Interview mit Ian Crichton von Saga

Nach vierjähriger Pause ist Gründungsmitglied und Sänger Michael Sadler wieder an Board der kanadischen Melodic-Progger SAGA. Außerdem konnte die Band ihr neues Album „20/20“ auf Position 13 der deutschen Charts platzieren und hat mit Mike Thorne einen neuen Schlagzeuger ins Boot geholt. Gesprächsbedarf gab es also genug. Gitarrist Ian Crichton stand uns ausführlich Rede und Antwort.

Hi Ian! Zunächst einmal möchte ich Dir danken, dass Du Dir Zeit für dieses Interview nimmst. Gratuliere zu eurem sehr guten neuen Album “20/20”, das auf einem sensationellen 13. Platz in die deutschen Albumcharts eingestiegen ist! Das ist eure beste Chartplatzierung hier seit 1985. Hast Du irgendeine Ahnung, warum es höher eingestiegen ist als eure vorherigen Alben?

Ich denke, die Leute mögen es. Es gibt nicht mehr viele aktive Prog-Bands, und diejenigen, die es noch gibt, schreiben ziemlich selbstverliebtes Material. Außerdem ist Michael Sadler (Anm. d. Red.: Gründungsmitglied und Sänger) zu SAGA zurückgekehrt, das könnte auch etwas damit zu tun haben. Wir sind sehr zufrieden mit dieser Chart-Position. In der heutigen Zeit ist es für eine Band wie uns schwierig genug, überhaupt in die Charts zu kommen.

Lass uns etwas über die Arbeiten am neuen Album sprechen. Wie du schon sagtest, markiert es die Rückkehr von Michael Sadler nach einer vierjährigen Pause. Ich denke, eines Tages haben die verbliebenen SAGA-Mitglieder entschieden ihn zu fragen, ob er zurückkommen möchte. Warum?

Michael war weg, um sich persönlichen Dingen zu widmen. Wir hatten mit der neuen Besetzung einen langen Weg hinter uns und waren musikalisch glücklich, aber SAGA steht für einen Sound, der vor vielen Jahren etabliert wurde. Michael – als die Stimme dieses Sounds – wurde vermisst – das haben uns die Leute wissen lassen. Im November 2010 haben wir angefangen, die neue CD zu arrangieren und dachten, das könnte unser letztes Album sein. Als wir begannen, mit Michael zu reden, beruhte es auf Gegenseitigkeit, wieder zusammenzukommen.

Für Saga war ohne ihn nichts mehr zu erreichen und für Michael auch nicht. Es scheint, sobald du etwas gemacht hast, dass die breite Öffentlichkeit annimmt – sozusagen den Bann gebrochen hast – ist es schwierig, noch einmal ganz von vorn anzufangen. Das hat in der Vergangenheit bei ein paar Bands funktioniert, z. B. bei Foreigner und Van Halen. Bei Queen z. B. aber bisher nicht, obwohl sie großartige Sänger hatten (Paul Rogers, George Michael etc.). Das scheint auch für SAGA zuzutreffen.

Waren die Songs für “20/20” bereits fertig geschrieben, als Michael sich euch wieder anschloss, oder hatte er noch eine Chance dazu beizutragen?

Instrumental war es fertig, aber für einige Songs schrieb Michael großartige Melodien. Außerdem schrieb er alle Texte des Albums – gut gemacht, Michael!

Welches ist dein Lieblingsstück auf dem Album und warum?

Ich mag normalerweise eher die etwas flotteren Stücke, aber mir gefallen die ruhigen Momente ebenso. Als Gitarrist ist es großartig, ein Solo zu singen oder zu „melken“ anstatt nur die ganze Zeit zu shredden und zu frickeln, was ich von anderen Gitarristen meistens höre.

Welches Stück war am schwierigsten, wenn man die Arbeit daran betrachtet?

Naja, ich spiele gut, das ist also kein Problem. Wie immer sind einige der Keyboardspuren ziemlich weitläufig und zum Finger verdrehen, mit ziemlich großen Tastenabständen. Am Ende des Songs „One Of These Days“ spiele ich mit Keyboarder Jim Gilmour unisono ein schnelles, verrücktes Lick – auf dem Album sind wir auf die rechte und linke Box verteilt. (Anm. d. Red.: Gitarre links und Keyboard rechts).

Ich habe ein Review gelesen, bei dem der Redakteur schreibt, dass deine Gitarre im Song „Six Feet Under“ klingt, als wäre sie durch ein Blechdosentelefon aufgenommen. Was antwortest Du darauf?

