Interview mit Simon "Bloodhammer" Schilling von Marduk

„Memento Mori“, das neue Album von MARDUK, ist nicht nur eines der stärksten Alben in der Karriere der Schweden, sondern auch ihr erstes mit Drummer Simon Schilling. Grund genug, den Deutschen zum Entstehungsprozess des Werkes zu befragen – aber auch dazu, wie er den Skandal um Ex-Bassist Joel Lindholm erlebt hat und welche Erlebnisse die soeben absolvierte Asien-Tour gebracht hat.

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Ihr wart gerade auf Asien-Tour – mit welchen Eindrücken kommst du wieder?
Servus Moritz! Nach solch exotischen Tourneen bin ich immer wieder froh, nach Hause nach Deutschland zurückzukehren. Ich bin ein großer Fan von Struktur und Ordnung und wie du dir vorstellen kannst, hat beispielsweise der Verkehr in Indien mit so etwas nicht viel am Hut! (lacht) Aber Spaß beiseite: Ich bin sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit habe, solche Erfahrungen zu machen, denn das sind Erinnerungen und Eindrücke, die mich mein Leben lang begleiten werden. Und so etwas ist keine Selbstverständlichkeit! Ob der weite Blick von einer Aussichtsplattform in Hongkong, rasante Fahrten in Thailands Tuktuks oder bestes Kobe-Beef in Japan – für mich unvergesslich! Mindestens genauso wichtig ist für mich allerdings auch die Tatsache, dass wir unsere Musik zu den Fans in diesen Ländern bringen konnten! Es waren sehr intensive Shows und die Reaktionen des Publikums waren der Hammer!

Was ist der größte Unterschied zu einer Tour in Europa?
So eine Tour unterscheidet sich primär in der Art des Reisens: In Europa reist man bequem im Nightliner, bei solch kontinentalen Touren allerdings sind die Distanzen dafür schlichtweg zu groß und es muss auf Flugzeuge zurückgegriffen werden. Dies bedeutet manchmal komplett ohne Schlaf früh aufstehen, ab zum Flughafen und dort lange an Check-In und Gate warten, um nach zwei bis drei Flügen endlich anzukommen. Ausserdem ist es immer wieder ein Abenteuer mit vielen Herausforderungen, in fernen Ländern Shows zu spielen: Sei es nur die Sprachbarriere oder sonstige, alltägliche Dinge wie Elektrizität und Technik. Aber genau das macht es am Ende ja auch spannend und erweitert den eigenen Erfahrungsschatz.

Gab es ein besonderes Erlebnis, ob schön, skurril oder auch negativ, das du hervorheben würdest?
Du kannst mir glauben, drei Wochen kreuz und quer über einen Kontitent bringt eine Menge Erlebnisse hervor – sowohl positiver als auch negativer Art! Mein Persönliches Highlight war der bereits genannte Moment, als wir hoch über Hongkong auf einer Aussichtsplattform standen und die gesamte Stadt überblicken konnten. Was für eine Aussicht!

Euer Album „Memento Mori“ ist gerade raus, aber es gibt noch keine Termine für Europa – woran liegt das? Ist schon etwas in Planung?
Das Album wird im Rahmen einer weltweiten „Memento Mori Tour“ promotet. Asien war hier nur der erste Schritt, als nächstes geht es für uns nach Lateinamerika. Natürlich werden wir auch vor Europa und Nordamerika nicht Halt machen, allerdings ist das alles noch in der Planungsphase. Ich bin aber zuversichtlich, dass es nicht mehr lange dauern sollte bis die Tourpläne für Europa bekannt gegeben werden!

Am Bass habt ihr aktuell nur eine Übergangslösung, Devo hilft wieder aus, zudem Simon Wizén. Grund dafür ist, dass Joel Lindholm unehrenhaft entlassen wurde, könnte man sagen. Die Band hat hier sehr konsequent reagiert, allerdings für einige Beobachter etwas zu spät – erst als ein Video des Vorfalls viral ging. Auf Nachfrage des Hammer hieß es, die Band habe den Vorfall nicht mitbekommen – gilt das auch für dich als Drummer, oder wie hast du die Situation und das was danach passiert ist, erlebt?
Die Reaktion von Seiten der Band hätte nicht schneller kommen können: Als wir das Video das erste mal gesehen haben, wurde sofort reagiert! Zu diesem Zeitpunkt befanden wir uns in einem Hotel in Finnland und bereiteten uns auf eine Festivalshow vor. Wir haben sofort das Statement verfasst und uns als Band dazu entschieden, die anstehende Show zu dritt zu spielen.

Josefstadt by Brutal Assault 2021 Marduk
Lindholm mit MARDUK live auf dem Josefstadt 2021

Bezüglich des Events an welchem das Video entstanden ist: Ich habe zwar gemerkt dass Joel an diesem Abend wohl mit seiner Performance zu kämpfen hatte, aber im Detail das Verhalten der Bandmitglieder zu studieren ist für vermutlich jeden, der technisch anspruchsvolle Musik spielt, ein Ding der Unmöglichkeit! Während der Songs bin ich absolut in die Musik und mein Drumming vertieft – wenn man nicht zusätzlich noch mit einem auseinanderfallenden Drumkit zu kämpfen hat. Und während den Pausen nutzt man die Zeit zum Trinken und zur Vorbereitung auf den nächsten Song.

