Interview mit Hanno & Erinc von Mantar

Drei Alben, eine EP und eine Liveplatte in nur fünf Jahren – MANTAR sind seit ihrer Gründung überaus produktiv. Da die Musik zudem äußerst gut ankam und das Duo ununterbrochen tourt, sind MANTAR in den letzten Jahren innerhalb der härteren Musikszene kometenhaft aufgestiegen. Nun erscheint unter dem Titel „Grungetown Hooligans II“ ein Coveralbum der Band – Grund für uns, mit Hanno und Erinc über die Platte, deren Entstehung und die Motivation dahinter zu sprechen.

Mit MANTAR habt ihr ein beachtliches Tempo vorgelegt: drei Alben, eine EP und eine Liveplatte in nur fünf Jahren. Kommt man da nicht irgendwann an einen Punkt, an dem der kreative Tank einfach leer ist bzw. die Motivation nachlässt?
Erinc: Nein. Wir sind ja auch nicht kreativ, sondern klauen sehr geschickt und da haben wir noch einiges in petto. Aber im Ernst: Wir haben ja beide keine normalen Jobs mehr. Da ist es gar nicht so krass, auch ein bisschen mehr für die Mucke zu tun und Bock haben wir eigentlich immer. Teilweise hält uns nur die Arbeit für den restlichen, unmusikalischen MANTAR-Kosmos etwas zurück, aber die Frage der Motivation müssen wir uns nicht wirklich stellen. Ich glaube, Hanno hat immer noch das Ritual, jeden Morgen eine halbe Stunde kreativen Output an der Gitarre zu sammeln. Und wenn ich mich verwandeln könnte, wäre ich schon lange ein Schlagzeug, das sich selber spielt.

Kann man „Grungetown Hooligans II“ als Ausbruch aus dem MANTAR-Tagesgeschäft sehen? Quasi als private Spielwiese zum Austoben?
Erinc: Ja, auf jeden Fall. Wir hatten lange Bock, etwas zu covern. Erst mal nur live für die Bühne, um das Set etwas abwechslungsreicher zu gestalten und aufzufüllen. Damit hat’s irgendwie nie geklappt, weil wir uns nicht wirklich die Zeit genommen haben, uns auf etwas richtig einzuzocken. Aber jetzt bei „Grungetown Hoolgans II“ merkten wir, dass es tatsächlich Bock macht und irgendwie auch recht unkompliziert ist, Bestehendes aufzugreifen. Man gibt ja schließlich einiges an songschreiberischer Verantwortung ab und stellt sich nicht so viele kritische Fragen … ergo mehr Fun-Faktor und yeah.

Wie und wann kamt ihr auf die Idee, ein Coveralbum aufzunehmen?
Erinc: Die Idee etwas zu covern gab es wie gesagt schon eine Weile. Ebenso auch die Option ein paar Songs von anderen Bands im Studio aufzunehmen. Dass am Ende ein Cover-Album rauskommt, entwickelte sich bei uns irgendwie während des Prozesses. Wir gehen die Sachen meist so an, dass man sagt: Acht bis zehn Songs nehmen wir auf und wenn zwei bis drei davon gut werden und wir sie für irgendwas verwenden können, ist es super. In diesem Fall fanden wir alle acht aufgenommenen Tracks cool und haben das mit der Cover-EP durchgezogen.

War die Ausrichtung auf Grunge von Anfang an klar oder ergab sich das erst im Laufe der Zeit?
Erinc: Nicht von Anfang an. Wir wollten einige Stücke aus den 80ern und 90ern nehmen … etwas, was einen damals geprägt und gefallen hat – und zwar unabhängig von cool und hart. Es sollte einfach ehrliches Zeug aus unserer musikalischen Sozialisierung sein. Und um ehrlich zu sein: die Obermetaller waren wir in den 90ern nicht wirklich. Nach einigem Hin- und Hergeschiebe sind wir komplett in den 90ern gelandet. Ob man nun die Stile der gecoverten Bands als Grunge bezeichnet oder nicht, ist auch nicht so entscheidend. Es geht um den musikalischen Zeitabschnitt, für den dieser Begriff stand. Der schreckliche Titel „Grungetown Hooligans II“ wäre ja sonst auch nicht gegangen.

Waren Coverversionen von Metalsongs für euch ein rotes Tuch?
Erinc: Nein, aber das wäre sicher etwas langweilig gewesen – „eine Metalband covert einen Metalsong“. Außerdem ging es um diese bestimmte Ära und um Sachen, die man sich damals reingezogen hat und Metal gehörte, zumindest zu der Zeit, nicht unbedingt zu meinem Lieblingsthema.

Wie habt ihr entschieden, welche Songs ihr für „Grungetown Hooligans II“ covern wollt?
Erinc: Das wirkte anfangs sehr einfach und wir hatten fix einige Lieblingssongs zusammen, die wir gerne spielen wollten. Aber dann merkt man, dass vieles nicht funktioniert: dass die Vocals nicht umsetzbar sind; dass das Cover nicht interessant, anders oder besser wird, da das Original zu gut ist oder, wie in den meisten Fällen, wir einfach viel zu gut sind. Wir mussten darauf einiges wieder verwerfen, bis wir eine kleine Auswahl zusammen hatten, die gepasst hat.

Gab es Lieder, die ihr gern aufgenommen hättet, die dann aber einfach nicht mit eurem Sound funktioniert haben?
Erinc:  Ja, z. B. „Catholic School Girls Rule“ von den Red Hot Chili Peppers – eine punkige Nummer von deren ’85er-Album „Freaky Styley“. Das klang nicht gut bei uns, obwohl es in unseren Köpfen funktioniert hatte.

