Fünf Jahre nach ihrem letzten Studioalbum „North Star“ veröffentlichten EINHERJER im Juni dieses Jahres ihr neues Album „Lifeblood“ und legten damit ein tiefgehendes Referenzwerk für den Viking Metal vor. Was Titel und Konzept des neuen Albums, das kreative Arbeiten an Norwegens Westküste und die nordische Mythologie für EINHERJER bedeuten, hat uns Schlagzeuger Gerhard Storesund im Interview verraten.

Euer neues Album trägt den Titel „Lifeblood“ – wofür steht dieser Titel? Was würdest du sagen, ist dein eigenes „Lifeblood“?
„Lifeblood“ geht um die Dinge, die weiter durch uns fließen, selbst wenn Generationen kommen und gehen. Familie, Herkunft, Freundschaft, Musik, die Orte, die uns zu dem machen, was wir sind. Es ist diese unsichtbare Strömung, die die Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet. Der Titel geht nicht darum, aus Nostalgie zurückzuschauen, sondern darum anzuerkennen, dass wir Teil von etwas sind, das viel größer ist als wir selbst. Was mein eigenes „Lifeblood“ angeht, würde ich wahrscheinlich Kreativität und Neugier sagen. Ich hatte schon immer das Bedürfnis, etwas zu erschaffen – egal ob es Musik ist, Lyrics oder einfach das Erforschen von Ideen. Und natürlich die Freundschaften innerhalb der Band. Wir kennen uns jetzt schon seit langer Zeit, und diese gemeinsame Geschichte lässt sich unmöglich von EINHERJER selbst trennen. Ich habe oft darüber nachgedacht, wer ich wäre und was ich tun würde, wenn ich diesen Weg nicht eingeschlagen hätte.

Gibt es einen Song auf „Lifeblood“, der bei dir stärker resoniert als die anderen Songs? Wenn ja, warum?
„Gone“ ist für mich wahrscheinlich der persönlichste. Er beschäftigt sich damit, wie ein ganzes Leben – voller Erinnerungen, Beziehungen und Erfahrungen – irgendwann zu etwas verblasst, das fast unmöglich zu greifen ist. Es geht um Sterblichkeit, aber auch um Erinnerung und darum, was bleibt, nachdem wir weg sind. Jeder wird im Laufe seines Lebens Verlust erleben. Interessanterweise hatte der Song am Anfang nicht wirklich eine klare Identität. Musikalisch fühlte es sich ein bisschen diffus an, als würde er nach seiner eigenen Richtung suchen. Dann schrieb ich die eröffnende Strophe: „Into the dark we go, never to return…“ – und plötzlich ergab alles Sinn. Toms Klargesang gab dem Song genau die Atmosphäre, die ihm gefehlt hatte, und ab da schien er sich fast von selbst zu arrangieren. Diese Momente sind selten, aber unglaublich befriedigend, wenn sie passieren.
Es lagen fünf Jahre zwischen „North Star“ und „Lifeblood“, also deutlich länger als sonst in eurer Karriere. Was ist passiert?
Hauptsächlich ist einfach das Leben passiert. Wie bei vielen Bands haben wir während der Pandemie viel Momentum verloren, vor allem live. Das waren ein paar Jahre, in denen ich das Gefühl hatte, mein Kopf wäre taub geworden. Seltsame Zeiten. Aber hey, jetzt habe ich das auch überstanden. Wir haben außerdem alle normale Jobs und Familien, die wir mit der Band unter einen Hut bringen müssen, also dauert manches manchmal einfach länger. Auf der positiven Seite hat uns die zusätzliche Zeit erlaubt, das Material weiter zu verfeinern, statt es durchzuprügeln. Wenn ich zurückblicke, glaube ich nicht, dass „Lifeblood“ dasselbe Album gewesen wäre, wenn wir uns gezwungen hätten, es früher fertigzumachen.

Was EINHERJER von anderen Bands des Genres unterscheidet, ist der stärkere Fokus auf Groove und Rhythmus, manchmal kombiniert mit ungewöhnlichen Taktarten wie in „Bloodborn“. Ist das eine bewusste Entscheidung oder passiert das einfach ganz natürlich?
