Interview mit Marco Hietala von Nightwish

Marco Hietala, seines Zeichens Bassist und Sänger bei den finnischen Superstars Nightwish, lies sich von uns zum Interview bitten und plauderte über das neue Album „Once“, seine Position in der Band und mehr…

Ihr habt gerade die Arbeiten an eurem neuen Album „Once“ beendet. Bist du mit dem Resultat zufrieden?
Marco: Mehr als zufrieden, ich bin sogar richtig stolz! Ich bin da vielleicht nicht ganz objektiv, aber ich würde sagen, dass „Once“ wahrscheinlich das ambitionierteste Album ist, das die Band bis jetzt veröffentlicht hat.

Aber neigen Musiker nicht manchmal dazu, so etwas über jedes neue Album zu sagen?
Marco: Das tun sie, und ich bin da wie gesagt wahrscheinlich nicht ganz objektiv, da ich nun mal Teil der Band bin. Wenn man so viel Arbeit in sein neues „Baby“ investiert hat, scheint es einem halt viel schöner und besser, als einem Außenstehenden. Aber ich denke, dass die Leute das schon ganz ähnlich sehen werden. Es gibt wieder die typischen Nightwish-Elemente, aber auch viele Neuerungen, die vielleicht noch mehr Leute ansprechen werden. Und wenn ich halt vom ambitioniertesten Album der Bandgeschichte spreche, stehe ich da auch hinter. „Once“ ist sehr vielfältig, es enthält viele verschiedene Stimmungen, eine vielseitige Atmosphäre, erzählt verschiedene Geschichten.
Es gibt alles in allem viel Interessantes zu entdecken, viele Orchester-Elemente und Chor-Arrangements, aber natürlich auch typische Gitarren-, Bass-, Keyboard- und Schlagzeug-Anteile. Das Album hat alles in allem eine tolle Kombination von fettem Metal und sensiblen, atmosphärischen Elementen.

Ich fand es fast schon schockierend, wie sehr Tuomas auf Century Child seine Seele entblättert hat! Ist „Once“ erneut so ein persönliches Album geworden?
Marco: Nicht als ganzes. Tuomas hat wieder einige Stücke geschrieben die sehr persönlich sind, aber einige Songs sind einfach nur Geschichten.

Gibt es denn ein Konzept oder einen gewissen roten Faden auf „Once“?
Marco: Es gibt kein wirkliches Konzept, aber schon eine kleine rote Linie. Wenn du z.B. den Albumtitel „Once“ nimmst: Das Wort kommt in verschiedenen Songs in unterschiedlicher Bedeutung vor. Oder wenn du dir die Texte durchliest, wirst du immer wieder die Worte „now“ und „then“ finden. Aber es ist letztendlich kein durchgehendes Konzept, denn die einzelnen Stücke sind schon sehr individuell.

„Once“ ist jetzt dein zweites Album mit der Band. Warst du diesmal in irgendeiner Form anders in den ganzen Entstehungsprozess involviert als bei „Century Child“?
Marco: Es gab eigentlich keinerlei Intention, mich mehr oder weniger zu involvieren. Mein Gesang wurde anders eingesetzt. Es ist zwar von der Menge her nicht mehr als auf Century Child, aber anders verteilt. Es gibt vier Stücke, bei denen ich quasi die Leadvocals singe, bei anderen Songs gibt es vor allem im Chorus Duette mit Tarja und mir und bei anderen Songs wiederum singe ich nur ein wenig Background. Ein Unterschied ist vielleicht meine Art zu singen, denn jetzt bin ich immerhin schon zweieinhalb Jahre in der Band und war jetzt vielleicht etwas selbstbewusster beim Einsatz meiner Stimme, während ich mich bei Century Child meistens ausschließlich an die von Tuomas geschriebenen Melodien und Vorgaben gehalten habe. Jetzt gab es mehr Spielräume für kleinere Veränderungen, damit die Melodien besser zu meiner Stimme passen. Aber was das Songschreiben angeht: Tuomas schreibt nach wie vor die Texte und fast alle Songs, Emppu und ich hatten bei einigen Songs allerdings auch Möglichkeiten uns einzubringen und den letzten Song auf Once, „Higher than Hope“ habe ich fast komplett geschrieben. Tuomas hatte ein paar Ideen zu einzelnen Teilen, ich habe die akustischen Gitarren eingespielt und habe das meiste arrangiert.

