Interview mit Kjetil Nordhus von Green Carnation

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Die norwegischen Progressive-Metaller von GREEN CARNATION hatten ein produktives Jahr. Zwischen September 2025 und September 2026 veröffentlichte die Band die „A Dark Poem“-Album-Trilogie. Jüngst wurde dieser kreative Kreis mit „A Dark Poem, Part III: The Messiah Complex“ geschlossen. Grund genug für uns, um mit Sänger Kjetil Nordhus über das große Gesamtwerk, die Wunden der Vergangenheit und das aktuell größte Übel der Menschheit zu sprechen.

Hallo Kjetil! GREEN CARNATION haben gerade eine Trilogie mit „A Dark Poem, Part III: The Messiah Complex“ abgeschlossen. Drei Alben in einem Jahr. Wie fühlt sich das an?
Es ist ehrlich gesagt eine Mischung aus vielen unterschiedlichen Gefühlen. Vor allem bin ich stolz darauf, dass wir es geschafft haben, das zu erreichen, was wir uns 2018 vorgenommen haben. Es war eine lange Reise und Tausende Stunden Arbeit, aber jetzt kann ich sagen: Es hat sich alles gelohnt.

Irgendwo muss so eine große Idee ja immer anfangen. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, „A Dark Poem“ zu erschaffen?
Es war eine Idee, die entstanden ist, nachdem wir „Light Of Day, Day Of Darkness“ damals veröffentlicht hatten. Das war ein Album, das nur aus einem Song bestand, einem Titel, der 60 Minuten lang war. Was sollten wir als Nächstes machen? Wir haben viele verschiedene Richtungen diskutiert, und eine davon war, eine Albumtrilogie zu machen. Am Ende sind wir damals aber in eine komplett andere Richtung gegangen. Aber die Idee kam uns wieder in den Kopf, als wir entschieden haben, als Band weiterzumachen und nach unserem Comeback-Jahr 2016 neue Musik zu machen. Und dieses Mal wurde die Idee durchgezogen.

Green Carnation © Lars Gunnar Liestøl

Habt ihr alle Stücke auf einmal komponiert, oder ging die kompositorische Arbeit nach dem ersten Teil, „Shores Of Melancholia“, noch weiter?
Wir haben alles im selben Zeitraum komponiert, also von 2018 bis 2024. Wir haben in diesem Zeitraum auch noch ein weiteres Album komponiert, aufgenommen und veröffentlicht und zwar „Leaves Of Yesteryear“, von 2020. Aber es war ziemlich klar, welche Songs auf „A Dark Poem“ müssen und welche zu „Leaves Of Yesteryear“ gehören. Nachdem wir im Dezember 2024 alle Songs aufgenommen hatten, haben wir entschieden, welche Songs zu Part I, Part II und Part III gehören.

Was war euer „kreatives Ziel“ hinter der Trilogie?
Etwas zu erschaffen, das auf allen Ebenen zu 100 Prozent unserer Leistungsfähigkeit entspricht. Darauf haben Stein Roger Sordal und ich, die wir die gesamte Musik und alle Lyrics geschrieben haben, uns geeinigt, als wir das ganze Projekt gestartet haben – und das kann ziemlich herausfordernd sein, wenn man nur zu zweit ist. Oft war er zu 100 Prozent zufrieden und ich nicht (und andersrum genauso). Dann mussten wir so lange mit dem Material arbeiten, bis wir beide sicher waren, dass wir das einfach nicht besser machen können. Ich finde, das hat für uns gut funktioniert.

Lass uns über die Alben selbst sprechen. Wenn ich mich richtig erinnere, habt ihr selbst gesagt, dass „A Dark Poem“ nicht unbedingt als Konzept gesehen werden muss. Aber ist das nicht irgendwie widersprüchlich? Korrigier mich, wenn ich falsch liege, aber ist eine Trilogie nicht genau dadurch definiert, dass sie als vollständige Einheit funktioniert?
Ich kann mich nicht daran erinnern, das gesagt zu haben. Was ich gesagt habe, ist, dass viele Leute das „Trilogie-Gefühl“ nicht haben werden, bevor sie nicht das letzte der drei Alben hören. Ich denke immer noch, dass man das so sagen kann. Für mich ist der letzte Track der Trilogie der Track, der das alles zusammenstrickt.