Wahrscheinlich beides. Da ich der Schlagzeuger bin, wird Rhythmus ganz automatisch zu einem wichtigen Teil davon, wie ich Musik schreibe. Aber ich habe diesen konkreten Song nicht geschrieben, und ich kann nur für mich selbst sprechen. Ich bin immer daran interessiert, Songs so in Bewegung zu bringen, dass sie nicht komplett vorhersehbar sind, aber ohne kompliziert zu werden, nur um der Komplexität willen. Ich mag es, Songs zu machen, die „vorhersehbar unvorhersehbar“ sind. Veränderungen in der Musik, die genau so sind, wie du sie haben willst, die aber trotzdem überraschen. Wir setzen uns nie hin und entscheiden, dass ein Song eine ungerade Taktart braucht. Wenn es dem Riff und der Atmosphäre dient, nutzen wir das. Wenn ein simpler, gerader 4/4-Groove das ist, was der Song braucht, sind wir damit auch vollkommen happy. Der Song steht immer an erster Stelle.
Auf „Lifeblood“ gibt’s deutlich mehr melodischen Klargesang. Hat jemand Gesangsunterricht genommen oder woher kam diese Entwicklung?
Kein geheimes Vocal-Internat, fürchte ich. Der Einzige von uns mit einer formalen Musikausbildung ist Tom – der war tatsächlich als Schlagzeuger auf einer Musikschule. Ob das auch Gesangstraining beinhaltete, weiß ich ehrlich gesagt nicht, aber er hatte schon immer eine großartige Singstimme. Der stärkere Einsatz von Klargesang ist einfach eine schrittweise und natürliche Entwicklung gewesen. Tom ist ein immer wichtigerer Teil unserer Vocal-Arrangements geworden, und über die Jahre haben wir uns wohler damit gefühlt, verschiedene Texturen zu erkunden. Wir packen niemals Klargesang rein, weil wir denken, dass wir das sollten. Sie müssen sich ihren Platz im Song verdienen. Wir sind an einem Punkt, an dem wir uns unserer Identität sicher genug sind, dass eine weitere Farbe auf der Palette uns nicht das Gefühl gibt, als würden wir verlieren, wer wir sind.
Eure Kollegen von ENSLAVED haben kürzlich mit dem STORM WEATHER SHANTY CHOIR zusammengearbeitet. Könntet ihr euch vorstellen, mit EINHERJER etwas Ähnliches zu machen und mit Musikern aus einem komplett anderen Genre zu arbeiten?
Sagt niemals nie. Ich bin grundsätzlich offen für Kollaborationen, wenn sie sich echt anfühlen. Davon abgesehen, wären wir vermutlich ziemlich selektiv. Die Zusammenarbeit sollte der Musik etwas Bedeutungsvolles hinzufügen, statt nur als Gag zu existieren. Wenn wir Künstler finden würden, die eine ähnliche Atmosphäre oder emotionale Sprache teilen, selbst wenn sie aus einem völlig anderen Genre kommen, wäre ich auf jeden Fall interessiert. Ob es dann tatsächlich passiert, ist wieder eine andere Sache. Wir versuchen alle, die Band mit Vollzeitjobs und dem Alltag unter einen Hut zu bekommen, also ist Zeit wahrscheinlich unsere größte Einschränkung. Wenn wir diese Zeit investieren, dann muss es für etwas sein, woran wir wirklich glauben.

EINHERJERs Lyrics sind manchmal auf Englisch, manchmal auf Norwegisch. Nach ein paar komplett norwegischen Alben scheint Englisch wieder zu dominieren. Wie entscheidet ihr, welche Sprache ihr benutzt?
Ehrlich gesagt wird das Song für Song entschieden. Manchmal fängt ein Text mit einer einzigen Zeile an, die ich wirklich mag, und wenn diese Zeile ganz natürlich auf Englisch oder Norwegisch kommt, dann ist das meistens die Sprache, in der der Rest des Textes geschrieben wird. In anderen Fällen fühlt es sich so an, als würde die Melodie selbst schon mit einer Sprache im Gepäck ankommen. Norwegisch hat einen bestimmten Rhythmus und eine Intimität, die schwer zu übersetzen sind – besonders, wenn es um lokale Geschichte oder tief verwurzelte kulturelle Themen geht. Englisch dagegen ermöglicht es uns, mit Hörerinnen und Hörern auf der ganzen Welt zu kommunizieren. Am Ende benutzen wir einfach die Sprache, die sich für diesen speziellen Song am natürlichsten anfühlt.
