen sucht man sich ja nicht selbst aus, das passiert einfach. Aber der Butcher ist ja auch nur ein Teil von unserem „Maskottchenreich“. Wir haben ja noch den DESTRUCTION-Skull, den wir bisher am meisten verwendet haben. Der Butcher ist geil, wenn er schockiert, wie jetzt im neuen Video. Da ist er gut eingesetzt. Aber wenn er auf jedem Plattencover wäre, fände ich es langweilig. Das ist auch die eigene Vorgabe an uns: Wir wollen Cover, die exciting sind, die etwas Neues sind und trotzdem nach DESTRUCTION aussehen. Wenn wir ein Maskottchen hätten, das wir uns ausgesucht haben und wo alle sagen: „Nur das seid ihr“, wäre es vielleicht etwas anderes. Aber so haben wir ja auch den Skull und haben uns mehr auf den eingeschossen. Wenn man schon einen eigenen Totenschädel hat, der wirklich cool aussieht und den die Fans sich tätowieren lassen … ich meine, von den DESTRUCTION-Tattoos sind wahrscheinlich 90% der Schädel und nur 1% der Butcher. (lacht)

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Lass uns nochmal bei „Wiederholung“ und „langweilig“ bleiben: Wäre Wiederholung hier aus deiner Sicht denn etwas Schlechtes? Thrash ist ja generell sehr selbstreferenziell, man ist stolz auf das, was man gemacht hat, vieles wird später nochmal aufgegriffen … deutlich mehr als in anderen Genres. Siehst du das auch so?
Wenn man das als Musiker analysiert, ist es bestimmt so, dass immer die gleichen Akkordwechsel und Ideen verwendet werden. Aber das gilt auch für andere Genres. Sogar im Prog-Rock werden ja bestimmte Elemente immer wieder verwendet. Es gibt in der Musik einfach nur zwölf Töne und gewisse Harmoniewechsel und -auflösungen, die zu einer Musikrichtung passen. Im Thrash ist das eben oft vermindert, und im Heavy Metal sind eben diese klassischen Iron-Maiden-Auflösungen populär – auch bei anderen Bands, die nicht unbedingt Iron-Maiden-Metal machen. Da hat man das Rad ganz allgemein im Metal nicht neu erfunden.

„Thrash ist und war einfach immer Underground.“

Thrash wirkt auf mich immer wie ein besonders familiäres Genre. Ihr habt mit „Thrash Til Death“ und „Legacy From The Past“ ja sogar schon zwei Songs gemacht, die als Hommage an die Szene zu verstehen sind – wie erklärst du dir dieses „Familiäre“ der Thrash Szene?
Thrash ist und war einfach immer Underground. Klar gab es ein paar Thrash-Bands, die groß geworden sind, Metallica, Megadeth, Slayer … Aber im Allgemeinen war Thrash nie der Big Hype. Das ist einfach nicht die kommerzielle Musik, die alle hören wollen. Thrash Metal ist auch schwer greifbar für kommerzielle Menschen. Deswegen ist Thrash auch so eine eingeschworene Gemeinschaft. Das ist Musik für die Verrückten. Als wir das angefangen haben, waren wir einfach junge Kids, die harte Musik spielen wollten. Und der Look ist nach wie vor „Old School“, lange Haare und so weiter. Dazu kommt die Verbundenheit über die Texte, die ja auch oft sozialkritisch sind. Da treffen sich dann entsprechend Leute, die sozialkritische Texte mögen. Der Manowar-Fan, oder der Sabaton-Fan, der lieber Historisches hört, kann da wahrscheinlich nicht viel mit anfangen. Ich denke, diese Faktoren machen Thrash Metal speziell.

Destruction_2021 02 Pressefoto
DESTRUCTION 2021; © Hexphotography/Edit: Gyula Havancsák

Mir fällt spontan allerdings kein Song einer anderen Band ein, der auf ähnliche Weise auch euch mal Tribut zollt. Bist du da enttäuscht, dass da nicht auch mal was zurück kommt?
Ach ne, das erwartet man nicht. Ich finde es einfach wichtig, dass man die Szene aufeinander einschwört. Wir haben mit „Alliance Of Hellhounds“ mal einen Song geschrieben, in dem wir verschiedene Sänger aus der Metal-Szene zusammengebracht haben. Man sieht immer wieder, früher in den Foren und heute auf Youtube, dass die Leute sich gegenseitig wegen ihres Musikgeschmacks bashen. Auf einem Festival feiern zwar alle zusammen, aber im Internet wird wieder Krieg gespielt. Darum habe ich in diesem Song viele Sänger aus verschiedenen Richtungen, von Black Metal bis Hardrock, vereint. Am Ende des Tages sind wir eine Szene und wenn wir uns Backstage treffen, der Black Metaller und der Hardrocker, sitzen wir alle an einem Tisch, trinken zusammen Bier und erzählen uns Geschichten. Das vereint uns alle! Ich war neulich mit Feuerschwanz in so einem Videodreh, und da hat sich der Sänger auch als Metalfan geoutet und wir haben gute Anekdoten ausgetauscht. Das erwarten die Fans ja nicht unbedingt, dass die Szene unter den Bands so geschlossen ist. Deswegen ist das eine wichtige Message an die Fans, finde ich. Intern sind wir mit vielen Bands befreundet, das kann man ruhig auch mal in den Texten zeigen!

