Interview mit Dez Fafara von DevilDriver

Es gibt wohl nur wenige Bands, die derart tourfreudig sind wie die US-amerikanischen DEVILDRIVER. Die Band um Sänger Dez Fafara brachte dieses Jahr ihren neuen Langspieler „Pray For Villains“ heraus. Grund genug für uns, Dez auf der Neckbreakers Ball Tour in Stuttgart abzupassen und ein Interview über die neue Scheibe, das Tourleben und Selbstverwirklichung zu führen.

Hi Dez, wie geht’s dir heute?
Um einiges besser als die letzten Tage, danke dir!

Oh, zu viel getrunken?
Nein, nein. Von Beginn an war die gesamte Tour-Truppe ziemlich krank. Es hat mich an einem Tag ziemlich heftig erwischt und ich musste die erste Show seit 13 Jahren absagen. Auf dem Klo zu sitzen war echt die Hölle…

Vielleicht hat euch ja die Schweinegrippe erwischt.
(Lacht) Nein, ich denke, wir haben einfach was Falsches gegessen. Aber die letzten Shows waren dafür unglaublich! Irgendwer hat gesagt, das heute Abend mehr als 1000 Leute erwartet werden – und es ist Halloween!

Dann verkleidet ihr euch hoffentlich auch hübsch! Aber zurück zum Thema: „Pray For Villains“ ist jetzt seit einigen Monaten auf dem Markt. Wie war eigentlich das Feedback?
Großartig! Es war das wahrscheinlich beste Feedback, das wir für eines unserer Alben bisher bekommen haben. Wir haben einen Schritt nach vorne geschafft und, wie ich finde, etwas anderes gemacht. Die meisten Leute scheinen das auch so zu sehen.

Es war dann auch in der Tat eine kleine Überraschung, dass ihr nicht extremer geworden seid. Stattdessen groovt es deutlich mehr, klingt etwas gemäßigter. Absicht oder ein ganz natürlicher Prozess?
Alles, was wir bisher gemacht haben, war entweder ein Unfall oder geschah praktisch von selbst (lacht). Wir denken niemals wirklich darüber nach. Vor allem in den USA gibt es derzeit eine Bewegung, in der einfach jede Band nur noch extrem sein will. Aber keiner konzentriert sich in diesem Genre wirklich auf den Song an sich. Für uns war das allerdings eine ganz natürliche Sache.

Es war außerdem das erste Mal, dass ihr mit Logan Mader gearbeitet habt. Der machte sich in letzter Zeit einen Namen als Produzent von Divine Heresy, Cavalera Conspiracy und Five Finger Death Punch. Wie ist eure Wahl auf ihn gefallen?
Wir haben ihn ausgewählt, weil er bei Machine Head war, ein großartiger Gitarrist und guter Freund ist und über verdammt hohe Produktions-Fertigkeiten verfügt. Was ihn besonders macht ist die Tatsache, dass jede Band, die er produziert anders klingt. Er drückt dem Sound nicht einfach seinen Stempel auf. Er produziert jede Band unterschiedlich und gibt ihr genau das, was sie braucht. Deshalb haben wir mit ihm gearbeitet.

Wenn ich mir „I’ve Been Sober“ und „Resurrection Boulevard“ anhöre, erkenne ich ein paar ganz neue Facetten deiner Stimme.
Ich kann viele unterschiedliche Gesänge fabrizieren. Ich kann klar singen, screamen – was auch immer der Song braucht. „Resurrection Boulevard“ hat einen melodischen Ton gebraucht, der allerdings nicht klar war, verstehst du? Ein ganzer Haufen Bands screamen und screamen, dann kommt der Chorus und sie singen einfach clean. Das ist verdammt nervig! Davon wollte ich Abstand halten.

„Pray For Villains“ ist es auch tatsächlich geklungen, etwas anders als das zu klingen, was man ansonsten derzeit in den Regalen findet. Wie siehst du persönlich die derzeitige Metal-Szene überhaupt?
Es ist immer schwer für mich, über die Szene zu reden, weil ich direkt beteiligt bin. Jemand hat mich vor kurzem nach meinen Top10-Alben diesen Jahres gefragt. Ich konnte ihm allerdings keine Antwort geben, weil ich von seinen Vorschlägen gerade mal zwei Scheiben kannte. Was ich sagen kann ist: in Amerika gründet jeder, der ein wenig screamen kann, sofort eine Band. Dort gibt es so viel aggressive Musik, dass sie sich selbst irgendwann ausrotten wird. Deshalb versuchen wir einen anderen Sound zu erschaffen und uns auch auf der Bühne von der Meute zu unterscheiden.