Ich nehme „The Shores Of Melancholia“ als den „weitläufigsten“ Teil der Trilogie wahr. Es ist hart, vom Umfang her riesig und trotz seines progressiven Charakters total „auf den Punkt“. Wie erinnerst du dich an die Entstehung dieses ersten Teils?
Ich habe das vorhin schon ein bisschen angeschnitten, aber wir haben nicht Album für Album komponiert. Wir haben alle Songs geschrieben und dann entschieden, welche auf welches Album kommen. Dabei musste man eine ganze Reihe von Aspekten berücksichtigen. Musik und Texte natürlich, aber auch, wie die Songs zusammenpassen würden. Wir wollten außerdem, dass die Alben jeweils leicht unterschiedliche Qualitäten haben, und ich stimme dir zu, dass „Part I: The Shores Of Melancholia“ der weitläufigste ist. Da steckt eine Menge Information drin, und es ist sehr direkt. Wir haben uns dafür entschieden, um den Raum zu schaffen, den wir zum Beispiel für „Part II: Sanguis“ brauchten.

Ich finde alle drei Teile produktionstechnisch unglaublich klar und nuanciert. Was war dir beim Sound der Trilogie besonders wichtig?
Wir haben uns dafür entschieden, mit Endre Kirkesola im DuB Studio zu arbeiten, weil wir wussten, dass er verstehen würde, was wir machen wollten, und dass er es so klingen lassen würde, wie es klingen musste. Natürlich ist er am Ende für die komplette „A-Dark-Poem“-Phase als Keyboarder zur Band zurückgekehrt, und das sagt schon ein bisschen was über seine Rolle bei dem Ganzen aus.

Da wir gerade über Nuancen sprechen: Obwohl die drei Alben sehr geschlossen und harmonisch sind – inwiefern, findest du, unterscheiden sie sich voneinander?
Sowohl musikalisch als auch textlich, finde ich, ist es uns gelungen, drei Alben zusammenzustellen, die dieselbe DNA haben, aber gleichzeitig unterschiedliche Qualitäten mitbringen. Part I ist – wie du gesagt hast – ziemlich direkt, mit einer Menge Zeug, das passiert. Bei Part II werden wir textlich sehr persönlich und introspektiv, und musikalisch ist mehr Raum da, während Part III darauf schaut, wohin die Welt sich entwickelt, und musikalisch finde ich, dass die drei „Band-Songs“ auf dem Album sehr gut zeigen, worum es bei GREEN CARNATION anno 2026 geht.

Vor dem Hintergrund der tiefgründigen Themen, die auf „A Dark Poem“ behandelt werden: Könntest du das visuelle Grundkonzept des Projekts erklären? Wie hängen die Albumcover – die ich sehr interessant finde – mit der Musik zusammen?
Wir arbeiten seit „Light Of Day, Day Of Darkness“ mit dem Künstler Niklas Sundin zusammen und haben eine enge Beziehung zu ihm. Als wir entschieden haben, eine Trilogie zu machen, wussten wir, dass Niklas das Wissen über die Band, unser Erbe, unsere Musik und uns als Personen hat, um ein visuelles Universum zu erschaffen, das das, was wir sagen wollten, auf eine gute Art ergänzen würde. Wie immer hat seine Arbeit unsere Erwartungen übertroffen, und das Artwork ist zu einem so wichtigen Teil davon geworden.

Die Trilogie ist am Ende zu einem sehr persönlichen Projekt geworden. „Part II: Sanguis“ ist ein gutes Beispiel dafür – sowohl textlich als auch in Bezug auf die Emotionen, die die Songs rüberbringen. Wie nah seid ihr euch als Band in dieser Zeit gekommen, aber auch euren eigenen Wunden?
Das ist eine große Frage. Wir haben immer versucht, über etwas zu schreiben, das für uns etwas bedeutet, aber natürlich gibt es über A Dark Poem hinweg Songs, die ziemlich tief in Erinnerungen und Situationen reingehen, die sehr herausfordernd sind. Stein Roger, der fast alle Texte geschrieben hat, und ich sind seit ungefähr 30 Jahren sehr enge Freunde, und ich habe viele der Kämpfe, über die er schreibt, miterlebt, und wir haben viel darüber geredet, was davor passiert ist. Für ihn hofft er, sich mit diesem Zeug aus einigen dieser Kämpfe rauszuschreiben, und das ist letztlich unser Ziel für die Texte auf diesen drei Alben. Aber wir stecken da zusammen drin, und das macht uns am Ende stärker.

