Interview mit James LaBrie von Dream Theater

Am 26. April war DREAM THEATER-Sänger James LaBrie auf „Systematic Chaos“-Promo-Tour in Köln. Roadrunner räumte uns ein Gespräch mit James ein, in dem es natürlich um das neue Album, die kommende Tour und Muse ging.

Hallo James! Herzlichen Dank, dass du es ermöglichst, ein Interview mit den großartigen DREAM THEATER für Metal1.info zu führen. Wie geht es dir hier in Köln?
Hallo! Überhaupt kein Problem. Es ist ein toller Tag, die Sonne scheint, aber ich sitze unglücklicherweise im Hotel und gebe Interviews (lacht). Nein, es ist super. In der späten gestrigen Nacht kamen wir aus London mit dem Flieger an und waren also nicht zu spät hier.

Dream Theater - Systematic ChaosEure neue CD „Systematic Chaos“ ist fertig und wartet auf den VÖ-Tag. Erzähle doch ein bisschen, wie das alles ablief. Das Songwriting, die Aufnahmen und das Mixing. Gab es etwaige Probleme?
Nein, eigentlich nicht. Die Sessions waren allesamt sehr gelassen. Für gewöhnlich fängt das an, dass wir besprechen, wo wir hin wollen. Welche Richtung wir musikalisch anstreben. Da sitzen wir anfangs im Grunde genommen lediglich zusammen und besprechen das Konzept. Dieses Album ist eher organisch entstanden. Bevor wir ins Studio gingen, hatten wir nur ein paar Tapes von Soundchecks und so dabei, aber wirklich nicht so viele. Daher ging es los, indem wir diskutieren, welche Richtung wir einschlagen wollen. Hinterher wurden diese Ideen dann materialisiert und John (Petrucci; Gitarre, Anm.) spielte ein paar Riffs ein, Jordan (Rudess; Keyboard, Anm.) spielte ein paar Melodien auf dem Keyboard ein. Normalerweise brauchen wir erstmal einen Anhaltsspunkt, dann geht vieles von selbst. Wir erleben dann diese Entwicklung, die frühen Songs werden dann mit neuen Ideen gefüttert. So entsteht zunächst unser Blueprint. Dann heißt es „wir haben jetzt solch einen Song und brauchen nun noch solch einen Song“. Es wird einfach besprochen, was wir gerne hören wollen. Das läuft bei uns in dauerhafter Kommunikation ab. Wir versuchen ein System, ein Design in ein Album zu bringen. Es soll sich schließlich nicht so anhören, wie drei verschiedene Bands auf einem einzigen Album. Wie gesagt sind die Dinge unsere Baupläne und darauf entwickeln wir dann den weiteren Verlauf. Wir haben ganz genaue Vorstellungen, welche Songtypen wir benötigen, um einem Album eine gewisse Dynamik, Aufregung und Intensität zu verleihen. Das ist dann der gewöhnliche Progress bei uns. Wenn die Musik dann erstmal steht, entwickeln sich die Gesangsmelodien und die Texte ziemlich zeitgleich.

Verglichen mit „Six Degrees…“ war „Train Of Thought“ wirklich heavy. Und verglichen mit „Train Of Thought“ war „Octavarium“ widerum viel softer und melodischer. Welche Art Veränderung haben zwischen „Octavarium“ und „Systematic Chaos“ zu erwarten?
Nun, ich denke, dass „Systematic Chaos“ sehr heavy ist. Es hat viele dieser Momente, aber zur gleichen Zeit hat es eine wunderbare Balance. Ich finde, es ist multidimensional. Vordergründung ist es schon recht heavy, aber die Kreuzung dessen, den progressiven Elementen und den Classic-Rock-Elementen verleiht dem Album erst die Tiefe, die es hat. Ich meine, dass es sich im Ganzen recht kraftvoll anhört, es zeigt einen coolen, ausgeglichenen Weg zwischen den Stilen. Ich will mich wirklich keiner Klischees bedienen, aber ich denke, dass es wirklich unser intensivstes und kraftvollstes Album bis dahin ist. Es sollte ein aufregendes, intensives Hören durch das gesamte Album werden. Es gefällt uns enorm.

Wie sehen denn die bisherigen Reaktionen aus?
Bislang ist alles extrem positiv ausgefallen. Jedem gefällt das, was er hier hört und jeder findet, dass wenn es nicht „das“ beste Album von uns ist, dann ist es eines der besten unserer Alben. Mehr können wir uns gar nicht wünschen und negative Meinungen wurden uns bisher noch nicht entgegen gebracht. Aber natürlich würde das wohl keiner zu uns direkt sagen, sondern eher zu anderen. Aber heutzutage ist man ja in der Position, dass einem die Kritik kaum persönlich mitgeteilt wird, man ließt das dann eher in den Reviews. Das Internet verleiht einem ja auch viel Selbstbewusstsein, als man es in einem direkten, persönlichen Gespräch hätte. Da werden einige dann schon entschieden mutiger, was die Kritik betrifft, wenn man weiß, dass man darauf keine Antwort bekommt, hehe.