Er hat gute Ohren. Ich lebe in der kanadischen Stadt, in der das Telefon erfunden wurde, und zwar von Alexander Graham Bell. Ich habe eine Dose nach der anderen versucht und irgendwann endlich die richtige Dose gefunden. Sie war voller Würmer, aber die habe ich in meinen Garten gelassen und – voilà – ich hatte eine Aufnahme-Dose!

Es gibt viele starke Stücke auf eurer neuen CD die ich gerne live hören würde, besonders „Six Feet Under“, „Spin It Again“, „Ball And Chain“ und „Lost For Words“. Wenn ich allerdings auf die SAGA-Shows zurückblicke, die ich in den letzten 15 Jahren gesehen habe, stelle ich fest das ihr meist nicht mehr als drei Stücke von einem neuen Album spielt. Warum spielt ihr nicht mehr neues Material?

So machen das die meisten Bands schon seit Jahren, vor allem Foreigner, die einen neuen Song gespielt haben, als wir mit ihnen Shows gegeben haben. Im Zeitalter von Downloads weiß man einfach nicht, wie viele Leute das neue Material kennen; also checkt man die Lage, indem man ein paar neue Sachen spielt. Im Falle von „20/20“ ist es eine gute Idee ein paar mehr neue Songs zu bringen, da es ja auch Platz 13 in die Charts eingestiegen ist.

Seit der Veröffentlichung von „Full Circle“ 1999 habt ihr äußerst erfolgreich den Sound wiederbelebt, der euch in den Achtzigern groß gemacht hat. Die Leute scheinen es so zu lieben. Würdest Du persönlich gerne mal wieder ein experimentelleres Album, wie z. B „Generation 13“ oder „Pleasure & The Pain“ machen?

Ja, das wäre großartig! Allerdings mehr in Richtung „Generation 13“. „Pleasure & The Pain“ wurde sehr schnell aufgenommen, da wurde vieles spontan im Studio arrangiert, das war ganz schön radikal für ein SAGA-Album. Es ist immer noch eine coole Platte, aber es war eine Platte des Moments.

Wenn Du die 35-jährige Geschichte der Band betrachtest: Gibt es einen magischen Augenblick, den Du nie vergessen wirst? Und auf der anderen Seite: Welchen Moment in der SAGA-Geschichte würdest Du lieber streichen?

Es ist wirklich wie ein Familienunternehmen. Wir haben in den späten Siebzigern angefangen und es gibt uns immer noch. Es gab viele magische Momente, die meist mit Konzerte und Orten oder persönlichen Dingen zu tun hatten. Was das streichen betrifft, bin ich mir nicht sicher. Alles passiert aus einem gewissen Grund im großen Plan des Lebens. Ich denke, es war immer ein Lernprozess und wird es auch immer bleiben.

Im letzten Jahr waren SAGA auf Doppel-Headliner-Tour mit Marillion. Ihr habt jeden Abend die Rolle des Headliners getauscht. Wie war es für dich, bei der Hälfte der Shows als Anheizer zu spielen?

Ich mochte es sehr, die Jungs sind cool und es war auch einfach eine Chance, den Abend früher zu beschließen. Wenn man auf Tour ist und stets auf Achse, lernt man das zu schätzen. Ich war mir sicher, dass Steve Hogarth (Anm. d. Red.: Sänger von Marillion) mich nach der Hälfte der Shows verhext hat; seltsame Dinge passierten. Verdammte Magie!

Nach der Hälfte der Tour musste Jim Gilmour die restlichen Konzerte wegen einer Augen-OP absagen. Wie geht es ihm im Moment? Ich hoffe er ist wieder wohlauf!

Jim erholt sich immer noch. Einige Monate vor der Tour hatte er eine Augenuntersuchung. Während der Tour hat sich seine Linse abgelöst und er musste in Köln operiert werden. Es war schwer in so kurzer Zeit einen Ersatz zu finden. Letztendlich haben wir mit zwei Musikern einer SAGA Tribute-Band (Anm. d. Redaktion: THE CHAPTERS aus Deutschland) gespielt, die seine Parts übernommen haben. Wir mussten allerdings die Setlist umstellen, damit sie nicht so schwierig zu erlernen war. Im Moment sagt Jim, dass es jeden Tag besser wird, aber er wohl nie wieder hundertprozentig sehen kann.