Wie hattest du Lindholm zuvor erlebt – war das ein einmaliger Ausfall, oder hatte sich dergleichen, neben seinen bekannten Problemen mit Alkohol, abgezeichnet?
Einen derartigen Ausfall hatte keiner von uns mit ihm erlebt, sonst hätte es vorher schon Konsequenzen nach sich gezogen.

Wie sehr hat dich geärgert, dass durch diese Aktion einmal mehr Wasser auf die Mühlen der Kritiker gegossen wurde, die MARDUK immer wieder eine Nähe zu rechtem Gedankengut unterstellen? Hat der Vorfall deine Vorfreude auf den Release beziehungsweise die Zusammenarbeit mit MARDUK getrübt?
Für mich hat der Vorfall weder die Vorfreude auf den Release, noch die Zusammenarbeit mit Morgan und Mortuus getrübt – wieso auch? Es macht eher nachdenklich, was unkontrolliertes Trinken für Probleme mit sich bringen kann und wie schnell eine gesamte Band, bestehend aus mehreren Individuen, für das Verhalten einzelner Musiker verantwortlich gemacht wird! Es ist natürlich ärgerlich, dass dieser Vorfall Öl ins Feuer derjenigen giesst, die MARDUK in eine politische Richtung drängen wollen. Aber wie bereits erwähnt, halte ich unser ehrliches Statement und die Konsequenzen, die aus dem Vorfall gezogen wurden, für die richtige Entscheidung – und die Fans teilen diese Meinung.

MARDUK beim Brutal Assault 2023
MARDUK beim Brutal Assault 2023

Das Album selbst ist das erste MARDUK-Album, auf dem du zu hören bist. Wie fühlt sich das an, hast du diesem Release besonders entgegengefiebert?
Es macht mich natürlich sehr stolz, dass ich nun ein Album für genau die Band eingespielt habe, die mich als jungen Metaller und Schlagzeuger sehr inspiriert und motiviert hat. Der Aufwand und die Zeit, die es brauchte, um ein Album wie „Memento Mori“ sorgfältig auszuarbeiten, waren enorm und dementsprechend konnte ich mich nun schon eine ganze Weile dem Release entgegenblicken und mit Spannung auf die Reaktion der Fans warten.

Soweit ich das gesehen habe, waren die Reaktionen auf das Album sehr positiv. Bedeutet dir das etwas, liest du etwa Reviews oder Kommentare im Internet?
Für viele Fans steht der Name MARDUK für einen hohe Qualität und markantes Songwriting – da ist man natürlich neugierig wie sie das neue Album auffassen und beurteilen. Dementsprechend lese ich gerne mal das eine oder andere Review und überfliege die Kommentare, um die verschiedenen Meinungen zu erfassen. Dass das Feedback zu „Memento Mori“ dermaßen positiv ausfällt, freut mich persönlich natürlich sehr! Ich versuche beim Drumming meinen eigenen Stil in die Musik einfließen zu lassen und wie bereits gesagt gibt es hohe Erwartungen an den Namen MARDUK. Insofern freue ich mich natürlich umso mehr, wenn die Fans meinen persönlichen Beitrag zum Album ebenfalls willkommen heißen!

MARDUK 2023; © Håkan Sjödin

Wie lief der Entstehungsprozess des Albums aus deiner Sicht ab – bekommst du von den beiden anderen die fertigen Songs mit oder ohne Drum-Guidetracks, oder bist du auch davor schon aktiv ins Songwriting involviert, nehmt ihr gemeinsam auf oder jeder in Einzelarbeit?
Die Ideen für Riffs und Beats können von jedem eingebracht werden. Am Ende zählt eine gute Idee mehr als die Frage, von wem sie gekommen ist! Ich persönlich nehme gerne im Vorfeld verschiedene Versionen der Drumparts auf und lasse diese über mehrere Tage auf mich wirken. Ich schaue, ob mir die Parts dann noch gefallen, oder ob es noch weiteren Feinschliff bedarf. Die Details des Entstehungsprozesses eines MARDUK-Albums würde ich allerdings unter die Kategorie „Betriebsgeheimnis“ stellen. (lacht)

Stimmt es, dass diesmal Mortuus auch am Songwriting beteiligt war?
Absolut! Und das nicht zum ersten mal, er ist seit Jahren äußerst aktiv im Songwriting involviert.

Vielen Dank für deine Zeit und Antworten – zum Abschluss noch unser traditionelles Brainstorming:
Vader: Kameraden! Tolle Tourneen zusammen erlebt!
Ukraine-Krieg: nicht mein Thema
Dein derzeitiger Lieblingsdrummer: Jeff Porcaro
Herbst: kürzere Tage
Dein derzeit meistgehörtes Album: Led Zeppelin – In Through The Out Door

Danke! Die letzten Worte gehören dir!
Danke für euer Interesse – wir sehen uns auf der nächsten Tour im neuen Jahr! Cheers and up the Irons!

Marduk beim Dark Easter Metal Meeting 2022

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Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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