Stein Roger hat auf „Sanguis“ das wunderbar verletzliche, fast schon albumprägende „Loneliness Untold, Loneliness Unfold“ gesungen. War das etwas, das dir von Anfang an klar war, gerade für so eine intime Ballade, oder wie seid ihr zu dieser Entscheidung gekommen?
Nein, das ist tatsächlich einer der Songs, mit dem wir uns lange schwergetan haben, bevor es dann offensichtlich wurde, wie er am Ende sein musste. Wir hatten zahlreiche Versionen davon, mit mir am Gesang, und ich war mit dem Demo sehr happy. Als wir dann ins Studio gingen, wollte Endre (Co-Producer) das Ganze runterstrippen, indem er alle Instrumente rausnimmt, damit die Message ohne jede Störung bei den Hörern ankommt. Dann war für uns alle klar, dass Stein Roger sowohl die Gitarre als auch den Gesang übernehmen musste. Das ist ein Song für einen seiner lieben Freunde, der das Leben aufgegeben hat, und so wie der Song am Ende geworden ist, bin ich froh, dass wir die Entscheidungen getroffen haben, die wir getroffen haben.

Im Gegensatz dazu sind Songs wie „The Slave That You Are“ von „Shores Of Melancholia“ und der Opener von „Sanguis“ sehr temperamentvolle, energiegeladene Stücke. Innerhalb eurer Trilogie sind solche „extremen“ Momente allerdings relativ selten. Wie stehst du zu der Idee eines GREEN-CARNATION-Death- oder Black-Metal-Albums in der Zukunft?
Wir hatten noch keine Zeit, über irgendetwas hinaus über das hier nachzudenken. Es hat sich gut angefühlt, einen Teil unserer Vergangenheit mit einem Song wie „The Slave That You Are“ zu ehren, und ich will nichts ausschließen. Ich glaube, wir müssen erst Inspiration finden, um mehr zu machen, und wenn das passiert, bin ich sicher, dass die Inspiration uns dahin führen wird, was der richtige nächste Schritt für die Band ist.

Um auf das Thema Verletzlichkeit zurückzukommen: Inwieweit glaubst du, dass es heilend für die Ungleichgewichte unserer heutigen Zeit sein kann, wenn wir uns bewusst mit unseren eigenen Wunden auseinandersetzen?
Für Stein Roger war es ein wichtiger Faktor, einigen seiner Kämpfe und Sorgen zu begegnen, indem er darüber schreibt und es mit der Welt teilt. Ich denke, auf persönlicher Ebene ist ihm das gelungen. Ich glaube schon, dass das helfen kann, wenn die Welt da draußen verrücktspielt, aber wir diesen Kampf trotzdem noch haben. Gemeinsam.

Vor dem Hintergrund meiner letzten Frage könnte man argumentieren, dass die Menschheit heute in großem Stil an so etwas wie einem „Messias-Komplex“ leidet. Was war dir wichtig, mit diesem dritten Album auszudrücken?
Absolut auf den Punkt. Das ist die Hauptaussage auf dem dritten Album.

„Dark Poem, Part III: The Messiah Complex“ hat erneut die wunderbare Ingrid Ose an der Flöte dabei. Was schätzt du an ihrer Kunst, und inwiefern waren ihre sanften Töne wichtig für „A Dark Poem“?
Ich arbeite jetzt seit ungefähr fünf Jahren mit dem Kristiansand Symphony Orchestra zusammen (nicht als Musiker, das muss ich betonen) und hatte das Glück, viele sehr talentierte Musiker kennenzulernen. Ingrid ist eine von denen, die etwas Besonderes an sich hat – sowohl als Mensch als auch als Flötistin. Als wir an den Vorproduktionen für diese Trilogie gearbeitet haben, habe ich immer wieder gedacht, dass der Ton ihrer Flöte perfekt wäre, als neues Element, und nicht zuletzt etwas, das die Songs gebraucht haben. Zum Glück für uns hat sie zugestimmt, mit uns ins Studio zu gehen. Und ich finde schon, dass die Ergänzung durch die Flöte wichtig ist für den Gesamtsound von „A Dark Poem“.