Während der Tour im letzten Jahr habt ihr euch auch von Brian Doerner getrennt, der seit 2005 SAGA-Schlagzeuger war. Kannst Du uns irgendetwas über die Gründe erzählen, was über „musikalische und persönliche Differenzen“ hinausgeht?

Es geht Brian nicht gut, er sollte besser auf sich selbst aufpassen. Diese Frage sollte übersprungen werden.

Wie du schon sagtest, habt ihr entschieden, die Tour mithilfe von Musikern der deutschen SAGA-Coverband „The Chapters“ fortzusetzen – ohne eine einzige Show ausfallen zu lassen. Was hast du gefühlt, als du mit ihnen live gespielt hast?

Wir mussten eine Show ausfallen lassen. Aber es fühlte sich gut an, das sind großartige Jungs mit denen wir immer noch in Kontakt stehen. Wir haben ihren Einsatz und ihre Arbeit sehr geschätzt. Zunächst war es hart. Den ganzen Tag haben wir geprobt und dann direkt eine Show gespielt, aber wir haben es alle überstanden.

Euren neuen Schlagzeuger, Mike Thorne, habt ihr durch eine öffentliche Suche auf YouTube gefunden. Warum habt ihr ihn ausgewählt?

Zunächst einmal ist er ein großartiger Schlagzeuger. Wir haben bisher zwei Shows mit ihm gespielt und es war cool. Wir freuen uns auf die restlichen Konzert dieses Jahr. Außerdem es uns wichtig, jemanden hier in der Nähe zu haben, anstatt immer einen Schlagzeuger einfliegen zu müssen – insbesondere, wenn wir in Kanada spielen.

Habt ihr darüber nachgedacht, Steve Negus (Anm. d. Redakteur: Erster und langjähriger SAGA-Schlagzeuger) zu fragen, ob er zurückkommen will?

Würde ich ja, aber….er „geht nicht ans Telefon“.

Stell dir vor, eines Tages müsste dein Bruder Jim, SAGAs Bassist, aus irgendeinem Grund mit der Band aufhören. Wäre das das Ende für die Band oder würdest Du versuchen, SAGA zusammen mit Jim Gilmour und Michael Sadler am Leben zu erhalten?

Das würde natürlich von den Gründen abhängen, aber im Großen und Ganzen denke ich, dass wir Vier notwendig sind, um den SAGA-Sound so zu kreieren, wie die Welt ihn kennt. Ich denke, anders würde es nach so langer Zeit nicht funktionieren. Michaels Abschied hat das ja auch gezeigt.

Was können wir von SAGA 2013 erwarten? Ihr habt bereits eine große Herbsttour zu “20/20” geplant. Hast Du irgendeine Idee, was danach kommt?

Erst einmal schauen wir, wohin uns dieses Album trägt. Wir werden mehr Shows spielen, wir sind vor allem daran interessiert in Ländern zu spielen, in denen wir bisher noch keine Konzerte gegeben haben. Ich denke, wir werden Anfang nächsten Jahres auch wieder mit dem Schreiben beginnen, aber das ist noch nicht in Stein gemeißelt. Wir werden sehen.

Bitte fasse SAGA in drei Worten zusammen!

Musikalische Familienreise (Anm. d. Red.: Musical family journey)! Oder so wie in den 80ern in Kalifornien, als uns eine religiöse Gruppe im Radio anklagte, S (satan) A (against) G (Gods) A (authority) zu sein. (Anm. d. Red.: Satan gegen Gottes Autorität) – dadurch haben wir eine Menge kostenlose Promotion bekommen!

Der letzte Teil unseres Interview ist immer eine Art Brainstorming. Was denkst du, wenn du folgende Begriffe hörst:

Björk: Island, innovativ
John Petrucci: Schneller Gitarrist
Ridley Scott: Alien
Barack Obama: Hoffnung
Chapters 17-24: Man weiß nie!
Dein Lieblingsalbum 2012 bisher: Celtic Graces, Irland
Interview mit Thomas Gottschalk: Meine entfernte Vergangenheit, junger Ruhm
Das letzte Buch, das Du gelesen hast: „Gold – Pirate Latitudes“ von Michael Crichton
Rammstein: Die mächtigsten Gitarren der Welt
Metal1.info: Cool!

Ian, nochmals danke für deine Zeit und die Möglichkeit, dieses Interview zu führen. Ich wünsche Euch nur das Beste für euer neues Album und ich freue mich darauf, euch dieses Jahr noch live zu erleben!