Du hast selbst auch einen Gastbeitrag auf dem letzten Necrophobic-Album beigesteuert. Wie kam es zu diesem Ausflug in den Black Metal?
Necrophobic sind einfach eine geile Band. Die haben ihre Roots ja auch ein bisschen in den 1980ern. Ich habe die Jungs mehrmals auf Festivals getroffen, das war immer sehr cool. Als sie angefragt haben, habe ich mir das Material angehört und gesagt: Ja, das kann ich mir gut vorstellen, da ein bisschen mitzugrölen. Es hat dann auch Spaß gemacht und am Ende des Tages ist es ja auch eine kleine appreciation. Und die Jungs freuen sich, man hat eine gute Zeit zusammen … Eigentlich wollte ich zum Singen zu ihnen ins Studio nach Schweden, und sie hatten mich auch zum Videofilmen eingeladen. Aber das hat dann wegen der Pandemie nicht geklappt. Das ist das Gute heutzutage, dass man sich über das Internet gut austauschen kann, wenn man schon nicht reisen kann. Trotzdem sind das so die kleinen Highlights für einen Musiker. Je älter man wird, umso wichtiger werden so Jam-Sachen mit anderen Musikern, finde ich.

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„Am Ende des Tages muss man sich
von Nazis einfach ganz klar distanzieren.“

Du hast vorhin die oft sozialkritische Ausrichtung der Thrash-Metal-Texte schon angesprochen. Jetzt gab es unlängst diese unschöne Geschichte, dass Sodom auf dem Billing des Steelfest neben diversen Bands aus dem rechten Spektrum aufgetaucht sind und sich anschließend mit einem wie ich finde sehr schwachen Statement dezidiert auch von Bands distanziert haben, die in ihrer Musik linke Ansichten ausdrücken. Mich hat das überrascht und enttäuscht, dass hier Thrash auf einmal so banalisiert wurde. Wie stehst du als Thrasher dazu?
Mit der Aussage hat sich Tom [Angelripper, A. d. Red.] keinen Gefallen mit getan. Ich denke, er hat sich da in die Suppe gespuckt gefühlt und ganz schnell ein Statement verfasst, das dann in die Hose ging. Am Ende des Tages muss man sich von Nazis einfach ganz klar distanzieren. Gerade Thrash Metal kommt aus dem linken Spektrum und war schon immer gegen Nazis. Ich finde das immer ganz witzig, wenn wir auch manchmal für irgendwelche Nazi-Black-Metal-Events angefragt werden und dann halt absagen, wenn wir rausfinden, was da abläuft. Oder eben den Veranstaltern sagen: Wenn diese Bands spielen, spielen wir nicht. Aber du kannst natürlich auch nicht bei jedem Festival alles überprüfen, das machst du als Band nicht. Das muss der Agent machen, und wenn dann später irgendwelche Nazi-Bands dazu gebucht werden, hast du ein Problem. Dann stehst du mit Nazis auf ’nem Flyer, das will keiner. Ich denke, das wollte Tom auch nicht – das ist einfach dumm gelaufen, und er wollte sich da dann wohl nicht reinreden lassen. So hab ich das zumindest gedeutet.

Destruction 2021 Schmier_Solo
Schmier 2021; © Hexphotography/Edit: Gyula Havancsák

Ich glaube auch nicht, dass das Absicht war, aber er hat es dann schon sehr ungeschickt gelöst. Das ist ihm dann ja auch entsprechend um die Ohren geflogen …
Das muss man aber auch erwarten. Das kannst du heutzutage so einfach nicht machen. Gerade in der Metalszene ist das ein Unding! Es ist auch wirklich erschreckend mittlerweile, wie viel Sympathie es aus der Black-Metal-Szene für Rechts gibt und wie viele komische Leute mit rechten Tendenzen sich mittlerweile in der Szene tummeln. Das war früher nicht so, und die haben hier auch nichts verloren!

