Interview mit Julkarn und Javi von Graveyard (ESP)

Mit dem Namen GRAVEYARD verbindet man heute vor allem die schwedischen Retro-Rocker. Fast genauso lang gibt es jedoch ihre spanischen Namensvetter, denen als Death-Metaller der Weg in die Charts wohl verwehrt bleiben wird. Julkarn und Javi über die Namensdopplung, ihre Liebe zu Splits und Vinyl sowie ihr neues Album, „… For Thine Is The Darkness”.

GRAVEYARD logo

Euer neues Album „… For Thine Is The Darkness“ erscheint in Kürze. Davor habt ihr eine Reihe von Splits gemacht. Was gefällt euch an dieser Releaseform?
Javi: Alle unsere Splits waren 7“-Vinyl-Veröffentlichungen, keine CDs. Ich finde Splits extrem wichtig für die Underground-Szene, sie stehen für Respekt und Loyalität gegenüber anderen Bands und Labels. Im letzten Jahr haben wir etliche veröffentlicht, ich glaube, neun oder zehn – insofern denke ich, ist es jetzt langsam Zeit, damit aufzuhören und sich auf größere Veröffentlichungen wie EPs und LPs zu konzentrieren.

„… For Thine Is The Darkness“ scheint ein Konzeptalbum zu sein, zumindest musikalisch: Zwischen allen „normalen“ Songs stehen mit „Threshold“ betitelte Interludes. Was hat euch zu dieser Idee inspiriert?
Julkarn: Wir wollten, dass das Album als eine Soundeinheit daherkommt. Deswegen haben wir diese kurzen Zwischenstücke geschrieben. Diesen kleinen Brücken dann keinen Namen zu geben, wäre verwirrend gewesen, deshalb „Threshold“. Das ist etwas, was andere Bands auch schon gemacht haben, aber ich denke, es ist einfach ein guter Weg, ein Album als eine Einheit klingen zu lassen – so entsteht eine stimmige Atmosphäre, und trotzdem sind die Songs klar voneinander separiert.

Warum haltet ihr diese Abstandshalter für notwendig?
Julkarn: Sie verwandeln das Album in ein zusammenhängendes Werk. Eben die Tatsache, dass die Songs alle durch diese kleinen Zwischenstücke verbunden sind, erschafft diese Atmosphäre, die wir unbedingt erreichen wollten, damit der Hörer in die Welten getragen wird, die wir mit unserer Musik kreieren.

Das klingt so weit logisch, allerdings  sorgen die Zwischenstücke nicht in allen Fällen für einen fließenden Übergang zwischen den Songs …
Julkarn: Das hat damit zu tun, zu welchem Teil des Albumkonzeptes der jeweilige Song gehört. Manche sind enger miteinander verbunden als andere, deshalb enden manche Thresholds abrupter als andere. Das hängt alles damit zusammen, welche Art von Übergang wir zwischen den jeweiligen Songs haben wollten.

Graveyard - Cover For Thine Is The DarknessHat das Album auch ein Textkonzept?
Julkarn: Ja, das Album handelt von der antiken Sage über die Säulenstadt Irâm, die es wagte, Gott zu trotzen und als Strafe zerstört wurde. Auf gewisse Weise ist das das arabische Äquivalent zur Zerstörung von Sodom und Gomorrha durch Jehova. Wir haben uns dabei an bestimmte Quellen gehalten, die nahelegen, dass Nyarlathotep, der Schwarze Gott selbst, der Pharao war, der für die Zerstörung von Irâm verantwortlich war. Darüber ist dann auch das Lovecraft-Universum mit dieser Sage verbunden. Wir haben versucht, den Kampf zwischen Mensch und Gott nachzustellen und wie das alles Teil eines viel größeren Plans ist, den die Urahnen vor Äonen in Bewegung gesetzt haben.