Wie war es, mit dem legendären Paul Northfield zu arbeiten?
Oh, Paul war großartig. Ich meine, seine Discografie spricht ja eine deutliche Sprache. Er hat schon mit so vielen namhaften Künstlern zusammengearbeitet. Und er arbeitete schon mit vielen Musikern, die ähnlich sind, wie wir. Da gab es schon Rush, Queensryche  und so weiter. Er ist wirklich fantastisch. Er weiß, welche Art Band wir sind und ihm hat es Spaß bereitet unser Album zu mixen. Er saß zuvor einfach dabei und hat uns unser Ding machen lassen. Hier und da gab er schon Kommentare ab, er hat ja auch unglaublich viel Erfahrung mit so vielen Bands, aber er verstand ganz genau, wie wir arbeiten und das hat toll zusammen gepasst. Er weiß ganz genau, wie die Instrumente aufgenommen werden sollen und hatte alles prima im Griff.

Was ist dein Lieblingsstück auf „Systematic Chaos“ und warum?
Im Augenblick muss ich sagen, dass es „In The Presence Of Enemies Pt. 2“ ist, der letzte Track. Ich liebe, wie sich der Track aufbaut, das ist so ausgereift und stimmungsvoll, sehr atmosphärisch. Man spürt, wie sich die Intensität steigert und man spürt die Dynamik in Musik und auch Gesang. Wenn ich mir den Song von Anfang bis Ende anhöre, kommt es mir gar nicht so vor, als sei das ein 16+ Minuten-Track. Für mich ist das wie ein Blinzeln und das ist super. Ich liebe den Song wirklich, man kann sich total darin verlieren. Ja, das ist mein Lieblingsstück.

DREAM THEATERWo wir gerade bei „In The Presence Of Enemies“ sind. Sollte das mal ein langes Lied werden, oder war es von Anfang an geplant, das zu splitten?
Nein, dass wollten wir schon splitten. Es sollte nicht ein langer Track werden. Zumal ja beide Songs ihre eigene Natur haben und einer den anderen aufbaut. So wie es ist, wird die Geschichte erheblich besser erzählt, sowohl musikalisch, als auch textlich. Man muss beim ersten Track immer darauf achten, dass er der Wegweiser ist. Wo geht es lyrisch hin, wo geht es musikalisch hin. Und welchen Charakter hat das Album? Der erste Teil baut die Charaktere auf und der zweite knüpft dort an, wenn auch der zweite Teil noch wesentlich intensiver ist.

Im Rock Hard Magazin wird der Song „Prophets Of War“ als gewagte Muse-Kopie bezeichnet. Und das war auch nicht das erste Mal, dass der Name Muse in Verbindung mit DREAM THEATER gebracht wurde. Siehst du da auch gewisse Ähnlichkeiten im Sound?
Oh, es kann schon gut sein, dass da Vergleiche gezogen werden. Die vorgetragenen Gesangsmelodien und die auch die Musik ähnelt sich ab und zu schon. Zudem lieben wir die Musik von Muse und die Band selbst wirklich sehr. Und sie sind auch tatsächlich eine Art Einfluss, eine Art Inspiration für uns, ähnliche Songs zu schreiben. Aber am Ende können wir trotzdem mit bestem Wissen und Gewissen behauptet, dass es dennoch unsere Musik ist. Unsere Interpretation dieses gewissen Musikstils. Natürlich setzt man sich gewissen Vergleichen aus, aber das ist ganz gewöhnlich, wenn man sich in einer recht beliebten Sparte aufhält, die mitunter von Muse nach vorn getrieben wurde. Und es ist ja ganz offensichtlich: Wenn du musikalisch einen gewissen Stil bedienst, dann wirst du natürlich mit anderen Bands dieses Stils verglichen.

Zum Song „Constant Motion“ habt ihr seit zehn Jahren wieder einen Videoclip gemacht. Gab es da einen speziellen Grund für?
Das haben wir dem Label zu verdanken. Roadrunner steht mit 150 Prozent hinter uns und möchte eine wirklich erfolgreiche, tolle Zusammenarbeit zwischen Band und Label ermöglichen. Sie wollen aus diesem Album ganze drei Singles veröffentlichen und es somit bestmöglich promoten.
Wir alle dachten dann, dass „Constant Motion“ ein hervorragender Track für die erste Single sein würde. Der Clip wird super werden, sehr intensiv. Mitte April haben wir das in New York gedreht und es verlief alles wirklich klasse, wenn natürlich auch so ein Drehtag mit 15 Stunden ganz schön lang ist. Trotzdem war es das wirklich wert, wir sind sehr zufrieden mit den Aufnahmen.