Da bin ich ganz bei dir – spannend finde ich, dass du das als Entwicklung der letzten Jahre einschätzt. Denkst du, das wird wirklich mehr, oder wird es durch das Internet mehr zu Tage gefördert?
Beides. Das Internet trägt natürlich so manche obskure Sache hoch und bauscht Sachen auf, die völlig unwichtig sind und man dann erst registriert. Aber auch die Metal-Szene ist nur eine Reflektion unserer Gesellschaft. Und natürlich gibt es durch die Probleme, die die Welt hat, auch einen Rechtsruck. Das kann man überall auf der Welt verfolgen. Dass es dann auch in der Metal-Szene ein paar Idioten gibt, die rechte Sprüche ablassen, ist klar. Aber man muss den Leuten eben auch die Grenzen zeigen und sagen: Hey, hier seid ihr falsch, da ist die Tür, tschüss. Das ist der einzige Weg, und das hat Tom damals halt verpasst. In Zukunft müssen da einfach alle Bands zusammenhalten. Nazis haben in der Metalszene nichts verloren. Das ist genauso, wie wenn du in der Punkszene auf einmal mit Nazischeiß ankommst: Das geht einfach nicht. Dafür bekommst du die Fresse verprügelt!

„Ein rechts-konservativer Betrüger wie Trump …
das hat doch nichts mit Metal zu tun!“

Instagram-Story von Armand Majidi/Sick Of It All (Screenshot)

Wobei das ja mittlerweile alles auch nicht mehr so eindeutig ist … ich hab erst vor ein paar Tagen mitbekommen, dass der Drummer von Sick Of It All via Social Media den Sturm aufs Kapitol glorifiziert hat …
Das ist dieses neue Phänomen, das wir mit Trump erlebt haben: Dass ganz viele Metalfans in Amerika auch Trump-Fans waren. Ein absolutes Unding! Ein rechts-konservativer Betrüger wie Trump, der seine Kohle über Immobilien und dubiose Geschäfte gemacht hat … das hat doch nichts mit Metal zu tun! Das finde ich total verblüffend. Aber das sind dann meistens auch Leute, die komische Ideale haben oder in die Jahre gekommen sind und sich im Laufe der Zeit verändert haben: Die Leute werden anders, softer, haben plötzlich andere Einstellungen und Werte … das beobachtet man öfters. Wie sonst ist zu erklären, dass Volksmusik überlebt? (lacht) Wer hört denn in seinen jungen Jahren Volksmusik? Aber wenn sie alt sind, hören sie das alle! (lacht)

In Amerika gibt es mittlerweile ja richtige Rassistenkriege. Die Amis puschen aber auch alles immer so hoch – dieses hinter dem politischen Leader stehen ist da ja ganz groß. Ich kann das gar nicht. Ich kann mich mit keinem Leader oder Politiker hier in Europa identifizieren … ich finde die alle scheiße. Ich würde mich hinter keinen stellen und sagen „der ist geil, für den würde ich jemanden töten!“ Das finde ich immer sehr dubios, wie man sich dann so in eine politische Figur hineinsteigern kann, die auch nur eine Marionette der Regierung ist.

Würde dich das nicht auch mal reizen, solche Gedanken in einem Songtext zum Ausdruck zu bringen?
Wir schreiben ja politische Texte. Aber ich versuche eben, Texte zu schreiben, die man verschieden deuten kann. Wenn ich nur schreiben würde „Trump ist scheiße“ wäre mir das zu platt. Das macht vielleicht eine Punkband, aber keine Thrash-Band.

So wie The Exploited mit ihrem Song „Fuck The USA“ auf „Fuck The System“ (2003), den ihr später gecovert habt?
The Exploited waren für uns früher ein großer Einfluss und der Song ist einfach Kult. Wir haben unsere Version veröffentlicht, als Amerika den Irakkrieg angefangen hat. Aber wir haben damals auch wirklich böse, böse Morddrohungen dafür bekommen. Und Billy Milano von M.O.D. hat uns damals Prügel angedroht. Da haben einige Leute nicht verstanden, dass wir den Krieg angeprangert haben, nicht die USA. Aber der Song „Fuck The USA“ ist ja auch nur Sozialkritik. Natürlich auf Punk-Art, ein bisschen rabiat, aber da steckt viel Wahrheit drin. Am Ende des Tages finde ich solche Plattitüden aber einfach too much, das ist nichts für DESTRUCTION. Wir schreiben das dann lieber etwas tiefgründiger und nicht ganz so plakativ.


Weiterlesen: In TEIL 2 des Interviews geht es um Corona und mögliche Wege aus der Pandemie, die Veränderungen im Band-Lineup und die Frage, wie man als Thrash-Metal-Band in Würde altert.

Publiziert am von

Dieses Interview wurde per Telefon/Videocall geführt.

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