Wo du gerade das Songschreiben ansprichst: Eigentlich ist ja Tuomas der Hauptsongschreiber, aber du scheinst da auch immer mehr mitzuarbeiten, zumal du ja eigentlich schon immer auch selber Stücke geschrieben hast. Was inspiriert dich zum Schreiben bzw. Komponieren und hast du eine bestimmte Methode, oder ein bestimmtes Rezept, das du befolgst?
Marco: Was mich inspiriert ist mir selbst ein Rätsel. Ich hab immer ein Notizbuch dabei, um die Sachen aufzuschreiben. Manchmal habe ich eine Idee, wenn ich im Bus oder im Flugzeug sitze, oder zu Hause Geschirr spüle. Wenn ich Ideen für eine Melodie habe, muss ich alles stehen und liegen lassen, packe meine Akustikgitarre und probiere ein paar Akkorde, Riffs und Gesangslinien aus. Ich bin in dieser Hinsicht ein ziemlicher Gelegenheitsarbeiter und warte auf die Inspiriation. Wenn du allerdings mal von irgendwas inspiriert bist, ist der Rest für gewöhnlich ziemlich harte Arbeit. Man fängt zwar irgendwie an, aber dann muss man sich wirklich konzentrieren und reinknien, um das ganze zu beenden… so ist das jedenfalls bei mir.

Ok, kommen wir zurück zu „Once“. Da gibt es ja viele bombastische und aufwendige Orchester-Elemente und Chor-Arrangements. Das passt ja zwar sehr gut zum typischen Nightwish-Sound, wie man auf „Century Child“ schon teilweise hören konnte, aber funktioniert diese Kombination und Mischung auch live? Lasst ihr die Orchester-Parts da aus, oder greift ihr auf Playback zurück oder wird alles umarrangiert fürs Keyboard?
Marco: Um möglichst alles rüberzubringen, was auch auf dem Album zu hören ist, müssen wir, wie auch schon vorher bei einzelnen Songs geschehen, auf Minidisc-Einspielungen zurückgreifen. Diese sind dann per „Klick“ direkt mit dem Drummer verbunden, so dass er das Timing zwischen Orchester und Band halten kann. Das ist manchmal eine ziemliche Herausforderung, um all den Bombast auch auf der Bühne beizubehalten. Aber es gibt natürlich auch Unterschiede, wenn wir live spielen, denn die Band klingt live um einiges härter!

Wie schaut es denn auf dem Live-Sektor aus? Sind schon eine Tour und Festivalauftritte bestätigt?
Marco: Ja, ziemlich viel sogar. Unser Zeitplan reicht bis zum Sommer 2005! Wenn wir die Promoarbeit fertig haben, fliegen wir zum Proben nach Hause und die erste Liveshow werden wir in der alten Heimatstadt der Band als eine kleine Hommage an die Roots spielen. Das wird dann auch gleichzeitig eine Record Release Party, am 22. Mai, und dann geht alles los. Den ganzen Sommer über spielen wir eigentlich fast überall auf Festivals. Im August geht dann in Kanada die richtige Tour los. Dann geht’s mit dem Bus für etwa 10 Shows in die Staaten durch einige große Städte und dann fliegen wir im September nach Finnland zurück. Nach einer kurzen Pause werden wir in Skandinavien, also Finnland, Schweden und Norwegen touren, dann gibt es wieder eine kleine Pause, bevor es für einige Wochen nach Mitteleuropa, Richtung Deutschland, Frankreich und so geht. Dann gibt’s wieder eine kurze Pause und anschließend stehen für etwa drei Wochen Südamerika und Mexico an. Wenn wir dann wieder nach Europa kommen, wird es schon fast Weihnachten sein, was wir dann zu Hause verbringen werden. Wahrscheinlich werden wir fast den ganzen Januar zu Hause bleiben. Dann gibt’s es Pläne, mit unserer Plattenfirma auch in Australien, Neuseeland und Japan zu touren. Das ist noch nicht sicher, aber wir arbeiten dran. Für den Frühling steht noch einiges an, aber das fällt mir gerade leider nicht ein. Dann kommt auf jeden Fall wieder der Sommer, und damit auch wieder die Festivalzeit.