Der Album-Titel kann auch als Huldigung der Anti-Helden verstanden werden, von denen du – meiner Meinung nach – selbst etwas hast. Nach der Auflösung von Coal Chamber hast du deinen Ruhm nicht genutzt, um DevilDriver zu pushen, nicht den Weg des geringsten Widerstands gewählt. Stattdessen habt ihr wieder von Null angefangen und euch mit harter Arbeit den Weg nach oben freigemacht.
Ganz genau! Das ist einfach die Einstellung, hart zu arbeiten. Dein Vater würde dir das Gleiche sagen: wenn du nur hart genug arbeitest, kannst du fast alles bekommen.

Hört sich nicht so an, als würdest du etwas bereuen, wenn du morgen sterben müsstest.
Nein, bei Gott nicht! Mein Leben war von Beginn an voller Magie! Ich habe eine Menge Schmerz erlebt, aber das macht dich, meiner Meinung nach, erst zu einem eigenständigen Individuum. Hart zu arbeiten und an dich und die Menschen in deinem Umfeld zu glauben ist das Wichtigste. Dann brauchst du auch nichts zu bereuen.

Das passt perfekt ins Bild von dir – du hast ja auch kürzlich erst gesagt, dass du wohl auf Tour sterben wirst.
Nun, ich habe nur gesagt, dass das sehr wahrscheinlich ist. Ich bin seit ’95 oder ’96 auf Tour und nie länger als ein paar Wochen zuhause. Obwohl ich das eigentlich aus Spaß sagte, ist es also gar nicht unwahrscheinlich. Ich möchte nur nie auf der Sitzbank im Bus sterben. Wir sagen uns immer: „Wenn einer von uns im Bus sterben sollte, rollen wir ihn auf den Flur. Wir wollen nicht auf dem verdammten Sitz gefangen sein.“

Wie du schon angedeutet hast: DEVILDRIVER sind wie ein Straßenköter. Immer unterwegs, kaum rastend. Aber: es fehlt noch eine Live-DVD, Dez!
Ja, ich weiß! Das Ding ist ja: es wird jetzt seit fast acht Jahren gefilmt, seit unseren frühesten Tagen. Wir haben genug Material für einen ganzen Film! Aus dem Grund wissen wir auch nicht, wie es erscheinen soll – es kann einfach keine stinknormale zweistündige DVD werden. Wir sprechen mit dem Label über viele verschiedene Möglichkeiten. Es muss einfach richtig gemacht werden. Ich will diese acht Jahre nicht zu einem zusammenhangslosen Video zusammengeschnitten sehen – das kann es nicht sein.
Welche Band hat denn schon acht Jahre ihres Bestehens gefilmt und nichts davon veröffentlicht? Mir fällt keine eine. Wir filmen also weiter, bis wir den richtigen Zeitpunkt und die richtige Möglichkeit sehen, das Material bestmöglich zu veröffentlichen. Egal ob über unser Label, ein anderes oder selbstständig. Die meisten Bands werden 20 Tage lang von einem Kerl mit einer Kamera begleitet und das ganze wird dann als „Ein Jahr im Leben der…“ angepriesen. Aber das stimmt einfach nicht. Wir haben jemanden, der 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche mit uns unterwegs ist – seit acht Jahren!

Die Neckbreakers Ball Tour läuft jetzt seit ein paar Tagen und wird noch bis Mitte Dezember andauern. Wie hältst du dich auf Tour überhaupt fit?
Mann, du klopfst auf Holz! (lacht) Eigentlich werde ich nicht krank, also lass uns lieber aufpassen, was wir sagen. Ich versuche genug und einigermaßen gesund zu essen und genug zu schlafen. Das ist einfach für mich, weil ich keine harten Drogen nehme und keinen harten Alkohol trinke.
Außerdem wasche ich meine Hände eine Millionen Mal am Tag. Wenn du auf Tour bist, schüttelst du so viele Hände, da ist das wirklich nötig.

Was sind also die drei wichtigsten Regeln im Tourbus für dich?
1. Ich bin verheiratet – also sind hier oben keine Groupies erlaubt.
2. Ich nehme keine harten Drogen und trinke keinen harten Alkohol – niemals.
3. Wir müssen alle einfach zusammenhalten! Wenn du einen Tourbus läufst, denkst du „Woaaah, ein Tourbus – wie cool!“ Aber nach 13 Jahren fühlt es sich an wie ein Käfig. Man muss also lernen, wie man miteinander und mit dem Bus klarkommt. Ich kann stundenlang hier herumsitzen und nichts tun und fühle mich dabei wohl. Du musst für diesen Lebensstil geboren sein.