Wenn ihr auf Norwegisch schreibt, benutzt ihr euren Westküsten-Dialekt. Was macht ihn so einzigartig?
Er ist einfach die Sprache, in der wir denken und träumen. In Dialekt zu schreiben nimmt eine Übersetzungsebene raus. Die Worte fühlen sich ehrlicher an, weil sie zur Landschaft und zu den Menschen gehören, mit denen ich aufgewachsen bin. Die Westküsten-Dialekte haben außerdem eine gewisse Rauheit und Musikalität, die zu der Atmosphäre passt, die wir erschaffen wollen. Düsterer Gesang, mit Westküsten-Dialekt, kann ein perfektes rhythmisches Instrument sein. Er trägt den Sound der Küste in sich. In den frühen Tagen haben wir auch ein paar Songs in Standardnorwegisch (Bokmål) geschrieben, aber heute wäre das undenkbar. Der Dialekt ist ein essenzieller Teil unserer Identität geworden. Er prägt nicht nur, wie die Lyrics klingen, er prägt auch, wie sie sich anfühlen.
Apropos norwegische Westküste: Ihr habt die Musikvideos für „Lifeblood“ an ein paar umwerfenden Locations gedreht, besonders „Dei Så Ser“. Wo genau habt ihr diese Szenen gefilmt?
Fast alles wurde rund um unsere Heimatregion an Norwegens Westküste gefilmt. Die Szenen für „Dei Så Ser“ wurden in Hagland gedreht, buchstäblich nur einen Steinwurf von da entfernt, wo wir leben. Das ist uns wichtig, weil diese Orte nicht nur als schöne Kulissen dienen – sie sind Teil unserer Identität. Wir mussten nicht durchs ganze Land reisen, um die Atmosphäre zu finden, die wir wollten. Sie ist direkt vor unserer Haustür, und ich glaube, diese Authentizität kommt im fertigen Video rüber.
Gibt es irgendwelche Locations oder Drehtage, die dir als Favoriten besonders herausstechen?
Der Dreh zu „Dei Så Ser“ gehört definitiv zu meinen Favoriten. Das Wetter, das Licht und die Landschaft haben einfach perfekt zusammengepasst. Aber es ging nicht nur darum, eine schöne Location zu finden. Es hat etwas Besonderes, an einem Ort zu stehen, an dem Menschen seit Tausenden von Jahren gelebt und sich bewegt haben. Dieser Teil der Westküste hat ein unglaubliches Gefühl von Kontinuität. Nicht weit von dem Ort, an dem wir gedreht haben, haben Archäologen die Überreste des sogenannten Mann von Bleivik entdeckt, der vor etwa 8.000 Jahren gelebt hat. Solche Momente erinnern dich daran, dass wir nur das neueste Kapitel in einer viel längeren Geschichte sind. Einige meiner schönsten Erinnerungen stammen aber nicht unbedingt von den größten Produktionen. Das sind die Tage, an denen ein paar Freunde irgendwo an einer windigen Klippe an der Westküste stehen, in den Horizont starren, wie wir das oft tun, Kameras und Equipment schleppen und sich fragen, ob es in den nächsten fünf Minuten anfängt zu regnen. Das ist eine sehr norwegische Art, Musikvideos zu machen.

Der Name eurer Band wurde direkt aus der nordischen Mythologie übernommen. Wie stark fühlt ihr euch mit diesem Teil deines kulturellen und religiösen Erbes verbunden?
Kulturell sehr stark, religiös weniger. Nordische Mythologie ist ein wichtiger Teil der Geschichten, die Skandinavien geprägt haben, und wenn wir diese Geschichten verstehen, hilft uns das, uns selbst zu verstehen. Ich sehe Mythologie nicht als etwas, das in Museen weggeschlossen ist. Sie ist Teil unseres kulturellen Wortschatzes, ob wir das merken oder nicht. Wenn man an Norwegens Westküste lebt, spürt man auch eine starke Verbindung zur Landschaft selbst. In einem nordischen Sinne ist das fast ein spirituelles Gefühl. Nicht, weil ich glaube, dass das Land magisch ist, sondern weil es schon vor uns unzähligen Generationen Heimat war. Die Menschen, die hier gelebt haben, hier gearbeitet haben und schließlich hier zur Ruhe gelegt wurden, sind Teil derselben Geschichte wie wir. Wenn du es wissenschaftlich betrachten willst: Die Atome, aus denen diese Menschen einmal bestanden, sind immer noch überall um uns herum, eingewoben in die Welt, in der wir heute leben. In diesem Gedanken steckt sehr viel Demut.