Habt ihr so ausgedehnte Mega-Tourneen auch nach „Century Child“ und „Wishmaster“ gespielt?
Marco: Nach „Century Child“ waren die Tourneen nicht ganz so groß, nach „Wishmaster“ weiß ich nicht ganz genau, weil ich da halt noch nicht in der Band war, aber ich denke, dass die Band auch damals schon relativ exzessiv getourt hat! Aber diesmal sind die Pläne sicherlich noch größer als bei „Century Child“!

Der Erfolg von Nightwish kam ja ziemlich schnell und es lastet definitiv einiges an Druck auf euren Schultern. Wie geht ihr als Band mit all diesen Erwartungen um?
Marco: Wir versuchen gar nicht mir irgendwelchen Erwartungen umzugehen. Ich kann für jeden in der Band sprechen, wenn ich sage, dass wir uns musikalisch erst einmal selbst zufrieden stellen möchten. Einige Leute haben uns schon genug versucht zu sagen, was wir tun sollen, aber das können sie vergessen. Wir als Band wollen mit der Musik etwas schaffen, hinter dem wir mehr als 100%ig stehen können!

Ok, sprechen wir ein wenig über dich: Wärst du gerne zu einem anderen Zeitpunkt bei Nightwish eingestiegen, wenn du die Möglichkeit dazu gehabt hättest?
Marco: Oh… das ist echt schwer zu sagen! Um ehrlich zu sein: Das weiß ich wirklich nicht!

Du bist ja zur Band gestoßen, als sie bereits ziemlich groß war…
Marco: Ja, stimmt. Mmh, lass mich überlegen. 2000, als ich noch bei Sinergy gespielt habe, sind wir etwa 5 Wochen lang als Support von Nightwish getourt und damals war die Band schon sehr groß und professionell, fast alle Hallen waren ausverkauft. Aber ich habe es auch sehr genossen, den Support zu machen und danach bei ein paar Bier den Nightwish-Gig anzuschauen. Im Nachhinein würde ich jetzt sagen, dass ich damals schon bereit gewesen wäre, einzusteigen. Ob früher noch weiß ich nicht. Ich habe sie davor nur einmal gesehen, 1997, als die Band noch ziemlich grün war. Für diese Zeit würde ich im Nachhinein eher sagen: „Warten wir noch ein bißchen!“ Aber das ganze Zusammenspiel hat sich in wenigen Jahren unglaublich gesteigert! Aber es war definitiv nicht nur der Erfolg der Band, wegen dem ich bei Nightwish eingestiegen bin!

Du bist ja mehr als 10 Jahre älter, als der Rest der Band, aber von deiner Zeit in der Band der Jüngste. Spielt dieser Altersunterschied irgendeine Rolle? Bist du vielleicht sogar eine Art „Vaterfigur“, oder in irgendeiner Form der Reifste in der Band oder sowas?
Marco: Ich würde das wohl nicht Vaterfigur nennen (lacht). Ich bin vielleicht in manchen Situationen ein wenig relaxter oder mehr „down to earth“, weil ich einfach mehr Zeit hatte, aus verschiedenen Dingen zu lernen, aber es gibt letztendlich keinen so großen Unterschied zwischen uns. Wir sind als Individuen alle sehr gute Freunde geworden und ich bin eigentlich sicher, dass Alter eher eine Frage der Einstellung ist. Ein Freund hat mir mal einen Internet-Psychotest geschickt, in dem es darum ging, sein geistiges Alter zu testen und da kam bei mir 16 raus!