Du sagtest mal, dass es ein langer Prozess ist, herauszufinden, was einen guten DEVILDRIVER-Song ausmacht. Weißt du es denn mittlerweile?
Nein, immer noch nicht. Wir arbeiten daran (lacht). Er muss auf jeden Fall Groove haben. Es ist nicht nur stumpfes Geprügel, es muss grooven. Ansonsten komm ich damit nicht klar. Es muss sich einfach natürlich anfühlen.
Was die meisten Leute gar nicht wissen: als wir unseren ersten Plattendeal bekamen, waren wir gerade mal sechs Monate als Band zusammen. Die Alben werden also immer besser! Die meisten Bands sind sechs Jahre zusammen, bevor sie zu einem Label kommen. Ich habe schon neue Musik für das nächste Album, die noch besser wird! Die Richtung beeindruckt mich wirklich, ich denke, dass die kommende CD um einiges schneller wird.

Schneller, härter, weiter – ein guter Übergang. Vor zwei Jahren habt ihr auf dem britischen Download Festival gespielt und dort den, wahrscheinlich, größten Circle Pit aller Zeiten gestartet. Der Name DEVILDRIVER wird verdammt oft mit irgendwelchen Superlativen umgeben. Wie behältst du da den Kopf frei?
Das Wichtigste ist die Verbindung der Leute zur Musik und zur Band. Darüber geht nichts. Wir haben während unserer Karriere schon viele negative Reaktionen bekommen, so ist es nicht. Dann gehe ich auf die Bühne und sage: „Fickt euch!“ Du musst einfach durch die Scheisse schwimmen. Wie durch Wasser, weißt du, schwimm einfach durch! Scheisse passiert. Und wenn du diese Einstellung hast, macht es dir Vieles leichter. „Oh verdammt, ich hab mir den Fuß gebrochen! Und das zum schlechtesten Zeitpunkt, den es gibt!“ Lach einfach darüber! Wenn du es nicht tust, frisst es dich auf.

Die Osbournes sind wie eine zweite Familie für dich. Wie kam der Kontakt mit ihnen eigentlich zustande?
Sharon Osbourne war vom Beginn meiner Karriere an und über eine sehr lange Zeit meine Managerin und wie eine Mutter für mich. Mit Coal Chamber einen Song zusammen mit Ozzy (Osbourne) zu machen, war eine verdammt große Sache für mich. Sie habe mich unzählige Male zum Ozzfest eingeladen. Ich liebe alle von ihnen, von den Kindern angefangen, über Sharon und Ozzy bishin zu den Leuten, die mit ihnen arbeiten. Ich habe verdammt viel Respekt vor jemandem wie Ozzy, der jetzt 60 Jahre alt ist und immer noch auf der Bühne steht.

Vor kurzem hat Ozzy in einem Interview mit der britischen „The Daily Mail Weekend“ Folgendes gesagt: „Rock ‚N‘ Roll ist wie gemacht für Menschen mit Suchtproblemen. Kein anderer Job erlaubt dir so viele Drogen zu nehmen und so viel Alkohol zu trinken. Er ermutigt dich sogar dazu!“ Kannst du das bestätigen?
Das ist das verdammt nochmal beste Statement, das je einer dazu gegeben hat! Das ist nämlich genau die Sache: all diese Dinge passieren, weil du sie erwartest! Du bist besoffen und fliegst aufs Maul – du denkst, das ist Rock ‚N‘ Roll. Ist es aber nicht! Auf der Bühne zu stehen und eine gute Show abzuliefern – DAS ist Rock ‚N‘ Roll. Aber das macht nur einen kleinen Teil des Tourlebens aus – die meiste Zeit über sitzt du einfach herum und musst die Stunden irgendwie abtöten. Ich kann glücklicherweise bis 13:00 Uhr schlafen – die meisten können das gar nicht. Und selbst dann musst du noch irgendwie die neun Stunden bis zur Show totschlagen. Nach der Show muss ich mich erst wieder beruhigen, du kannst deine ganze Wut nicht wie mit einem Lichtschalter ein- und ausschalten. Zwei Dinge kannst du nicht ausschalten: Wut und deine Sexualität. Ich kanns mit keiner Anderen treiben, weil ich verheiratet bin. Die meisten Leute verbringen ihre Zeit damit, harte Drogen zu nehmen, viel Alkohol zu trinken oder irgendwelche Groupies zu vögeln. Am nächsten Tage geht’s ihnen beschissen, sie haben mordsmäßige Kater und Durchfall. (lacht)
Versteh mich nicht falsch: ich mache immer noch gerne Party, ich hab meinen Spaß, bleibe noch wach und trinke eine gute Flasche Wein. Aber das ist ein großer Unterschied zu den Dingen, die andere Leute machen. Die sind Backstage, haben Mädels in Unterwäsche, Tonnen von Kokain und alle sehen total beschissen und fertig aus. Das ist kein Spaß für mich, ich kann dem nichts abgewinnen. Ich komme nach einer Show nach oben in den Bus, trinke mit Freunden eine Flasche Wein, rauche was gutes. Das ist für mich eine tolle Zeit. Ich weiß das aber nur, weil ich alles andere auch schon ausprobiert habe. Wirklich alles.