Für das große Finale eurer Trilogie habt ihr zusammen mit dem Kristiansand Symphony Orchestra und dem dazugehörigen Opera Choir das Stück „Dark Poem – Orchestral Suite“ geschaffen. Kannst du uns erzählen, wie diese Zusammenarbeit zustande kam und wie der Prozess war, ein 16-minütiges Orchesterstück zu schreiben?
2017 haben wir mit dem Orchester eine „Absichtserklärung“ unterschrieben, dass wir eine musikalische Zusammenarbeit machen würden, inklusive einer Aufnahme und eines Konzerts. Als wir anfingen, „A Dark Poem“ zu planen, wurde uns klar, dass das genau das Projekt ist, für das wir das Orchester brauchen würden, und wir haben dann einen Zeitraum zum Aufnehmen gefunden und ein Datum für ein Konzert. Zum Glück hat der Zeithorizont, in dem wir an diesem Projekt gearbeitet haben, mit dem Planungshorizont des Orchesters zusammengepasst. Dann kam die Herausforderung, die Musik tatsächlich zu komponieren. Wir haben zuerst versucht, zwei unterschiedliche extrem begabte Musiker und Komponisten aus der eigentlichen GREEN-CARNATION-Familie zu kontaktieren, aber sie sagten, sie könnten es nicht machen. Also ist Stein Roger einfach reingesprungen. Dies ist für ihn eine einmalige Chance im Leben, und er hat sehr viel Zeit investiert, um zu versuchen, etwas zu schaffen, das für ein Sinfonieorchester Sinn ergibt. Die musikalischen Ideen waren großartig, und ich habe versucht, unterwegs zu helfen. Dann haben wir uns mit Martin Raabe-Olsen zusammengetan, der aus unserer Heimatstadt kommt, aber seit fast 10 Jahren mit klassischer Musik in Deutschland arbeitet, und er hat uns geholfen, die musikalischen Ideen in die 16-minütige Orchestersuite zu verwandeln. Die Aufnahme war für uns schon ein ziemliches Erlebnis, und sie ist ein extrem wichtiger Teil des ganzen Projekts, als das „musikalische Fazit“ von allem.

Ich finde es mutig – im bestmöglichen Sinne -, ein Album mit so einem großen „Non-Metal“-Stück zu beenden. Gleichzeitig glaube ich, dass das manche Hörer aus ihrer Komfortzone schubsen könnte. Wie siehst du das? Würdest du mir vielleicht sogar widersprechen?
Wir fordern uns damit ganz schön raus, und ich glaube, genau das mögen unsere Fans an uns. Wenn wir unsere Hörer aus ihrer Komfortzone schubsen, dann ist das für mich ein Erfolg. Was bringt es, sich auf Kunst einzulassen und sie zu konsumieren, wenn sie dich nicht herausfordert?

Der „Messiah Complex“ markiert das Ende einer großen musikalischen Reise. Welche Erkenntnisse hast du persönlich aus diesem kreativen Prozess mitgenommen – als Mensch oder als Künstler?
Ich glaube, sowohl als Künstler als auch persönlich ist mir wieder bewusst geworden, wie viel es einem Menschen, einem Songwriting-Duo und einer Gruppe abverlangt, ein Projekt mit extrem hohen Ambitionen zu stemmen. Natürlich während des kreativen Prozesses. Aber ich habe meinen Liebsten gesagt, dass ich das für den gesamten Zeitraum priorisieren muss, in dem wir „A Dark Poem“ machen, auch nach der Aufnahme. Denn wenn ich das nicht getan hätte, hätte ich die Tausenden Stunden, die ich in die Entstehung gesteckt habe, nicht respektiert. Also habe ich zu allen Interviews und zu allen anderen Aktivitäten Ja gesagt, die mehr Leute daran teilhaben lassen können, was wir in einem Zeitraum von 8 Jahren unseres Lebens erschaffen haben.

Kjetil, vielen Dank für deine Zeit. Ich würde zum Abschluss gern mit unserer kleinen Tradition enden. Ich nenne dir fünf Dinge, und du antwortest mit dem ersten, was dir in den Sinn kommt.
Danke!! Los geht’s!

Hammond-Orgeln: DEEP PURPLE.
Black Metal: EMPEROR.
Frieden: Setesdal, wo der größte Teil von „A Dark Poem“ entstanden ist.
Filmmusik: genauso wichtig wie die visuellen Eindrücke.
GREEN CARNATION in zehn Jahren: in unseren 60ern.

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Philipp Sorger

Publiziert am von

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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