Wie kommt es eigentlich, dass du die Promoarbeit mit Tuomas teilst? Bist du mehr an diesem ganzen Promozeug interessiert, oder haben die anderen sofort „Nein!“ geschrien und du bist übrig geblieben?
Marco: Na ja, ich spreche ganz gut Englisch, das ist zumindest ein Punkt. Aber letztendlich teilen wir hier die Arbeit. Ich bleibe mit Tuomas eine ganze Woche hier und fliege Freitag nach Hause. Tuomas bleibt noch eine weitere Woche und Jukka wird dann nächste Woche meinen Teil übernehmen. Tarja macht anschließend auch eine Woche lang Promotion bevor sie für eine kleine Klassiktour nur mit Gesang und Klavier in Südamerika ist. Also macht schon jeder seinen Teil.

Lass‘ mich mal ganz provokant fragen, ob es zwischen dir und Tarja eine Art Konkurrenz oder sogar Rivalität gibt, wenn es darum geht, wessen Stimme welche Parts übernehmen soll? Entscheidet das der Songschreiber, sprich Tuomas, oder macht ihr das untereinander aus?
Marco: Nein, das gibt es sicherlich keine Rivalität! Es ist so ziemlich alles bereits im Vorfeld in Tuomas Kopf geplant, denn er schreibt ja die Texte und weiß schon, wo männlicher oder weiblicher Gesang hin soll. Auf diesem Album hab ich bei einem Song mal gedacht, dass er gut zu meiner Stimme passen würde, Tuomas hat es durchdacht und zugestimmt. Das war aber mehr eine spontane Eingebung. Außerdem wäre eine Rivalität ziemlich nutzlos, denn ich weiß schon wo mein Platz in der Band ist. Mein Gesang ist halt als Kontrast und Gegengewicht zu Tarja gedacht, die eine unheimlich Sensibilität in ihrer Stimme hat und ich soll dann halt als Gegengewicht die Sau raus lassen.

Du hast aber auch Gesang studiert, nicht wahr?
Marco: Ja, einige Jahre lang.

Ich erinnere mich, dass Tarja in einem Interview vor zwei Jahren sagte, dass sie in zwei Jahren, also dieses Jahr, ihr Diplom an der Uni machen würde. Aber jetzt seid ihr mit einem neuen Album da. Hat sie ihr Diplom also schon geschafft, oder ihre Pläne da geändert?
Marco: Sie hat ihr Studium schon beendet und lebt jetzt wieder in Finnland… mmh… was war jetzt die Frage noch mal? (lacht)

Na ja, ob alles bei ihr geklappt hat!?
Marco: Ja, da hat alles geklappt. Und natürlich wird ihr klassischer Teil immer irgendwie präsent sein, das ist halt ihre Leidenschaft. Wie gesagt, sie wird in Südamerika und dann in einigen osteuropäischen Ländern diese kleine Klassiktour mit Gesang und Klavier spielen, was dann eher in Richtung Kammermusik geht.

Auf „Century Child“ habt ihr das Musicalstück „Phantom of the Opera“ gecovert. Könntet ihr euch vorstellen mal ein ganzes Album mit Musical-Covern aufzunehmen?
Marco: Naja, das müssten dann aber Stücke sein, die wirklich zum Gefühl innerhalb der Band passen. Mit Nightwish verfolgen wir ja schon eine bestimmte Richtung und suchen bestimmte Stimmungen und Ideen, die zu den Songs und zu unserer Spielweise passen. „Phantom of the Opera“ war halt so ein Song, bei dem das alles passte, den wir machen konnten. Wir würden uns wohl richtig hart einarbeiten müssen, um genug Material für ein Album dieser Art aufzunehmen und ich kann mir nicht vorstellen, das wir so etwas allzu bald machen werden.

Als letztes hab ich ein kleines Spiel für dich: Ich nenne dir einen Begriff und sagst einfach das erste, was dir so in den Kopf kommt. Los geht’s:

Liebe: Hoffnung
Musik: ….Musik!
Freunde: Gute Zeiten!
Tod: Gruselig
Sonata Arctica: Finnischer Metal
Sinergy: …Metal
Metal1.info: Sorry, keine Ahnung!