Review Green Carnation – A Dark Poem, Part II: Sanguis

Wenn man sich größeren Albumkonzepten annimmt, ist das quasi immer eine Herausforderung. Kohärenz, Thematik, Verlauf sowie lyrische und kompositorische Verflechtungen – all das kann Nerven und viel Zeit kosten. Die norwegische Progressive-Metal-Formation GREEN CARNATION hat sich dieser Herausforderung im letzten Jahr gestellt und mit „The Shores Of Melancholia“ einen fulminanten ersten Teil ihrer „Dark Poem“-Trilogie vorgelegt. Jetzt, gerade einmal ein halbes Jahr später, folgt „A Dark Poem, Part II: Sanguis“.

Und während man sich noch fragt, wo die Band derartig viel kreative Kraft hernimmt, fällt mit dem Opener „Sanguis“ direkt auf, dass hier etwas anders läuft als zuvor. Zwar präsentiert sich der Einstieg mit seinen neun Minuten Laufzeit als echter Brocken, zugleich bringt er mit seiner euphorischen Hammond-Orgel und viel Dynamik im Songwriting eine immense Energie mit. Der anfangs ungestüme Charakter des Songs wird jedoch schnell durch Kjetil Nordhus’ Gesang und einen ebenso reflektierenden wie ernsten Text durchbrochen. Ein mächtig schleppender Doom-Part der Gitarristen Sordal und Harstad unterfüttert alles mit der nötigen Schwere.

Dass es sich bei „A Dark Poem, Part II: Sanguis“ tatsächlich um ein ebenso ernstes wie introvertiertes Werk handelt, zeigt die Band mit der folgenden Ballade „Loneliness Untold, Loneliness Unfold“, für die passenderweise Stein Roger – eigentlich Rhythmusgitarrist und Komponist von GREEN CARNATION – den Gesang übernommen hat. Kindheitstraumata dringen hier leise durch Gitarren- und Orgelmelodien an die Oberfläche, ergänzt von Rogers schwermütigem Gesang über einen Text, der in seiner Trauer Bände spricht.

Doch was zählt noch zur Aufarbeitung alter Wunden? Wut als Mittel zur Befreiung. „Sweet To The Point Of Bitter“ präsentiert genau das: wuchtige Riffs, pointiertes Drumming und die wohl einprägsamste Hook der Leadgitarre auf dem gesamten Album. Im Vergleich zu seinen Vorgängern ist Position drei auf „A Dark Poem, Part II: Sanguis“ fast schon brutal in seiner Umsetzung. Hier zeigt sich: Die Epik und Breite von „The Shores Of Melancholia“ fehlt nicht – sie liegt tiefer. So eröffnet „I Am Time“ erneut mit wunderschönen, leichten Leadgitarren, die in der Strophe zum Ruhepol werden und die Stimme durch einen kompakten wie stimmigen Refrain tragen. Ein vorsichtiger Tupfer Black Metal im letzten Drittel überrascht dabei umso mehr.

Ob man sich nun von der brachialen Seite oder den introspektiven Momenten von GREEN CARNATION angezogen fühlt – alles bekommt seinen Raum. So stehen gegen Ende des Albums derbe groovende Riffs und ein treibendes Schlagzeug wie selbstverständlich neben sanft-melancholischen Flötenarrangements auf dem Schlusstrack „Lunar Tale“. Ruhige Keyboards und sanfte Streicher führen den Hörer behutsam in das nächste (und letzte) Kapitel dieser spannenden Trilogie.

GREEN CARNATION agieren auf dem kommenden zweiten Teil ihrer „Dark Poem“-Trilogie zugleich introvertierter und direkter als noch auf „The Shores Of Melancholia“. Die Band zeigt einmal mehr, wie gut sich Eingängigkeit und Progressivität verbinden lassen, ohne in egozentrische Überambition auszuarten. Wer den ersten Teil der Albumreihe mochte, wird mit „A Dark Poem, Part II: Sanguis“ keinerlei Probleme haben. Denn trotz der vergleichsweise kurzen Laufzeit von etwas über 37 Minuten sind GREEN CARNATION auf ihrem neuen Album so interessant und emotional, dass sich der Repeat-Button quasi von selbst betätigt.

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Wertung: 8.5 / 10

Philipp Sorger

Publiziert am von

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