Wer zeichnet für das Artwork verantwortlich und warum ist es das perfekte Bild zu diesem Album?
Julkarn: Das Artwork stammt von Daniel “Desecrator” Corcuera und zeigt den Schwarzen Gott, der durch die Ruinen von Irâm wandert, nachdem die Stadt vom Zorn Allahs heimgesucht wurde. Wir haben schon früher mit Daniel zusammengearbeitet, damals für das Cover unserer „The Coffin Years“-Compilation, und wir hatten einfach das Gefühl, er sei der richtige Künstler für diese Arbeit. César Valladares hat dann noch ein wirklich cooles, handgemachtes Artwork gefertigt, das auf der CD und der LP zu sehen ist.

Du hast es eben erwähnt, das Album wird auch auf LP erscheinen. Wie stehst du zu diesem Revival – ist Vinyl die Zukunft physischer Musik-Verkäufe?
Javi: Das “Revival” passiert im Mainstream. Die Metal-Szene hat Vinyl immer unterstützt – sogar in den schwierigen Zeiten Mitte der 90er, als dieses Format komplett aus der Mode war und als überholt galt. Dann sind die CD-Verkaufszahlen abgestürzt wie ein Sack Ziegel, und die Labels haben erkannt, dass Vinyl etwas Besonderes war und sie, wenn sie auf dieses Nostalgie-Feeling abzielen, vielleicht noch etwas Geld machen können – vor allem in den heutigen Zeiten, in denen ja alles retro und oldschool sein muss. Ich sammle selbst auch Vinyl, aber das tue ich schon, so lange ich denken kann. Ich kann mich sogar daran erinnern, dass ich mir irgendwann in den 90ern ein paar Veröffentlichungen auf Vinyl gekauft habe, weil sie so viel billiger waren als auf CD – Releases, die heute ein Vermögen kosten. (lacht) Ich bin mir sicher, dass die CD irgendwann verschwinden wird, früher oder später. Und dann gibt es nur noch MP3s und Vinyl – das erscheint mir sogar sehr wahrscheinlich.

Euch gibt es seit 2007. Bereits 2006 haben ein paar Schweden unter gleichem Namen eine Band gegründet und sind damit im Retro-Rock-Bereich ziemlich bekannt geworden. Ist das für euch ein Problem?
Javi: 2007 kannte weder die noch uns irgendjemand, insofern war das für niemanden ein Problem. Mittlerweile sind sie bei Nuclear Blast unter Vertrag und wurden immer bekannter, was sie meiner Ansicht nach auch wirklich verdient haben. Aber am Ende des Tages sind sie eine Retro-70’s-Rockband und wir machen Death Metal, sie kommen aus Schweden, wir aus Spanien, unsere Bandlogos sehen komplett unterschiedlich aus und sie sind ziemlich coole Schweden, während wir ein Haufen stinkender, hässlicher und grober iberischer Metalheads sind. Du siehst: Den Unterschied zu erkennen ist nicht allzu schwierig …

Hattet ihr schonmal Kontakt zu den Jungs? Mögt ihr ihre Musik?
Javi: Nein, Kontakt hatten wir noch nie. Wie haben es aber auch ehrlich gesagt nie probiert. Ich bin nicht der größte Fan ihrer Musik, aber natürlich habe ich großen Respekt vor ihnen: Ich meine, sie haben es geschafft, 70’s-Rock wieder zu Mainstream-Musik zu machen, und das ist wirklich cool! Ich mag die Musik der 70er, aber ich stehe da eher auf den Prog-Rock-Kram wie Yes, Genesis oder Rush oder eben härteres Material … Ufo, Sabbath, Van Halen, Scorpions, Uriah Heep … trotzdem haben sich unsere Wege witzigerweise schon oft gekreuzt, wenn wir zum Beispiel E-Mails bekommen haben, die eigentlich für die andere Band bestimmt waren. Aber das ist dann ja auch keine große Sache.