Was genau veranlasste euch, letztlich bei Roadrunner zu unterschreiben? Ich könnte mir vorstellen, dass euch so ziemlich jedes Label dieses Planeten einen Vertrag hingehalten hat.
Es war eigentlich ihre Tradition. Die Bands, die sie im Roster haben. In der Vergangenheit bewiesen sie, dass sie die obskursten Bands signen können, von denen andere Plattenfirmen vielleicht sogar hätten eingeschüchtert werden können. Roadrunner machen aus ihren Bands ganz einfach was. Zum Beispiel haben wir da Slipknot oder sogar eine eher Mainstream-Band wie Nickelback. Oder natürlich Stone Sour, Trivium oder Dragenforce. Zu guter Letzt haben sie ja auch Opeth, Porcupine Tree und uns. Bei Roadrunner ist es einfach sehr vielseitig und aufgrund ihrer Erfahrung wissen sie ganz genau, wie sie arbeiten. Bevor sie anfangen, mit einer Band zu arbeiten, versetzen sie sich in die Band hinein. Sie wissen, worum es den Bands geht, wie diese Bands funktionieren. Und wenn das Label dann die Zusammenarbeit eingeht, stehen sie voll und ganz dahinter und wollen mit der Band viel erreichen. Sie verstehen die Musiker als Menschen und eben als Band, das ist ein wichtiger Anhaltspunkt für eine Zusammenarbeit zwischen Band und Label.

Im Juni startet ihr eure große Welttournee. Werden ihr, ähnlich wie bei der „Six Degrees…“-Veröffentlichung zum Jahresende hin erneut touren gehen?
Ja, definitiv. Wir werden gegen Oktober mit einer Headlining-Tour zurück nach Europa kommen. Wahrscheinlich sogar schon im späten September bis in den November rein. Dann natürlich auch in andere Bereiche, wie Südamerika, Australien und Nordamerika. Also wir werden definitiv im Herbst zurückkommen.

Etwa vor einem Jahr schrieb Mike auf seiner Webseite, dass er sich etwas überlegen werde, um eure atemberaubende „Score“-Show in New York zu toppen. Weißt du dazu schon etwas, oder war das vielleicht nur ein Scherz?
Nein, ganz und gar nicht. Wenn er solche Aussagen macht, dass steckt da auf jeden Fall schon etwas hinter. Mike ist sehr bedacht, vielleicht kommt sowas ja schon auf dieser Tour, die bis ins nächste Jahr geht, das gibt uns eine Menge Zeit und es gibt ihm viel Zeit, zu überlegen, was da sinnvoll wäre diese Sache auf einen höheren Level zu hieven.

Aber eigentlich kann man die „Score“-Show doch gar nicht toppen. Oder kommen dann Dinosaurier auf die Bühne?
Nun, ich denke, das war schon sowas wie der Gipfel für DREAM THEATER. Eine überaus gute Erfahrung und es hat wirklich alles perfekt funktioniert. An diese bezaubernde Sache haben wir tolle Erinnerungen und da das ganze aufgezeichnet wurde, können wir uns diese schöne Erfahrung zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens wieder ansehen. Doch, dieser Zeitpunkt war wirklich die Speerspitze für uns als Band, unsere Musik auszudrücken, uns als Band zu präsentieren und im Grunde genommen unser ganzes Leben auf der Bühne zu repräsentieren.

Dream Theater - James LaBrieAngenommen, in etwa zehn Jahren würde dich jemand fragen, welche Art Musik DREAM THEATER machte. Welchen Song, oder welches Album würdest du dieser Person vorstellen?
Oh Gott. Das ist wirklich ganz schwer. Gott, ich weiß nicht mal ob es überhaupt möglich ist, zu sagen „Dieses Album beschreibt DREAM THEATER“. Ich meine, jedes einzelne Album spiegelt eine gewisse Periode unseres Schaffens wieder. Wir versuchen ja stets, etwas Neues zu erschaffen. Daher denke ich, ist der einzige Weg, DREAM THEATER kennenzulernen, zuzuhören. Wirklich jedes einzelne Album anzuhören und die unterschiedlichen Phasen unserer Musik herauszufinden. Herausfinden, wo alles begann, und wo es geendet ist. Wie wir als Musiker und Menschen gereift sind und wie die Musik sich entwickelt hat.

Also James, unsere Fragen wurden nett und sehr ausführlich beantwortet, wofür ich mich ganz herzlich bedanken möchte! Dieses Interview war eine große Ehre für mich und der Abschluss des Interviews gehört dir. Viel Erfolg mit „Systematic Chaos“ und eine wunderbare Tour!
Danke sehr! Die Tour wird sicherlich sehr schön, wir haben so manche aufregende Dinge in Planung, die damit zu tun haben. Es soll eine sehr intensive Tour mit großartigen Shows werden, immerhin ist es schon wieder lange her und wir wollen zurück! Zurück zu den Fans, mit den Fans in Kontakt kommen. Vielleicht gelingt uns ja auch, unsere Fanbase stärker und größer werden zu lassen. Wir sind auf jeden Fall sehr gespannt und freuen uns riesig drauf.
Zum Schluss selbstverständlich noch vielen Dank für euren Support, den wir allesamt sehr zu schätzen wissen. Wir sehen uns auf Tour!