Hat sich eure Perspektive auf die nordische Mythologie verändert?
Ich glaube, wir sind weniger daran interessiert, Mythen einfach nur nachzuerzählen, und mehr daran, was diese Geschichten über die Menschen verraten, die sie erschaffen haben. Die Mythen erzählen uns etwas über ihre Ängste, ihre Hoffnungen, das, was sie bewundert haben, und darüber, wie sie versucht haben, eine Welt zu begreifen, die unberechenbar und gnadenlos war. Die Mythologie selbst ist dadurch nicht weniger faszinierend geworden. Im Gegenteil, sie ist reicher geworden, weil wir gelernt haben, über Götter und Monster hinauszuschauen und uns auf die sehr menschlichen Fragen darunter zu konzentrieren. Da, finde ich, werden die Geschichten zeitlos.
Was hältst du davon, dass nordische Mythologie und Neuheidentum immer mehr im Mainstream ankommen?
Ich finde, es ist ganz natürlich, dass Leute neugierig auf ihre kulturellen Wurzeln werden. Gleichzeitig gehört Mythologie allen, nicht irgendeiner bestimmten Ideologie oder Bewegung. Es ist wichtig, Interesse an Geschichte und Kultur nicht mit Politik zu verwechseln. Das sind sehr unterschiedliche Dinge. Für uns ging es dabei schon immer um Storytelling, Identität und Geschichte, statt irgendein Glaubenssystem zu promoten.
Wenn ihr auf mehr als dreißig Jahre EINHERJER zurückblickt: Was würdet ihr anders machen, und was war exakt die richtige Entscheidung?
Ich würde mir vermutlich weniger Sorgen um Dinge machen, die sich mit Anfang zwanzig unfassbar wichtig angefühlt haben. Was wir definitiv richtig gemacht haben, war, uns selbst treu zu bleiben. Wir haben immer genau das gemacht, worauf wir Bock hatten – egal ob das hieß, Songs auf Norwegisch zu schreiben, eine vierjährige Pause zu machen oder musikalischen Ideen zu folgen, die nicht unbedingt zu den Erwartungen gepasst haben. Wir sind nie Trends hinterhergelaufen oder haben versucht, eine andere Band zu werden. Das ist vielleicht nicht immer der schnellste Weg, aber so kannst du mehr als dreißig Jahre später zurückblicken und dich in deiner eigenen Musik immer noch wiedererkennen. Das würde ich gegen nichts eintauschen.
Basierend auf allem, was du erlebt hast: Welchen Rat würdest du jungen und aufstrebenden Bands geben?
Schreibt Musik, weil ihr wirklich etwas habt, das ihr ausdrücken wollt, nicht weil ihr versucht, in irgendeine Szene reinzupassen, die gerade zufällig angesagt ist. Und lernt auch, den Prozess zu genießen. Die meisten Bands werden nicht riesig, aber wenn ihr es feiert, Songs zu schreiben, mit Freunden zu proben und live zu spielen, dann habt ihr schon etwas Wertvolles – etwas, das Erfolg nicht wirklich messen kann.
In welche Richtung wird EINHERJERs Schiff als Nächstes segeln?
Gerade freuen wir uns darauf, „Lifeblood“ auf die Bühne zu bringen und die Songs vor Publikum ihr eigenes Leben finden zu lassen. Darüber hinaus planen wir ehrlich gesagt nicht allzu weit im Voraus. Die Erfahrung hat uns gelehrt, dass die besten Ideen meistens auftauchen, wenn man gerade mit etwas anderem beschäftigt ist.

Zum Abschluss des Interviews gibt es hier die traditionelle Metal1-Brainstorming-Challenge:
Pagan Metal im Jahr 2026: Lebendig und immer noch in Entwicklung.
Ananas auf Pizza: Lächerlich!
Dein größter Pet Peeve: Leute, die langsam und nebeneinander durch enge Flure laufen.
Die 1990er: Das nächstbeste Ding – nach den 80ern.
EINHERJER in 10 Jahren: Wenn wir in 10 Jahren noch am Leben sind, wird es uns in der einen oder anderen Form immer noch geben.
Du siehst gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicke auf die Schaltfläche unten. Bitte beachte, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