Wo ihr doch so viele Splits macht – habt ihr schonmal drüber nachgedacht, mit ihnen gemeinsam eine Split zu machen, auf der ihr euch zum Beispiel gegenseitig covert?
Javi: Das fände ich richtig cool, aber wenn ich ehrlich bin, glaube ich, dass das nicht passieren wird. Ich meine, sie spielen einfach in einer anderen Liga, Herr im Himmel, die haben schonmal die Charts angeführt! Ihre Fans würden durchdrehen, wenn die einen Death-Metal-Song einer solchen Krach-Band aus Spanien covern würden …

Graveyard

Zurück zu euch: Wird es zu „… For Thine Is The Darkness” eine Tour mit Deutschland-Terminen geben?
Javi: Ja, wir werden auf dem Party.San und dem Summer Breeze spielen, dazu drei Shows in Berlin, Leipzig und Dresden. Das wird alles in den kommenden Tagen offziell gemacht. Wir sind keine Band, die richtig auf Tour geht. Wir haben alle unsere Jobs, Familien und sind um die 40 … wir wollen nicht unzählige Wochen oder gar Monate jedes Jahr von daheim weg sein, um irgendeinen Scheiß zu fressen, Pisse zu trinken und überall in Europa auf irgendwelchen Fußböden zu schlafen. Da konzentrieren wir uns lieber auf einzelne Shows und Festival-Auftritte. Natürlich würde ich gerne mit KING DIAMOND oder MOTÖRHEAD touren, aber nachdem das nicht mehr passieren wird, bleibe ich lieber realistisch und schaue mich nach wahrscheinlicheren, bodenständigen Möglichkeiten um.

Vielen Dank für eure Zeit und Antworten – zum Abschluss ein kurzes Brainstorming:
Schwedischer Death Metal: Riffs! Das ist wirklich eine nie enden wollende Inspirationsquelle, aber wir haben bei diesem Album wirklich versucht, unsere Einflüsse etwas vielfältiger zu halten, sowohl musikalisch als auch, was den Sound angeht.
Amerikanischer Death Metal: Pioniere! Death, Repulsion, Morbid Angel, Obituary, Possessed … ohne diese Bands gäbe es unsere gar nicht!
Europa: Ein sehr freundlicher und vielseitiger Kontinent, regiert von Kriminellen.
Wacken: Ende der 90er und in den frühen 2000ern das coolste Metalfestival Europas. Ich war von 1999 bis 2005 dort. Dann habe ich aufgehört, hinzufahren … es waren einfach zu viele Leute dort. Es wurde vom Metal-Festival zu einer Poser-Parade. Heute gibt es meiner Ansicht nach viel bessere Optionen, außer du willst ein ums andere Mal Saxon oder Doro sehen …
Facebook: Ein gutes Werkzeug für Promotion von Bands, wenn du es mit echter Promotion (Flyer, Magazine, Tausch) verbindest. Persönlich nutze ich es eher selten – mich interessiert das Privatleben anderer Leute nicht, und ich will nicht, dass andere Leute Einblicke in mein Privatleben haben.
Donald Trump: Beeindruckende Dummheit und Perücke.
Flüchtlingskrise: Ein sehr schwieriges Thema, wenn du mich fragst. Sagen wir es so, es ist mir etwas peinlich, in diesen Zeiten Europäer zu sein, wenn ich mir anschaue, was mit all diesen Leuten passiert. Uns Spaniern ist es doch während und nach dem Bürgerkrieg vor nicht allzu langer Zeit nicht anders gegangen. Aber die Leute vergessen manchmal so schnell …

Die letzten Worte gehören dir:
Javi: Hört euch „…For Thine Is The Darkness“ mal an! Das Album erscheint am 29. April über War Anthem Records auf CD und Vinyl. Unterstützt echte Bands und ignoriert Möchtegern-Projekte auf Facebook! Und hört euch mal Insulters und Morbid Flesh an! Deren Alben mixe ich gerade bei mir im Studio, das ist cooles Zeug!