Dann weißt du ja, was du definitiv NICHT verpasst. Aber mal noch was anderes: deine Tattoos gefallen mir wirklich gut! Besonders das Maori-Tattoo auf deinem Kinn.
Danke, deines gefällt mir auch ziemlich gut! Ich habe meines selbst entworfen. In Neuseeland bekommen solche Tattoos nämlich meistens nur bestimmte Leute.

Meistens solche, die über einen hohen sozialen Status verfügen, viel Mut und Kraft und vor allem eine hohe sexuelle Potenz besitzen. Was bedeutet deines aber speziell für dich?
Richtig, gut informiert! Für mich war das Tattoo auf dem Kinn ein Symbol dafür, dass ich die normale Gesellschaft verlassen habe und nie wieder ein Teil davon sein werde. Die Leute können jetzt denken, dass ich ein Biker bin oder gerade frisch aus dem Knast komme – aber ich weiß immer, wofür es steht – das ist mein Stempel, der mich von dieser normalen Welt ausschließt. Ich bin kein Teil davon, kein 09:00-17:00 Uhr-Arbeitssklave. Ich bin ein hart arbeitender Mann und komme aus einer hart arbeitenden Familie – aber ich lebe außerhalb der Box. Eine Sache, die mir übrigens an euch Europäern sehr gefällt, ist, dass ihr euch Urlaub nehmt! Die Amerikaner arbeiten nur und sterben dann. Ihr nehmt euch wenigstens Freizeit!

Zumindest das haben wir euch voraus, ja… (lacht)
Haha, ja – das gefällt mir aber!

Wunderbar. Dann bist du ja jetzt bestens in Laune für das traditionelle Metal1.Brainstorming, oder?
Klar, brainstorme los! Ach, nebenbei: ein tolles Black Sabbath-Shirt hast du da!

Merci. Du warst mit den Herren noch auf Tour, nicht wahr?
Allerdings! Ich bin mit Sabbath um die ganze Welt getourt, habe sie mir jede Nacht angeschaut. Jede Nacht will ich in der Zeit zurück reisen und nochmal eine die Show sehen, als ich mich zu ein paar anderen Leuten auf einen Grashügel gesetzt habe und Sabbath von dort aus anschaute. Das jagt mir heute noch Schauer über den Rücken!

Das glaub ich dir aufs Wort. Also, dann lass uns mal anfangen mit:

Maori: Ich weiß leider nichts über den Stamm
Oogie Boogie: Oh ja! Einer der besten Filme überhaupt! Meine Frau hat unzählige Nightmare Before Christmas-Tattoos! Wir waren kürzlich mit unseren Kindern in Disney Land zum Haunted Mansion Urlaub. Hinter mir standen auf irgendwann mal vier Metalheads, aber wir haben uns nicht über Musik, sondern nur über Nightmare Before Christmas unterhalten. Das war ein verdammt toller Tag!
Fledermäuse: Schöne Geschöpfe, wenn man mal drüber nachdenkt.
Gran Torino: Den hab ich leider noch nie gesehen, obwohl ihn mir alle empfehlen.
Schweinegrippe: Sehr schlimm – wascht euch die Hände!
Metal1.info: Bringt Metal-Infos unter die Leute!

Dez, danke nochmal für deine Zeit und das Gespräch. Viel Spaß heute Abend, auf der restlichen Tour und bleib gesund!
Ich hab dir zu danken, es hat wirklich Spaß gemacht! Wir werden hoffentlich nicht mehr krank. Und übrigens: wir wollen schon im März wieder zurück nach Deutschland kommen. Eigentlich wollen wir zwei Mal pro Jahr nach Deutschland, was aber nicht ganz einfach ist, weil wir zwei Mal im Jahr um die ganze Welt wollen. Wir sind leider nicht Iron Maiden und haben unser eigenes Flugzeug (lacht). Ich wünsch dir jedenfalls viel Spaß bei der Show nachher!

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