Habt ihr als Band gerade mit den Konsequenzen der Pandemie wie abgesagten oder verschobenen Touren zu kämpfen?
Erinc:  Ja, heftigst. Wir mussten eine US-Tour im April canceln, die dann auf Juli verschoben und wieder gecancelt wurde. Ebenso abgesagt wurde eine weitere US-Tour im Herbst. Hanno hat eine Greencard, aber bei mir war das Problem, dass wir für mich ein teures US-Arbeitsvisum beantragen mussten. Nun bekomme ich pandemiebedingt das Visum erst gar nicht, was zwar egal ist, da wir keine Konzerte spielen dürfen, aber auch die Kohle gibt’s nicht zurück.

Es heißt, die Platte trägt den Titel „Grungetown Hooligans II“, da Teil I irgendwie verloren ging bzw. gelöscht wurde. Ist da was dran?
Hanno: Ja. Mensch gegen Computer. Immer schwierig. Eine friedliche Koexistenz wird niemals möglich sein.

Habt ihr euch bei den Aufnahmen wie Hooligans gefühlt, die sich marodierend durch die Grunge-Songs prügeln, oder wie entstand der Titel?
Hanno: Ganz ehrlich? Uns ist einfach nichts Beschisseneres eingefallen. Ich meine, wir reden hier über eine COVER-Platte. Wie vermessen wäre es, so zu tun, als wäre das alles unser geistiges Eigentum und dann dem ganzen Braten auch noch einen bedeutungsschwangeren Titel zu geben?! Nee, nee. Wir haben die Platte aufgenommen, um uns selber zu bespaßen. Das hat gut geklappt. Bei dem Arbeitstitel haben wir herzhaft gelacht. Und so ist er halt geblieben.

In unserem ersten Interview im Februar 2014 fragte ich dich, wie du MANTAR in fünf Jahren siehst. Damals sagtest du: „Kein Plan. Im schlimmsten Fall zumindest eine coole Erinnerung.“ Dieser Worst Case ist definitiv nicht eingetreten. Im Gegenteil seid ihr recht rasant zu einer der spannendsten und erfolgreichsten Bands der letzten Jahre geworden. Hat euch diese Entwicklung überrascht? Sind dadurch bei euch Erwartungshaltungen entstanden bzw. Gedanken daran, was Fans von euch erwarten, wenn ihr neue Musik schreibt?
Hanno: Das ist sehr schwer zu sagen. In erster Linie ist es erschreckend, wie schnell die Zeit vergangen ist. Und ich kann stolz behaupten, dass ich immer noch dieselbe Antwort auf die Frage gegeben hätte. Wir versuchen, uns keinen Druck zu machen und die eigene Erwartungshaltung und auch die von anderen nicht zum Problem werden zu lassen. Wobei die eigene wesentlich gefährlicher ist. Das mussten wir in den letzten Jahren lernen. Leider hin und wieder auf die harte Tour. Dass man eben auch mal Stopp sagen muss, alles auf null stellen und mal durchatmen muss.
In einer Band zu spielen und davon zu leben ist deutlich anstrengender, als die meisten zu wissen glauben. Ich hätte mir das nicht so krass vorgestellt. Und damit meine ich nicht mal das Touren, das Studio, etc., sondern die Kraft und Ausdauer, die es benötigt, all das, was dazwischen so anfällt, zu bewerkstelligen.
Grundsätzlich sind wir beide sehr, sehr dankbar für das, was wir in den letzten fünf Jahren erleben durften, und so richtig begreifen tun wir es wohl wirklich erst, wenn mit der Band mal Schluss sein sollte. Was immer passieren kann. Wir machen uns da keine Illusionen. Wir haben keine romantische Beziehung zum Lebensentwurf „Berufsmusiker“. Aber bisher haben wir weiterhin konstant kreativen Output und ich halte uns nach wie vor für eine gute Band. Das sollte Grund genug sein, noch etwas weiterzumachen. Allerdings nur solange wir Freude daran haben bzw. es uns auch in den Tagen, wo es keine „Freude“ macht, zumindest irgendetwas gibt.
Erwartungshaltungen seitens Dritter versuchen wir grundsätzlich seit Tag 1 zu ignorieren. Bisher sind wir immer am Besten gefahren, genau das zu machen, worauf wir Bock hatten. Es ist nicht immer so einfach, aber grundsätzlich kann ich diese Einstellung für alle Lebensbereiche nur empfehlen. Neue Musik wird kommen und wenn wir die gut finden, stehen die Chancen gut, dass ihr die auch gut findet. Und wenn nicht, liegt ihr eben daneben. (lacht)

Grungetown Hooligans II“ klingt so, als ob ihr jede Menge Spaß bei den Aufnahmen hat – wie vertragen sich Freude und der MANTAR-Sound miteinander?
Erinc: Spaß ist bei uns nie an der Tagesordnung. Aber in diesem Fall flutschte es und es tat gut, Songs von anderen Bands zu zocken, auf die man Bock hat. Ich meine, dass Hanno auch zweimal kurz gelächelt hat – ich selbst nur innerlich. Das war’s dann auch schon mit der Freude.

Alright, dann lass uns doch zum Schluss noch das traditionelle Metal1.info-Brainstorming spielen. Hau einfach das erste raus, was dir in den Sinn kommt:
Hanno:
Sabaton: könnte mir egaler nicht sein.
Dein aktuelles Lieblingsalbum: Blut & Eisen – Schrei doch
HSV: Nein. Trotzdem ist mir jeder ehrliche HSV-Fan lieber als irgendwelche Mode-Spinner bei anderen „Hamburger Traditionsvereinen“.
Punk: Ja.
MANTAR in fünf Jahren: Das gute Gefühl, vielen Leute eine Freude gemacht zu haben.

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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